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Weimar war gerade nur dadurch interessant, dass nirgends ein Zentrum war. Es lebten bedeutende Menschen hier, die sich nicht miteinander vertrugen, das war das Belebendste aller Verhältnisse, regte an und erhielt jedem seine Freiheit.

Johann Wolfgang von Goethe



Nach Weimar kam ich zum ersten Mal vor 28 Jahren. Über die berühmte Stadt lag ein kompakter, unangenehm riechender Dunst, die von der zu jener Zeit gebräuchlichen Heizung mit Braunkohle verursacht war. Nichtdestotrotz und von der DDR-Diktatur unberührt und etliche Jahre vor der sogenannten Wende, konnte ich in dieser für den Westen damals fast vergessenen Idylle im grünen Herz der deutschen Landschaften den klassischen Geist der Goethe- und Schiller-Zeit nachempfinden. In Goethes Gartenhaus und in den zu Museen umgestalteten Wohnhäusern der beiden Wahlverwandten durfte ich fast alleine und ganz frei herumspazieren und ihren persönlichen Utensilien und Artefakten auf den Tischen und in den Regalen buchstäblich mit meinen Fingern befühlen. An Rudolf Steiners nicht zu verleugnendem Wirken in Weimar wurde ich erinnert, als ich in einer kleinen Buchhandlung inmitten der mit kommunistischen Büchern vollen Regale ein Buch fand und nachfolgend kaufte, das geschichtliche Aspekte des Goethe-Schiller-Archivs darstellte. (1) In einem Aufsatz einer Wissenschaftlerin, deren Name ich nicht mehr präsent habe, wurde Steiners Tätigkeit als Goethe-Forscher sachlich beschrieben.    

Mein damaliger Besuch anfangs November 1983 in der Mahn- und Gedenkstätte KZ Buchenwald, die sich auf dem Ettersberg nördlich von Weimar befindet, schaffte einen erschütternden Kontrast zu der hoffnungsvollen Stimmung, die ich in Witten, Westdeutschland, bei einer anthroposophischen Friedenskongress unter dem Motto „Europa und sein Genius“ einige Tage zuvor bekommen hatte. (2) „Der Kongress fand statt, während die Frage der Zukunft Europas als eine brennende Kerze im anwachsenden Sturm zwischen der UdSSR und den USA stand.“ (3) Nach dem Plan hätte mein Lehrerfreund und Kollege am Rudolf Steiner-Seminar in Järna (SE), Arne Klingborg (1915-2005), im Kongress mitwirken sollen mit zwei seminaristischen Beiträgen mit dem Titel: Die Kunst als friedensstiftende Kraft - eine mitteleuropäische Aufgabe. Ich hatte bemerkt, dass viele gerade wegen dieses Themas nach Witten angereist waren. Klingborg konnte aber nicht anwesend sein, da er wegen Überforderung einer Gürtelrose (Herpes Zoster) erlitt nach der Öffnung der Stockholmer Ausstellung über Gartenbau-Kunst, die in diesem Jahr stattfand. (4) Der Violinist und IDRIART-Begründer Miha Pogacnik übernahm seinen Kurs und sprach aus seinen Erfahrungen zum gleichen Thema.

Über allen Gipfeln / Ist Ruh’

Der riesige, öde Platz in Buchenwald, wo die Gefangenenbaracken der Nazis einst gestanden hatten, ließ die Gedanken zu einem Ort in demselben Wald gehen, wo der alternde Goethe zusammen mit seinem Begleiter - als seinen „Sekretär“ zu Unrecht genannten - Johann Peter Eckermann (1792-1854) ehemals gewesen und gesprochen hatte: „Hier ist gut sein! […] Ich dächte, wir versuchten, wie in dieser guten Luft uns etwa ein kleines Frühstück behagen möchte.“ (5) - Als ich auf dem qualvollen Ort stand, fasste ich mein Weltgefühl der Zeit des Eisernen Vorhangs in den folgenden Worten zusammen:  „Ich blicke in die Welt, / ich sehe, dass der Tod Stück für Stück, / aus der Erde eine Wüste macht. / Unter den Menschen gibt es einen Geist / der hartnäckig beweisen will, / dass ewiges Leben bedroht werden kann.“ (6)

14 Jahre später zu Ostern 1997 kam ich zum zweiten Mal nach Weimar und Thüringen. Kurz zuvor hatte ich als Teilnehmer am Goethenaum-Kongress zum Karmathema in Berlin mitgemacht. Es war zur selben Zeit, als der große Saal in Dornach unter der künstlerischen Leitung von Christian Hitsch renoviert und neu ausgestaltet wurde. Ein der Höhepunkte dieses Kongresses war das Auftreten des amerikanischen Rabbiner und Schriftsteller Yonassan Gershom, der mit seinem Buch Kehren die Opfer des Holocaust wieder? aufsehen erweckt hatte. (7) Als Referent erzählte ich für 60-80 von interessierten Teilnehmern über authentische Erfahrungen geistiger Wesen und über karmische Erkenntnisse, die dadurch hervorgetreten waren, dass ich über längere Zeit ein paar Karmaübungen von Rudolf Steiner lebensnah, methodisch und erkenntnissuchend geübt habe.

1997 beeindruckte mich vor Ort im Freistaat Thüringen am stärksten, am Gipfel des Kickelhahns in den Ilmenauer Bergen zu stehen, wo der junge Goethe sein weltberühmtes Gedicht „Über allen Gipfeln“ mit einem Stift an die Holzplanken der kleinen Schutzhütte geschrieben hatte. (8) Es war auch hier im heutigen Biosphärenreservat Vessertal am Rennsteig südlich von Ilmenau, das ich nahe einer Quelle zwischen sonnenbeleuchteten Buchen in einem Waldstück bei Frauenwald eine Begegnung hatte mit Naturwesen unterschiedlicher elementarischer Gattung - so wie ich in meinem ersten Buch später berichtete. (9)

