Nebenübung
Gamamila
Jostein Sæther | Die Sicherheitsnadel -
ein Beispiel zum Thema Nebenübungen und Karmaschau


Immer wieder wurden von Pionieren der esoterischen Schulung die Wichtigkeit der Stärkung des Denkens, Fühlens und Wollens und die Pflege der gesamten Charakterbildung bei einer Geistesschulung betont. Dafür arbeitete Rudolf Steiner die so genannten Nebenübungen in seinen Vorträgen und Büchern aus. Diese Verhaltensmaßregeln zur Selbsterkenntnis und Selbsterstarkung sollen hier keineswegs in Frage gestellt werden. Jeder muss selber darauf achten, wie ausgebildet oder unentwickelt er in dieser Hinsicht noch ist, so dass möglicherweise eine erforderliche Ergänzung oder Ausweitung solcher Übungen vorgenommen werden sollte ein Anliegen, das hier nur unvollständig berührt werden kann. Ich möchte wenigstens exemplarisch aufzeigen, wie aus einer Gedankenübung, also aus der ersten dieser so genannten Nebenübungen, zusätzliche Aspekte entwickelt werden können, so dass der Blick während der Karmaschau noch besser geschärft werden kann.*

Nehmen wir an, du hältst eine Sicherheitsnadel in der Hand. Untersuche nacheinander die Form, die Farbe, das Material, die Funktion und das Verfahren bei ihrer Anfertigung, soweit wie es dir bekannt ist. Stelle dir bei ihrem Anblick folgende Fragen: Wie groß ist die Sicherheitsnadel? Wie lang und wie breit ist sie? Wie ist die Spitze geformt? Ist die Nadel am einen Ende durch eine Spirale gebogen oder hat sie eine Kugelverstärkung, entsprechend der Art, wie sie extra für Eurythmisten hergestellt wird? Was genau kennzeichnet eigentlich deine Sicherheitsnadel? Wie funktioniert der Verschluss? Warum entsteht und wie wichtig ist die Spannung des Metalls? Versuche, die Fragen und deine Beschreibungen kurz zu fassen. Wie würdest du die Idee der Sicherheitsnadel formulieren? Welches ist die zugrunde liegende Bedeutung, ihr Wesen?

Dann legst du sie weg und gehst in einen meditativen Zustand hinein.
Beschreibe innerlich den zuvor durchschrittenen Vorgang der Beobachtung. Nicht aus der Erinnerung, sondern als ob du den gleichen Vorgang - aber jetzt rein seelisch - wiederholtest, stellst du dieselben Fragen und fasst ähnliche Formulierungen zusammen. Verweile aber jetzt ausführlich bei der Ideenseite oder beim Wesentlichen der Versenkung. Schaffe dann einen gedanken- und motivleeren Übergang und versetze dein Bewusstsein zu einem anderen Zeitpunkt in der Vergangenheit. Stelle dir vor, dass du dich in einer vorchristlichen Zeit an irgendeinem Ort befindest. Alle Vorstellungen, die du mit einer solchermaßen untersuchten Sicherheitsnadel verbunden hattest, müssen nun augenblicklich schweigen. Keine Gedanken aus der modernen Zeit passen hierher. Lasse aus dem Extrakt der Idee, aus der Kraft des erkannten Wesens der Sicherheitsnadel eine Situation entstehen, die Entsprechendes auf einer anderen Ebene zeigen könnte. Ich werde ein Beispiel erzählen, das einmal von einem Meditierenden erlebt wurde.

Ein erfahrener Meditant machte diese Übung und bekam folgende Imagination. Er sah sich anwesend in einer Versammlung von Menschen in einem Gebiet mit Hügeln und großen Eichen. Er bekam ein Gefühl von zwei keltischen Stämmen, die nach längerem Gefecht gerade durch eine Hochzeit einen Friedensbund vollzogen. Er sah die beiden Häuptlinge, den Bräutigam aus dem einen und die Braut aus dem anderen Stamm. Er schaute, wie die Menschen gekleidet waren, und er erlebte die Stimmung der Einhelligkeit, die vermittels dieser Feier entstanden war.

Die sinnliche Betrachtung der Sicherheitsnadel brachte die imaginative Betrachtung der Eheschließung. Begegnen sich vielleicht unser auserwählter Gegenstand und die Vermählung auf einer höheren Stufe? Dergestalt kann uns deutlich werden, dass alle möglichen Gegenstände, Umstände und Gegebenheiten in der Sinneswelt, die wir genau nach ihrer sinnlichen Erscheinung und möglichen Funktion betrachten, um die Idee zu finden, bestimmte karmische oder geistige Situationen erschließen können, je nach der Art, wie die Intention der meditativen Haltung gesteuert wird. Die Gedankenübung schafft demgemäß einen Anhaltspunkt, ein „Sprungbrett“  in etwas Anderes, das mit ihm wesensverwandt ist.

Du brauchst aber nicht der Vorstellung verfallen, dass das Denken im Übersinnlichen gleich demjenigen im Physischen sein soll. Der Geistesschüler muss in die Lage kommen - wie früher beschrieben -, die ganze Seelenverfassung umzuwandeln. In der Meditation müssen wir uns also innerlich anstrengen. Wir müssen lernen, anders über das Geistige zu denken, als wir über die äußere Sinneswelt gewohnt sind zu denken. Du kannst nur das Karma erforschen, wenn du wahrhaft objektiv den Willen in das Denken hinein legst, so dass das Denken eine Handlung wird wie irgendeine andere Handlung, z. B. wie eine Treppe zum zweiten Stock mit schweren Einkaufstüten hoch laufen oder Fahrrad in bergigem Terrain fahren.

* Siehe: Florin Lowndes, Die Belebung des Herzchakra. Ein Leitfaden zu den Nebenübungen Rudolf Steiners, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2000.
Das Erwecken des Herz-Denkens. Wesen und Leben des sinnlichkeitsfreies Denkens in der Darstellung Rudolf Steiners. Umriss einer Methodik, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2002.



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Die Sicherheitsnadel der Eurythmisten. Fotomontage mit einem Ausschnitt einer Wandmalerei (1994), Ingelstad (SE)
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