Schöpferische Phantasie
Skizze
zu Holzskulptur:
Madonna 2
Gamamila
Jostein Sæther | Das umgekehrte Farbsehen
Sowohl in der eigenen meditativen Praxis wie auch bei der esoterischen Unterweisung ist eine künstlerische Haltung gegenüber der ganzen Schöpfung angebracht. Ich beobachte stets, dass Menschen, die mit der Kunst - z.B. mit der Eurythmie - arbeiten und eine künstlerische Gesinnung haben, mit übersinnlichen, oft bildhaften Erlebnissen zuversichtlich umgehen. Sie können auch selber mit ihnen direkt etwas anfangen, um sich spirituell weiter auszubilden. Jemand ohne künstlerische Bildung zeigt eher Unsicherheit vor der Meditation und vor dem Geist-Erleben. Im Künstlerischen ist unsere kreative Mitte angesprochen.
Innerer Formsinn
Wir befinden uns dabei in einem unmittelbaren Prozess darinnen, der unser ganzes Wesen anspricht, sofern wir uns auf die Möglichkeiten der künstlerischen Mittel einlassen. Im künstlerischen Tun erleben wir uns ganz und gar als Gegenwartswesen. Das können wir bei Kindern gut nachvollziehen, beim Spielen, das dem Künstlerischen gleichzusetzen ist, oder wenn sie die Welt durch ihre unbefangene Art erfassen. Wer es schafft, die intimeren Erfahrungen der Kunstausübung meditativ aufzuarbeiten, lernt, die anthroposophischen Begriffe zum Menschenwesen einzuordnen.
In der Kunstbetrachtung wird dem Künstlerischen, das durch den Künstler im Kunstwerk versinnlicht worden ist, wieder eine seelische Bestimmung gegeben, die in der Seele des Betrachters eine geistige Energie entzündet, die gegebenenfalls zu neuen schöpferischen Taten führt. Ebenso ist das Künstlerische etwas ganz Uneigennütziges. Es geht quasi in das Kunstwerk ein, um bei der Kunstbetrachtung neu aufzuleben.
Das Künstlerische besitzt die Fähigkeit, einen Prozess zu durchlaufen, der mit Absterben und Aufkeimen verglichen werden kann. Es stellt innerhalb der Kultur das Gesetz des Werdens und Sterbens der organischen Natur dar. Dieses Gesetz des „Prozessualen“ können wir wesensgleich auch beim Geist-Erleben wiederentdecken. Ich finde, dass es einen inneren Zusammenhang zwischen Künstlertum und Hellsehertum gib, so wie es Rudolf Steiner des Öfteren darstellte.
Ein künstlerisches Element ist nicht allein nur im traditionellen Kunstwesen „angesiedelt“. Es hat auch mit dem alles umfassenden Schöpferischen im Leben zu tun, das überall zu finden ist, wo der Mensch sich zeitgemäß in die Welt hineinstellt, selbst dann, wenn er nicht Künstler ist oder besonders viel von der Kunst hält. Das Künstlerische lernen wir aber in den verschiedenen Kunstarten, wo es aus innerer Notwendigkeit heraus gepflegt wird, am besten kennen und verstehen.
Die Kunstgeschichte ist ebenfalls ein Abbild der ganzen Bewusstseinsentwicklung der Menschheit. So ist es einleuchtend, dass es eine gute Vorbereitung sei, sich durch Studium mit der Geschichte im Allgemeinen und der Kunstgeschichte im Besonderen vertraut zu machen, bevor es einem durch die Bewusstseinserweiterung des Karmaschauens möglich werde, alte Kultur- und Lebensformen meditativ wieder zu erleben und zu schauen.
Es ist plausibel zu folgern, dass durch eine authentische Schulung anhand der Künste ein inneres Orientierungsvermögen und ein Formsinn der Seele ausgebildet werden kann, so dass der Geistesschüler, wenn er sich in übersinnlichen Regionen bewegt oder temporär aufhält, sich besser dann auskennen könnte und dass er freilich auch parallel dazu erkennen würde, in welchen Zeiten und Kulturen er möglicherweise in der Vergangenheit gelebt haben könnte (siehe z.B. Rudolf Steiner, Kunst und Kunsterkenntnis. Grundlagen einer neuen Ästhetik, GA 271 und Kunst im Lichte der Mysterienweisheit, GA 275.).