Diesmal bin ich nach Weimar unter ganz anderen Vorzeichen gereist. Es war mein Anliegen vorerst nicht, die bereits gewesene europäische Kulturhauptstadt mit ihren inzwischen schön restaurierten Denkmälern nochmals zu sehen, auch nicht die grünmilde Landschaft, die Waldlichtungen und Hügel zu bewandern, um meine im Mittelalter hier gewesene „karmische Heimat“ (10) mit ihren liebenswürdigen Elementarwesen abermals nachzufühlen, sondern mein Interesse galt den öffentlichen Kongress vom 16.-19. Juni zum Thema „Empfindung Mensch - Wirkung Anthroposophie“ sowie der diesjährigen Mitgliederversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland (AGiD). Seit mehreren Jahren nehme ich teil eingerechnet in einer Gruppe auf sachlichem Felde der AGiD, wo Biographiearbeit und Karmaforschung auf der ständigen Tagesordnung steht. Infolge ihrer Einladung zur Mitarbeit und dank der entstandenen fruchtbaren Zusammenarbeit mit Vertretern der deutschen Landesgesellschaft - u. a. mit Michael Schmock - bin ich seit einem Jahr wieder Mitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG), die ich zwischen 1973-2002 angehört habe. Leider wurde nicht von der außergewöhnlichen, fruchtbaren und bedeutenden Arbeit unserer Forschungsgruppe Karmapraxis - obwohl das vorgesehen war - im Plenum berichtet.

Die Signatur des Kongresses von Weimar

Vom genauen Ablauf und von den gesamten inhaltlichen Themen des Kongresses werde ich hier auch nicht berichten. Darüber werden definitiv dort gewesene Teilnehmer und Berichterstatter ihre Eindrücke andernorts veröffentlichen, die den eher traditionellen Duktus der Tagung und der Mitgliederversammlung mit ihren von vielen Teilnehmern willkommen geheißenen Erneuerungen ausmalen werden. Ich möchte mich nur um ein paar Aufgabenstellungen und künstlerische Motive konzentrieren, die meines Erachtens die Signatur des Kongresses von Weimar mitbestimmten. Außerdem möchte ich einige nicht formulierten karmischen Fragen durchblicken lassen, die zu einer solchen anthroposophischen Veranstaltung gerade in Weimar für mich dazu gehören und im Nachhinein weiter bewegt werden können.       

Im Vorfeld habe ich mich keine Erwartungen oder Vorstellungen gemacht, über dasjenige, was hier gegebenenfalls geschehen würde. So bin ich sehr froh über einige erfreulichen und teilweise überraschenden Begegnungen und Erlebnisse, die für die Zukunft allerdings Hoffnungen in meiner Seele erweckt haben, was betrifft  mein Herzanliegen der geistigen Schulung und der Karmapraxis innerhalb der AGiD und der AAG. Sowohl die ganz kurzen als auch die ausführlichen Gespräche in den Pausen und an Abenden mit arbeitsfrohen Mitgliedern aus Norwegen, Schweden, Dänemark, aus den Niederlanden und der Schweiz, aus Hamburg, Berlin, Kassel, Weimar, Würzburg, Ulm, Heidelberg, Stuttgart und München bestätigten für mich, dass die Steiner-Übung, die der Generalsekretär Hartwig Schiller in einer Einführung zum Podiumsgespräch hinstellte, noch ihre volle Gültigkeit hat: Bei einer menschlichen Begegnung wäre es möglich, dass man den geistigen Menschen im Menschen sucht, indem man das Äußere sozusagen „wegsuggeriert“ (Steiners Begriff). Diese Suche nach dem „Sphärenmenschen“ kann ermöglichen, dass man auf das sogenannte Umkreis-Ich aufmerksam wird, worin auch die Verstorbenen und die Hierarchien der Engelwesen uns etwas Geistiges quasi einstrahlen können. (11)       

An anderer Stelle sprach Wolf-Ulrich Klünker von der Wechselbeziehung zwischen Leben und Forschung, dass z. B. Rudolf Steiner die vielen tausend Bücher anderer Philosophen und Autoren - die er in seinem Bibliothek hatte - brauchte, um sie in einem seelischen Umschmelzungsprozess zu „vernichten“, so dass er aus dem geistigen Raum „hinter dem Denken“ neue geistige Ideen daraus entwickeln konnte. Christiane Haid sprach über die Fülle und den Verzicht, dass man sich beschränken kann, damit etwas in die Tiefe kommt. „Man geht in den Zweig, um zu erleben, wie die Anthroposophie in den anderen Menschen lebt“, sagte sie. Gottfried Stockmar wies auf den Freiheitsraum hin, wo Freiheitsfragen entstehen: „Was nehme ich in einer Begegnung wahr?“ Dazu kommentierte Hartwig Schiller: „Wenn man ein Mensch sieht, denkt man Freiheit und sieht Notwendigkeit!“
   
In einer Podiumsgespräch mit dem Thema Dimension Mensch - Potential Anthroposophie -zu diesem Thema trugen die Eurythmistin Gioia Falk, die in das Arbeitskollegium neu eingewählten Erziehungswissenschaftlerin, Philosophin und Germanistin Anna Maria Martini und der erneut gewählte Generalsekretärs Hartwig Schiller vor - brachte Gioia Falk den Begriff „Umschlagsraum“ in den Podiumsgespräch ein. Aus ihrer künstlerischen Erfahrung der Inszenierung von Bühnenprojekten erzählte sie vom inneren Raum, „wo Vergangenheit stirbt“. Als Beispiel erwähnte sie insbesondere eine Szene im ersten Mysteriendrama von Rudolf Steiner, worüber man sich lange gestritten hat, darüber, wie sie am besten gelöst werden könnte. Steiner hat in seinen Anweisungen an der Stelle, wo die „andere Maria“ ihre Antwort auf dringende Fragen der anderen Protagonisten gibt, angegeben, dass Musik vor ihrer Auskunft erklingen muss. Die heutigen Regisseure wollen meistens die Musik hier auslassen, da man sofort zur Beantwortung übergehen will, sonst würden - wie es behauptet wird - die Zuschauer die Frage inzwischen vergessen haben. Gioia Falk behauptet indessen, dass der musikalische „Zwischenraum“ möglich mache, dass Altes abfällt, dass das Reale z. B. in einem Erinnerungsbild - um welches es in diesem Dramenbild geht - erkannt werden könnte.

