Jostein Sæther | Lebensgefährtin Zeitschrift


Zeitschriften liebe ich. Sie haben mich mein ganzes Leben begleitet. Ich war ihnen immer treu. Anders als Zeitungen, die jeden Tag auf mich mit ihren Nachrichten, Problemen, Ängsten, Gerüchten und unüberlegten Argumenten stürzen, und etliche Wochenzeitungen, die versuchen, jede Wahrheit der Woche zusammenzufassen, lassen Zeitschriften, die einmal im Monat oder bis auf nur vier mal im Jahr erscheinen, mir so viel in Ruhe, dass ich selber mitdenken kann. Eine Zeitschrift ist wie eine Freundin, die mich immer wieder aufsucht. Sie ist zuverlässig und lässt mich nie im Stich. Nur selten betrügt sie mich. Wenn das mal doch geschieht, kann ich damit leben, da ich ja auch andere Zeitschriften lese.

Der Speicher

Im großen Abstellraum über der Schreinerei meines Großvaters mütterlicherseits in Nordnorwegen habe ich zum ersten Mal verstanden, was eine Zeitschrift ist. Dort spielte ich allerlei mit meinen Brüdern in den Sommerferien, besonders wenn es regnete. Da gab es alles Mögliche wie Schuhe, Hüte, Kleider, Bücher, alte Spiel- und Werkzeuge, Holz und Baumaterial bis auf Dürrfisch, das zum Trocknen aufgehängt war. Wir hatten von Oma und Opa und von unseren Onkeln genaue Richtlinien bekommen, mit was wir spielen dürften und mit was nicht. Wir spielten oft Versteck und seltener setzten wir kleine Komödien auf, indem wir Seeräuber und Bürger aus alten Zeiten für einander darstellten.

In einer Ecke der Speicher hinter einer Reihe von Winterkleidern in Plastikaufhängern lagen in Kartons und schön frei aufgestapelt Zeitungen, Illustrierte und Zeitschriften. Zwei der Onkels waren damals Seemänner und sie brachten manchmal vom Ausland Interessantes mit. Ein Zeitschrift das uns stundenlang besonders zum Fesseln brachte, hatte Aufsätze und Bilder über Erfindungen und technische Entwicklung bis auf „Zukunftsaufnahmen“ von Autos, Zügen usw. Manchmal waren etwa technische Spielzeuge beschrieben, die wir nachmachen konnten. Ich erinnere mich ein Ding, das aus Sperrholz in der Form einer Pfeife gemacht wurde, die am „Hals“ einen Einschnitt hatte, wo ein Ledergürtel aufgehängt werden sollte. Das Spielzeug mit dem Gürtel konnte dann mit der schmalen „Mundseite“ auf einem Finger balancieren. Somit lernten wir einiges über die Gesetze der Schwerkraft und über Physik.

Der Zeitschriftleser

Später in meiner Gymnasialzeit hatte ich Freunde, die auch Zeitschriften liebten. Zusammen bestellten wir das schwedische Sökaren – „der Sucher“ – das Aufsätze über UFO, Religion, Philosophie und Phänomene der Parapsychologie brachte. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie durch Arnold Wangsmo, der auch einen Zeitschriftenliebhaber war, lernte ich kennen eine Reihe von früher erschienenen norwegischen Zeitschriften wie Vidar, Janus, Spektrum und Horisont, die unter ihren Redakteuren und Beitragsstellern berühmte Anthroposophen hatten. Zu dieser Zeit – anfangs der 1970er Jahre – gehörten diese vier Zeitschriften der abgeschlossenen Geschichte der Anthroposophie in Norwegen, als Autoren wie u. a. Alf Larsen, Ernst Sørensen, André Bjerke und Jens Bjørneboe auch in der allgemeinen Öffentlichkeit einen gewissen Einfluss hatten. Veranlasst durch diese Zeitschriften entstanden auch in den Osloer Zeitungen ausgiebige Debatte z. B. über Anthroposophie und die darwinistische Entwicklungslehre.

Ich las Ordet – „das Wort“ – herausgegeben von André Bjerke, worin das Riksmål – „die Reichsmundart“, die eine von drei Sprachformen in der komplizierten Sprachlandschaft Norwegens - wegen der früheren kulturellen Abhängigkeit an Dänemark - vertreten wurde. Ich las auch Ergo, ein literarisches Kulturzeitschrift, aus dessen Umkreis der später sehr renommierte Solum Verlag entstand. Dieser Verlag hat klassische und moderne Literatur und Dichtung aus vielen Ländern, besonders aus Russland und Osteuropa übersetzen lassen und herausgegeben und viele Nobelpreisträger auf Norwegisch gebracht. Ich las auch andere norwegische Magazine wie die Literaturzeitschrift Vinduet – „das Fenster“ – und die Kulturzeitschrift Samtiden – „die Gegenwart“.

