Gamamila

2009/04/06

Die Bürde


Hier sehe ich sie,
Millionen von Wesen,
gehen gebeugt unter einer gewaltigen Bürde.
Unzählige Geschlechter und Völker,
durch Jahrhunderte und Jahrtausende…
Ohne Rast und Ruhe,
kaum, dass sie ein Augeblick ruhen dürfen
unter einem freundlichen Baum am Wege!
Einige sind mit Gold und Silber gelastet und stolzieren in
                                                       teueren Brokaten,
andere tragen eine Bürde von Plunder,
eine Ladung aus Lumpen und Armut.
Für einige ist es die unerträgliche Ekstase der Last,
die sie wie ein Teufel auf dem Rücken reitet.
Für andere – oh, Rätsel –
ist es eine rauschende Freude,
ein Engel steht auf ihren Schultern!

Andere wieder sehe ich mit einem Sack voller Grübelei,
die sie zur Erde drücken,
und abermals andere, die hängen unter einem Ballon
                                voller aufgespielten Gefühlen.
Sie hüpfen hinüber die Erde!
Aber ich kann sehen, dass es die gleiche Bürde ist,
nur bemessen nach Natur und Begabung eines jeden.
Welche Bürde ist es?
Es ist das Leben!

Auch ich trage diese Bürde.
Und mich wiegt es schwerer als die meisten,
denn ich weiß, was ich trage.

Alf Larsen

Übersetzt nach Byrden in: Alf Larsen, Siste strofer, Dikt, Dreyers forlag, Oslo 1969.

Alf Larsen (1885-1967) norwegischer Lyriker, Essayist und Redakteur. Er engagierte sich als Dichter und Schriftsteller sowie als Herausgeber für ein freies Geistesleben in Norwegen. Durch die Zeitschrift „Janus“ stellte er die Anthroposophie fruchtbar in das öffentliche Kulturleben Norwegens. Als der Nationalsozialismus über Europa kam, trat er zusammen mit Johannes Hohlenberg als engagierter Kritiker und Warner auf. Weitere biographische Auskünfte über Alf Larsen gibt es in der Biographien-Dokumentation der Forschungsstelle Kulturimpuls zu lesen.

Bild: William Blake (1757-1827),
Satan schüttet die Plagen über Hiob aus. Quelle: Wikipedia

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2009/03/26

Aphorismen von Kurt Narvesen

Arbeit
Du bist nicht derjenige, der nach den Aufgaben sucht – es sind die Aufgaben, die nach dir suchen. Mache es nicht zu schwierig für sie!

Tun
Alles darfst du tun, wenn nur die eine Sache für dich klar ist: dieses tue ich für mich selbst.

Hoffnung
Die Hoffnung ist die Schwester der Passivität.

Lebensweisheit
Was heißt, zu versinken - oder eine Sache auf den Grund zu gehen? Wir fallen alle gegen den Grund in uns selber – ob wir es merken oder nicht. Es reicht, dass die Jahre vergehen.

Der norwegische Lyriker und Übersetzer Kurt Narvesen (geb. 1948) lernte ich persönlich kennen anfangs der 1980er Jahre in Oslo, als eine Gruppe von Pädagogen, Bühnenkünstlern und bildenden Künstlern um den Autor, Waldorflehrer und Musiker Hans-Jørgen Høinæs aufrufen wollte ein künstlerisch-soziales Projekt an den Oslofjord bei Tønsberg. Narvesen debütierte 1975 und hat viele Gedichtsammlungen herausgebracht. Seine gesammelten Gedichte erschienen 2008. Er hat viel amerikanische Poesie ins Norwegische übersetzt, und er bekam in Norwegen ein großes Lob für seine dichterische Deutung der kompletten Ausgabe von Walt Whitmans Leaves of Grass.

Seine Aphorismen oder, besser gesagt, sogenannte „Ordtak“ (Wortnehmungen) fand ich auf eine norwegische Site mit Sprichwörtern.

Bild: Jostein Sæther, resisto, Computergrafik (2006).

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2009/02/03

Arne Garborg: Vindtrolli

Meine eurythmisch tätige Ehefrau braucht immer Gedichte für ihre Arbeit. Sie bat mich vor einigen Tagen, ein norwegischer Vers über Trolle zu finden und zu übersetzen. So nahm ich mir vor Vindtrolli (Die Windtrolle) von Arne Garborg. Das Ergebnis wurde so erfrischend und adrett, das ich es gerne weiterleite, auch wenn die deutsche Fassung lange nicht der alerten Bündigkeit des Originals einlöst. In meiner Jugend lernte ich das Gedicht zu singen nach der Melodie eines mir unbekannten Tonkünstlers, aber ob ich es im Wolfersheimer Männerchor vorsingen werde, überlege ich mich noch. Zu meinem heutigen 55 Geburtstag und zu der 1. Geburtstag meiner Website, denke ich, passt das Gedicht der Windtrolle, zudem das vergangene Jahr auch sehr wehend war. Lass uns auf stillere und friedfertigere Tage erhoffen!