Gottfried Stockmar brachte ein Steinerwort in die Diskussion, das etwa besagt, dass „unwissend Wollen aus der Vergangenheit“ mit Luzifer und „unwollend Wissen aus der Zukunft“ mit Ahriman zu tun hat. „Das Denken der Gegenwart will mit der Vergangenheit fertig werden, sie zum Schweigen bringen, um Frieden zu stiften zwischen der Vergangenheit und der Zukunft“, betonte er und ergänzte seine Meinungsäußerung damit, dass er viele Motive aus dem Alten Testament, viel Katholizismus und viel preußisches Zeug in der AGiD herumhängen sieht! Ohne Erwartung, ohne Forderung müssen wir einander begegnen wollen. „Wenn jeder Mensch bei sich sein kann, ist Friede“, zitierte Stockmar noch einmal Rudolf Steiner.

Die Durchchristung von Luzifer und Ahriman

Als Kulmination des Kongresses erlebte ich die Eurythmieaufführung „Seelenräume - Zeitenwerden“ unter der künstlerischen Leitung von Carina Schmid und Benedikt Zweifel und unter der musikalischen Leitung von Ingo Ernst Reihl. Die eurythmiesierten Wahrsprüche (Rezitation: Rüdiger Fischer-Dorp, Barbara Sturen) zum „Gang durch das Jahr“ von Rudolf Steiner und das Monumentalwerk „Lamentate“ (Latein: lamenta; Wehklage) für Klavier (Hartwig Joerges) und Orchester (das junge Orchester NRW) vom estnischen Komponisten Arvo Pärt mit über 20 Eurythmisten und Eurythmistinnen (Goetheanumbühne,  Dornach und Else-Klink-Ensemble, Stuttgart) gleichzeitig auf der mit Farben durchleuchteten Bühne (Licht: Peter Jackson, Prometheus Lighting) erlebte ich als sehr beeindruckend. 

Arvo Pärts Komposition stammt aus dem Jahr 2002. In der Londoner Tate Modern hatte er eine Ausstellung gesehen mit dem „Marsyas“ - einer gewaltigen Skulptur des indischen Bildhauers Anish Kapoor. Dieses Werk sprengte für Pärt alle Dimensionen von Raum und Zeit, und beim Anschauen entstanden Fragen zu Tod und Leid, mit denen sich der Komponist dann intensiv auseinandersetzte. In den zehn Sequenzen des Lamentate lassen zwei ganz polare Stimmungen - „brutal-berauschend“ und „intim-fragil“ - ein menschliches Kosmos an Gefühlen hörbar werden. „Und so habe ich ein Klagelied geschrieben, ein Lamento, nicht für Tote, sondern für uns, die Lebenden, die diese Fragen jeder für sich allein lösen müssen - für uns, die es nicht leicht haben, mit dem Leid und der Verzweiflung der Welt umzugehen.“ sagt Arvo Pärt über sein Werk.

Die Komposition für Violine (Kamila Namyslowska) und Klavier „Time...and Again” (Zeit… und wieder) - das am 7. April 1997 in Barbican Hall in London Weltpremiere hatte - vom georgischen Komponisten Giya Kancheli erlebte ich zutiefst, dass sie mit anthroposophischen Fragestellungen verbunden sei. Die seelisch-geistige Einheit und Dynamik zwischen den beiden hochgeschätzten Künstlern Carina Schmid und Benedikt Zweifel zeigte sich meisterhaft, als sie in poetischem, akkuratem und kraftgespanntem Duo „Time...and Again” auf der schlichten Bühne in der Neuen Weimarhalle eurythmiesierten. Giya Kancheli sagt zu seinem Werk, dass es nach einer Zeit entstand, in welcher er sich mit Widersprüchen, Zweifel, großen Verlusten, neuartigen und ungewohnten Gefühlen und Emotionen befasst hatte: „Ich habe zwar diese Arbeit mit Worten aus der Bibel vorangestellt - was ich schreibe, ist wahr. Gott weiß, ich lüge nicht - ich bin voll und ganz bewusst der Tatsache, dass Ehrlichkeit nicht notwendigerweise in einer Strecke der Phantasie eine Indikation für Qualität sei.“ (12)

Durch Schmids und Zweifels Darstellung erlebte ich, dass die beiden sogenannten Widersacher, Luzifer und Ahriman, durch vermittelnde Indikationen (sprich: eurythmisches Heilen) aus ihren Einseitigkeiten quasi herbeigeholt und stückweise ausgeglichen wurden, trotz einem mehrmals geschwind sich aufwallenden Abgrundmotiv. Ich musste während des eurythmiesierten „Time...and Again” an das heutzutage befremdete Begriff „Durchchristung“ von Rudolf Steiner denken, dass bedeutet, dass wir den Sieg des Geistes, den Christus überall dann finden, wenn wir den Mut und die Liebe zu allen Wesen um uns entwickeln, uns mit dem zu verbinden, was die Wesen selber sind, und nicht unseren leblosen Vorstellungen von ihnen zwischen ihnen und uns selbst stellen im Verpassen des Umschlagsraumes. Steiner sprach in einem Vortrag in Wien vom 11. Juni 1922 vom „wahren“ Christentum: „So müssen wir auch alles Wissenschaftliche durchchristen, müssen das, was wir uns heranbilden können durch unsere Gemeinschaft mit dem Christus, in alles Wissen, alle Erkenntnis, in all unser Leben hineintragen. Dadurch aber wird das Mysterium von Golgatha erst wirklich fruchtbar gemacht durch Menschenkraft und Menschenstreben und Menschenliebe unter den Menschen selber. Und in diesem Sinn können wir sagen: Anthroposophie ist in allen Einzelheiten ein Streben nach der Durchchristung der Welt.“ (13)

Weimars spiritueller Ich-Auftrag

Meines Wissens gibt es keine Stenogramme oder überlieferte Aufzeichnungen von Rudolf Steiners 28 Vorträgen, die er in Weimar nach der Zeit seines Wohnsitzes dort gehalten hat zwischen 1903 und 1913. Somit ist es schwer „diesseits des Denkens“ nachzuzeichnen, welche Themen er dort aufgegriffen, und wie er zu seinen theosophisch-anthroposophischen Zuhörer gesprochen hat. In Mein Lebensgang schreibt er allerdings um 1924-25 die folgenden Sätze, wo er über „vorgezeichneten Aufgaben“ Weimars eine Bemerkung macht:

„Weil in diesem Kreise alles, was in ihm sich darlebte, aus einem unmittelbaren und ernsten künstlerischen Empfinden stammte und sich durchdringen wollte mit einer Weltanschauung, die sich an den echten Menschen als ihren Mittelpunkt hielt, konnte man keine unangenehmen Gefühle hegen, wenn zum Vorschein kam, was gegen das damalige Weimar einzuwenden war. Der Ton war dabei ein wesentlich anderer als ich ihn früher im Olden’schen Kreise erlebt hatte. Da war viel Ironie im Spiele; man sah auch Weimar als ‚menschlich-allzumenschlich‘ an, wie man andere Orte angesehen hätte, wenn man an ihnen gewesen wäre. Im AnsorgeCrompton-Kreise war - ich möchte sagen - mehr die ernste Empfindung vorhanden: wie soll es mit der deutschen Kulturentwickelung weitergehen, wenn ein Ort wie Weimar so wenig seine ihm vorgezeichneten Aufgaben erfüllt?“ (14)

Ein Aspekt dieser Weimarschen Aufgaben lässt sich erkennen in der Tatsache, dass Rudolf Steiner in seinen Karmavorträgen von 1924 die schicksalsmäßigen Hintergründe eines anderen der damaligen Weimarer, den er persönlich gekannt hatte, offen legte, nämlich des Kunsthistorikers und Publizisten Herman Friedrich Grimm (1828-1901), der den zweiten Sohn des
Märchen- und Sagensammlers Wilhelm Grimm (1786-1859) und dessen Ehefrau Henriette Dorothea Wild war. Steiner erzählte wie Herman Grimm zum amerikanischen Philosophen und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson (1803- 1882) in karmischen Zusammenhang stehen würde:

„Und wir haben es zu tun bei der einen Persönlichkeit, die durch die Bewunderung zu der anderen Persönlichkeit wiederum erst sich selber fand, ihren eigenen Stil fand, wir haben es bei der Wiederverkörperung des jüngeren Plinius und der Markgräfin Beatrix zu tun mit Herman Grimm, und bei Emerson haben wir es zu tun mit dem wiederverkörperten Tacitus, der wiederverkörperten Marktgräfin Mathilde.“ (15)

Emersons Satz: „Der beste Weg, einen Freund zu haben, ist der, selbst einer zu sein.“ trifft auf ihn selbst zu wie auf seinen Freund Herman Grimm. Sie hatten sich in Florenz bei Emersons drittem Europa-Reise um 1872 kennen gelernt.

Was hat nun diese Anhaltspunkte (16) und Hinweise auf die oben erwähnten Personen mit Weimars spirituellem Ich-Auftrag als sozialer Herausforderung für die AGiD zu tun? Wie stehe ich selber zur von Steiner übermittelten Frage des Weitergehens der deutschen oder mitteleuropäischen Kulturentwickelung? Was bedeutet der 14-jährige Rhythmus, mit welchem meine Besuche in Weimar sich anklingen? Was hat Weimar und seine vorgezeichneten Aufgaben zu tun mit meiner Biographie? Was hat Arne Klingborg mit Goethe und Weimar zu tun? Jener war einer der Pioniere der Anthroposophie in Schweden und Skandinavien, Mitbegründer der Anthroposophen-Kolonie in Järna und Herausgeber der Farbenlehre Goethes ins Schwedische. (17) Was verbindet Arne Klingborg mit dem Violinisten Miha Pogacnik, der nach dem Kunst- und Dialogbegriff von Goethe arbeitet? Was hat der weltbereiste Kulturvermittler Miha Pogacnik mit Herman Grimm und Ralph Waldo Emerson zu tun? Was tun u. a. Christiane Haid, Wolf-Ulrich Klünker, Anna Maria Martini, Hartwig Schiller, Carina Schmid, Michael Schmock, Gottfried Stockmar und Benedikt Zweifel für die Fortentwicklung der „deutschen Kulturentwickelung“, und was - wenn überhaupt - hat das noch mit König Heinrichs IV. Gang nach Canossa zu tun? Welche Rolle spielt dasjenige, was heute in Weimar lebt oder wieder auflebt für die weitere Entwicklung der Anthroposophie in Europa und in der ganzen Welt? Was bedeutet nun all dies mit dem karmischen Auftrag der Anthroposophen, welches wohl nur erreichbar ist, falls man sich aufschwingt „hinter dem Denken“ (Klünker) zu kommen? Und wie steht dieser karmische Auftrag in Zusammenhang mit dem von Steiner für das Ende des 20. und für den Übergang ins 21. Jahrhundert charakterisierte „Michael-Prophetie“? (18)

Sich einen gewissen Humor zulegen

In seinem Vorausblick in seinen Karmavorträgen deutete Steiner mehrere Aufgaben an, die für das interne Wirken für die Anthroposophie und ihrer Vertretung in der Öffentlichkeit heute maßgebend sein könnte. Das hätte vor allem mit der Aufgabe zu tun, sich selber karmisch zu erkennen und auch diejenigen, mit denen man geographisch, familiär, freundschaftlich und kollegial verbunden ist. Hier denke ich z. B. an die zahlreichen Menschen, die zu mir kommen, um Rat zu suchen, weil sie in Waldorfschulen, in anthroposophischen Institutionen oder woanders gemobbt wurden oder mit ihren Kontrahenten keine gemeinsame Lösung der Zerwürfnisse gefunden haben, weil gerade die angedeuteten Aufgaben nicht angegangen oder regelrecht vermieden wird. Wann könnte Rudolf Steiners nachstehende Worte über uns Anthroposophen und unter uns denn selbst wahr werden?