Die schöpferische Phantasie
Rudolf Steiner hat in Vorträgen aus seinen kunstwissenschaftlichen und übersinnlichen Forschungen viele Gesichtspunkte gegeben, die transparent machen, worin die geistige, das heißt die zunächst nicht bewusst nachvollziehbar verborgene (okkulte) Beziehung zwischen Künstlertum und geistiger Forschung besteht. Er beschrieb beispielsweise, dass echte Kunst, so wie sie in der Sinneswelt vorhanden ist, in der geistigen Welt für jemanden, der geistig schauen kann, nicht ‹ausgelöscht› ist, sondern evident bleibt. Er stellte fest, dass man nicht über den ganzen Tag hinweg Geistesforscher sein kann... Das „Hineinschauen“ in die geistige Welt ist auf Zeit begrenzt. Man weiß genau Beginn und Schluss der meditativen Tätigkeit und muss fähig sein, durch eigene Kraft von Sinneseindrücken ganz abzusehen, sodass keine sinnliche Farben und Töne wahrgenommen werden. Gerade durch das Hinschauen auf das äußere „Nichts“ entsteht die innere Wahrnehmung des „Ewigen“ in der Kunst. Wir können meditativ alles abblenden, was von der Außenwelt auf uns eindringt. Auch vom gewöhnlichen Erinnerungsvermögen, das von Innen aufsteigt, können wir absehen - aber gewisse geistige Eindrücke können wir interessanterweise doch nicht auslöschen, die von Kunstwerken kommen, die der kreativen Phantasie entstammen:
„Ich will da nicht sagen, dass der Seher in solchen Zuständen dieselben Eindrücke von den Kunstwerken hat wie der Nichtseher. Die hat er in nichtseherischen Augenblicken. Aber in seherischen Augenblicken hat er die Möglichkeit, das Sinnliche, Erinnerungsmäßige vollständig auszulöschen bezüglich der Außenwelt, nicht aber bezüglich eines Kunstwerks, dem er gegenübertritt.“ (Rudolf Steiner, Kunst und Kunsterkenntnis, Vortrag vom 5. Mai 1918.)
Dieses auffallende Band zwischen der schöpferischen Phantasie und der aus Hingabe und Autonomie erfolgten Geistesforschung zeigt, welche Bedeutung dem Künstlerischen für die Geistesschulung zukommt. Steiner geht mehrere Künste durch, wie der Hellseher sie in der geistigen Welt auf andere Art als in der Sinneswelt erlebt. Auf besondere Weise stellt er das am Beispiel der Malerei dar:
„Der Maler bildet seine Phantasie durch Anlehnung der inneren gestaltenden Kräfte an sinnlicher Anschauung, die er erlebt, wie er sie braucht. Er kommt von außen herein bis dahin, wo er das im Raum Lebende so umgestaltet, dass er in Linien, Formen und Farben wirkt. Das bringt er bis zum Flächenhaften der malerischen Anschauung. Von entgegen gesetzter Seite kommt der Seher. Er verdichtet das, was in seiner seherischen Tätigkeit ist, bis zu seelischen Farben; er durchtränkt das, was sonst farblos ist, wie innerlich illustrierend mit Farben, er bildet Imaginationen aus. Man muss sich nur in richtiger Weise vorstellen, dass dasjenige, was von der einen Seite der Maler bringt, von entgegen gesetzter Seite kommt in dem, was der Seher von innen nach außen schafft.“ (Rudolf Steiner, Kunst und Kunsterkenntnis, Vortrag vom 5. Mai 1918.)
Goethe stellt in seiner Farbenlehre im Kapitel über die sinnlich-moralische Wirkung der Farben elementare Grundbegriffe vor, die zeigen, dass jede Farbe einen Gemütszustand auslöse. Der Seher bekommt diese Gemütslage, ohne dass er etwas „gesehen“ hat. Er berührt damit dasjenige, was geistig sonst farb- und gestaltlos wäre. Nun wird das Erlebte in ein inneres Anschauen übersetzt. Wenn jemand z.B. von der Aura spricht und bei seinen Schauungen Farben anführt, werden eigentlich solche Stimmungen erlebt. Sagt jemand, dass er Rot schaue, erlebt er etwas, was man sonst an der roten Farbe erlebt. Das Erleben ist ähnlich wie beim Sehen von Rot - nur geistig. Der Hellseher schaut dasselbe, was ein Künstler auf die Leinwand malt, aber von der „anderen“ Seite her gesehen. Der Hellseher ‹begegnet› so dem Malers Werk übersinnlich.