Arne Garborg(1851-1924) war ein norwegischer Autor, der das vom Dichter Ivar Aasen - Sprachforscher, Dichter und engagierter Botaniker - synthetisierte Landsmål (heute Nynorsk, eine der drei Landessprachen Norwegens außer Bokmål und Samisch) frei anwendete. Einige seiner Romane, die zu Lebzeiten des Autors auch in Deutschland viel gelesen wurden, zählen zu den Hauptwerken des norwegischen Naturalismus: Bondestudentar (Bauernstudenten), Mannfolk (Aus der Männerwelt), Hjå ho mor (Bei Mama) und Trætte Mænd (Müde Seelen).

Garborg war mit dem in Norwegen lebenden indischen Philosophieprofessor, Yogi, Guru und Poet Swami Sri Ananda Acharya, genannt Baral,(1881-1841) befreundet. Der Gedankenaustausch mit diesem Ideengeber einer künftigen Friedensuniversität fand Niederschlag in seinem Tagebuch. Um das Landsmål weiter zu entwickeln, bekam Garborg gegen das Ende seines Lebens eine staatliche Dichtergage. Er nahm sich dann viel Zeit, um internationale Literaturklassiker zu übersetzen.

Die Windtrolle

Tschüh! Büh! sagt Norden-Weißbart,
er kullert die dunklen Flügel.
Er jault und saust über nackte Heid;
er wütet um Wiesen und Hügel.
- Tschü ...

Tsjüh-hü-hüh! sagt Nordwest-Eistroll,
er kentert Steven und Barken.
In der Tiefe betäubt er das Meer;
aus fünfzehn Faden holt er den Harken.
- Tschü ...

Tsjüi-lü! sagt Westen-Seemann,
er kommt so weit aus dem Meer.
Leicht spielt der Bub um braune Hügel,
verlässlich ist er freilich nicht so sehr
- Tschü ...

Tsjüi-lü! sagt Westen-Seemann,
anwesend ist er salz und nass.
Er lockt mit Sonne, mit hellem Horizont,
aber meistens weint er voll das Fass.
- Tsjchü ...

Tsjü-sü! sagt Öster-Bergmann,
er ist so scharf und klar.
Er kommt aus all den lichten Gipfeln
mit Schneehut um das geschneite Haar.
- Tschü ...

Sülilü! sagt Süden-Lichtelfe,
im Laub er saust, das Kraut er gelingt.
Blumen hat er in beflügeltem Haar
und bläst auf Flöte und singt.
- Tschü ...

Sülilü! sagt Süden-Lichtelfe,
als Schäfer will er nimmermehr weinen;
dann hopsen seine Lämmer froh umher
und fußen auf sonnenwarmen Steinen
- Tschü ...

Sülilü! Ah, du selige Sommer
mit Sonne am Berg, mit mir als Schwimmer.
Dann ruh’ ich im Gras den besten Labsal
und erwachet ohne Gewimmer.
- Tschü ...

Bild: Olav Rusti (1850-1920), Portrait von Arne Garborg, 1912-14, im Besitz des Verlages Aschehoug. Quelle: wikimedia.org

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2009/01/15

Zweisamkeit während 100 Jahre

Wie die Anthroposophie Eingang fand in Norwegen

Die Kulturelite in Norwegen und die Anthroposophie fanden vor hundert Jahren zusammen. Die Freundschaft ist weiterhin warm, und die Tatsache, dass Rudolf Steiners Praxisbuch zur Meditation Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten in akademischen Kreisen beginnt, als eine „heilige Schrift“ gezählt zu werden, wäre in Mitteleuropa gar nicht denkbar. Ein Kenner der Alternativszene in Norwegen, Marius Lien, hat Interviews gemacht mit verschiedenen Forschern - wie Jan-Erik Ebbestad Hansen, Tore Rem, Jeanette Sky, Anne-Mette Stabel und Peter Normann Waage -, die die anthroposophische Bewegung in Norwegen von innen kennen und/oder sie von außen wissenschaftlich untersuchen. Liens zeitgenössischen Rückblick, der auch für deutschsprachige Leser einen Stellenwert haben könnte, habe ich übersetzt nach dem norwegischen Text, der im Osloer Wochenzeitung Morgenbladet am 19. Dezember 2008 publiziert war.

«Auf unserem kollektiven Netzhaut tauchen gemischte Vorstellungen auf: von Kräutern und Handarbeiten, und von der Eurythmie, dieser ballettartigen Theatergymnastik, die den Waldorfschülern einen steifen Nacken und viele Grübelei geben. Einige von uns haben Jens Bjørneboes Jonas gelesen, wo die Waldorfschule erscheint als der tatsächliche Garten des Edens. Einige haben die von Architekten entworfenen anthroposophischen Gebäude gesehen, die Mutigsten haben sie selber betreten. Unabhängig auf welchem Niveau von Steinernahe man sich befindet, ist die Anthroposophie in einem Schleier von Mystik eingehüllt. Und es ist schwierig festzustellen, ob der Schleier von innen oder von außen geschaffen wird»[weiter]

Abgelegt in Chronik

Bild: «Einpaar Worte mit dem berühmten Mann» - Ein Interview in der Osloer Zeitung Tidens Tegn mit Rudolf Steiner, als er nach Oslo 1921 kam. Bildquelle: antroposofi.no

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