Später kamen Zeitschriften über Waldorfpädagogik dazu: die norwegischen Mennesket – „der Mensch“ - und Steinerskolen – „die Steinerschule“ – und das schwedische På väg – „Auf dem Weg“. Etwa einen Nachfolger von Alf Larsens Janus usw. hieß Libra und dieses anthroposophische Zeitschrift erscheint noch heute. Hier wirkten meine nahen Freunde, Hans-Jørgen Høinæs und Bjørn Moen, mit, mit denen und mit einigen anderen jungen Anthroposophen zusammen ich in Bergen zwischen 1975-78 das Jugendinitiative Kolumbus betrieb. Ich las auch Herba, die über die biologisch-dynamische Arbeit in Norwegen berichtete. Später habe ich auch gern gelesen eine norwegische Zeitschrift namens Cogito und die dänische Janus, wo Høinæs nach seinem Umsiedeln nach Dänemark auch Redakteur wurde. In vielen Perioden meines Lebens habe ich auch illustrierte Zeitschriften zu Naturwissenschaft, Architektur, Kunst, Archäologie und Geschichte gelesen.

Der Zeitschriftautor

Ab 1978 als ich wieder nach Schweden umgesiedelt war, las ich die anarchistische und sehr einflussreiche Zeitschrift von den später nicht nur in Skandinavien sehr bekannten Autoren Kai Skagen und Peter Normann-Waage namens Arken – „Die Arche“. Ein kleiner Vorgänger des Arken war Josefine, eine Zeitschrift in Norwegen für die Dreigliederung. In Schweden gab es dessen anthroposophischen „Verwandten“, die unregelmäßig herauskommende Balder, die in gewisser Weise in einem ständigen Duell mit der Zeitschrift Antropos stand, wo ich ab Ende 1979 Mitarbeiter wurde.

Dadurch dass ich 1973-75 in der Bibliothek des Rudolf Steiner Seminars in Järna ausgeholfen hatte und in meiner Freizeit zu deren Buch- und Zeitschriftenstände freien Zugang hatte, lernte ich kennen viele ausländische Zeitschriften kennen, wie Die Kommenden, Das Goetheanum, Die Drei und die Mitteilungen der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. Ab 1975 abonnierte ich sowohl Die Kommenden als auch Das Goetheanum. Erstere hielt ich einige Jahre und die Letztere habe ich bis heute abgesehen von einpaar Zeitlöchern, wo ich zuwenig Geld hatte, gehalten. 

In den Anthropos-Jahren bekam ich durch deren Chefredakteur, Ingrid Sahlberg, viele schwedische Kulturzeitschriften zur Kenntnis. Weil ich in dieser Zeit selbst Gedichte schrieb und viel Poesie las, bezahlte sie für mich über viele Jahre das Abonnement des schönen Lyrikvännen – „Der Lyrikfreund“. Es gab auch andere Kunst-, Literatur-, Theater-, Tanz-, Kultur- und politische Zeitschriften, die ich zwischendurch kaufte, wenn ich für Arbeit, Kino, Ausstellungen, Messen oder sonstige Besuche nach Stockholm fuhr. Eine herausfordernde, aber interessante literarische Zeitschrift war Kris - „Krise“. Während meines Kunsttheoriestudiums Mitte der 90er Jahre lernte ich auch einige ihrer Autoren als meine Dozenten kennen. Viele Jahre bezog ich auch eine schwedische Wochenzeitung, Tempus, die Übersetzungen der Nachrichten mit Hintergrundswissen ausländischer Zeitungen z. B. aus Le Monde brachten. 

Mein erster Zeitschriftenaufsatz, nachdem ich mehrere Zeitungsbeiträge vorher geschrieben hatte, erfolgte 1976. Für Josefine schrieb ich einen Aufsatz über meinen damaligen Arbeitsplatz Rostadheimen und über die anthroposophische Heilpädagogik. Ab 1979 folgten dann die vielen Aufsätzen in Antropos. 1982 besuchte uns in der Skilleby Atelier in Järna eine kleine „Delegation“ von Anthroposophen. Unter ihnen waren die Norweger Jørgen Smit und Oddvar Granly. In meinem Wohn- und Arbeitszimmer entwickelte sich ein interessantes Gespräch über die letzten Angriffe an die Anthroposophie in Schweden, die ich ihnen durch das Lesen eines Buchs des bekannten Autors und Kunsthistorikers Peter Cornell aufrollte. Granly war von meinen Argumenten wohl so beeindruckt, dass er eine Rezension von mir für Libra, wo er ein Redakteur war, sofort bestellte. Ich schrieb den Aufsatz sehr schnell und schickte ihn nach Oslo. Daraufhin hörte ich von ihm oder von Libra nichts mehr, sodass der Aufsatz stattdem später in Antropos veröffentlicht wurde.