Diese Tatsache ist etwas Bemerkenswertes: „Sie lässt die Malerei als besondere Eigenart der übersinnlichen Erkenntnis erscheinen. Das zeigt sich besonders bei einer Erscheinung, die für jede Seele ein besonderes Problem werden muss: beim Inkarnat […] [das] eigentlich für den, der in solche Dinge innerlich eindringen will, etwas ebenso Geheimnisvolles wie Reizvolles hat, das in tiefe Natur- und Geistverhältnisse hineinschauen lässt. Dieses Inkarnat erlebt der Seher auf besondere Weise.“ Aus diesem Steinerzitat über die Farbwelt und die variable Hautfarbe des Menschen geht hervor, dass wir, wenn wir eine übersinnliche Fähigkeit ausbilden wollen, die klassischen Künste bereits kennen müssen.
Bildmeditation, die an konkreten Kunstwerken ansetzen, bestätigen solche Gesichtspunkte. Sie kann die Basis einer anthroposophisch orientierten Übungs- und Forschungsmethode des Geistigen bilden. Steiners Begriff des „umgekehrten Farbsehen“ wird dann beim eigenen meditativen Schauen quasi zum dritten Auge. Nichts, was ihm als Farbe und Form begegnet, ist dem direkt ähnlich, was in der Außenwelt existiert. Es geht beim meditativen Schauen um den erwähnten Seelenzustand, den ich auch als Gefühlsgebilde oder Gemütsvehikel bezeichne. Wenn wir uns bemühen, meditativ genau wahrzunehmen, wird zuerst ein Fühlen zur Verfügung stehen, das dem Gemüt entspricht, in welchem übersinnliche Gehalte eingebettet sind, die analog wie Farben, Formen und Bilder erscheinen und oft viel „frischfarbiger“ als sie erlebt werden.
Was kann die meditative Praxis von der Ausstellungskunst lernen?
In jeder Kunstart verbinden sich substanzielle Form und ideeller Inhalt zu einer Einheit, die ein Werk sinnlich erscheinen lässt. Entweder „prägt“ sich eine Idee in die Materie ein, die der Künstler in der Ausarbeitung sichtbar machen will, oder er entdeckt im Stoff, das er bearbeitet, Inhaltliches, das seine schöpferische Phantasie anregt. Diese beiden Gegenpole - Physisches und Geistiges - können sich auf vielfältige Art begegnen, ergänzen und mehr oder weniger stark die künstlerische Bearbeitung beeinflussen, so dass beim Erleben des fertigen Kunstwerks das Seelisch-Geistige des Betrachters angesprochen wird.
Wie ein Kunstwerk präsentiert wird, hat einen Einfluss auf die Aufnahmefähigkeit des Betrachters. Jeder Stil ist eine Darstellungsform, die über das Anliegen des Künstlers etwas aussagt, besonders dann, wenn er zu einem bestimmten Kunststil etwas Neues beiträgt. Jede Ausdrucksform, jeder Ort, wo ein Kunstwerk sichtbar oder hörbar wird, schafft zusätzlich eine Stimmung, die für das Kunstgenießen ausschlaggebend ist. Wenn man die Möglichkeit hat, dieselben Kunstwerke in verschiedenen Galerien oder Museen zu sehen, kann man Acht geben, ob und wie die Umgebung eine Auswirkung auf sie hat oder nicht. Schon wenn ein gemaltes Bild einen neuen Rahmen bekommt, ist es in seiner Ausdruckskraft verändert. Die Ausstellungskunst beinhaltet also, auf welche Art und Weise und in welcher Umgebung Kunstwerke gezeigt werden.
Über viele Jahre hin kam mir gemeinsam mit einer Kollegin die Aufgabe zu, Kunstwerke, Kunstgewerbe und Gegenstände - z.B. Bücher und Spielzeug - zu arrangieren und ihnen in den Schaufenstern, den Messen und den Museen den entsprechenden „Raum“ zu geben. Wir setzten zum konkreten Ausstellungszweck oft die Aspekte aller Künste und neu hergestellte Designobjekte ein, und wir arbeiteten mit anderen Künstlern und mit Architekten zusammen, so dass dem Geschmack und den Wünschen der Aussteller optimal entsprochen werden konnten. Es entstanden Halter, Träger, Einfassungen, Gestelle, Ablagen, Stufen, Regale, Mobiliar, Staffeleien, Stellwände usw. Sie erhielten durch Dekorationsmalerei und Oberflächenbehandlung einen für die ausgestellten Dinge angemessenen Duktus. Es war immer wieder erstaunlich festzustellen, wie stark Form und Farbe in ihrer Gestaltungskraft sein können und welche Tragweite sie haben. Manchmal konnten ganz neue Seiten eines Kunstwerks, eines Bilds oder eines Textils durch die Unterstützung des Inventars ans Licht kommen.