„Das Bedeutsame für den Anthroposophen der Gegenwart ist das Erringen einer Überzeugung in Bezug auf die Fragen von Reinkarnation und Karma und wie sie die Möglichkeit finden werden, den Gedanken von Reinkarnation und Karma in das allgemeine Leben überzuführen. Es wird ganz neue Lebensformen, ein ganz neues menschliches Zusammenleben schaffen.“ (19)

Im Programheft zur Weimarer Tagung können wir lesen: „Thematisch sind die Beiträge durch den Blick auf Rudolf Steiners geistige Identität, sein fortwährendes Wirken und die Zukunftskraft seines Werks bestimmt. Als Rudolf Steiner 1910 über die Wiederkunft des Christus in der Welt des Lebendigen sprach, wies er auch auf die Widerstände hin, die dieses Geschehen in Zukunft erfahren würde. 1933 nannte er als das Jahr, in dem die Gegner aufstehen würden.  Heute wissen wir, was er meinte. In der Vorbereitung fühlten wir die Verpflichtung zu einer zeit- und geschichtsbewussten Gewissenserforschung. Daher wird sich ein Podiumsgespräch mit der Frage beschäftigen, wie diese dunkle Zeit auf die Entwicklung der Anthroposophie gewirkt und Anthroposophen sich in ihr bewährt haben.“ Was während der Tagung geschah und öffentlich von anthroposophischer Seite formuliert wurde, entsprach sicherlich voll den Hoffnungen und Intentionen des Arbeitskollegiums in dieser Hinsicht. Dem ungeachtet wünsche ich mir für die Zukunft, dass auch die interne Geschichte der anthroposophischen Bewegung und der Anthroposophischen Gesellschaft mitgerechnet die Jahre vor und die Jahrzehnte nach Rudolf Steiners verfrühten Tod bis heute mit ihren dutzenden sozialen Krisen, zahlreichen persönlichen Tragödien und organisatorischen Vergehen (20) genauso sachlich und eingehend behandelt werden wie die Fragen, die Probleme und die durch Karmaerkenntnis nicht zu fassende Katastrophe fürchterlichen Ausmaßes des Nationalsozialismus.

Die Aufgabe der AAG und der verschiedenen Landesgesellschaften, Zweige und Gruppen steht und fällt in der Zukunft mit der Wille und der Fähigkeit ihrer Mitglieder und Vertreter, zu schaffen solche „Räume des Umschlags“, die zur Wandlung, zum Ordnen des Karmas beitragen können, und, dass sie dabei sich selber in solchen Räumen der Wahrhaftigkeit, der Offenherzigkeit, der Wahlverwandtschaft und der Freundschaft tatsächlich stellen, weil es noch innerhalb der anthroposophischen Gremien und Begegnungsforen sehr viel Frust, Schmerz, Angst und Verzweiflung besteht gegenüber einander und vor sich selbst - wie u. a. Gottfried Stockmar im Plenum und viele hier nicht mit Namen erwähnten Mitglieder, mit denen ich Gespräche führte, es durchscheinen ließ.

Über Weimar lag diesmal keine Wolke des Braunkohles. Lauerten vielleicht in der astralen Atmosphäre über den anwesenden Anthroposophen scharenweise Doppelgänger unterschiedlicher Herkunft in Mischfarben, die noch herber „rochen“ als vor 14 Jahren? Es fehlt jedoch viel vom Humor eines Clowns Dimitri in unseren Reihen, sobald der Beifall für seine Genialität wieder erklungen ist! Da kam mir Hartwig Schillers gut gemeinter „Absatztritt“ vor wie ein Tropfen auf dem heißen Stein! Clown Dimitri wagte jedenfalls die Kisten aufzumachen und ergriff „im Warten auf Godot“ die Gelegenheit, die im Schatten der Koffer gelegenen Instrumente in seinen Mund dreifaltig zu nehmen, um Töne hervorzubringen, die eine erlösende Wirkung auf unser Gemüt hatten.

Von Rudolf Steiner stammt allerdings auch die folgende Ermahnung, die sich mit dem Ich-Aufrag des diesjährigen Weimarkongresses deckt: „Es ist eine große Gefahr, wenn jemand sagt, das, was er ausspricht, sei Ergebnis nicht von dem, was er will oder nicht will, sondern von höheren Mächten. Hinter dem steckt ja gewöhnlich nichts anderes als der purste Egoismus. Deshalb ist das Erste, was notwendig ist auf dem Weg zu einer gewissen höheren Erkenntnis, das Nüchternwerden, das Hinwegsehenkönnen über all dasjenige, was mit dem Egoismus zusammenhängt. Schwärmerei ist in der Regel nur eine andere Form des Egoismus. Und insbesondere wird notwendig sein, dass die Menschheit auf dem Weg zu Geistigkeit sich einen gewissen Humor zulegt...“ (21)

„Was moralisch falsch ist, kann nicht politisch richtig sein“

Über den Berufsoffizier und Anthroposophen Herman Joachim (1866-1917), der als „führende[s] Mitglied der Berliner anthroposophischen Gesellschaft in unmittelbarer Nähe Rudolf Steiners“ galt, sind einige höchst interessante Angaben von Steiner überliefert. (22) Durch seine Tätigkeit im Generalstab war Joachim u. a. mit Helmuth Johannes Ludwig von Moltke, genannt Moltke der Jüngere (preußischer Generaloberst und von 1906 bis 14. September 1914 Chef des Großen Generalstabes; 1848-1916), bekannt. Herman Joachims Vater, der berühmte Geiger Joseph Joachim
(1831-1907), war eine Zeitlang mit Herman Grimm eng befreundet, so dass der Letztere Herman Joachims Taufpate wurde zusammen mit seiner Gattin Gisela von Arnim (1827-1889), die eine Tochter war der Schriftstellerin Bettina von Arnim, die in jüngeren Jahren einen Briefwechsel mit Goethe geführt hatte.

Die Tochter von Joachim, Gabriele Sale-Joachim, hat einen bemerkenswerten Notizbucheintrag ihres Vaters überliefert, der mit „Mai 1914“ vermerkt ist - also drei Jahre vor seinem Tod. Darin spricht Rudolf Steiner von einer „geschlossenen Gemeinschaft […] mit einer hohen Mission“. Dieser Gemeinschaft, die man sich als eine karmische zu denken hat, die über den Tod hiaus in ihren künftigen Inkarnationen hinein reichen würden, gehörten damals außer Joseph Joachim und Herman Grimm noch Bettina von Arnim an. Dazu kamen die drei Engländer Alfred Tennyson (1. Baron Tennyson, Dichter; 1809-1892), dessen jung verstorbenen Freund, Arthur Henry Hallam (Poet, Essayist und Literaturkritiker; 1811-1833), dessen Jugendfreund William Ewart Gladstone (Schriftsteller und liberaler Staatsmann, viermal Premierminister;
1809- 1898) sowie Grimms amerikanischer Freund, der Philosoph Ralph Waldo Emerson. Rudolf Steiner nannte in demselben Zusammenhang außerdem den französischen General und Kriegsminister, Marie-Georges Picquart (1854-1914), den ersten Verteidiger des unschuldig wegen Landesverrats verurteilten französischen Offiziers Alfred Dreyfus (1859-1935). „Die im Joachims Notiz nicht näher beschriebene Aufgabe dieser Gruppe mag im Sinne eines freundschaftlich-fruchtbaren Zusammenwirkens wahrer westlicher und mitteleuropäischer Geistigkeit gesehen werden, die ein Gegengewicht gegen politisch-ökonomische Antagonismen im Äußeren zu bilden versucht“, schreibt Hans-Jürgen Bracker in seinem biographischen Notiz über Herman Joachim.

Es scheint mir, dass dieses Zusammenwirken aus ethischem Individualismus heraus - vergleich Gladstones Devise: „Was moralisch falsch ist, kann nicht politisch richtig sein“ - mit den „vorgezeichneten Aufgaben“ Weimars innerlich in Verbindung steht. Sind die Individualitäten, die in den genannten europäischen und amerikanischen Persönlichkeiten des letzten und vorletzten Jahrhunderts inkarniert waren, womöglich wieder inkarniert, und, falls ja, wie haben sie die kosmopolitischen Aufgaben aufgegriffen und entwickelt? Solche Fragen gehören zum Selbstverständnis derjenigen, die heute und morgen auf dem „Umschlagsplatz der Geisteswissenschaft“ die Anthroposophie individualisieren und sie mit den Notlagen der Welt zusammenbringen wollen. 

Wie kann das Initiationsprinzip zum Zivilisationsprinzip werden?

Als zweites neues Mitglied in das Arbeitskollegium der AGiD wurde bei der Mitgliederversammlung in Weimar die Eurythmistin Jasmin Mertens aus Berlin mit geringer Mehrheit eingewählt. Als Vorbereitung auf die Mitgliederversammlung wurde in den deutschen „Mitteilungen“ vom Mai über jedes des zu wählenden Mitgliedes und sein Anliegen berichtet. Als eine ihre Zukunftsperspektiven kündigte Mertens das Folgende an, was mein Anliegen als Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft auf den Punkt bringt, wenn auch ich dieselbe Angelegenheit gemäß meiner Erfahrungen anders formulieren würde: „Es gibt immer mehr Menschen, die über anfängliche übersinnliche Wahrnehmungen verfügen, sich damit aber oft unsicher fühlen und konkrete Fragen haben. Da können aus der Anthroposophie hilfreiche Anregungen kommen und könnte nicht auch eine ‚Beratungsstelle‘ aufgebaut werden?” (23)

Schon seit den 1980er Jahren habe ich beobachtet, dass es Anthroposophen gibt, die geistige Erfahrungen haben, die sie aber bisher wenig, wenn überhaupt nach außen tragen konnten. In den 90er Jahren fingen dann immer mehr Anthroposophen - u. a. Jesaiah Ben-Aharon, Heide Oehms und Nothart Rohlfs - über ihre übersinnlichen und karmischen Motive zu berichten. Gegen solche mutigen Beiträge entstand in der anthroposophischen Szene nicht nur Sympathie, sondern auch eine massive Widersetzlichkeit, und von Vertretern der Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft traf wenig Unterstützung ein, um solche Erfahrungen freundschaftlich anzuhören und zu beleuchten oder sie geisteswissenschaftlich aufzuarbeiten. Bis heute ist der Brauch eher beibehalten,  dass geistige Erfahrungen bei Mitgliedern bemängelt oder bagatellisiert werden. Meine Erfahrungen in dieser Richtung würde die Arbeit der neuen Schlichter-Mitarbeiter Karl-Dieter Bodack, Joseph Hörtreiter und Gudrun Weber-Timmermann, die auf der diesjährigen Mitgliederversammlung in die neue „Schlichterstelle“ eingewählt wurden, für lange Zeit Beschäftigung geben, falls sie meine Geschichte durchkauen würden.

Bei der Jahreshauptversammlung des Arbeitszentrums Stuttgart der AGiD vom 25.-26. Februar 1984 hielt der damalige zweifache Sektionsleiter und Dornacher Vorstandsmitglied Jørgen Smit (1916-91) eine Ansprache, in der er die folgende Frage stellte: „Ist es in der Gegenwart der Menschheit überhaupt möglich, dass das Wissen von den übersinnlichen Mächten nur einer kleinen Gruppe von Menschen vorbehalten bliebe - ; ist es möglich, dass dieses Wissen hinausdringt in weitere Kreise der Menschheit?“ Er behandelte diese Frage unter dem Thema: Wege zur Verwirklichung des Initiationsprinzips als Zivilisationprozess. Die Überwindung „okkulter Gefangenschaft“. Auf dem Hintergrund der dramatischen und ungeordneten Geschehnisse in der anthroposophischen Welt seit 1984 - inklusive der jahrelangen Divergenzen und Streiten in der Konstitutionsdebatte und der darauf folgenden richterlichen Prozesse einschließlich der bis heute andauernden Konfrontationen beispielsweise um Judith von Halle und Peter Tradowsky - ist es erweckend Jörgen Smits damalige lapidaren Worte zu lesen:

”Fremdes ragt hinein in das Karma jedes ringenden Anthroposophen: Es muss geordnet werden. Jeder hat aus der Anthroposophie heraus eine Lebensaufgabe: sein eigenes Schicksal in Ordnung zu bringen! Jede Einzelheit im Lebensverlauf wird ernst genommen werden müssen; kann aus geistiger Initiative neu fortgestaltet werden. Dies sehen wir als eine entscheidende Qualität auf dem Wege, wie das Initiationsprinzip zum Zivilisationsprinzip werden kann. Es dringt hinein in das gesamte, offene, alltägliche Leben jedes Menschen. Es gibt keine Grenzen; alle Prozesse sind vollständig offen. Diese Aufgabe hat nichts Sektiererisches an sich. Mit dem Unkünstlerischen beginnt das Sektiererische! Es wird überwunden, wo schöpferische Lebens-Kunst waltet. Wo das Künstlerische nicht ernst genommen wird - aus der Lebenskunst heraus -, fehlt die entscheidende Grundkraft. Ebenso fehlt sie, wo man nicht bewusst am Karma arbeitet. Behält man etwas für sich wie in einem Hinterstübchen, so waltet schon Sektiererei. Auf diesem Wege der Weihnachtstagung stellt sich die Anthroposophische Gesellschaft mutig in die Gegenwart - bemüht, sich offen zur Zukunft hin zu gestalten. Sie muss große Behinderungen, die das Zeitalter schafft, bestehen; sie kann okkulte Gefangenschaften überwinden.” (24)

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Immer wieder ist darauf hingewiesen worden - so auch derzeit in Weimar -, dass die Anthroposophische Gesellschaft in den meisten Ländern das Problem hat, neue und jüngere Mitglieder „anzulocken“. Die Mitgliederzahl geht allmählich zurück und die finanziellen Verpflichtungen gegenüber Dornach können aus verschiedenen Anlässen lange nicht mehr gewährleistet werden, sodass dort drastische Einschränkungen bis auf Entlassungen in den Sektionen und in der Bühnenarbeit erzwungen waren. Die vielen von Pessimismus ergriffenen Anthroposophen haben es vielleicht vergessen oder sie wissen es noch nicht, dass gleichzeitig in den letzten Jahren ein enormes Befürworten der Anthroposophie und ein sich Einsetzen für ihre Früchte in der Welt entstanden ist.

ELIANT - Europäische Allianz von Initiativen Angewandter Anthroposophie tritt in Europa mit über 1 Millon Unterschreiber dafür ein, dass rechtliche Rahmenbedingungen für anthroposophische Kulturinitiativen geschaffen werden. Hier sehe ich die Potenz auch für eine finanzielle Unterstützung vieler anthroposophischen Initiative plus Institutionen, falls angeknüpft wird an den freien Geist der jüngeren Generationen, die aus der Anthroposophie arbeiten, aber ganz anderen Erfahrungen haben als die meisten der alten Mitglieder der AAG - ich denke nur an die Mehrheit der grauhaarigen Teilnehmer in Weimar (mich selber eingerechnet) über 55 Jahren. Sowohl ELIANT mit ihrer breiten Unterstützung an den „Rändern“ der anthroposophischen Bewegung als auch solche Jugendbewegungen wie YIP (The International Youth Initiative Program) können als Ausdruck derselben Impuls sein, die damals Rudolf Steiner bewogen hat, die Weihnachtstagung von 1923-24 einzuberufen, aber wir sollten sie mit unseren Belastungen - die ihnen aus gescheiterten historischen Vorgängen nicht zugeschrieben werden dürfen - nicht bremsen oder beeinflussen. Es könnte ja auch sein, dass sie zu den reinkarnierten Anthroposophen um Rudolf Steiner gehören oder zu der oben erwähnten karmischen Kreis um Herman Joachim oder zu den wiederkommenden Platonikern aus dem 12. Jahrhundert, von denen Rudolf Steiner gesprochen hat, die die anthroposophische Sache ganz anders anpacken wollen, als bisher üblich war.

In der grandiosen Spannweite zwischen dieser anthroposophischen Öffentlichkeit mit wahrscheinlich mehreren Millionen Unterstützer und der viel weinigeren Zahl derer, die geistige Erfahrungen geisteswissenschaftlich erforschen wollen bei sich und bei ihren Freunden, sehe ich die Möglichkeit, dass die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft zusammen mit ihren Landesgesellschaften sich „niederbeugt“ und „niederlegt“ als Brücke (vgl. die grüne Schlange in Goethes Märchen), so dass ihre Mitglieder und die Interessenten und Befürworter der Anthroposophie zu ihrem Umschlagsort „hinter dem Denken“ finden und darüber, was ihnen dort begegnet, Auskunft geben können.         

Blieskastel, 24. Juni 2011

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Jostein Sæther | Im Sinne eines freundschaftlich-fruchtbaren Zusammenwirkens wahrer westlicher und mitteleuropäischer Geistigkeit
Weimars spiritueller Ich-Auftrag als sozialer Herausforderung für die Anthroposophische Gesellschaft - Kommentare im Hinblick auf drei Kongresse 1983 - 1997 - 2011
Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm zu Weimar war eine Wohn- und Arbeitsstätte Johann Wolfgang von Goethes. Seit 1998 gehört es als Teil des Ensembles „Klassisches Weimar“ zum UNESCO-Weltkulturerbe. Foto: Jostein Sæther © 2011 
Schillers Wohnhaus in Weimar mit dem dahinter gelegenen Schillermuseum. Foto: Jostein Sæther © 2011  
Das Kongresscentrum "Neue Weimarhalle", wo die Tagung „Empfindung Mensch - Wirkung Anthroposophie“ stattfand. Die Weimarhalle liegt inmitten eines historischen Parks, der in den Veranstaltungspausen zum Verweilen einlud.
Foto: Jostein Sæther © 2011
  
Carina Schmid und Benedikt Zweifel & Co bedanken sich nach dem Beifallsbezeugungen für die Eurythmieaufführung „Seelenräume - Zeitenwerden“
Foto: Jostein Sæther © 2011
  
Beate Debus, Rückschreiten. Holz gebrannt (2007). Die Skulptur stand auf dem Weimarer Hauptbahnhof als ich die Heimreise antrat. Foto: Jostein Sæther © 2011
   