Ein Wunder

1997 erschien ein Beitrag von mir über Karmaforschung in der Stuttgarter Zeitschrift Die Drei in derer Osternnummer, die von einer der Arrangeure, Nothart Rohlfs, als Themenheft für den gleichlaufenden Kongress über Reinkarnation und Karma in Berlin zusammengestellte. Später kam heraus, dass die damaligen Herausgeber nicht meinen Aufsatz hätten veröffentlichen wollen, falls sie ihn genauer unter die Lupe bekommen hätten. Er wäre quasi in der letzten Nacht wie in einem Wunder durchgesickert. Nach dem erscheinen meines ersten Buch wurde es mir immer schwieriger, Texte in anthroposophischen Zeitschriften zu veröffentlichen. Nur weil ich scheinbar ein gutes Karma zu der Dornacher Redaktion habe, konnte ich immer wieder über einige Jahre für die Wochenschrift kontinuierlich schreiben.

Außerdem gibt es einige Publikationen in Norwegen wie die Esoterikzeitschrift Alterantivt Nettverk (heute Vision) in Oslo und Sofia in Trondheim, einige andere in Dänemark, Großbritannien, Holland und Italien, die Originalbeiträge und Übersetzungen von anderswo erschienenen Aufsätzen oder Interviews mit mir gebracht haben. Einpaar weitere Zeitschriften in Deutschland wie Lazarus21 waren für meine Beiträge größtenteils auch offen, aber Die Drei, info3 und Der Europäer halten ihre Türen für mich scheinbar gut verriegelt. Die zwei Letzteren hielten jedenfalls nicht viel von meinem ersten Buch.

Gemeinsame Tanzschritte?

Weil Zeitschriften immer von Menschen betrieben werden, die ihre Meinungen, Auffassungen, Ideen und Vorlieben pflegen und hüten, entsteht eine Beziehung als Leser zu ihnen auch durch das Zusammenspiel mit den eigenen geistig-seelischen Eigenschaften. Meist brauche ich aber eine gewisse Zeit, um eine Zeitschrift richtig kennen zu lernen, um zu sehen, ob ich mit ihr dauerhaft einen gemeinsamen Weg gehen möchte. Nur selten wird hier die Liebe beim ersten Blick geweckt. Mit Kris war es aber so. Auch mit Arken und mit Sofia verliebte ich mich sofort. Als ich später der Arken-Redakteur Kaj Skagen kennen lernte, und seine „Doppelsinn“ - die eine andere als meine Zweideutigkeit ist - und seine Tendenz Anthroposophinnen zu kritisieren, die ich in Kolumbus erlebte, las ich immer Arken mit gewisser Wachsamkeit.

Das jahrzehntelange Beisammensein mit Das Goetheanum ähnelt übrigens vielleicht einer Ehe. Diese Beziehung musste aber irgendwie gelernt werden. Oft wurde ich über viele sehr intellektuelle Aufsätze darin ermüdet und zuwider gestellt, und ich habe in der Stille oft eine Trennung oder eine Scheidung überlegt. Als die Scheidung von der AAG und der FHG kam, habe ich die offene Beziehung mit der Wochenschrift jedoch fortgesetzt, wahrscheinlich weil hier noch wichtige Lebensaufgaben warteten.

In anstrengenden Lebenssituationen und arbeitsamen Zeiträumen häuften sich nur leicht geöffnete oder gänzlich nicht gelesene Nummer von Zeitschriften. So bin ich immer vorsichtiger geworden, Geld auszugeben für meist sehr teuere Blätter, die ich sowieso im Moment nicht oder nur während z. B. einer Zugfahrt lesen kann. Esotera, Was ist Enlightenment, Connection oder was sie nun alle heißen, habe ich dennoch des Öfteren gekauft und somit wichtige authentische Berichte gelesen. Seitdem ich ab 2001 mit dem Internet verbunden bin, lese ich Druckmedien allerdings weniger als früher. Und seitdem ich eine Website und einen Blog betreibe, das auch mit sich bringt, dass ich die Seiten anderer besuche und dort mich als kommentierender Nutznießer beteilige, habe ich meine lieben Zeitschriften leider vernachlässigt.

Vielleicht stirbt für mich dieses lebenspendende Phase der Lebenszeit irgendwann in jeder Beziehung ganz ab. Das wäre sehr schade, aber vielleicht am Beginn des 21. Jahrhunderts doch notwendig. Was wäre dann mir lieber als diese Beziehungen in einem anderen Medium neu zu entdecken, wie in einem neuen Leben wieder zu begegnen? Nichts wäre mir lieber, als mit einer neu ins Leben berufene Internetzeitschrift die Zukunft gemeinsam entgegen zu treten, die dann Profilzüge von Janus, Arken, Ergo, Sofia und vielleicht noch von Antropos haben könnten, aber auch mit dem Europäer und der info3 gemeinsame Tanzschritte auf einem für uns allen neuen Speicherboden versuchen würden.


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Gamamila
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16. Oktober 2008
Foto: NORSK UKEBLAD, "Norwegisches Wochenblatt" aus den Jahren 1958-60. Meine Mutter, die später auch meine norwegischen und schwedischen anthroposophischen Zeitschriften las, hielt diese Illustrierte, und hier las ich schon als Kind zum ersten Mal etwas über Reinkarnation.
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