Die Idee der Ausstellungskunst ist, ein Überbringer, ein ‹Leib› oder ‹Kleid› für das Kunstwerk oder das Kunsthandwerk zu sein. Wenn ein Mobiliar es schafft, das Kunstobjekt ins Blickfeld zu rücken, wird es selbst zu Kunst. Die Utensilien der Ausstellungskunst, die in Anbetracht der präsentierten Werke sekundär sein sollen, gewinnen selbst an „Image“, wenn sie unauffällig sind und es dabei trotzdem schaffen, das Ausgestellte noch stärker hervorzuheben. Dieses Paradox der Ausstellungskunst zeigt ein Gesetz, das wir in geistigen Dingen des Meditativen lernen als Grundsatz wiederzuerkennen.
Die Vermittlerrolle sinnlicher Gegenstände weist auf Motive hin, die wir im Übersinnlichen kennenlernen können. Das Wesen des Geistigen wird in mehreren Ebenen höherer Bewusstseinsarten „eingekleidet“, „vorgeführt“ und durch form- und farbverwandte Erscheinungsweisen dem meditativen Beobachter seelisch nahe gebracht. Deswegen können wir gerade von der Ausstellungskunst sehr viel lernen und bestimmte Grundlagen erarbeiten. Wir lernen, das Wesentliche vom Nebensächlichen zu unterscheiden, sodass die „Bekleidung“ - also die Erscheinungsform - nicht als die Wesenheit selbst angesehen wird. Oder wir erkennen eben, dass das entsprechende Wesen sich genau dergestalt zeigt, dass z.B. Bescheidenheit und andere Tugenden sein ausgeprägter Wesenszug ist.
Im Astrallicht schaffen lernen
Im imaginativen Bewusstsein besteht die Gefahr, dass Inhalt und Form verwechselt oder durcheinander gebracht werden. Aber eine Inspiration, die das Wesentliche erfassen soll, kann auch irreführen, wenn man ganz auf den imaginativen „Deckmantel“ verzichtet. Deshalb ist zu raten, sich bereits in der Sinneswelt an den Form-, Farb-, Klang-, Laut- und Bewegungstendenzen der Künste und auch an der Natur zu schulen, sodass man nach und nach dem Eigenständigen und Andersartigen des Geistigen mit offener Bereitschaft begegnen kann. Wenn man Geistiges erlebt, kann man sich bei der Interpretation an den Bedingungen und Gesetzen des Künstlerischen orientieren, um zu einer aus geistiger Intuition erfolgten Erkenntnis zu gelangen.
Das Intellektuelle, das verstandesmäßig Festgelegte, muss sich an den Toren zur geistigen Welt in ein Künstlerisches umwandeln. Nur die Kunstfertigkeit im Denken bleibt drüben übrig, lebt dort weiter und ist fähig, geistige Wesen zum Erleben zu bringen. Im Initiationsprinzip - in dem sich verändern Wollen - lebt der Mut zum Übersinnlichen. Er hilft uns, in geistige Ebenen hinein zu gehen. Was wir in Bildern und gleichbedeutend mit kunstähnlichen Gestaltungen dort erfahren, kann wiederum neu als Geisteswissenschaft und Kunst entstehen, sodass das geistig Erlebte für andere ein bereicherndes Präsent wird. Echte Kunst greift etwas voraus. Sie weist auf Neues hin, das der Einzelne für sich selbst schon ergreifen kann. Sie ist manchmal sozial, aber immerzu individualisierend und spiritualisierend. Alles, was wir aus Freiheit meditativ bilden, kann auch als Kunstwerk verstanden werden, das im Astrallicht - in der immateriellen Substanz der geistigen Welt - gestaltet wird.
Nach oben


Skizze
zu Holzskulptur:
Madonna 1
Skizze
zu Spielfiguren
Turm
Skizze des sogenannten "Waisenhäuschen"
in Blieskastel
- ein Gartenhaus
aus der Barockzeit,
das ich 2005-6
als Atelier mietete.
Skizze zu Holzskulptur:
Stammfenster
Copyright © 2008 by Jostein Sæther • All Rights reserved • eMail: