Gamamila

2009/06/15

Farbmeditation

Begegnen dem Geistwesen des Rots

Es ist außerordentlich empfehlenswert, Rudolf Steiners Angaben zu Farbmeditationen zu lesen, noch mehr aber, sie tatsächlich zu üben. Er stellt in einem Vortrag vom 1. Januar 1915 dar (in: Rudolf Steiner, Das Wesen der Farben, GA 291, Dornach 1976, Seite 96-111), wie der Übende beim Hineinleben in das Gelbe in ein Stadium der Evolution zurück versetzt wird, das noch in die Zeit vor der allerersten Inkarnation fällt.

Wenn wir uns meditativ mit den Farben beschäftigen, wird es allmählich deutlich, dass sie mit unterschiedlichen Ebenen der geistigen Welt, mit wechselnden Attributen des Göttlichen und mit bestimmten moralischen Fähigkeiten des Menschenwesens zu tun haben. Aus diesem Grund können wir auch begreifen, warum sowohl in vielen Mythen wie auch in der Bibel der Regenbogen nach der so genannten Sintflut als Zeichen eines erneuerten Bundes zwischen Gott und den Menschen an den Erdenhimmel gesetzt wurde. – Wenn wir in Meditationen innere Bilder und Vorgänge schauen, die Farbiges beinhalten, so dass wir mit Sicherheit sagen können, wie die Farbe erschienen ist, können wir diese als Grundlage für einzelne vertiefende Meditationen auswählen…[weiter]

Abgelegt in Forschung

Bild: Kasimir Malewitsch (1878-1935), Rotes Quadrat. Malerischer Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen, 1915, Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg. Quelle: Wikipedia

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2009/06/09

Freies Denken – das schlicht Künstlerische

„Der Weg zur Überzeugung wird nicht von allen beschritten, er hat keine Kennzeichen oder Anweisungen, die sich mitteilen, erlernen oder befolgen ließen. Dennoch hat jeder in sich selbst das Bedürfnis, ihn zu finden, und den eigenen Schmerz als Wegweiser; jeder muss sich den Weg ganz von selbst neu erschließen, denn jeder ist allein und kann nur von sich selbst Hilfe erhoffen: Der Weg zur Überzeugung kennt nur eine einzige Anweisung: Füge dich nicht in die Genügsamkeit mit dem, was dir gegeben ist.“

Carlo Michelstaedter

Durch künstlerische Tätigkeit und Pflege von Seelenübungen, wie solche, die sonst wo auf meiner Website beschriebenen sind, werden wir feststellen, dass gewöhnliches Denken, eingebürgertes Fühlen und gewohntes Wollen mit verschiedenen Dingen belastet sein können, die vor dem meditativen Leben sortiert, klassifiziert und vielleicht ausgeräumt werden müssen, wenn sie uns später nicht im Wege stehen sollen. An unserem Ausgangspunkt sind wir alle durch diesen seelischen Ballast aus Erziehung, Kultur und Gewohnheit geprägt. Das Missverständnis – laut eines Blogkommentars von Michael Eggert –, in welchem ich wahrscheinlich beim Lesen Christian Grauers „Spirituellen Aufklärung“ gefallen bin, bezieht sich letztmöglich auf diesen seelischen Sperrmüll.

Wer würde behaupten wollen, dass das Beste, was er aus früheren Inkarnationen mitgebracht hat, nicht in irgendeiner Weise durch schwierige Kindheits-, Jugend- und Erwachsenerlebnisse – die vielleicht nicht karmisch bedingt sind, aber dennoch aus anderen Gründen aufgetreten sind – gewissermaßen beschädigt worden ist oder sogar fast wie verloren ging? Selbst der in früheren Zeiten höchste Eingeweihte muss in einer heutigen Inkarnation damit rechnen, durch belastende Erfahrungen gehen zu müssen, die ihm klar legen, dass er seine Seele neu zu gestalten hat, wenn er erneut zu Geisterkenntnis kommen will. Die Übungen, die ich in meinem zweiten Buch beschrieben habe, sind solcherart, dass die Seele dabei eine Reinigung, Aufklärung und Läuterung erfährt. Diese Prozesse finden aber nicht ganz automatisch statt, sondern man muss sich dabei beobachten und sehen, wie sich die Wirkung der inneren Arbeit auf das fortdauernde Bewusstsein und das tägliche Leben entfaltet. Der Seelenfaktor, der diese Aufsichtsarbeit mit einem selbst macht, der diese Kontrollfunktion übernehmen muss, ist unbestritten das Denken. Nur jeder selbst kannst wissen, wie weit man sein Denken geschult hast, damit man durch Selbsterkenntnis so weit gelangt, dass bei der weiteren Geistschulung die Seele einen nicht belasten, betrügen oder in die Irre führen wird…[weiter]

Abgelegt in Chronik

Bild. Carlo Raimondo Michelstaedter (1887-1910), Selbstportrait. Er war ein italienischer Schriftsteller, Philosoph und Maler, der sich das Leben im Alter von 23 Jahren nahm. Quelle: Wikipedia

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2009/06/05

Die Erleuchtungsfalle

Erleuchtung bedeutet für mich, sich als geistiges Wesen zu erkennen. Erleuchtung bedeutet dem Licht des göttlichen Funken zum Vorschein kommen zu lassen, sodass ich etwas wahrnehmen kann, was vorher im Dunkel in mir lag. Diese Erkenntnis leugnet keine Existenz anderer geistigen Wesen, sondern nimmt sie in den eigenen Lichtraum ein. Sie verneint auch nicht, dass es andere Geistwesen außer den Menschengeistern geben. Bin ich damit ein Opfer der Erleuchtungsfalle? Bin ich im Netz der eigenen Wünschen und mythischen Archetypen meiner Seele gefangen, wenn ich spreche von separaten geistigen Wesen außer mir, die innerhalb einer geistigen Ebene leben und wirken, die ich nicht immerwährend sondern nur sporadisch mit meinem höheren Bewusstsein erfassen kann? Verfolge ich die Diskussionen zum Thema Erleuchtung, zu deren Interpretationen und Konsequenzen für das alltägliche Leben, dann komme ich eventuell zu Antworten auf diese und andere Fragen.

Beispielsweise wie kommt es, dass einige sogenannten Erleuchtete in der Gegenwart dieser meiner Erkenntnis in Abrede stellen? Dass sie nur von sich als ein göttliches Wesen sprechen? Dass sie kaum oder überhaupt nicht von anderen Geistwesen sprechen? Wie kann es sein, dass ein Sebastian Gronbach, der als integraler Aktionist eine Art Reformation der Anthroposophie verkündet, als seine Wahrheit postuliert, dass Rudolf Steiner nur geniale und poetische Beschreibungen spezifischer Formen und Zustände der menschlichen Innenwelt erfunden habe, als er von Erzengeln, den Widersachermächten Luzifer und Ahriman, den Elementarwesen und am Ende auch von Christus schrieb und sprach. Er wertet Steiners Anthroposophie ab als „die wissenschaftliche Methode der Versinnbildlichung“ und deutet die spezifischen anthroposophischen Begriffe als Kunstgriffe, „um komplizierte menschliche Ideen in eine populäre Form zu gießen, mit denen wir über das Denken hinaus eine lebendige Beziehung eingehen können.“

Ein geistiger Verwandter Gronbachs, Christian Grauer, der sich mit der Neukreation
Infosoph bezeichnet, scheint mir in seiner spirituellen Aufklärung seiner Anthroposophie gegenüber ehrlicher und weniger schwulstig als jener zu sein, wo dieser quasi von mehreren Seiten seine durch Jahrzehnte aufgetürmten anthroposophischen Phantasien bombardiert in einem Rückblick auf eine existenzielle Krise und ein singuläres meditatives Kulminationsereignis:

„Die Besonderheit dieser Erfahrung liegt nicht in ihrem Inhalt, sondern in ihrer Qualität. Das Erlebnis war nicht annähernd so intensiv wie das von irgend welchen Rauschzuständen oder anderen extatischen Erlebnissen. Es war mit ihm keinerlei exponierter Inhalt, keine Vision oder ein besonderer begrifflicher Zusammenhang verbunden. […] Es ist das Bewusstsein, in dem nicht nur die Welt sondern auch ich selbst aufgehoben bin. Es ist jene reine präsubjektive Operationalität, welche in konstruktivistischen Begriffen jeglicher ontologischen Instanz vorangeht. […] Mit dem Auftauchen dieser Bewusstseinsqualität, die man reines Bewusstsein nennen könnte, entschlüsselte sich für mich auch plötzlich eine bestimmte Schicht jener Mythen und Sagen, jener Fülle an okkulten, esoterischen, gnostischen, spirituellen und religiösen Weisheiten, die in unterschiedlichster Form auf diese Art des bewusst seins Bezug nehmen. […] Man erkennt plötzlich in diesen Versuchen, das Unsagbare zu sagen, was gemeint ist und weiß zugleich, dass man es nie verstehen würde, hätte man es nicht selbst erlebt. […] In dieses reine Bewusstsein fällt die ganze Erleuchtungsrhetorik zusammen.“

Christian Grauer möchte vermitteln „eine ganz grundlegende Erfahrung der Einheit, bei der Karma, Spiritualität, Philosophie und Biographie erst beginnen können, sich im eigentlichen Sinne frei zu entfalten“. Als Anthroposoph ist er an der Entdeckung dieser neuen Erfahrungsschicht besonders überrascht, weil er erlebt, dass hinter den anthroposophischen Beschreibungen einer geistigen Welt die „Erfahrung des Absoluten“ sich verbirgt, die aber – wie es mir scheint – in keiner Weise auf Wesenhaftem außer ihn selbst hinweist. Er konstatiert, dass die Anthroposophie als spiritueller Schulungsweg auf diese Dimension der Erfahrung zwar hinzielt, aber er wäre selber in ihren methodischen Anweisungen verleitet worden:

„Jene Anthroposophie, von der mich abzulösen der Beginn der Entwicklung war, die mich schließlich zu dem geschilderten meditativen Erleben gebracht hatte, führte umfangreiche und komplexe Vorstellungen einer geistigen Welt und ihrer imaginativen, inspirativen und intuitiven Erschließung mit sich. […] Ich erwartete als Anthroposoph tatsächlich, dass sich im Dunkel der von allen sinnlichen Wahrnehmungen abgeschotteten Innerlichkeit die Vision geistiger Inhalte einstellte und gleichsam nur eine zweite Form der Wahrnehmung die erste ersetzte und ergänzte.“

Im einfachen und schlichten Achtsamkeitserlebnis tauchte für Grauer jene Form der Anthroposophie, die er gepflegt hatte, nicht auf: „Meditation ohne Anspruch auf Visionen, Erkenntnisse, Entwicklungsfortschritt, Übung oder eine andere mit Bedeutung gefütterte Zielsetzung wurde gleichsam als leere und geistferne New-Age-Scharlatanerie abgetan. […] Bedauerlich ist dies im Rückblick insbesondere deswegen, weil außer Frage stehen muss, dass Rudolf Steiner diese Tür kannte und nutzte, sie ihm vielleicht wie kaum einem Anderen in unserer Zeit eine gleichsam angeborene Selbstverständlichkeit war. Dies zeigen die durchaus vorhandenen Bemühungen von Steiner, Wege zur geistigen Schulung zu weisen.“

Grauer überlegt, ob Steiner selbst ein Bewusstsein davon hatte, welcher Schritt normalerweise erforderlich ist, um im Alltagsbewusstsein dieser spirituelle Schicht aufzufinden, da sie für ihn, wie er in seiner unvollendeten Autobiographie darstellt, schon seit der Kindheit offen lag. Er stellt fest, dass Steiners Werk bei allen sonstigen erstaunlichen Wirkungen auf dem Gebiet der Esoterik historisch versagt habe, und
die Anthroposophie sei von anderen Strömungen überholt. Für ihn erscheint sie im Kontext moderner spiritueller Strömungen geradezu philiströs zu sein. Sie sei „bepackt mit einer unglaublichen Fülle an theoretischem spirituellem Inhalt und davon inspirierten praktischen Kulturtechniken […] aber dennoch bleibt sie vor den Toren der viel beschworenen geistigen Erfahrung stehen.“

Das konkrete Erleben fehlt
der Anthroposophie, konstatiert Christian Grauer blasiert: „Sie weiß um das höchste Ziel der Menschheitsentwicklung, ist aber gerade dadurch blockiert, den ersten Schritt auch zu tun! Das zumindest ist mein persönlicher Eindruck im Rückblick auf meine Karriere als Anthroposoph und die keineswegs atavistische sondern befruchtende Wirkung der ganz unprätentiösen Hinweise auf die Möglichkeiten des unmittelbaren meditativen Erlebens.“

Christian Grauers Satz
„Diese Fülle an präsupponiertem Inhalt, verbunden mit einer pathetischen und teleologischen Entwicklungsrhetorik und der Vorstellung eines primär visionären Charakters einer spirituellen Bewusstseinserweiterung, verstellte mir im Grunde komplett den Zugang zu dieser Erlebnisqualität reiner Bewusstheit“ nehme ich als Ausgangspunkt einer Rückblicksmeditation. Im Ergebnis dunstet mir eine monströse Imagination auf, die Rudolf Steiner völlig auf dem Kopf stellt. Er wäre irgendwie umgekehrt inkarniert! Sein Tod wäre sein Geburt gewesen und sein Geburt der Tod! Er hätte rückwärts gelebt, sodass seine Karmaforschung am Anfang stehe, gefolgt von der Weihnachtstagung von 1923, der Gründung der Waldorfschule, dem Bau des ersten Goetheanums, den Mysteriendramen, seinen Grundbüchern und dem Eintritt in die Theosophische Gesellschaft! Dann käme die Berliner Zeit, Weimar, Die Philosophie der Freiheit und gegen Ende würde die Begegnung mit dem unbenannten Meister und diejenige mit Felix Koguzki kommen und ganz am Schluss die Jahre mit seiner Familie in Österreich-Ungarn! Solch gelebt, hätte Steiner sich von den mythologischen Irrbildern ausnahmslos befreien können, um du der „einfachen“ Erleuchtung zu kommen, die er als 19jähriger laut Sebastian Gronbach, Christian Grauer und andere Autoren der Zeitschrift Info3 wie Felix Hau gehabt habe!

Sind die Anthroposophen – und ich mit ihnen – Opfer einer makabren Geschichtsverfälschung? Oder könnte es sein, dass Gronbach und Grauer in eine Erleuchtungsfalle geraten sind, wo sie wegen einer Art Verdrängungsmechanismus nicht kapabel sind, zu erkennen, warum sie keine anderen geistigen Wesen außer sich selbst erleben können? Ein Hinweis gerade von Steiner könnte Licht in diese Problematik werfen, sofern man noch dafür offen ist, sich nicht festlegen zu müssen.

„Das, wovon man in Wirklichkeit redet, wenn man heute vielfach von seinem Gott spricht, das ist der einzelne Angelos oder gar das eigene Selbst in der Zeit zwischen dem letzten Tode und der jetzigen Geburt.“ (Rudolf Steiner in:
Erdensterben und Weltenleben, GA 181, Dornach 1967, Seite 353) Steiner sieht also hinter solchen Gottesvorstellungen wie z. B. dem modernen protestantischen (es könnte hinzugefügt werden der mit drei Gesichtern integrale) Gott nichts anderes als das Wesen eines Engels. Steiner ergänzt: „Es ist ein verborgener Egoismus von den Menschen, unmittelbar zu dem Gotte sich erheben zu wollen, denn sie wollen sich in Wahrheit […] nur zu ihrem Gotte, zu ihrem eigenen Engel erheben. Indem der Mensch eigentlich nur zu seinem Angelos aufblickt, das sich aber nicht gesteht, sondern glaubt, er blicke zu dem Gotte auf […] betäubt er durch diese unwahre Vorstellung in einem gewissen Sinne seine Seele.“

Könnte falsche Vorstellungen vom Spirituellen und einen unfreien Umgang mit anthroposophischen Begriffen und Inhalten eine Betäubung der Seele dem eigenen Ich so heruntertrüben, dass bei geistigen Erlebnissen, wie diejenige oben von Christian Grauer geschilderte, sich andere geistige Mächte in die Seele einschmuggeln, die dort in dieser Weise nicht wirken sollen. Steiner erläutert: „Das heißt, es schleicht sich an die Stelle des Engels, den man zunächst verehren wollte, den man umtauft zu ‚Gott’, der luziferische Angelos ein. Dann aber ist die schiefe Ebene, die den Menschen hinunterführt, sehr nahe. […] Und dieser luziferische Engel wird den Menschen alsbald in den Materialismus hineinführen. Dieser maßlose Hochmut, der noch oft als Demut angesprochen wird, er ist es, welcher letzten Endes den Materialismus hat hervorbringen müssen.“ (
Das Karma des Berufes des Menschen in Anknüpfung an Goethes Leben, GA 172, Seite 180f)

Die folgende biographische Beschreibung von Christian Grauer stellt die zuletzt zitierten Worte von Steiner in einem aufschlussreichen Licht: „Was mir als unhintergehbarste Gewissheit galt, nämlich dass der Welt irgend so etwas wie ein höherer Sinn unterliege, wie immer der auch aussah, das musste ich anzweifeln. Dass es gleichsam etwas wie eine Auflösung des Rätsels gab, die über die unmittelbar sinnliche Welt hinaus ging, das musste ich in Frage stellen. Ich musste als Spiritualist, der ich als Anthroposoph war, zuallererst zum radikalen Materialisten werden. Und selbst daran würde ich noch zweifeln müssen.“

Wenn es nun so wäre, dass in der modernen Erleuchtung der integralen Szene der eigene Schutzengel nicht sofort erkannt wird, sondern wie vom aufgeblasenen Ego verschoben wird, sodass nur sein letzter „Atemhauch“ als geistige Wahrnehmung bleibt, der dann in schönen, sogar philosophischen Worten als das eigene Geistwesen und zugleich als Gott gepriesen wird, dann wäre diese offenbar-esoterische Ausführung wohl noch ergötzlich. Es könnte aber auch bei jemand der Umstand eintreffen, dass der nicht erkannte Schutzengel nicht imstande ist, ein wahres Geist-Erleben zu vermitteln. Es könnte unter Umständen sein, dass er nicht derjenige ist oder der geeignete ist, um eine sinngemäße Begleiterfunktion in der Meditation zu übernehmen. Rudolf Steiner hat beschrieben, warum schon im Hochmittelalter das Karma der ganzen Menschheit in Unordnung kam, mit der Folge, dass eine Disharmonie in der zu Michael gehörenden Rangordnung der Engelwesen eintrat. (Vgl. Rudolf Steiner,
Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Band III, GA 237, Seite 179f)

Auf dem achten ökumenischen Konzil in Konstantinopel im Jahre 869 erhoben die römisch gesinnten Kirchenväter nämlich zum Dogma, dass der Mensch nur aus Leib und Seele besteht. In der westlichen Kirche wurde seitdem dem Geist keine Selbständigkeit mehr zugemessen. Der Geist im Menschen wurde für das allgemeine Bewusstsein der abendländischen Welt quasi ‚abgeschafft’. Damit begann nicht nur auf Erden ein Schisma in der Christenheit, das bis heute ihre Konsequenzen nach sich zieht, sondern auch in der geistigen Welt konnten die Schutzengel der Menschen in den folgenden Erdenleben nicht mehr alle Erlebnisse richtig in das Karma hinein stellen, weil sie die menschliche Freiheit zu respektieren haben, auch wenn jemand seinen Geist, in welchem sein Karma wurzelt, verkennt.

Falls die Herren Gronbach, Grauer und Co. die Bereitschaft hätten, die individuelle Reinkarnation als etwas Wahres zu begutachten, würden sie sich womöglich auftun, ihren früheren Inkarnationen zu suchen und etwa nach einem Leben im 9. Jahrhundert fragen, und falls sie zu konkreten Ergebnissen und gar zu karmischen Imaginationen kommen würden, glaube ich, dass sie auch die Bereitschaft zeigen würden, in einem
anspruchslosen Gespräch über die vielen Phänomene und Hürden der Erleuchtungsfalle sich auszutauschen.

In der meditativen Arbeit mit der Engelfrage kann ich folglich erkennen, ob ein weiterer Engel als mein besonderer Meditationsengel hinzutreten würde. Jeder Mensch steht während der Menschheitsevolution mit mehreren Wesen aus den Rangordnungen der Engel in innigster ‚Berührung’. Diese Tatsache fasst ein altes norwegisches Abendlied zusammen, in dem es heißt, dass „vierzehn Engel um das Bett des Kindes stehe“. So dürfte kein Hindernis aufkommen, wenn der eigene Schutzengel aus noch nicht erkannten, unter Umständen alten karmischen Problemen eine meditative Arbeit gegenwärtig nicht unterstützen würde oder könnte. Das Zusammensein mit einem Engel in der imaginativen, selbst durchleuchtenden Innenwelt steigert sich allmählich so, dass ich mich ihm ganz hingeben kann. Ich traue mich, das Wirken des Engels aufzunehmen, als würde er in mir alles vermitteln, was als Bewusstsein in mir lebt. Von einem leicht als Erleuchtung zu beschreibendes Geist-Erleben, in der es um ein Engelwesen geht, bis zu höheren Hierarchien und zur göttlichen Trinität ist es aber noch einen langen Weg im spirituellen, außerkörperlichen Dasein. Gott sei dank!

Bild: Ein Silen (römische Skulptur aus dem Louvre) ist in der griechischen und römischen Mythologie ein Mischwesen aus Mensch und Pferd, wobei es einem Menschen viel ähnlicher ist als ein Kentaur. Um die Ironie des Sokrates zur Sprache zu bringen, lässt Platon den Alkibiades im Symposion sagen, Sokrates sei wie eine von den hässlichen Silenenfiguren, die man öffnen kann, und aus deren Innerem einem dann goldene Götterbilder entgegenschimmern. Quelle: Wikipedia

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2009/05/29

Erleuchtung und Selbstseinsglück

In den Diskussionen um aktuelle Geist-Erlebnisse und sogenannte Erleuchtungen bei Menschen, die sich an Rudolf Steiners Werk anlehnen, wird häufig postuliert, dass das erweiterte Bewusstsein keine andere Geistwesen vorfinde als diejenigen, die man selber schafft; dass heißt, man selbst sei mitbestimmend, für dasjenige, was im erleuchteten Bewusstsein erfahren wird, man würde nur sich selbst als Geistwesen finden respektive Gott als der Schöpfer des eigenen Selbst und der Du-Wesen der Mitmenschen.

Andrew Cohen (Jahrgang 1955) – einer der beliebtesten spirituellen Lehrer heute – schreibt in einem Text von der neuen evolutionären Erleuchtung, dass die Macht, die Energie und die Intelligenz, die dieses Universum erschaffen haben, nun von uns als die höchst entwickelte Lebensform abhängig wären, „um ihren evolutionären Imperativ zu unserem eigenen Daseinszweck werden zu lassen“. Und er fährt fort:

„Dann werden wir wortwörtlich zum Gott in menschlicher Gestalt. Als Mensch verkörpert zu sein, das heißt du selbst zu sein, hier und jetzt, wird auf wunderbare Weise in ein heiliges Ereignis verwandelt. Und an diesem Punkt finden wir eine neue Definition von Spiritualität, die ich Evolutionary Enlightenment (Evolutionäre Erleuchtung) nenne, die der Realität des menschlichen Dilemmas und Potenzials zu diesem Zeitpunkt gerecht wird. Aber wir müssen die damit verbundenen außergewöhnlichen Anforderungen auch erfüllen.“

In seinem in meinem Blog viel diskutierten Buch
Missionen fasst Sebastian Gronbach kurzerhand zusammen, dass alles Gerede von außer den Menschen existierenden geistigen Wesen zu verstehen sei als erschaffene Repräsentanten einer Idee:

„Wer über geistige Wesen spricht, spricht über sich, über sein Seelenleben, über seine verschiedenen Bewusstseinsstufen. Und natürlich ist alles in uns aktiv und dynamisch – weil ich es bin, weil ich aktiv und dynamisch bin. Natürlich sind die Erzengel und Widersachermächte echte, lebendige Wesen – weil ich ein echtes, lebendiges Wesen bin. […] Es gibt keine geistige Welt, wenn wir sie nicht erbilden. Der gesamte Inhalt der Anthroposophie existiert nicht für sich und unabhängig von einem schöpferischen Bewusstsein. Er verdankt sich dem ‚freien Erbilden der geistigen Welten’ – so Steiner.“

Der Satz
„Natürlich sind die Erzengel und Widersachermächte echte, lebendige Wesen – weil ich ein echtes, lebendiges Wesen bin.“ klingt wie eine Zauberformel, die ein Kind benutzt, um alle seine Spielzeuge innerhalb seines Wirkungskreises „lebendig“ zu machen. Die nachstehenden Worte des erwachsenen Steiners in seinem Hauptwerk Die Geheimwissenschaft im Umriss (GA 13, Taschenbuch 601, Dornach 1962, Seite 271f) klingen etwas anders zur Frage der Geistwesen:

„Nicht derjenige kommt in einer richtigen Weise in die geistige Welt hinein, welcher froh ist, wenn er irgendwo einen Vorgang erleben kann, der ‚von dem menschlichen Vorstellen nicht begriffen werden kann’. Die Vorliebe für das ‚Unerklärliche’ macht gewiss niemanden zum Geistesschüler. Ganz abgewöhnen muß sich dieser das Vorurteil, dass ein ‚Mystiker der sei, welcher in der Welt ein Unerklärliches, Unerforschliches’ überall da voraussetzt, wo es ihm angemessen erscheint. Das rechte Gefühl für den Geistesschüler ist, überall verborgene Kräfte und Wesenheiten anzuerkennen; aber auch vorauszusetzen, dass das Unerforschte erforscht werden kann, wenn die Kräfte dazu vorhanden sind.“

Wie habe ich selbst im November 1996 im höheren imaginativen, inspirativen und intuitiven Erleuchtungsbewusstsein außerkörperlich – oder nach dem Geist-Erleben demnächst – erkannt, dass
nicht ich sondern ein anderes Wesen – und sogar mehrere Wesen wie in einer Kreisbewegung der Zeitlosigkeit gleichsam sowohl synchron als auch nacheinander mich erleuchteten? Einerseits erlebte ich die andauernde Beweglichkeit im geistigen All; es war das Erleben in dem zyklischen, sich selber für immer garantierenden Werden unter geistigen Wesen. Andererseits erlebte ich die Sehnsucht nach der irdischen Zeit, also eine rein menschliche Erfahrung, die ein außersinnliches Wesen nur als Mensch gehabt haben kann – wie Luzifer und Christus, die tatsächlich inkarniert waren –, dass ich quasi einmal entschwinden möchte.

Meine Erleuchtung bedeutete ein Erkennen des eigenen Wesens, das durch erneute Erdenleben geht, ein Erkennen von aus sich wirkenden Natur- und Elementarwesen, ein Erkennen von Engelwesen verschiedener Stufenfolgen, ein Erkennen und ein Fehden mit Widersachern (u. a. mit solchen, die von Steiner als luziferisch und ahrimanisch bezeichnet sind) und nicht zuletzt ein Zusammenkommen mit dem Herrn des Karmas, das über die ganze Erde
Christus genannt wird. Da darf ich von Wesenheiten außer mir sprechen, nicht weil ich es will, sondern weil sie mir und meine Erkenntnis wollen – „außer“ mir, insofern ich im Erkenntnisakt mit ihnen eins bin, aber sie quasi mit mir nicht. Also ein Sowohl-als-nicht. Gronbachs Es ist Zeit, diese Beziehung zu beenden passte gar nicht in das Gefühl der Zeitlosigkeit, weil hier im Doppelstrom der Zeit zuallererst eine geistige Beziehung anfangen konnte. Und dieses Zusammensein in der Eintracht oder in der Zwietracht konnte nur insofern als ein Wesendes unter Wesen erkannt werden, weil ich im Nachhinein wie aus einer Gebärmutter kommend sowohl eine Geburt meines höheren Wesens erfuhr als auch ein Sterben des Egowesens (mein Mutterkuchen!), das vor der Meditation ohne Erwartung auf etwas Bestimmtes mich versorgt hatte.

„In den höheren Welten hat es auch keinen Sinn mehr, von solchen abstrakten Gegensätzen zu sprechen wie Ewigkeit und Zeitlichkeit; die hören auf einen Sinn zu haben. Da muß man von Wesenheiten sprechen. Deshalb spricht man von fortschreitenden göttlichen Wesenheiten und von luziferischen Wesenheiten. Weil die in den höheren Welten da sind, spiegelt sich ihr Verhältnis zueinander als der Gegensatz von Ewigkeit und Zeitlichkeit.“ (Rudolf Steiner im Vortrag vom 30. August 1912 in:
Von der Initiation. Von Ewigkeit und Augenblick. Von Geisteslicht und Lebensdunkel, Dornach 1986, GA 138, Seite 95ff)

Wenn die „erleuchteten“ Fährmänner der modernen Esoterikflutwelle von
primordial consciousness sprechen, worauf bezieht sich dieser Begriff? Besteht vielleicht hier ein Zusammenhang zwischen diesem sogenannten ursprünglichen Bewusstsein und demjenigen, welches sich in den folgenden Worten – die ein der Hauptpersonen, Johannes Thomasius, während seiner Meditation hört – der Bühnengestalt Luzifer in Steiners ersten Mysteriendrama sich ausdrückt?

„O Mensch, erkenne dich, / O Mensch, empfinde mich. / Du hast dich entrungen / Der Geistesführung / Und bist geflohn / In freie Erdenreiche. / Du suchtest eignes Wesen / In Erdenwirrnis; Dich selbst zu finden, / Es ward dir Lohn, / Es ward dein Los. / Du fandest mich. / Es wollten Geister / Dir Schleier vor die Sinne legen. / Ich riss entzwei die Schleier. / Es wollten Geister / In dir nur ihrem Willen folgen. / Ich gab dir Eigenwollen. / O Mensch, erkenne dich, / O Mensch, empfinde mich.

Nach der darauf folgenden Replik von Ahriman, den ich hier einfachhalber auslasse, spricht Luzifer weiter:

„Es gab nicht Zeiten, / Da du mich nicht erlebtest. / Ich folgte dir durch Lebensläufe. / Erfüllen durft’ ich dich / Mit starker Eigenheit, / Mit Selbstseinsglück.“

Die Erleuchtung eines Andrew Cohens und seine Interpretationen derselben scheint mir außerordentlich wichtig zu sein, weil sie uns auf die entscheidende Aufgabe Luzifers in der modernen Geistesschulung hinweist. Es geht um die Entdeckung, um das Bewusstwerden des
Selbstseinsglücks. Die Frage ist nur, ob der betroffene Geisteslehrer, seine Nachfolger und Zeitgenossen – wie Sebastian Gronbach und Christian Grauer – im Gewahrwerden der Idee halt machen bei ihrer Eigenheit oder ob sie zum Wesenhaften fortschreiten. Machen sie Halt vor Luzifer als Wesen – also wollen sie ihn nur als Mythos entlarven und nicht wesenhaft empfinden (Luzifer lädt ja dazu ein, weil er als ehemaliger unbefriedigter Erdenbürger die Hilfe der Menschen braucht, um einmal richtig zu „sterben“!) – können wir kaum von einem Mysteriendrama an einem bundesdeutschen Hauptbahnhof (vgl. Joseph Beuys) reden und auch nicht von einer griechischen Tragödie (vgl. Sophokles) irgendwo im Lande Schamballa.

Bild: Eine Statue von Dionysos in British Museum, London. Dionysos (lat. Dionysus) ist in der griechischen Götterwelt ein Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit und der Ekstase. Er wurde von den Griechen und Römern wegen des Lärmes, den sein Gefolge veranstaltete, auch noch Bromios („Lärmer“) und Bacchus („Rufer“) genannt. Quelle: Wikipedia

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2009/05/23

Impressionen aus Russland III


Wie Wünsche, wachsen die Häuser,
Doch blicke nur plötzlich zurück:
Wo einstmals ein weißes Gebäude,
Ein schwarzer Gestank dich bedrückt.

Die Dinge wechseln die Plätze,
Verschwinden unmerklich hinauf.
Du, Orpheus, verlorst deine Liebste, –
Die dir geflüstert: »Schau auf! … «

Ich verhülle mein Haupt mit Weißem
Und spring' in den Strom mit Geschrei.
Über der schwankenden Leiche
Ein Blümchen, süß duftend, erscheint.

5. November 1902

Alexander Blok

Die Autoreise nach Waldai

Nach einpaar ruhigen Tagen stand die Reise für das zweite Seminar in Moissejevitchi bei Waldai bevor. Wir starteten früh morgens, um eventuell den täglichen Stau auf den Moskauer Autobahnen zu vermeiden, was leider nicht ganz möglich war, wie es sich bald zeigte. Um aus der Metropole auf die Hauptstraße (M10) Richtung Nordwesten zu kommen, mussten wir zuerst ein Stück auf dem Autobahnring um Moskau fahren. Die M10 (Magistrale Nr. 10) ist eine Fernstraße, die von Moskau in nordwestlicher Richtung über St. Petersburg zur finnischen Grenze führt. Zwischen Moskau und St. Petersburg ist sie Teil des Europastraßennetzes mit der Nr. 105; zwischen St. Petersburg und der finnischen Grenze gehört sie der E 18.

Im Moskauer Stadtteil Khimki konnten wir endlich die Staustrecke verlassen. Wir passierten dann durch viele Dörfer und Kleinstädte u. a. Skhodnya, Dyrykino, Solnetschnogorsk, Klin, Bezborodovo und Gorodnya bis wir die Landeshauptstadt Twer erreichten. Nach Bezborodovo passierten wir über eine lange Brücke dem sogenannten Moskauer Meer. Eigentlich heißt er der Iwankowoer Stausee und liegt am oberen Wolgalauf. Das hier befindliche Laufwasserkraftwerk mit Kaplan-Turbinen produziert jährlich 130 Mio. kWh elektrischer Strom. Eine der Städte am Stausee heißt Dubna. Hier befindet sich das weltweit bekannte Vereinigte Institut für Kernforschung, an dem mehrere radioaktive sogenannte Transurane erstmals synthetisiert wurden.

Später passierten wie die Orte Torschok, Vyshniy Volochek, Krasnomayskiy, Bakhmara, Kurskoye, Kolomno, Khotilovo, Kuhzenkino und Makarovo. Zwischen Vypolzovo und Edrovo fängt ein Nationalpark an, der das ganze Gebiet mit und um den Waldaihöhen umfasst. Es kamen weitere Dörfer: Nowaya Sitenka, Staraya Sitenka und Dobysalvo. Nach Zimogor’e biegten wir ab einpaar Kilometer auf eine Nebenstraße Richtung Osten, um in die Stadt Waldai zu fahren. Später bei Yashelbitsy verließen wir M10, Richtung Südwesten, um durch die Dörfer Varnitsy und Dorovichi zu fahren. Dann erreichten wir endlich Moisejewitschi nach insgesamt etwa 8 Stunden Autofahrt, nachdem wir nur eine längere Esspause bei Vyshniy Volochek eingepasst hatten… [weiter]

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Bild: Frederico Cervelli (1625-98), Orpheus und Eurydike. Quelle: commons.wikimedia.org

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2009/05/16

Impressionen aus Russland II

„’Veränderungen!’ ist die Forderung unserer Herzen. ‚Veränderungen!’ ist die Forderung unserer Augen. In unserem Lachen, in unseren Tränen und im Puls der Adern ‚Veränderungen! Wir wollen Veränderungen!’“

Wiktor Zoi

Die krause Stimme der 1990 durch einen Autounfall verstorbenen russischen Rockmusiker, Poet und Schauspieler Wiktor Zoi klingt aus der CD vertraut, anspornend und durchdringend, auch wenn ich zunächst keine seiner mit Glut und Gefühl gesungenen, russischen Worte begreife. In einer Ruhezeit nach dem ersten intensiven Karmaseminar in Moskau und vor meinem ersten öffentlichen Vortrag dort hatte Anna Gussinskaias Sohn, Arkadij, sechs Jahre alt - wie aus einem höheren Bewusstsein – seine Musik mit der sowjetischen Pioniergruppe des russischen Rocks, Kino, aufgelegt. Diese einfache und meisterhafte Musik kannte ich bereits flüchtig, aber jetzt drang sie mit voller Kraft in meine Seele ein und mischte sich mit meinen ersten Eindrücken auf russischem Boden, sodass ich einfach die inneren Ohren aufschlagen und mich aufrichten konnte gegenüber das russische Phänomen schlechthin… [weiter]

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Bild: Maximilian Woloschin, Aquarell. Quelle: watercolor.narod.ru

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2009/05/05

Impressionen aus Russland I

„Ihr Lichtes-Geister lasset vom Osten befeuern, was durch den Westen sich formet“

Dieser Sentenz im Titel, entnommen der Grundsteinmeditation von Rudolf Steiner, kommt mir in den Sinn, wenn ich versuche, die Eindrücke während meiner ersten Russlandreise zu formulieren. Vorher dachte ich, dass Russland ein Teil von Europa sei, was er teilweise wahrlich auch geographisch ist. Dennoch sprachen meine neuen russischen Freunde in Moskau andauernd von Europa als etwas auswärts und vom Westen, wenn ich von Begebenheiten in Skandinavien, Deutschland und Mitteleuropa referierte, und wenn es um ihre Perspektive ging. Wenn ich nun bauend nur auf meinen Sinnes- und Seelenseindrücken eine Charakteristik versuche, sind sie so eigen und anders gegenüber allem, was ich vorher kannte, dass ich zum Teil nur berichten kann wie von etwas „Fremdem“. Dieses Wort nehme ich sehr ungern in Gebrauch. Es war für mich quasi ein Fremdwort bis ich 1998 nach Deutschland auszog und dann in fast jedem Dorf Schilder mit dem Text „Fremdenzimmer“ sah.

Die Kenntnisse von Russland, von russischer Kultur und Geschichte, die ich bereits hatte, war nie gering. In den 1960er Jahren war ich einen leidenschaftlichen Ausübender und Kenner der Eisschnelllaufsport, und ich verpasste keine internationalen Meisterschaften durch Rundfunk und Fernseher, sondern schrieb während vieler Jahre alle Resultate in meinen Zeitlisten auf. Ich hatte große Sympathien z. B. für Ants Antson, den ehemaligen estnischen Eisschnellläufer, der bei den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck für die damalige Sowjetunion die Goldmedaille über 1.500 m gewann. In demselben Jahr wurde er auch Mehrkampf-Europameister…[Weiter]

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Bild: Maximilian Woloschin, Aquarell. Quelle: watercolor.narod.ru

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2009/04/08

Durchchristetwerden

Der Willensweg zu Christus

Christus ist wiedergekommen. Er ist mit der ätherischen Erde vereinigt. Um ihn zu schauen, muss die menschliche Seele sich entwickeln. Wie gewinne ich denn ein Verhältnis zu ihm? In diesem Osterbeitrag möchte ich kurzerhand skizzieren, wie der Willensweg zu Christus durch Lebensphasen der Befremdung und der karmischen Prüfung gehen. Die Ausweitung dieses wichtigen Lebensthemas könnte übrigens ein ganzes Buch füllen.

Christologie, anthroposophisch begriffen und meditativ geübt, kann zu erstaunlichen Erlebnissen führen. Geknüpft mit Biographiearbeit und Rückblick regt sie hin und wieder zu überraschenden imaginativen Begegnungen mit Engelartigem. Für das neue Christus-Ereignis, das tatsächlich ätherisch dauernd vorangeht, beschrieb Rudolf Steiner, dass Christus dann den Menschen quasi innerhalb der eigenen Erinnerung als engelartiges Wesen erscheint. Er benutzte für diesen Anfachungsprozess den Begriff ‹Durchchristetwerden›...[Weiter]

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Dieser Beitrag wurde von anthromedia.net übernommen.

Bild: El Greco (1541-1614), Christus am Ölberg. Originalformat 103 x 132 cm. Entstanden um 1605. Quelle: kunstbilder-galerie.de

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2009/03/23

Ungeteilte Aufmerksamkeit

Christian Moos schickte mir die folgende Email, die ich gerne weitervermitteln möchte:

Strohhaus-Veranstaltungen

Liebe Strohhaus-Freunde,

vor zwei Tagen hatten wir zwei sehr gelungene Veranstaltungen im Strohhaus:

Seminar & Vortrag mit Roland van Vliet, der uns auf einzigartige Weise in die verjüngende Lebenskunst der „Ungeteilten Aufmerksamkeit“ einführte, die uns die Kraft gibt, den „Alltag zum Gelingen“ zu machen.

Die Aufmerksamkeit wird deshalb als „ungeteilt“ bezeichnet, weil sie sich gleichzeitig auf die Innen- und auch die Außenwelt bezieht und dadurch zwei Kulturströme in der Herzenswachheit miteinander verbindet: aus dem Osten kommend die kontemplative Haltung mit der im Westen kultivierten aktiven Ausrichtung auf die äußere Welt. Wir machten Übungen sowohl in der Natur als auch in der Menschenbegegnung und es wurde für die Teilnehmer zu einem sehr berührenden Erlebnis, was für starke Liebeskräfte durch diese Haltung zum Strömen gebracht werden können!

Seine eindringlichen - aber auch durchaus poetischen Ausführungen zu den heilsamen Möglichkeiten des manichäischen Impulses für die Gegenwart und Zukunft waren ebenfalls sehr inspirierend, da Roland van Vliet ganz aus dem Herzen spricht und damit auch die Herzen seiner Zuhörer zu öffnen vermag.

- Als kleine Nebenbemerkung kann ich an dieser Stelle meine Empfindung äußern, dass ich den Eindruck habe, hier im "linksrheinischen Saarland" sind die Menschen sehr fähig, die Herzenssprache zu verstehen und auch selber zu sprechen.

Akademie für persönliche Meisterschaft und ethische Kommunikation
Und so kann ich mit dieser Mail schon die „frohe Kunde“ verbreiten, dass bereits für den kommenden 2. Juli eine Fortführung der Herzensarbeit geplant ist, wo Roland van Vliet wieder ins Strohhaus kommt. - Es wird dann wiederum um die ungeteilte Andacht gehen in Verbindung einer praktischen Umsetzung der „Philosophie der Freiheit“ von Rudolf Steiner. - Der weitere Termin stand ja bereits fest: 29. Oktober 2009 und dann wird schon jetzt ins Auge gefasst, dass im März 2010 neben dem Quellhof auch hier im Saarland eine „Akademie für persönliche Meisterschaft und ethische Kommunikation“ stattfinden könnte, wenn wir hier 12 - 15 Menschen finden, die 2 Jahre lang an solch einer Schulung teilnehmen wollen. (Siehe auch: www.manisola.eu)

- Soweit zur thematischen Intention des Strohhauses, den Manichäismus in der heutigen Zeit neu zu verbreiten, wobei abschließend dazu noch gesagt werden kann, dass der Vortrag am 2. Juli auch schon dem Übergang von Mani zu Christian Rosenkreuz gewidmet sein wird. Als nächstes findet im Strohhaus dann

Einstimmen aufs Karma
Seminar mit Jostein Sæther statt:

Freitag, 27. März 2009 , 20 - 22 Uhr
Samstag, 28. März 2009 , 10 - 13 / 15 - 18 Uhr
Sonntag, 29. März 2009 , 10 - 14 Uhr

Das wird auch eine sehr intensive und bereichernde Arbeit werden und ich kann verraten, dass noch Plätze frei sind. Karmaarbeit ist ein behutsamer, liebevoller Blick in die eigene Seele, die ja alle vergangenen Erfahrungen - auch die aus vergangenen Erdenleben - in sich trägt. Anmeldung bitte unter: www.im-Strohhaus.de

Das neue Übungsbuch (ISBN 978-3-89979-084-9) von ihm selbst mit demselben Titel bildet die Grundlage des Wochenendseminars.

Heilsamer Blick und SprechLust
Am darauf folgenden Wochenende möchten wir „Strohhaus-Initiatoren“ unsere ganz eigenen Fähigkeiten einbringen mit dem Einführungs-Seminar in die Kunst des heilsamen Blickens

und dann mit SprechLust in die Kunst der heilsamen Rezitation.

Zum Heilsamen Blick Seminarplakat und zum SprechLust Seminarplakat

Beides, der Blick und die Sprache, soll von Herzen kommen um heilsam sein zu können - bei der Sprache bedienen wir uns der Poesie, um beim Sprechen die Seele öffnen zu können. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie die eine oder andere Veranstaltung besuchen könnten - und wenn möglich noch dazu die Plakate, die sich in den Links befinden, ausdrucken und an sinnvoller Stelle aufhängen würden. Wer es nicht selbst ausdrucken kann, darf sich melden: wir verschicken sie auch - dafür aber bitte bei uns melden.

Und als letztes: Wer jemanden kennt, der/die an solchen Veranstaltungen auch interessiert sein könnte, der darf diese Mail gerne weiterleiten.

Herzliche Grüße

Christian Moos & Iris Madenach

Foto: Roland van Vliet. Er gründete „Manisola“ - das philosophische Institut für Persönliche Meisterschaft und lehrt innerhalb dieser mobilen Akademie an verschiedenen Orten in Holland und in Deutschland. Er ist Philosoph und Erwachsenenbildner, hält Vorträge über geistige Strömungen, steht als Spontan-Philosoph auf der Bühne und ist Reiseleiter für besondere Kulturreisen. Buchveröffentlichung u. a.: „Der Manichäismus – Geschichte und Zukunft einer frühchristlichen Kirche“. Quelle: quellhof.de

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2009/03/19

Körperbewusstsein und Zeitreise II

Zurückwandlung in frühere Zeiten 

Ist es befugt, der Begriff ‹Zeitreise› für eine geisteswissenschaftliche Erforschung früherer Zeiten zu benutzen? Kann man überhaupt geistesforscherisch und detailliert die früheren Zeiten und die ehemaligen sinnlich-physischen Verhältnisse ermitteln? Ich behandele in diesem zweiten Aufsatz zum Thema ‹Körperbewusstsein und Zeitreise› diese Fragen im Hinblick auf brisante Aussagen Rudolf Steiners und was meiner eigenen individuellen meditativen Arbeit anbetrifft.

In den Auseinandersetzungen um die Schauungen von Judith von Halle wird der Begriff ‹Zeitreise› benutzt, um auf die Art hinzuweisen, wie sie bestimmte Ereignisse zur Zeitenwende erlebt. Ist es befugt, dieser Begriff zu benutzen für eine geisteswissenschaftliche Erforschung der Vergangenheit und für das Geist-Erleben früherer Inkarnationen, falls es um eigene karmische Motive geht? Und kann man in der Geistesforschung überhaupt die früheren Zeiten und die ehemaligen sinnlich-physischen Verhältnisse detailliert ermitteln bis auf Gesichtszüge, sprachliche Inhalte und Denkweisen?

Ich möchte zeigen, dass die geistige Forschung sehr präzise Auskünfte machen kann auch in Bezug auf ehemalige, physische Zustände. Auf Basis des eigenen meditativen Übens werden die Angaben von Rudolf Steiner sehr schlüssig... [Weiter]

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Bild: Bologna im Mittelalter, sichtbar ist der sogenannte „Wald von Türmen“. 1164 trat Bologna in den Lombardenbund gegen Friedrich I. Barbarossa ein, 1256 verkündete die Stadt die Legge del Paradiso (Paradiesgesetz), das Leibherrschaft und Sklaverei abschaffte und die verbleibenden Sklaven mit öffentlichem Geld freikaufte. 50.000 bis 70.000 Menschen lebten zu dieser Zeit in Bologna und machten die Stadt zur sechst- oder siebtgrößten Europas nach Konstantinopel, Córdoba, Paris, Venedig, Florenz und möglicherweise Mailand. Das Stadtzentrum war ein Wald von Türmen: Schätzungsweise 180 Geschlechtertürme der führenden Familien, Kirchtürme und Türme öffentlicher Gebäude bestimmten das Stadtbild. Quelle: Wikipedia

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2009/03/08

Körperbewusstsein und Zeitreise I

Gibt es im Gehirn ein Organ für karmische Erinnerung?

Rudolf Steiner sprach in London am 1. Mai 1913 von einem künftigen Organ im Gehirn, das für die Erinnerung an frühere Erdenleben gebraucht werden würde. Gibt es schon ein solches physisches Karma-Organ? Ich möchte in diesem ersten von zwei Aufsätzen zum Thema ‹Körperbewusstsein und Zeitreise› diese kontroverse Frage behandeln im Hinblick auf Erinnerungen an früheren Erdenleben in unserer Zeit und bezüglich der modernen Hirnforschung, die das Gedächtnis lokalisiert haben will.

Die aktuelle Diskussion zum Thema ‹Stigmatisierung und Christuserkenntnis› wirft Fragen auf in Bezug auf den Zusammenhang zwischen ‹Körperbewusstsein› und leibfreier Geist-Erkenntnis. Ich werde in zwei Beiträgen zwei Aspekte diskutieren, die eine Perspektive für weitere anthroposophische Forschung geben könnten. Dabei möchte ich anknüpfen an Angaben von Rudolf Steiner, die, soweit ich die anthroposophische Sekundärliteratur kenne, bis jetzt kaum berücksichtigt wurden. Der erste Aspekt berührt die Frage, inwiefern der physische Leib betroffen ist bei übersinnlichen Wahrnehmungen und bei Geist- und Karmaerkenntnis. Der nächste Aufsatz wird sich befassen mit der sogenannten ‹Zeitreise› und mit der Frage, ob und wie das Geist-Erleben respektive die geistige Erforschung detailliert ermitteln kann früherer Zeiten und ehemaliger sinnlich-physischen Verhältnisse. Einleitend möchte ich aber einen Hintergrund zum Auftauchen karmischer Erinnerungen in der Gegenwart geben… [Weiter]

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Bild: Aplysia californica, ein Lieblingstier der Gedächtnisforschung. Quelle: Wikipedia

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2009/02/16

Stigmata als eine okkulte und sinnlich-sittliche Prüfung

Die seit Jahren anhaltende mehr oder weniger intern-anthropo-sophische Diskussion zum Thema ‹Stigmatisierung und Christus-erkenntnis› ist ein Stückchen mehr an die öffentliche Oberfläche gestiegen durch zwei konträre Rezensionen - geschrieben vom Vorstandsmitglied Heinz Zimmermann und vom ehemaligen Redakteur Dietrich Rapp im ‹Goetheanum› Nr. 6/2009 - des neuen Buches von Sergej O. Prokofieff über die Auferstehung. Sofort sind auch im Internet Kommentare dazu abgegeben worden einerseits von Jens Heisterkamp in ‹Info 3› und andererseits von Michael Eggert, der auch einen offenen Brief von Wolfgang Garvelmann bei den ‹Egoisten› veröffentlicht hat. Den folgenden Einwurf - hier mit einigen Erweiterungen versehen - habe ich als Leserbrief der Wochenschrift in Dornach zugeschickt. Damit meine Leser in dieser für mich interessanten Fragen auf den Laufenden sein können und einige meiner Gesichtspunkte dazu kennen lernen können, erfolgt diese Veröffentlichung sogleich.

Dietrich Rapp dürfte die stigmatisierte Judith von Halle gesehen haben, wie er gewiss den nichtstigmatisierten Sergej O. Prokofieff gesehen hat, weil sie alle sich viel in Dornach bewegen. Letzterer hat sie eigentümlicherweise «nicht sehen wollen», ein Zeugnis, das ich entnehme den Bericht des Hamburger Anthroposophen Rolf Speckner, der neulich in der Anthroposophischen Gesellschaft in Saarbrücken öffentlich vortrug und diese aktuelle Kontroverse in die Frage der Zukunft der anthroposophischen Bewegung hineinstellte. Ob Dietrich Rapp ihre Stigmata gesehen hat, sei dahingestellt. Ich bin Judith von Halle selbst nicht begegnet, aber ich habe mich mit ihrem Buch ‹Und wäre Er nicht auferstanden...› intensiv beschäftigt, deshalb fokussiert mein Interesse zunächst auf Grundsätzliches in dieser Debatte... [weiter]

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Bild: Eine 7-teilige Matrjoschka aus Russland. Matrjoschka, auch Matroschka sind aus Holz gefertigte und bunt bemalte, ineinander schachtelbare, eiförmige russische Puppen mit Talisman-Charakter. Diese mehrfach gegliederte Puppe kann als Bild der Reinkarnation sein, wenn man bedenkt, dass der Mensch den früheren Leben in sich unsichtbar trägt. Quelle: Ebay

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2009/02/13

Seelenprüfungen

Es wird von vielen Anthroposophen heute gefordert, nicht mehr Rudolf Steiner zu zitieren. Das ist keine schlechte Anforderung. Irgendwann schon im letzten Jahrtausend hatte ich selbst damit größtenteils - mindestens in Gesprächen - aufgehört. Nichtsdestotrotz finde ich immer wieder Stellen in seinem Werk, die in seinem Wortlaut, wie in Marmor ausgehauen, da stehen und von einer genuin abgeschlossenen, aber zugleich zu allen Seiten offenen Klausur Kunde tun. Hier noch ein solcher Beispiel:

„Jedesmal, wenn eine neue Geistesoffenbarung kommt, wird eine Prüfung der Seele zu bestehen sein. Aus einer jeglichen Stufe der Entwickelung entspringen neue Prüfungen, und wir müssen geradezu den Impuls für alle höhere Entwickelung darin sehen, dass unsere Seele niemals abzuschließen braucht, sondern sich immer höheren und auch vielleicht schwereren Prüfungen unterziehen kann. Niemals bleiben aber aus, wenn die Seele die Prüfungen besteht, die Geistesoffenbarungen, die, vielleicht erst nach längerer Zeit, der Seele dasjenige geben, zu dem sie durch ihre Prüfungen aufsteigen muß.“

Zitat aus dem Vortrag von Rudolf Steiner am 26. August 1911 in: Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen, GA 129, Dornach 1960, Seite 203

Bild: Wolf von Hoyer (1806-1873) Psyche (1842), Neue Pinakothek in München
Quelle: Wikipedia (cc) FlickreviewR

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2009/02/02

Ein Lichtkeim in Russland

In Vorbereitung auf meine geplante, erste Reise nach Russland Ende April hat Anna Gussinskaia ausgesuchte Abschnitte aus meiner Website ins Russische übersetzt. Anna ist eine professionelle Übersetzerin, die viele Jahre als Lehrerin im Goetheinstitut in Moskau arbeitete. Oft kommt sie nach Mitteleuropa gereist, einerseits, um als Dolmetscherin für russische Teilnehmer bei Tagungen in Dornach zu arbeiten, andererseits, um für das eigene Geschäft in Moskau Naturprodukte einzukaufen. Ihr Betrieb heißt Naturalia – die 12 Sinne. Anna steht mitten drin in der anthroposophischen Arbeit in Russland; u. a. machte sie mit am Start des vielseitigen Projekts Serno Sveta.

Mein Besuch in Moskau wird eventuell mit einer Reise zu den Waldai-Höhen im Herzen von Russland ergänzt. Zwischen St. Petersburg und Moskau, am Ufer eines großen Sees befindet sich die Provinzstadt Waldai. In deren landschaftlich malerischen Umgebung gibt es eine Menge verlassener Dörfer. In einem dieser sterbenden Dörfer mit dem Namen Moiseevitchi arbeiten die russischen Initiativträger mit einigen Interessenten und Praktikanten aus Deutschland zusammen in der landwirtschaftlich-pädagogischen Initiative „Lichtkeim“ (rus. Serno Sveta). Auf dem Blog von Serno Sveta wird die Initiative mit mehreren Fotos beschrieben.

Foto: "Die biodynamischen Präparate entsprechen dem Opfer am Altar eines Tempels." Die Arbeit mit biodynamischen Präparaten in Moiseevitchi (RU).  Quelle: serno-sveta

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2009/01/31

Durch Gralsimpulse ein Stück Erde retten

„Wie gestaltest du deine Kurse? Können Menschen ohne vorherige meditative Erfahrung da einfach einsteigen? Welche Beziehung war dir möglich zu den Hierarchien aufzubauen? Wie ist das Christuswirken heute? Welche Hilfen für die soziale Praxis bringt die Karmaforschung? Wie siehst du die Weltsituation heute? Wie siehst du Israel? Wie wird Esoterik richtig vertreten?“

Solche und ähnliche Fragen stellte Dr. Wolfgang Garvelmann, Heilpädagoge und Autor, mir in einem Interview vor knapp 7 Jahren. Ich hatte das interessante Gespräch überhaupt nicht mehr vorne im Gedächtnis, als ich es vor einpaar Tagen auf Garvelmanns Website wieder entdeckte. Beim neuen Lesen schien es mir, als könnte einige Gesichtspunkte darin noch eine Aktualität haben in Anbetracht vieler Diskussionen u. a. im Internet und bezüglich der brisanten Weltlage. Meine Antworten habe ich für die Neuveröffentlichung, die mit Wolfgangs freundlicher Genehmigung erfolgt, sehr leicht redigiert, mit Fußnoten und mit Zwischenrubriken versehen. Einige Ergänzungen sind in rechteckigen Klammern gesetzt… [weiter]

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Bild. Der Gral in der Mitte von Artus’ Tafelrunde. Französische Handschrift des 14. Jhs. Quelle: Wikipedia

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2009/01/26

Anthroposophen im Strudel der Umkehrung der Seelenkräfte

Die Finale der „Totschlag-Polemik“ mit Holger Niederhausen

In einer Erwiderung setzt sich Holger Niederhausen mit meinem Beitrag über seine Website auseinander, und sein Wahrheitsempfinden regt sich heftig angesichts meiner Diagnose seines denkerischen Zustands. Auf eine Diskussion in meinem Blog lässt er sich nicht ein, da er findet, dass mein Beitrag zeigt, „wie man sich in Totschlag-Polemik verliert, ohne auf den Kern der Sache einzugehen“. Da Niederhausen selbst in seiner Einseitigkeit mangelnd bereit ist, auf den Kern, den ich ihm aushändige, einzugehen, hat er die Möglichkeit zum sachlichen Dialog von vornherein abgelehnt.

Ich werde mich trotzdem darum bemühen, einigen seiner Gesichtspunkte und Fragen nachzugehen, um dabei mein Streben in der Anthroposophie klarzumachen, sodass meine Gesinnung ihn gegenüber und auch meine Position innerhalb der anthroposophischen Bewegung durchsichtig werden kann. Demzufolge gebe ich ihm nochmals die Chance, sich anders zu positionieren, zumal ich erkenne, dass wir in einer entscheidenden Frage gemeinhin einig sind… [weiter]

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Bild: Totenmaske von Rudolf Steiner. Quelle: luzi-m.org

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2009/01/20

Wie man in den Wald hineinruft…

Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern!

Adolph Freiherr Knigge (1752-96)

Zum Internetauftritt von Holger Niederhausen

„Auf Mieke Mosmullers kritisches Buch zu Judith von Halle habe ich allerdings schon hingewiesen. In dasselbe Horn bläst Holger Niederhausen auf seiner Website - nicht nur in diesem Aufsatz. Er beschäftigt sich auch mit der ‚Christusleere’ Sebastian Gronbachs, macht aber in einem Aufwasch auch die gesamte gegenwärtige Anthroposophie herunter: ‚Die Anthroposophie ist tot. Sie starb, weil niemand das reine Denken entwickelte, zu dessen Entwicklung Rudolf Steiner im Grunde immer wieder aufgerufen hatte. Wenn aber die Anthroposophie tot ist, kann sie auch die menschliche Kultur nicht mehr befruchten.’ Niederhausen lässt in seinem pessimistischen, engen Blick offenbar nur die Bücher Mieke Mosmullers gelten: ‚Man muss es so drastisch beschreiben, wie Mieke Mosmuller es in Ihrem erschütternden Buch Der lebendige Rudolf Steiner tut. Die Anthroposophie liegt als Leichnam am Boden. Sie starb mit Rudolf Steiner – und wurde wie eine Mumie so gepflegt, dass nachfolgende Generationen von ‚Anthroposophen’ sie mit ihrem eigentlichen Wesen verwechselten – so wie man ihr Wesen schon zu Steiners Zeiten nicht erkannt hatte, sondern immer wieder ein zu äußerliches Verständnis hatte: von der Philosophie der Freiheit, von der sozialen Dreigliederung, von allem...’ 

Diese Beispiele ließen sich nahezu endlos fortsetzen. Auf staatlicher Ebene würde man von ‚separatistischen Bewegungen’ mit einem Alleinvertretungsanspruch sprechen, der mehr oder weniger drastisch vorgebracht wird. Fast alle Separatisten beklagen das Ende der Anthroposophischen Bewegung - ob die von Halle-Ecke, ob Niederhausen oder Gronbach - und präsentieren ihre jeweiligen allein selig machenden Lösungen. Man hat den Eindruck, dass die Fragmentarisierung der Bewegung voran schreitet, mit zunehmend schrilleren Tönen.“
 
Dieses charakteristische Zitat aus dem Text genannt Fragmentarisierung habe ich von dessen Autor Michael Eggert ausgeschnitten, um auf den Autor Holger Niederhausen zu kommen. Durch seine Beiträge in der Wochenschrift Das Goetheanum kenne ich dessen Namen. Seine Internetpräsenz habe ich mich nun näher angeschaut, und zu einigen seiner Standpunkte und Informationen möchte ich einige Kommentare geben und Nachfragen aufstellen...[weiter]

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Bild: Echo und Narcissus (gemalt von John William Waterhouse). Echo ist in der griechischen Mythologie eine Tochter der Gaia, eine Oreade, und die Nymphe des Berges Helikon. Quelle: Wikipedia

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2009/01/15

Zweisamkeit während 100 Jahre

Wie die Anthroposophie Eingang fand in Norwegen

Die Kulturelite in Norwegen und die Anthroposophie fanden vor hundert Jahren zusammen. Die Freundschaft ist weiterhin warm, und die Tatsache, dass Rudolf Steiners Praxisbuch zur Meditation Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten in akademischen Kreisen beginnt, als eine „heilige Schrift“ gezählt zu werden, wäre in Mitteleuropa gar nicht denkbar. Ein Kenner der Alternativszene in Norwegen, Marius Lien, hat Interviews gemacht mit verschiedenen Forschern - wie Jan-Erik Ebbestad Hansen, Tore Rem, Jeanette Sky, Anne-Mette Stabel und Peter Normann Waage -, die die anthroposophische Bewegung in Norwegen von innen kennen und/oder sie von außen wissenschaftlich untersuchen. Liens zeitgenössischen Rückblick, der auch für deutschsprachige Leser einen Stellenwert haben könnte, habe ich übersetzt nach dem norwegischen Text, der im Osloer Wochenzeitung Morgenbladet am 19. Dezember 2008 publiziert war.

«Auf unserem kollektiven Netzhaut tauchen gemischte Vorstellungen auf: von Kräutern und Handarbeiten, und von der Eurythmie, dieser ballettartigen Theatergymnastik, die den Waldorfschülern einen steifen Nacken und viele Grübelei geben. Einige von uns haben Jens Bjørneboes Jonas gelesen, wo die Waldorfschule erscheint als der tatsächliche Garten des Edens. Einige haben die von Architekten entworfenen anthroposophischen Gebäude gesehen, die Mutigsten haben sie selber betreten. Unabhängig auf welchem Niveau von Steinernahe man sich befindet, ist die Anthroposophie in einem Schleier von Mystik eingehüllt. Und es ist schwierig festzustellen, ob der Schleier von innen oder von außen geschaffen wird»[weiter]

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Bild: «Einpaar Worte mit dem berühmten Mann» - Ein Interview in der Osloer Zeitung Tidens Tegn mit Rudolf Steiner, als er nach Oslo 1921 kam. Bildquelle: antroposofi.no

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2008/12/12

Über die Enthüllung der Mysterien

Die Gesellschaft ist nicht mehr nötig, weil die Anthroposophie schon auf Erden ist. Auf den einzelnen Menschen kommt es jetzt an und die müssen dann zusammen bilden aus ihrer Entwickelung heraus einen höheren Verein, der seine Wurzeln hat in der geistigen Welt. Jede individualistische Entwickelung ist hiermit bewahrt, jede Freiheit des einzelnen Menschen und aus der Einsicht des einzelnen Menschen heraus fühlt er sich mit diesem Geistverein oder Michaelschule verbunden. So hat es mir in meinem Innern geklungen. Auf mein eigenes Darinnenstehen in diesem Impuls, darauf kommt es an. Das andere richtet sich von selbst.

Ita Wegman, 1935


Der Leiter des Ita Wegman Instituts für anthroposophische Grundlagenforschung (Arlesheim), Prof. Dr. med. Peter Selg, hat wieder ein bemerkenswertes Buch zum Lebenswerk von Rudolf Steiner und zum Wirken von Ita Wegmann veröffentlicht. Der inzwischen ernannte Professor für medizinische Anthropologie an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft (Alfter bei Bonn) scheint derzeit zu sein einer der fleißigsten anthroposophischen Autoren. Er hat viele Veröffentlichungen nicht nur über die geistigen und sozialen Hintergründe des Wirkens von Steiner und Wegman und deren engen Zusammenarbeit geliefert, sondern er hat auch zahlreiche Publikationen selbst geschrieben oder koordiniert zu verschiedenen Themen der Anthroposophie, der Medizin und der Heilpädagogik und zu anderen Pionieren der anthroposophischen Bewegung wie u. a. Christian Morgenstern, Edith Maryon, Marie Steiner-von Sivers, Helene von Grunelius, Siegfried Pickert, Karl König, Gerhard Kienle. Außerdem hat er Bücher über andere beispiellosen Gestalten des 20. Jahrhunderts geschrieben wie Paul Celan und Nelly Sachs, Hans und Sophie Scholl, Rainer Maria Rilke und Franz Kafka…[weiter]

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Bild: Umschlag von Peter Selg, Rudolf Steiner und die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Quelle: Verlag des Ita Wegman Instituts

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2008/12/03

Gleichgewicht

Während meiner letzten und im innewohnenden Jahr 4. Italien-Reise erlebte ich einige innerlich unangenehme und äußerlich sehr dramatische Umstände, die sowohl meine sonst relativ gute emotionale Stabilität als auch mein seelisch-geistiges Gleichgewicht herausforderten und dazu mein Drinnenstehen im Weltgeschehen auf dem Punkt brachten. In kommenden Beiträgen werde ich vermutlich dazu näher zurückkommen.

Hier möchte ich nun etwas vorwegnehmen, um anzudeuten, wie knifflig und delikat solche Ereignisse für die eigene Urteilsfindung sein können. Es geht darum, die Mitte des eigenen Wesens in einem Gleichgewicht zwischen Gegensätzen zu suchen, die aber auch nicht statisch sein kann oder darf. Christus als richtunggebende Achse in der karmischen Spirallinie der Entwicklung wird dabei gefragt. Der Christus-Impuls ist nur zu begreifen, wenn wir ihn als ein Impuls des Gleichgewichts ansehen zwischen dem Ahrimanischen und dem Luziferischen, also zwischen polarisierenden Geistwesen, die entweder Luzifer oder Ahriman beizuordnen sind. Ein Zitat von Rudolf Steiner verdeutlicht es:

„Es handelt sich nur darum, daß im Menschengemüte der Gleichgewichtszustand herbeigeführt wird. Und weil das so ist, kann man dem Ahrimanischen und dem Luziferischen verfallen, gerade wenn man glaubt, alles Ahrimanisch-Luziferische abzuweisen. Gegen die Wirklichkeit läßt sich zwar sündigen, aber die Wirklichkeit läßt sich nicht unterdrücken! So wird jemand, der sich vor dem Ahrimanischen hüten will, sehr leicht dem Luziferischen, jemand, der sich vor dem Luziferischen hüten will, sehr leicht dem Ahrimanischen verfallen. Die Sache ist, daß wir das Gleichgewicht finden, daß wir vor keinem zurückschrecken, daß wir als Menschen Mut genug haben, sowohl, sagen wir, der ahrimanischen Furcht, wie der luziferischen Hoffnung oder Lust entgegenzutreten. Aber unsere Zeitkultur liebt dieses nicht, sie liebt, ohne daß sie es weiß, und selbstverständlich ohne daß sie es will, in gewisser Beziehung das Ahrimanische und das Luziferische. Sie glaubt sich davor zu hüten, verfällt ihm aber erst recht. Es gibt Philosophen, die sagen, sie streben nach der Einheit. Das ist schön, aber es ist rein luziferisch! Andere streben nach der Mannigfaltigkeit, wollen nichts wissen von einer Einheit. Auch das kann heute Früchte bringen, ist aber ahrimanisch. Nur derjenige, der die Einheit in der Mannigfaltigkeit, und wiederum die Mannigfaltigkeit so sucht, daß sich durch die Mannigfaltigkeit die Einheit offenbart, strebt nach dem Gleichgewichte. Es handelt sich nur darum, dass man die Möglichkeit findet, dies in der Wirklichkeit zu tun.“ (Rudolf Steiner in: Weltwesen und Ichheit, Dornach 1963, GA 169, Seite 105f.)

Foto: Die Füße eines Seiltänzers. Quelle: Wikipedia

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2008/11/19

Die anthroposophische Stimme von Michael Kiske

„Würde Rudolf Steiner wieder unter uns Mitteleuropäern auftreten, die offiziellen Vertreter der Anthroposophie würden ihn wohl am allerhärtesten bekämpfen, weil sie das neue lebendige Licht mit ihren erstarrten Formen nicht mehr zusammenbringen könnten. Das wieder ganz verjüngte menschliche Lächeln Zarathustras würde ihnen große Angst einjagen. (Heute muss man längst Rudolf Steiner selber vor den offiziellen Anthroposophen retten!) Vor allem aber kollidiert der Heilige Geist – wo und wie er auch auftritt – immer mit dem Allgemeinen, mit der Masse und den Gewohnheiten und Vorurteilen eines Zeitalters.“

Michael Kiske
in: Über Freunde und Feinde der Anthroposophie

Auf seiner privaten Website tritt der viel begabte und geliebte Musiker Michael Kiske als ein Liebhaber Rudolf Steiners auf. In mehreren Aufsätzen schildert er sehr unmittelbar und freimütig sein Umgang mit der Anthroposophie Steiners und die Beschäftigung mit vielen anderen kulturellen, religiösen und künstlerischen Fragen. Er begegnet den traditionellen auf Materialismus und Intellektualismus gegründeten Kritikern der Anthroposophie mit schonungslosem Idealismus und gedankenklarem Pragmatismus.

Kiske behauptet, dass „die offizielle Anthroposophenschaft es heute nur noch hinbekommt, Rudolf Steiner und sein Seelen-retten-könnendes Werk in den Augen der Menschen vollkommen unmöglich zu machen.“ Er meint, dass die Anthroposophie nicht allgemein referierend, sondern viel direkter aus persönlicher Authentizität hervortreten solle, weil so viele Menschen da sind, die sie „dringend brauchen, um überhaupt ihrem Karma gemäß leben zu können“.

Tritt mit Michael Kiske ein Vorbild einer neuen Generation Anthroposophen vor uns, jemand, der schon lange in der Musikszene sich einen Platz durch Kreativität und Eigenständigkeit geschafft und dadurch Gemeinschaft gebildet hat?

Bild: Michael Kiske, Past in Different Ways (Akustikaufnahmen alter Helloween-Songs) 2008
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2008/11/18

Die Anthroposophische Gesellschaft als „Hemmschuh“ der Anthroposophie

„…als ein lebendiger Anachronismus, als das Bild, wie gesagt, einer barbarischen, in Gefahr schwebenden Gesellschaft, als ein posthumes Werk der Vergangenheit, welches für die Räder der Gegenwart nur den Wert eines Hemmschuhs haben kann.“

Friedrich Nietzsche

in:
Menschliches, Allzumenschliches II.
Ein Buch für freie Geister
(1879)


Bild: Lou von Salomé, Paul Rée und Freiedrich Nietzsche. Von Nietzsche selbst 1882 arrangierte Fotografie. Quelle: Wikipedia

Ramon Brüll
befürwortet in Info3
die Auflösung der Anthroposophischen Gesellschaft (AAG), weil er findet, dass ihre Existenz heute die weitere Entwicklung der Anthroposophie verhindere:

„In großen Zügen könnte man die Entwicklung der Anthroposophie charakterisieren von einer Geheimgesellschaft (ab ca. 1913), über eine ‚durchaus öffentliche’, aber organisatorisch begrenzte Interessensgemeinschaft (ab 1923) bis hin zu einer Bewegung, die durch die Gründung vieler lebenspraktischer Einrichtungen (Höhepunkt in der Post-68er-Phase) öffentliche Anerkennung findet. Der nächste Schritt muss konsequenterweise sein, Anthroposophie als öffentliches Gedankengut, also als Teil des allgemeinen Kulturlebens und nicht länger als Alternative zu ihm zu verstehen. Um das zu erreichen, darf Anthroposophie gar nicht mehr organisatorisch vereinnahmt werden und folglich müsste die Anthroposophische Gesellschaft aufgelöst werden.“

Andreas Neider, verantwortlicher Redakteur des Mitteilungsblattes der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, stellt die Thesen in der Info3 in Frage und fordert zur Diskussion auf. Bei dieser Forderung der Auflösung bzw. „Hineinopferung“ zugunsten eines „aktuellen Zeitgeistes“ vermisst Neider das, „was Rudolf Steiner von jedem seiner Schüler erwartete, nämlich die eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung eben dieser Anthroposophie“. Einer der Vorbilder dieser Fortschritt seit Rudolf Steiner sieht Neider in Herbert Witzenmann. Welche sind die anderen, und warum sind diese Anthroposophen-Ideale nicht so augenfällig gewesen, dass sie auch in der allgemeinen Gesellschaft geschweige denn innerhalb den eigenen Reihen selbst eine Geltung hatten und haben?

Was Michael Eggert als „bemerkenswert dünner Substanz“ in der Argumentation Neiders nennt, bezieht sich auf ein esoterisches Thema der Anthroposophie: der Umgang mit den Verstorbenen. Neider schreibt: „Die Antwort nach der Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft findet sich meiner Meinung nach einzig und allein dadurch, dass man konkret auf die eigene spirituelle Verantwortung für das, was Rudolf Steiner den Mitgliedern dieser Gesellschaft als Aufgabe übertragen hat, hinblickt.“

Neider schreibt, dass es Rudolf Steiner eines der wichtigsten Anliegen sei, „seine Schüler davon zu überzeugen, dass die Verstorbenen in einer lebendigen, spirituell gegenwärtigen Welt leben, zu der wir Lebenden einen real wirksamen Bezug herstellen können.“ Andreas Neider fühlt sich erfreulicherweise diesem Anliegen gegenüber zum realen, geistigen Dialog verpflichtet. Ähnlich wie Mieke Mosmuller plädiert er für einen direkten Kontakt mit Rudolf Steiner als der Bezugspunkt der weiteren Entwicklung der Anthroposophie inklusive seiner Schüler, die auch verstorbenen, aber im Geistigen weiterhin wirksam sind. Solche allgemeine Anspielungen sind im privaten Bereich schon in Ordnung, aber heute taugen sie zu nichts mehr, falls man mit der Anthroposophie etwas öffentlich erreichen möchte. Hier muss man konkret und ichbezogen sein! Das ist ein Problem der anthroposophischen Gesellschaft mit deren Hochschule, dass sie nur ein – gestorbener - Geistesforscher „hat“. Welche neue Ergebnisse und Schöpfungen kann sie aus aktueller übersinnlicher und spiritueller Forschung vorzeigen? Wie der Kontakt zu dem verstorbenen Rudolf Steiner und zu anderen Vorgänger erstellt werden könnte, beschreibt Neider jedoch und leider nicht. Für ihn ist die Welt der Verstorbenen keine Welt der Vergangenheit, sondern sie bringt ihn in Beziehung mit der eigentlichen, höheren Realität seines Daseins. Leider bringt er dabei auch keinen konkreten Beispielen, wie diese höhere Realität sein Leben verändert hat gegebenenfalls im Jetzt beeinflusst.

In einer Hochschulkonferenz in Schweden 1997 versuchte ich gerade dieses von Andreas Neider angedeutete Vorhaben „der eigenständigen esoterischen Erarbeitung und Weiterentwicklung“ der Anthroposophie durch authentische individuelle Beispiele in einem Plenumsgespräch auszuüben. Ich sprach von einem individuellen Geist-Erleben mit dem verstorbenen Dornacher Vorstand und Sektionsleiter Jørgen Smit und zwei anderen in Skandinavien bekannten verstorbenen Anthroposophen. Das ging damals überhaupt nicht. Mein Versuch des neuen Konzepts wurde sofort als etwas nicht Vereinbares mit der Repräsentanz der Hochschule von einigen prominenten Anthroposophen und vom damaligen Generalsekretär der schwedischen Landesgesellschaft, Anders Kumlander, aburteilt. Er replizierte, dass es nur innerhalb einer Klassenstunde angebracht sei, mit Verstorbenen in Kontakt zu treten! Dieses Intermezzo ist mir in der Erinnerung so deutlich geblieben, dass daraus eine anschauliche Szene in einem 5. Mysteriendrama dramatisiert werden könnte.

Eine Patientin einer anthroposophischen Klinik erzählte mir einmal folgende Anekdote: Sie kannte eine andere Patientin, die berichtete, dass sie eine Christus-Erlebnis gehabt hätte. Sie erzählte es einmal während einer Patientenrunde. Darauf soll ein ärztlicher Verantwortlicher, der auch Lektor der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (FHG) war und noch heute ist, zu der Letzteren gesagt haben, dass dies unmöglich sei, weil sie kein Mitglied der Hochschule sei! Als ob also nur innerhalb den traditionellen anthroposophischen Institutionen und Gremien echte geistige Erfahrungen erfolgen könnten. So ein Unsinn! Seitdem habe ich viele weitere ähnliche irrationelle und immerhin sozial verständliche aber nicht akzeptable Reaktionen und Tendenzen in der FHG und in der AAG erlebt, wenn es um geistige Erfahrungen gingen, dass es für mich kein Sinn mehr machte, darin Mitglied zu bleiben.

Im Verhältnis zu der Anthroposophie, die in meiner Seele lebt, brauche ich folglich nicht mehr die althergebrachte AAG und sie braucht auch nicht mich für ihre Anthroposophie, sonst hätte Andreas Neider sich längstens gemeldet. Und Ramon Brüll braucht meine Unterstützung mit seiner Auflösungskampagne sicherlich auch nicht. Eine solche Kampagne wird sowieso wenig bewegen können, da die Bejahung für die AAG so stark ist, dass sie lange noch bestehen wird. Davon bin ich überzeugt. Ich bezweifele auch nicht, dass Anthroposophie ihr Weg neben der AAG in die Welt findet und finden wird. Sie entsteht und lebt bei einzelnen Menschen und in Menschenbeziehungen, wo man einen direkten Kontakt schafft zu der Individualität, die den Namen Rudolf Steiner im letzten Leben trug, und zu anderen Individualitäten, z. B. Jörgen Smit und viele andere, die Anthroposophie lieben, weil sie eine Herzensangelegenheit der Ohnmacht ist, und deswegen keine Institution mit Alleinvertretungsanspruch als Leib, aber selbstverständlich ein freies Kulturleben braucht, vorausgesetzt, dass darin „ein gemeinschaftsbildender Raum“ geschaffen wird. In einem Vereinsdokument kann dies aber nicht proklamiert werden.

Rudolf Steiner hat an der Weihnachtstagung 1923 keinen traditionellen Verein, sondern eine Herzensgemeinschaft gegründet, der es die Aufgabe zukam, Ordnung im Karma zu schaffen. Und solange nicht genug Mitglieder und Vertreter der AAG und der FHG die Interesse haben, dafür aus Steiners Anweisungen und aus der Anthroposophie entstandenen anderen konkreten Wegen der Karmapraxis und der Karmaforschung anzutreten, bleibt die Anthroposophische Gesellschaft für die Anthroposophie selbst ein hinderlicher „Hemmschuh“. Hemmschuh könnte sicherlich auch als ein bejahendes Bild verstanden werden, allenfalls man meint, dass die AAG eine notwenige Fahrtbremse für irgendwelche zu schnell laufenden anthroposophischen Entwicklungen sei. Die Bremsefunktion wurde jedoch in der Vergangenheit vielmehr irrtümlich angetreten, sodass „Entgleisungen“ wie diejenige im Jahre 1935 aufzogen. Ich gebe Ramon Brüll in seiner Standortbeschreibung grundsätzlich Recht, und ich begrüße und bedanke ihn, dass er den Mut hat, zu notwendigen Veränderungen aufzurufen.

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2008/11/06

Der schöpferische Verzicht

„Im allgemeinen wird der Mensch zu der Annahme geneigt sein, daß von der Stärke des Willensimpulses die Größe der Tat abhängt. Das ist aber nur bis zu einem gewissen Grade richtig. Aber in der geistigen Welt ist das gar nicht so, sondern da tritt das Gegenteil von dem ein. Da ist es so, daß zu den größten Taten, zu den größten Wirkungen, können wir besser noch sagen, nicht eine Verstärkung des positiven Willensimpulses notwendig ist, sondern vielmehr eine gewisse Resignation, ein Verzicht. Wir können da schon von den kleinsten, rein geistigen Tatsachen ausgehen. Wir erreichen eine gewisse geistige Wirkung nicht dadurch, daß wir möglichst unsere Begehrlichkeit in Szene setzen, oder möglichst Geschäftig sind, sondern in der geistigen Welt erreichen wir gewisse Wirkungen dadurch, daß wir unsere Wünsche und Begierden bezähmen und auf deren Befriedigung verzichten.

Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe es darauf abgesehen, durch innere geistige Wirkungen etwas in der Welt zu erreichen. Dann muß er sich dazu vorbereiten, daß er vor allen Dingen seine Wünsche, seine Begierden unterdrücken lernt. Und zu den größten geistigen Wirkungen, sagen wir zu magischen Wirkungen, gehört immer eine solche Vorbereitung, die zusammenhängt mit Verzicht auf Wünsche, Begierden, Willensimpulse, die in uns auftreten. Je weniger wir ‚wollen’, je mehr wir uns sagen: Wir lassen das Leben an uns vorüberströmen und begehren nicht dies und begehren nicht jenes, sondern nehmen die Dinge, wie sie uns Karma zuwirft –, je mehr wir so Karma und seine Wirkungen hinnehmen und ruhig uns verhalten in einem Verzicht in bezug auf alles, was wir sonst im Leben erreichen wollen für dieses Leben, desto kräftiger werden wir zum Beispiel in bezug auf Gedankenwirkungen. Bei einem Menschen, der ein sehr begierdenvoller Mensch ist, der es vor allen Dingen liebt, recht gut zu essen und zu trinken und auch sonst begierdenvoll ist, bei dem wird sich herausstellen, wenn er zum Beispiel Lehrer oder Erzieher ist, daß seine Worte, die er an seine Zöglinge richtet, nicht viel erreichen; das geht bei den Zöglingen zum einen Vervollkommnung für den Okkultisten Ohr hinein, zum anderen heraus. Er wird dann der Meinung sein, daß dies die Schuld der Zöglinge wäre. Das ist aber nicht immer der Fall. Der Mensch, der eine höhere Lebensauffassung hat, der mäßig lebt, der nur so viel ißt, als nötig ist, um das Leben zu unterhalten, der vorzugsweise darauf bedacht ist, die Dinge, die das Schicksal gibt, hinzunehmen, der wird allmählich merken, daß seine Worte eine größere Kraft haben: ja, sein Blick kann dann schon eine große Kraft haben, und es braucht nicht einmal zum Blick zu kommen, er braucht nur neben dem Zögling zu sein, braucht nur einen aufmunternden Gedanken zu haben, den er gar nicht äußert: das wird auf den Zögling übergehen. Das alles hängt ab, von dem Grade des Verzichtes, der Resignation gegenüber dem, was der Mensch sonst verlangt.

Nun ist für geistige Betätigungen, um geistige Wirkungen in den höheren Welten zu erzielen, der richtige Weg der, welcher durch den Verzicht geht. In dieser Beziehung bestehen viele Täuschungen; und Täuschungen führen nicht – deshalb, weil sie auch im Äußeren so ähnlich aussehen – zu den richtigen Wirkungen. Sie alle kennen das, was man im gewöhnlichen Leben die Askese, die Selbstpeinigung nennt. Die Selbstpeinigung kann in vielen Fällen geradezu eine Wollust sein, die der Betreffende aus der Begierde heraus wählt, zum Beispiel, um viel zu erreichen, oder sei es auch aus einem anderen Begierdequell. Dann wirkt die Askese nichts; denn sie hat nur dann eine Bedeutung, wenn sie als Begleiterscheinung des schon im Geistigen wurzelnden Verzichts auftritt – der schöpferische Verzicht.“ (Rudolf Steiner in: GA 132.43f)

Bild: Edvard Munch, Selbstporträt in der Hölle, 1903. Öl auf Leinwand, 82 x 66 cm. Munchmuseet, Oslo. © The Munch Museum/The Munch-Ellingsen Group/2007, ProLitteris, Zürich. Quelle: beyeler.com

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2008/11/05

Trichotomie

„Dreierlei bedingt den Lebenslauf eines Menschen innerhalb von Geburt und Tod. Und dreifach ist er dadurch abhängig von Faktoren, die jenseits von Geburt und Tod liegen. Der Leib unterliegt dem Gesetz der Vererbung; die Seele unterliegt dem selbstgeschaffenen Schicksal, dem Karma. Und der Geist steht unter dem Gesetze der Wiederverkörperung der wiederholten Erdenleben.“ (Rudolf Steiner in: GA 9.88)

In der christlichen Anthropologie bezeichnet Trichotomie die Auffassung, dass der Mensch konstituiert ist durch drei Glieder, die meist bezeichnet werden als Geist, Seele und Leib. In der römisch-katholischen Kirche gilt diese Lehre seit dem 4. Konzil von Konstantinopel von 869-870 als Ketzerei, insoweit man den Geist zu einer selbständigen Substanz neben der Seele macht.

Also ist es verständlich, dass die katholische und andere später entstandene Kirchen plus philosophische Systeme und psychologische Schulen, die den Geist verleugnen, keine menschliche Reinkarnation durch mehrere Erdenleben akzeptieren können. Dieses 4. Konzil von Konstantinopel anerkennt die katholische Kirche und rechnet es als das achte ökumenische Konzil. Von der orthodoxen Kirche wird es aber abgelehnt. Wer Reinkarnation und Karma heute vertritt, lehnt sich also gegen einen jahrtausendealte Tradition auf, und er muss davon ausgehen, dass es als Häretiker betrachtet wird. Konkret über frühere Leben und von karmischen Zusammenhängen zu berichten, ist folglich ein Wagnis.

Mit meiner karmischen Autobiographie von 1999 riskierte ich, mich selbst als aufklärendes Beispiel zu enthüllen, um zu zeigen, dass es im Jetzt durch dauerhaftes, meditatives Üben durchaus möglich ist, karmische Erkenntnis in großem Umfang zu erringen. In diesem Buch beschrieb ich, wie ich mich als ein meditativ Übender und Forschender im rein geistig-seelischen Erfahren begriff. Die karmischen Imaginationen boten Stützen für erhebliche Erkenntnisse über die Schicksalsgefüge. Ich präsentierte zwölf miteinander innig verknüpfte frühere Erdenleben inklusive einiger Einblicke bezüglich anderer Individualitäten, die mir immer nahe gestanden haben.

Ich wollte anschaulich machen, dass das übersinnliche Schauen, das Geist-Erleben und die Karmaerkenntnis anhand früherer Leben in ihrem Bezug zu heute für das Alltagsleben positive Folgen haben. Ich hätte gewiss solche besonderen Intimitäten verschweigen oder begrenzt mitteilen oder, wie ein Freund es mir empfahl, alles in Romanform berichten können. Nachdem bestimmte geistige Mächte mir überraschend mitteilten, dass ich versuchen könnte, meine übersinnlichen Erfahrungen bekannt zu geben, entschied ich mich, entgegen der Meinung Vieler, rätselhaftes Karma zu publizieren. Somit machte ich eine Zäsur mit, die andere Autoren begonnen hatten. Ich wollte herausfinden, ob Karmaverständnis sozial wirksam sein kann und ob esoterische Erkenntnis, wenn sie als aktuelle geistige Forschung präsentiert wird, öffentlicher Kritik parieren kann.

Da ich meinte, die Signatur der Gegenwart erfasst zu haben, versuchte ich, den Weg eines Outsiders durchzuhalten und mich bewusst der aufziehenden negativen Kritik auszusetzen, während viele z. B. behaupteten, dass ich gegen normale Diskretion verstoße. Es war für mich keine Tat des Übermuts, was zwar einige anthroposophische Kritiker erklärten, sondern ich ging einen schmalen Pfad der modernen Mysterien, so wie es mir mein Karma erlaubte. Dass auf diese Weise vieles anders geschah, als ich es mir erhoffte, und ich deswegen vielen Angriffen bis auf Rufmord Stand halten musste, ändert nichts an der Tatsache, dass ich es heute noch einmal tun würde.

Die Trichotomie heute zu vertreten, führt mich nicht zum Schafott oder zum Galgen, aber meine Wahl, mich für den reinkarnierenden Geist und für die schicksalsträchtige Seele einzusetzen, lässt mir erahnen, was eine globale Einsamkeit vermag, dass sie so umfassend sein kann, dass alle anderen menschlichen Individualitäten darin erinnert werden können.

Bild: Fra Angelico: Enthauptung der Heiligen Cosmas und Damian, 1348. Quelle: Wikipedia

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2008/11/04

Ist Karma etwas, vor dem wir uns fürchten sollen?


Es gibt keine Anthroposophie ohne die Idee von Reinkarnation uns Karma. Im Rudolf Steiners Werk, in seinen Büchern und Vortragsnachschriften, gibt es genug Belege dafür, dass Karma und Reinkarnation zur zentralsten Begriffen der Anthroposophie gehören. Wenn ich nur einige solche Textstellen aus dem geschriebenen und gesprochenen Kontext herausnehme, und sie mit meinen eigenen Lebenserfahrungen verbinde, stehe ich vor Tatsachen, die manch ein Rätsel beleuchten, und mir gegebenenfalls Hilfeleistungen gebe, wenn ich schaffe, die darin beschriebenen Wahrheit mit meiner Individuellen Situation zu integrieren. Ich werde unten und in kommenden Beträgen einpaar solche Stellen zitieren und dazu ein Kommentar geben. Die in Klammern stehenden Ziffern beziehen sich auf die Publikations- und Seitennummer in der Gesamtausgabe (GA) des Werks von Rudolf Steiner herausgegeben vom mit seinem Namen identischen Verlag in Dornach, Schweiz.

„In jedem Moment des Lebens stellt das Karma etwas dar, wie die Bilanz eines Geschäftsmannes. Mit jeder Handlung, sie sei gut oder schlecht, vermehrt der Mensch sein Soll oder sein Haben. Wer (bei einer möglichen Handlung) einen Akt der Freiheit nicht zugeben möchte, würde einem Kaufmann gleichen, der nicht das Risiko einer neuen Geschäftsunternehmung eingehen möchte und sich immer auf dem gleichen Stande der Geschäftsbilanz halten würde.“ (94.117)

Karma ist immer vorhanden. Es steht nicht still, sondern verändert sich mit meinem Mitgehen oder Nichtmitgehen in der Schicksalsbewegung. Ich kann nur bedingt wissen, was aus meinem Tun entsteht, da die Folgen meiner Handlungen sich gemäß den Veränderungen in meinem Umfeld sich auch verändern. So gesehen, stehe ich mit meinem Karma im Spannungsfeld zwischen dem Vergangenheitsstrom aller gemeinsamen Tradition und der individuellen Entscheidung für eine offene Zukunft.  

„Eine Wesenheit, die einmal tätig war, steht in der Folge eben nicht mehr isoliert da; sie hat ihr Selbst in ihre Taten gelegt. Und alles, was sie wird, ist fortan verknüpft mit dem, was aus den Taten wird. Diese Verknüpfung einer Wesenheit mit den Ergebnissen ihrer Taten ist das die ganze Welt beherrschende Gesetz von Karma. Die Schicksal gewordene Tätigkeit ist Karma.“ (34.93)

Karma ist auch nicht denkbar, wenn ich es nicht mit einem Eigenwesen in Zusammenhang bringe. Nur ein Selbstseinswesen, eine Individualität, die einen Teil oder ein Glied ihrer Existenz auch außerhalb des Sinnesseins verlagert, kann Karma kreieren. Alle anderen Lebewesen und Welterscheinungen, die durch ihr Sein Folgen für andere Erscheinungen haben, sind in Prozessen verhaftet, die meist unmittelbar eine oder mehrere Wirkungen hervorrufen. Eine karmische Wirkung lässt sich demgegenüber als ein zusammengehaltenes Element über Jahrhunderte und Jahrtausende in wechselnden Umständen durch ein ihr verwandtes Bewusstsein verfolgen.  

„Wenn die Möglichkeit nicht gegeben wäre, sich über den Irrtum zu erheben, so müsste der Mensch zuletzt in Irrtum versinken. So aber ist die Wohltat des Karmas eingetreten. Ist Karma irgendetwas, vor dem der Mensch sich fürchten soll? Nein! Karma ist eine Macht, für die der Mensch eigentlich den Weltenplänen dankbar sein sollte. Ohne Karma wäre unser Fortschreiten in der menschlichen Laufbahn unmöglich. Karma erweist uns die Wohltat, dass wir jeden Irrtum wieder gutmachen müssen, dass wir alles, was wir rückwärts getan haben, wieder vernichten müssen.“ (107.246)

Karma als Wohltat „Gottes“ zu denken, schafft mir neue Stützen in der Selbsterkenntnis. Karma als Wohltat zu fühlen, zu erleben, schafft mir die Fülle für monumentale Projekte in der Welterkenntnis. Karma als Wohltat mit dem eigenen Tun zu verbinden, gibt mir die Begrifflichkeit, zu betätigen das Karmabewusstsein als individuelles Instrument im Sozialen. Meine eigenen Irrtümer vor kurzem und diejenigen der Anderen, die im 20. Jahrhundert und die in der Geschichte, können nur „vergessen“ werden, wenn ich sie eingieße im „Kompost“ des Karmas, in einer bewussten Umschmelzung der irrtümlichen Handlungen, wobei ich erneut absolut alles – unter Umständen nur in einem Konzentrat – anschaue, anpacke und auspacke. Karma unter einem Teppich eines vorübergehenden Vergessens zu kehren, schafft nur neue Irrtümer, schafft Monolithe entgleister Kultur.

Bild: Aristotile (Bastiano) da Sangallo (1481–1551): Grisaille nach Michelangelos Schlacht von Cascina (bei Pisa). Quelle: Wikipedia

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2008/11/03

Offener Brief an Sebastian Jüngel

Zur Buchbesprechung „Dafür ist Güte nötig“ von Sebastian Jüngel im Goetheanum Nr. 43/2008

Lieber Sebastian, du hast mein zweites Buch kommentiert und erlebst dabei „Gegensätzliches“. Warum nennst du keine Beispiele? Du erklärst, dass „eine konzeptuelle Straffung […] zu größerer Klarheit verholfen“ hätte. Gewiss ist es sehr umfangreich, und ich hätte zwei Bücher tun können. Ein Interessierter, der die Anregungen und Übungen ausprobiert, wird aber das Ganze wertvoll finden.   

Du schreibst: „Bei all diesen Beispielen wird mir nicht deutlich, ab wann der willentliche Umgang mit dem Bildhaften (als Übung) zur Verwandlung in Erwartung oder ‚Empfängnis’ kommt, […] ab wann also an die Stelle der Visualisierung das außer mir liegende geistig-seelische Erleben tritt.“ Du bewegst diese Fragestellung sachlich und versucht, dich in meine Haltung einzufühlen, um eine wohlwollende Antwort zu finden. Trotzdem ist dir wohl aus den Augen gefallen, dass ich mehrmals der Unterschied zwischen subjektiven und objektiven Vorgängen beschreibe.

Das Exempel ‚Thomas’ im Kapitel über Imagination, Inspiration und Intuition (Seite 70-74) zeigt einen bewusstseinsstufenweisen Vorgang. Und auf Seite 87 wird der Schritt in das Übersinnliche noch mal pointiert: „Du kannst von den Farben im Bild ausgehen, aber du musst nicht bei ihnen ‚hängen bleiben’, sondern du kannst aus dem inneren Gefühl heraus andere Klänge entstehen lassen, die dir auch relevant vorkommen. […] Du wirst allmählich oder sogar unerwartet spontan entdecken, dass du dich nicht mehr nur innerhalb der eigenen Phantasiegebilde befindest, sondern du wirst merken, dass in deiner Seele eine Atmosphäre – sozusagen als etwas Spürbares, das um dich lebt – entsteht, wo echtes Übersinnliches als etwas Befindliches empfunden werden kann.“

Für dich ähnelt meine Methode „erlebnispädagogische Settings, jedoch solche in der Vorstellung, nicht im Tun“. In der Erlebnispädagogik geht es ja gerade darum, etwas zu erleben durchs Tun. Wenn du zum übenden oder meditativen Tun nicht übergehst, kommst du nicht ins Geist-Erleben hinein.

Hast du beim Rezensieren vergessen, dass du einmal mit mir und Steffen Hartmann ein Interview führtest, wo es um Geist-Erleben mittels eines Engels ging? Viele meiner Aufätze, die du für Das Goetheanum lektoriertest, behandelten ebenfalls dieses Thema. Gegen diesen Hintergrund kommt es mir folgewidrig vor, wenn du notierst: „…was die Vorbereitung auf Meditation betrifft, ist aber zuweilen in Inhalt und Begriff recht voraussetzungshaft.“ Das Buch ist geradeso gegliedert, dass keine Spezialkenntnisse vorausgesetzt sind, sondern Übungen sind so geschildert, dass jeder zu Übersinnlichem kommen kann, falls er sie übt.

In einer Internetrezension schrieb Michael Eggert: „Dabei handelt es sich in erster Linie um […] Anregungen, die ganz locker und freilassend dargelegt werden. Da ist etwas dabei für Einsteiger und für Fortgeschrittene. Und offensichtlich ist es aus einer intensiven inneren Forschungsarbeit heraus geschrieben, leichthändig, gut lesbar, inspirierend.“

Warum erlebst du, der mich noch persönlich kennt – wir duzen uns noch –, das Leichthändige und die gute Lesbarkeit nicht? Nennst du in deiner reservierten Palaver die von mir angeführten negativen Erfahrungen im „anthroposophischen Milieu“ und die Selbstverteidigung gegenüber Vorwürfen, weil du dich für meine Arbeit eintreten und zu einer Aufklärung beitragen willst? Das schreibst du aber nicht. Stattdessen notierst du, dass ich klinge „an manchen Stellen selbstbezogen, zuweilen nonchalant“, und du führst August Strindberg an, ohne ihn relevant einzuordnen, etwas, was sich aus meinen beiden Büchern ergibt. Dass ich einige Male Hinweise zu meinem ersten Buch gebe, „penetrant“ zu bewerten, finde ich impertinent.

Im allerletzten Abschnitt bringst du den etwas rätselhaften Hinweis, dass mein Buch „Güte“ brauche. Du stellst das Fantasievolle und Anregende positiv in den Vordergrund, aber was meinst du mit der „Güte“? Wenn wir den Mut haben, uns selbst zu beurteilen und zu richten, und darum zu ringen, wahrhaft friedfertig werden zu wollen, kommen wir in der Gütigkeit voran. Stetige Gütigkeit bringt Missverständnisse, Misstrauen und Feindseligkeit zum Schwinden. Du hast recht, falls du an vorurteilsfreiunfähige und mit Tratsch und Klatsch beladenen Anthroposophen denkst, die mehr Güte entwickeln könnten, aber warum zeigst du sie selbst nicht unmissverständlicher? Gibt es auf diese Frage gegebenenfalls eine karmische Antwort, die sogar in meinem ersten Buch erklingt, und die mit den im Zweiten vorhandenen meditativen Werkzeugen ergründet werden könnte? Deine Rezension erscheint mir meisterhaft vorsichtig und zurückhaltend. Du drückst kein lautes Schrillen aus. Ich höre auch keine Begeisterung. Warum nicht?

Bild: Kuss des Judas Ischariot; 12. Jahrhundert, unbekannter Künstler; heutiger Standort: Uffizien, Florenz. Quelle: Wikipedia

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2008/10/26

Riss in der Achse

Foto: ICE-T-Zug. Die Deutsche Bahn zog ab Samstag fast alle der rund 70 Schnellzüge mit Neigetechnik vorübergehend aus dem Verkehr. Quelle: spiegel.de

Anthroposophische Gesellschaft und Karmapraxis

Während des von der Bochumer Polizei erlaubten NPD-Aufmarsches am Samstag saß ich für einpaar Tage als NRWanthro im Kulturhaus Oskar gegenüber dem Bochumer Schauspielhaus mit weniger als zwei Handvoll Anthroposophen, die die Karmapraxis als soziale Herausforderung zusammen besprachen. Wir nahmen unmittelbar nicht teil an den von vielen hunderten Polizisten überwachten und von knapp 3000 Menschen durchführten Gegendemonstrationen draußen an mehreren Ställen in der NRW-Stadt. Ob diese Demos dunkle Kriege waren, überlasse ich anderen zu urteilen. Jedenfalls gab es keine größeren Zwischenfälle und beim Aufmarsch der rund 200 Rechtsextremisten gab es nur kleinere Rangeleien. Die Polizei sprach von einem eher ruhigen Verlauf der Veranstaltungen. 

Trotzt der durch die Fenster einbrechenden Lautsprecherstimmen, der laute Musik und der emotionalen Wallungen, hatte unsere Veranstaltung auch einen ruhigen Ablauf. Einige im Voraus geahnten kontroversen Sichtweisen und gewisse Nachklänge älterer Streite waren jedoch nicht machtvoll genug, um den Konsens zu verhindern, dass einstimmig beschlossen wurde, solche Kolloquien zum Thema Karmapraxis auch im nächsten Jahr fortzusetzen. Dass ich von der Repräsentanten der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland e. V. – die diesen von mehreren Teilnehmern lange ersehnten Treffen arrangierte - ohne Mitgliedskarte als ein respektierter und geschätzter Mitredner eingeladen war, spricht von einem meines Erfahrens ungewöhnlichen Offenheit und Dialogbereitschaft.

Ist diese Attitüde ein Zeichen einer neuen Sozialkompetenz in der anthroposophischen Gesellschaft? Die Karmafrage war ja kaum mehr ein Gesprächsthema oder in einem Programm zu finden seit dem Kongress 2001 in Kassel, der Northart Rohlfs anordnete, als er dort im Anthroposophischen Zentrum noch Veranstaltungschef war. Sind hoffnungsvolle Veränderungen in der anthroposophischen Oberschicht in Sicht? Zeigt das derzeitige Aufwachen gegenüber Karmafragen, dass eingesehen wird, dass das althergebrachte Verstandesdenken synchron mit dem Tod der Kapitalismus auch zu Ende gekommen ist? Oder bestätigt diese unerwartete Gesprächsbereitschaft, dass die Anthroposophische Gesellschaft selber gestorben sei, sodass ihre Seele als eine Verstorbene betrachtet werden dürfte, die nur durch einem erhöhtem Bewusstsein - sprich: Karmabewusstsein - zu neuem Leben kommen könnte?

Der ICE, in dem ich von Mannheim nach Bochum am Freitag meinen vorbestellten Platz hatte, war halbiert, sodass ich gezwungen wurde, einen IC-Bummelzug vom gegenüberliegenden Gleis zu nehmen. In der Nacht zu Samstag wurden dann rund 70 ähnliche Züge zurückberufen, damit Probleme mit ihren Achsen untersucht werden können. Wenn mit zu hohem Fahrt gekurvt wird, entstehen möglichenfalls solche Materialschäden. Haben die immensen Probleme kompetenzorientierter und zwischenmenschlicher Art innerhalb der anthroposophischen Bewegung heute und eigentlich immer seit Rudolf Steiners Zeiten mit „Rissen in der Achse“ zu tun? 

„Das Karma ist das Gesetz der Ursache und Wirkung in der geistigen Welt; es ist die Spirale der Entwickelung. Die Christus-Kraft schaltet sich in die Entwickelung dieser karmischen Linie als richtunggebende Achse ein.“ Das waren Steiners Worte vor etwa hundert Jahren. Was geschieht denn in einem sozialen Kontext und in einer Gesellschaft, wenn diese Achse nicht oder zuwenig beachtet wird? Meine Antwort: Draußen werden die Demos nochmals stattfinden und eine friedliche Zivilisation wird lange auf sich warten müssen. Und drinnen werden die Gespräche das Karmathema zu etwas ausgeklügelt vermeinten Handfesterem wechseln, bis das nächste Entgleisen geschieht.

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2008/10/13

Anthroposophische Publizistik und freies Geistesleben

In der letzten Ausgabe von den infoseiten anthroposophie - Beilage für nahezu alle anthroposophischen Zeitschriften mit einer Auflage von 65 000 gedruckten Exemplare diskutieren die zwei Zeitschriftenmacher Ramon Brüll von Seiten der info3 und Sebastian Jüngel von der Wochenschrift Das Goetheanum in einer, was sie nennen, „Zukunftswerkstatt“ über die Aufgaben und Bedingungen der anthroposophischen Publizistik. Da dieses Thema mich seit den 1970er Jahren und noch heute zutiefst interessiert, habe ich ihr aus einer Korrespondenz entstandenes Gespräch mit ihren offen gelegten Widersprüchen mehrmals gelesen. Dann habe ich ihre Sichtweisen mit meinen Erfahrungen aus der anthroposophischen Bewegung verglichen. 

Des Öfteren kommen Brüll und Jüngel zu divergierenden Schlussfolgerungen über die Grundbedingungen der anthroposophischen Publizistik. Meine Feststellungen stimmen sowohl mit einigen Gesichtspunkten von Brüll als auch mit anderen Beschreibungen von Jüngel übereins. Darüber hinaus möchte ich die Frage untersuchen, ob sie beide in ihrer Werkstatt von der Vergangenheit oder von der Zukunft sich steuern lassen. Genauer gefragt: Arbeiten sie reell mit der Aufgabe, ein freies Geistesleben zu verwirklichen? [weiter]

Abgelegt in Literatur

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2008/10/06

„Ambivalenz einer geistigen Größe“

Das vor kurzem erschienene Frankfurter Memorandum stellt zusammenfassend fest, dass es bei Rudolf Steiner „keinen Rassismus im Sinne der historischen Forschung, keine systematisch vertretene ‚Rassenlehre’ und keine Ideologie eines ‚Rassenkampfes’, insbesondere nicht als Theorie und Handlungsanweisung für die moderne bzw. gegenwärtige Menschheit“ gibt.

Dagegen zeigen die beiden Autoren Ramon Brüll und Dr. Jens Heisterkamp in dieser sehr lesbaren und aufklärenden Denkschrift, dass sich in Steiners Schriften und Vortragsnachschriften „vereinzelte diskriminierende und einige wenige rassistische Äußerungen“ zu finden sind, die sie als historisch überholt einordnen. „Sie sind historisch dadurch erklärbar, dass sich Steiner in einer Zeit von Kolonialismus und Eurozentrismus an einem teilweise rassistisch gefärbten Diskurs zu Fragen der Evolution des Menschen beteiligte“, schreiben sie. Die Nachrichtenagentur NNA kommentierte am 29. August diese neu aufgelistete Anzal von unzeitgemäßen Steiner-Zitaten: „Die ‚Ambivalenz einer geistigen Größe’, die ‚historischer Autor und aktuell wirksamer Impulsgeber’ sei, gelte es nüchtern festzustellen und das eine vom andern zu unterscheiden.“ 

Brüll und Heisterkamp stellen fest: “So bezeichnete Steiner in rund zwei Dutzend solcher Zitate etwa traditionelle Kulturen als ‚dekadent’ und äußerte sich in abschätziger Weise über Menschen mit schwarzer Hautfarbe.” In einem Kommentar zur Memorandum schreibt ein anonymer Leser auf der Info3 Blogland: „Man sollte mal gut nachschauen, was das Wort ‚dekadent’ Anfang des 20. Jahrhunderts bedeutete, und obendrein, in welchem Sinn Steiner selbst es benutzte. Steiner kann es nicht im selben Sinn gesprochen haben, als die damaligen oder heutigen Rassisten.“ Wer mag nun diese Distinktion heute untersuchen?

Ähnlich wie der niederländische Kommissionsbericht von 1998/2000 „Anthroposophie und die Frage der Rassen“ stellt das Frankfurter Memorandum fest, dass, „die ganzheitliche Entwicklung des individuellen Menschen sowie einer Gesellschaft, die von der Entwicklung der Einzelnen zur Freiheit profitieren soll“ das Zentrale von Steiners Anthroposophie ist – „trotz einzelner zeitgebundener rassistischer Äußerungen“. Brüll und Heisterkamp zitieren Gerard Kerkvliet, Pressesprecher für die Anthroposophische Gesellschaft der Niederlande im Jahr 2000: „Steiner hat den Versuch unternommen, die Verschiedenheit der Rassen und insbesondere der Völker mit dem Ziel zu beschreiben, ein besseres gegenseitiges Verständnis zu ermöglichen. In Bezug auf die Rassen war er der Meinung, daß eine Betonung ihrer Unterschiedlichkeit nicht mehr zeitgemäß sei.“

Während des Ersten Weltkriegs 1917 hatte Steiner für anthroposophische Zuhörer sogar die Betonung auf bluts- und traditionsgebundene Differenzen eindeutig kritisiert:„Ein Mensch, der heute von dem Ideal von Rassen und Nationen und Stammeszugehörigkeiten spricht, der spricht von Niedergangsimpulsen der Menschheit. Und wenn er in diesen sogenannten Idealen glaubt, fortschrittliche Ideale vor die Menschheit hinzustellen, so ist das die Unwahrheit, denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen.“ (Aus: Rudolf Steiner, Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis, GA 177, Rudolf Steiner Verlag, 5. Auflage, Dornach 1999, Seite 220.) 

Gegen diesem Hintergrund ist es unbegreiflich, wie er sechs Jahre später für die Arbeiter am Goetheanumbau gemäß dem Stenogramm sich folgendermaßen äußern konnte: „Die Negerrasse gehört nicht zu Europa und es ist natürlich nur ein Unfug, dass sie jetzt in Europa eine so große Rolle spielt.“ (Aus: Rudolf Steiner, Vom Leben des Menschen und der Erde. Über das Wesen des Christentum
s. Vorträge für Arbeiter am Goetheanumbau, Band III, GA 349, Rudolf Steiner Verlag, 3. Auflage, Dornach 2006, Vortrag vom 3. März 1923, Seite 53.) Laut dem Memorandum beinhaltet dieses Zitat für sich genommen eine Geringschätzung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Hierzu bemerken die Autoren sehr treffend: „Bei den Zitaten dieser Kategorie handelt es sich auch nicht mehr um ein bloß sprachhistorisches Problem, dem mit einer ‚Übersetzung’ des Gemeinten in eine ‚zeitgemäße’ Sprache beizukommen wäre.“

Rudolf Steiner lud immer wieder seine Zuhörer und Leser ein, ihn in seinen Angaben mit gesunder Vernunft zu untersuchen und mit allen zugänglichen Mitteln ihn beim Wahrheitsgehalt zu prüfen.
83 Jahre nach seinem Tod hat das Frankfurter Memorandum dies profund gemacht, und ich finde, dass die Autoren in ihrem berechtigten Kritik an Rudolf Steiner als Geschichtspersonen sich an seinem Richtschnur gehalten haben, die er folgendermaßen formulierte: „Wenn man einer welthistorischen Persönlichkeit Vorwürfe macht, so ist das nicht so gemeint, wie wenn man damit zugleich erklären wollte, daß man, wenigstens in seinem Urteil gegenüber dieser Persönlichkeit, so eine Art Scharfrichter sein möchte, der ihr, geistig gemeint, den Kopf abschlägt, indem man ein Urteil ausspricht. Moderne Kritiker sind so; aber derjenige, welcher von geisteswissenschaftlicher Gesinnung durchdrungen ist, ist nicht so.“ (Aus: Rudolf Steiner, Kunst und Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft, GA 162, Dornach 1985, Seite 204.) Den Eingeweihten haben sie somit nicht gebrandmarkt. Dementsprechend fällt das in diesem Blog vor einpaar Tagen besprochene Urteil Mieke Mosmullers über das Memorandum und über ihre einheimische Kommission quasi an Steiners eigener Worte auseinander. 

Trotz einiger hier nicht genannter geringfügiger Einwände, möchte ich hiermit das Frankfurter Memorandum „unterzeichnet“ haben.

Bild: Rudolf Steiner auf einem Relief - der Künstler konnte nicht festgestellt werden - auf seinem Geburtshaus in Kraljevec auf der Mur-Insel, damals in Österreich-Ungarn, heute in Kroatien gelegen. Quelle: anthroposophie.net

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2008/10/02

Anwältin für Rudolf Steiner

Eine Buchbesprechung: Mieke Mosmuller, Der lebendige Rudolf Steiner. Eine Apologie

In diesem Jahr des Einstimmens habe ich wenige Bücher gelesen. Heutzutage schaffe ich ein Buch fertig zu lesen, vorwiegend, wenn ich auf längere Reisen ohne Auto bin. Während der letzten in Skandinavien und Italien hatte ich Der lebendige Rudolf Steiner. Eine Apologie von Mieke Mosmuller als Lektüre mit. Ihre früheren vielen Bücher – die gebürtige Niederländerin hat seit 1994 in deutscher Sprache sieben und insgesamt 19 Bücher veröffentlicht – habe ich nicht gelesen, weswegen meine Kommentare und meine Kritik jetzt mit gewissem Vorbehalt gegeben werden. Mosmuller scheint also unter anderen anthroposophischen Autoren wie Sergej O. Prokofieff und Peter Selg ganz vorne im esoterisch-exoterischen Turnier sich zu tummeln.

In der Autorenpräsentation ihres Verlags, das gegründet worden ist von ihrem Ehemann, Jos Mosmuller – der ebenfalls wie sie Mediziner ist –, und rein für ihre Schriftstellerei veranlasst zu sein scheint, wird sie wie folgt umschrieben: „Durch intensives meditatives Studium von u. a. Die Philosophie der Freiheit von Rudolf Steiner kam eine vollkommen selbstständige innerliche Entwicklung in Gang. Von 1984 bis 1998 waren beide Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und zugleich der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Mit dem selbstständigen Erleben des Geistes, ausgehend vom reinen Denken, geriet Mieke Mosmuller in Opposition zur herrschenden anthroposophischen Lebens- und Meditationspraxis, zu deren Vertretern. Konflikte gab es zwar nicht, aber sie konnte ihre Arbeit nicht in die bestehenden Strukturen hineinführen. Äußerlich führte dies 1994 zur Niederschrift eines philosophisch-spirituellen Zeugnisses des realen Erlebens des Geistes: Suche das Licht, das im Abendland aufgeht, das durch Jos Mosmuller publiziert wurde (Occident Verlag). […] 2008 äußert Mieke Mosmuller ihre in vielen Jahren gewonnenen Einsichten in Bezug auf das wahre Wesen der Anthroposophie zum ersten Mal in aller Klarheit. Ihre Biografie mag deutlich machen, dass diese neuen Bücher einerseits die Bedeutung einer Rechtfertigung der wahren Anthroposophie und ihres Begründers, des Meisters des Abendlandes, haben, dass sie andererseits nichts anders sein können als eine Anklage gegen die heutige Form und die Vertreter der Anthroposophie.“

In diesem biographischen Umriss wird es klar, dass Mieke Mosmuller Rudolf Steiner als der Meister des Abendlandes ansieht. Für sie ist sein Wort von seinem Gedanken nicht getrennt, er war eins damit. Demgemäß lebte er sich in seinen Worten dar, und in sich lebte er die geistige Welt dar. In den Worten des Verlags erfolgt daraus, dass, wenn jemand eine Steiner-Zeile liest, „so hat man ihn selbst, zusammen mit dem gelesenen Inhalt, aufgenommen.“ [weiter]

Abgelegt in Chronik

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2008/09/28

Das Luzifer-Mysterium I

Luzifers Inkarnation im alten China - und der Ursprung der tibetischen Kultur

Teil I: Volkstümliche Bedingungen und die archaische Sozialstruktur

In der esoterischen Tradition ist Luzifer der weisheitsvolle Lichtbringer, aber auch Herr aller Versuchung. Es heißt, er ist schön von Gestalt, aber bösartig im Herzen. Luzifer entspricht die nordische Gottheit Loki, der Gott der Lüge und des zerstörenden Feuers. Luzifer nistet sich ein im Astralleib des Menschen und versucht, die Arbeit des Schutzengels für den Menschen während der Nacht zu hemmen. Luzifer ist dessen ungeachtet eine geistige Macht, die den Menschen viele Kulturgeschenke hinterließ. Luziferische Wesen sind solche, die von der Weisheit Luzifers beeinflusst sind. Luzifer ist im esoterischen Christentum ein Antipode des Heiligen Geistes

Wie Christus einst inkarniert war, so stellte Rudolf Steiner dar, dass auch Luzifer verkörpert gewesen sei, und zwar um 3000 v. Chr. im alten China (vgl. Rudolf Steiner, Der innere Aspekt des sozialen Rätsels. Luziferische Vergangenheit und ahrimanische Zukunft, GA 193, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1977). Ehe der Tod bei der betreffenden Trägerpersönlichkeit eintrat, ist gemäß meinen meditativen Forschungen Luzifer aus dem Leib „geflüchtet“, so dass er die Auswirkungen des Sterbens und somit die Folgen des menschlichen Todes nicht miterlebte. Die größte Auswirkung seiner Erdentaten war sozusagen die Inauguration des politischen Denkens, das zum ersten organisierten Militärsystem führte, und die Auswirkungen auf Kunst und Wissenschaft durch seine Erfindungen. 

In diesem Essay versuche ich, einige meiner meditativen Forschungen zu diesem Thema näher zu beleuchten. Es ist meine Hoffnung, dass jetzt im Zusammenhang mit den kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Problemen in Tibet und in China selbst und nach dem äußerlich erfolgreichen Anordnen der olympischen Spielen der richtige Zeitpunkt gekommen ist, diese spirituellen Forschungen zu veröffentlichen...[weiter]

Abgelegt in Forschung

* Der Astralleib ist das übersinnliche, seelische Wesensglied von Tier und Mensch, in dem Bewusstsein aufleuchtet. Im A. werden von außen kommende Einwirkungen als Bedürfnisse, Triebe und Regungen - kurz: als Empfindungen bewusst. Deshalb kann der A. neben Bewusstseinsleib auch als Empfindungsleib bezeichnet werden. Der A. wird auch in der Esoterik als Mental- oder Seelenkörper bezeichnet.

Luciferskulptur von Guillaume Geefs in der Kathedrale von Lüttich (Liège, Belgien). Foto: © Luc Viatour/GFDL-CC

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2008/08/15

Sich demaskieren

Es gibt äußere und innere Schwellenübertritte, die wir meist nicht bemerken. Mit jedem Einschlafen und Aufwachen vollzieht sich ein Übergang zwischen Bewusstseinszuständen. Jeder, der gesund ist, macht diese Wechsel, ohne zu „stolpern“. Nun kann bei psychischer Krankheit ein permanentes „Stolpern“ entstehen oder man kann als Geistesschüler temporär in seelische Zustände geraten, die einen derart packen, dass man Beistand braucht, um wieder in Balance zu kommen. Es ist menschlich, Fehltritte zu machen, aber auch anderen dann die Hand zu reichen. Es braucht uns daher nicht zu entmutigen, dass der innere Pfad viele Stadien kennt, die dem Nichtbetroffenen große Ängste bereiten... [weiter]

Abgelegt in: Goetheanum-Aufsatz

Mit dem Hinweis zu diesem früher publizierten Aufsatz, verabschiede ich mich hier für 10 Tage, weil ich eine Reise nach Skandinavien mache, und in diesem Zeitraum kaum die Möglichkeit bekomme, etwas in dieser Hinsicht zu pflegen. Die allgemeine Schwellensituation nehme ich aber mit, da die geistige Welt genauso real dort ist wie hier. 

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