Herman Grimm (1828-1901), dem Rudolf Steiner als einen Kollegen im Herausgeben der Weimarer Ausgabe von Goethes Werken kennen lernte. Über ihn vermittelte Steiner seine karmische Forschungen im Jahr 1924 für die Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.
Bildquelle: Wikipedia
Rudolf Steiner, Der Philosoph. Karikatur.
Quelle: mysteriendramen.org
Berliner Sonderbriefmarke zum 200. Geburtstag 1985 von Bettina von Arnim, nach einer Radierung von Ludwig Emil Grimm. Quelle: Wikipedia
Stimmungsbild mit Anthroposophen um den Büchertisch in Weimar. Foto: Jostein Sæther © 2011
Die Jugend hockt an den Füßen Goethes und Schillers während eine Anthroposophin schnell vorbeieilt.
Foto: Jostein Sæther © 2011
1. Das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar ist das älteste und traditionsreichste Literaturarchiv Deutschlands und wurde im Jahre 1885 zunächst als Goethe-Archiv gegründet. Mit der Vereinigung des Schiller-Nachlasses im Jahre 1889 wurde es zum Goethe- und Schiller-Archiv.
Quelle: Wikipedia

2. Einige Beiträge auf dem Kongress wurden später als Buch herausgegeben: buchfreund.de
3. Übersetzt aus meinem Aufsatz in der Stockholmer Zeitschrift Antropos, Dezember 1983: Svärdet och barnet - En antroposofisk fredskongress i Tyskland (Das Schwert und das Kind - ein anthroposophischer Friedenskongress in Deutsch-land.)

4.
Diese einzigartige Ausstellung ist später als Buch mit dem Titel Wunder des Gartens erschienen: amazon.de
5. Joh. Peter Eckermann, Gespräche mit Goethe:
wissen-im-netz.info


6. Das schwedische Originalgedicht wurde in der Zeitschrift Antropos 1983 veröffentlicht: Ut jag blickar i världen, / jag ser att döden bit för bit, / gör öken utav jorden. / Bland människorna råder en ande / som envist vill bevisa / att evigt liv kan hotas.

7. Die amerikanische Originalausgabe erschien 1992 mit dem Titel: Beyond the Ashes: Cases of Reincarnation from the Holocaust, A.R.E. Press, 1992.

8.
In der restaurierten Hütte war auf den Wänden viele Exempel dieser in der ganzen Welt meist übersetzten Gedicht in verschiedenen Sprachen zu lesen: Über allen Gipfeln / Ist Ruh / In allen Wipfeln / Spürest Du / Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde / Warte nur, balde / Ruhest Du auch.
9. Jostein Sæther, Wandeln unter unsichtbaren Menschen. Eine karmische autobiographie, Verlag Urachhaus, Stuttgart 1999. Seite 134f.

10. Vgl. Wandeln unter unsichtbaren Menschen,
Seite 217ff. 

11. Diese Sätze geben nicht den Wortlaut Schillers wieder, sondern meine Zusammenfassung derselben.

12. Meine Übersetzung einer Äußerung von Giya Kancheli, die im Internet in Englisch wiedergegeben wurde: wn.com

13. Rudolf Steiner, Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung. Exoterisches und esoterisches Christentum.
GA 211, Dornach 1986.

14.
Rudolf Steiner, Mein Lebensgang, Kapitel XXI., GA28, Taschenbuch, TB 636, S. 226ff. Steiner weist hier u. a. auf seine Bekanntschaften und Freundschaften im Kreis des Pianisten, Komponisten und Musikpädagogen Conrad Ansorge (1862-1930). 
15. Aus Steiners Beschreibungen in diesem Vortrag in Dornach vom 23. April 1924 (GA 236,TB Seite 59ff) lassen sich die folgenden zwei karmischen Reihen aufstellen:
A. Plinius der Jüngere (Gaius Plinius Caecilius Secundus, 61/62 n. Chr. - um 113 oder 115) / Beatrix von Lothringen (1017-1076), mit Bonifatius, u. a. Herrn von Canossa und Herzog von Spoleto verheiratet / Herman Friedrich Grimm
B. Publius Cornelius Tacitus (58 n. - um 120), römischer Historiker und Senator / Mathilde von Tuszien (1046-1115), Markgräfin auf der Burg Canossa im Emilia-Romagna Apennin, wo auf ihrer Vermittlung Papst Gregor VII. den Kirchenbann gegen König Heinrich IV. im Februar 1077 aufhob / Ralph Waldo Emerson

16. In den Karmavorträgen, gehalten in Dornach zwischen dem 16. Februar und 23. März 1924 (GA 235), spricht Rudolf Steiner von „prägnanten Punkten“, von „signifikanten Eigentümlichkeiten“, vom „Okkultismus im Leibe“ und von „Anhaltspunkten“ der Biographie, die man benutzen kann, um zu Karmaerkenntnis zu erlangen.
17. Im Jahr 1976 publizierte der Kosmos Verlag in Schweden eine Übersetzung von Karl Axel Thelander, die große Teile von Goethes Schriften zur Farbenlehre beinhaltete und versehen war mit einem ausführlichen wissenschaftlichen Notenapparat, verfasst vom Physiker und Farbforscher Pehr Sällström. Das Ganze war ein voluminöser Wälzer mit 460 Seiten, und mit zugehörigem Experimentmaterial, das Sällström gemeinsam mit dem Künstler Arne Klingborg entwickelt hatte. Das große Werk ist seit Jahren vergriffen, aber es wurde in den 1990er Jahren von einer verkürzten Auflage „ersetzt“.

18. Der Begriff Michael-Prophetie wird von
Gerhard von Beckerath in seinem Buch Die Michael-Prophetie Rudolf Steiners zur Jahrtausendwende im Spiegel unserer Seelen-Wege und Arbeitsweisen (Verlag am Goetheanum, Dornach 1999)erläutert: amazon.de

19. Rudolf Steiner, Wiederverkörperung und Karma und ihre Bedeutung für die Kultur der Gegenwart, GA 135, Dornach 1978, Seite 64.

20.
Vgl. Rudolf Menzer, Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft von Weihnachten 1923 und ihr Schicksal, Basel 1923. Eine Kurzfassung dieser Schrift ist im Internet aufrufbar:
lochmann-verlag.com
21. Zitiert nach Peter Wyssling: Die Auferstehung Europas, März 2004: juraferien.ch

22. Vgl. Hans-Jürgen Bracker, Herman Joachim: biographien.kulturimpuls.org

23. Zitiert nach:
anthroposophische-gesellschaft.org

24. Quelle: joergensmit.org