








Manichäismus
Verwandlung des Karmas | Jostein Sæther
Geistige Amnestie
Ein karmischer Hintergrund kann bei Menschen zu einer konstitutionellen Schwäche führen, die zu schlechten Taten verleitet. Doch keine Handlung ist durch eine karmische Vergangenheit zu rechtfertigen, da jede derartige Schwäche zum Guten verwandelt werden kann. Jostein Sæther zeigt an einem Beispiel den Weg zu diesem Umwandlungsprozess.
In der Tendenz zum Bösen liegt zwar eine amoralische Kraft; sie kann aber zum Guten gewendet werden - und muss es auch. In diesem Sinne ist die Mission des Manichäismus, die böse Kraft auf heilsame Art in die Zukunft einzugliedern. Eine konsequente Karmaerkenntnis führt uns dazu, die Ursprünge des Bösen in uns zu erkennen. Sie führt uns zum Einsatz für das Wohl der Menschheit und die künftige Entwicklung der Schöpfung.
Das erste Wesen, das „umgeschult“ werden kann und muss, ist der karmische Doppelgänger, genauer gesagt, man selbst („Goetheanum“ Nr. 13 und 4/2007). Später kommen Wesen auf der Stufe der Elementarwesen dazu, denen ein Mensch in seiner aktuellen Inkarnation durch erworbene Fähigkeit helfen kann, sich von der „Wildheit“ zu befreien, sie zu begütigen und zu kultivieren.
Eine Individualität, die gemäß Rudolf Steiners Angaben fortdauernd inkarniert ist, um die Umwandlung des Bösen zu veranlassen und für die Reinkarnationsidee zu wirken, lebte einst als der iranische Religionsstifter Mani (etwa 216-277 nach Christus). Er gründete den historischen Manichäismus. Diese Individualität bereitet diejenige Stufe der Seelenentwicklung vor, die das eigene Geisteslicht sucht, das zugleich sich entschieden gegen alles wehrt, was nicht der eigenen Erfahrung entspricht. Mani sieht als seine zukünftige Mission, die wahre Harmonie aller Religionen zu bringen.
Um das gut vorzubereiten, musste er einmal als „purer Narr“ dem äußeren Wissen der Welt und dem esoterischen Wirken des Christus-Impulses in seinen Seelentiefen gegenüberstehen. Daher bereitete er sich als Parsifal dazu vor, später ein neuer Lehrmeister eines konfessionslosen Christentums zu werden, dessen Aufgabe es sein wird, das religiöse Element immer mehr zu durchdringen mit der Idee von Reinkarnation und Karma, wenn die Zeit dazu reif sein wird.
Aus der Perspektive des Nachtodlichen
Ein Beispiel aus dem esoterischen Üben einer mutigen Frau - hier „Hilma“ genannt - kann zeigen, wie dabei Verletzungen aus früheren Leben durch Meditation „kuriert“ werden können. Hilma wollte die karmische Rückerinnerung lernen. Ich begleitete sie meditativ zu einer Ebene der geistigen Welt, wo Meister aufzusuchen sind. Dort gelang es ihr, der oben erwähnten Individualität zu begegnen, wie es ihrem Bedürfnis entsprach. Mani riet ihr, um ihr Karma aufzuarbeiten, ihre Chakren zu reinigen. Für eine bestimmte Problematik, die aus einem Leben in Ägypten stammte, die wir zu jener Zeit ergründet hatten, gab er Hilma eine „Schale“ mit fließendem Licht.
Hilma hatte sich als Baumeister einer Pyramide entdeckt. Das Bemerkenswerte dabei war, dass die gesamte Organisation des Bauvorhabens dem menschlichen Organismus zugeordnet war. Den Fingern der rechten Hand entsprachen seine nächsten fünf Mitarbeiter. Der Daumen stimmte zum Beispiel mit dem willensstarken Leiter der Gastarbeiter und Sklaven überein. Der linken Hand entsprach die Verbindung zu priesterlichen und königlichen Führungskräften, die meistens frühmorgens oder abends das Bauwerk besichtigten. Der kleine Finger auf der linken Hand trug aber eine alte Verletzung, die noch schmerzte. Der Finger war krumm und hatte einen Auswuchs. Diesem kleinen Finger entsprach ein Prinz, der allzeit und allerorts zu sehen war; dem Baumeister gefiel er aber nicht.
Es war ihm zu Ohren gekommen, dass etwas im Innern der Pyramide nicht sachgemäß nach seinen Anordnungen gebaut worden war. Mit einigen Vertrauten ging er eines Abends nochmals das Innere der Pyramide ab. Plötzlich, in einem Gang, den er als Erster durchschritt, hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen. Er stürzte kopfüber in einen Schacht voller Schutt. Mund, Hals und Lungen füllten sich mit Staub und Sand. Bei vollem Bewusstsein erlitt er einen grausamen Tod. Aus der Perspektive des Nachtodlichen konnte er die Sachlage noch einmal anschauen und erfuhr, dass seine Freunde seinen Leichnam in Sicherheit nach oben bringen konnten, damit er ein traditionsgerechtes Begräbnis erfahren durfte.
Hilma erkannte, dass es der junge Prinz gewesen war, der sich fälschlicherweise in das Projekt eingemischt hatte, sodass die Falltür unvollständig gebaut worden war. Sie entdeckte auch, dass damals Stücke ihrer Äther- und Astraleiber wegen des Schocks „abgerissen“ worden waren. Sie waren von Elementarwesen des Dunkels, die noch gegenwärtig die Pyramide bewohnten, in Besitz genommen worden. Plötzlich sah sie auch ein, dass die unerklärliche Angst vor Ersticken, die sie erlebte, als einmal eine Therapeutin ihren Hals angefasst hatte, die karmische Wurzel in diesem Sterbevorgang hatte. Hilma er kannte außerdem, dass der Prinz wieder verkörpert war in einem Menschen, der bei ihr einst als Assistent gearbeitet haue. Ihre Zusammenarbeit war nach vier Jahren erloschen, weil der junge Mann mit ihrem eigenen Verständnis von Verlässlichkeit nicht übereingestimmt hatte.
Metamorphose des erfahrenen Bösen
Ein karmischer Hintergrund kann also eine konstitutionelle Schwäche erzeugen; aber keine karmische Vergangenheit wird jemals eine ausgeführte Handlung rechtfertigen können. Gedanken und Vorstellungen entstehen aus dem Vergangenheitsmaterial. Handlungen sind immer zukunftsorientiert. Sie müssen ihre Wirkung und Beurteilung aus dem jetzt Geschehenen finden.
Hilma ergriff die Verwandlungskraft, indem sie aus der Schale Manis den Schacht der Pyramide mit fließendem Licht überschüttete. Die goldene Geistsubstanz durchhellte alle Materie und alles Sein im dunklen Untergrund. Hilma bot den verblüfften Elementarwesen einen anderen Tätigkeitsort an. Dem ehemaligen Mitarbeiter schickte sie auch einen Liebesstrahl des Verzeihens.
Karmaerkenntnis als geistige Amnestie entspricht also dem ersprießlichen Prinzip des Manichäismus, anderen das Geistes- licht zu spenden, das man selbst trägt.
Das Goetheanum, Nr. 24 - 2007
____________________
Gamamila
Copyright © 2008
by Jostein Sæther
All Rights reserved
eMail:
Goetheanum-Aufsatz
Weitere Aufsätze:
Geisteslicht (2007), publiiert im "Goetheanum"
Nr. 24-2007