Gamamila

2009/02/09

Der Balken in meinem Auge

„Aber was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Oder wie wirst du zu deinem Bruder sagen: "Lass mich den Splitter aus deinem Auge hinauswerfen" und siehe, der Balken ist in deinem Auge? Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.“

Matthäus Evangelium 7,3-5


Rückschau auf mein letztes Lebensjahr

Kürzlich feierte ich meinen 55. Geburtstag. Darüber ist wenig zu erzählen, da ich keine Wichtigkeit daraus machte, sondern im kleinen familiären Rahmen nur ein festliches Essen in der Pizzeria eines Freundes verabreichte. Meine aus Schweden angereiste, älteste Tochter sang mir einpaar Lieder vor, und am Abend lauschten wir Klezmer-Musik in einem Saarbrückener Minitheater. In Anbetracht des Gaza-Krieges schafften diese Melodien eines abgelaufenen Jahrhunderts einen raufenden Klangboden in meiner ohnehin erschütterten Seele.

Eventuell wäre mehr zu sagen über die einfache Tatsache, dass meine Website trotz flüchtigen Unterbrechungen
1 Jahr lang bestanden hat. Wer dieses Unterfangen begleitet, wird schon wissen, was damit versucht wird. In den Texten, die ich auf der Site und im damit seit dem letzten Frühjahr angedockten Blog veröffentlicht habe, ist ebenfalls soviel gezeigt worden, was mein Anliegen ist, dass es darüber auch wenig Neues zuzufügen gäbe. Wenn ich dessen ungeachtet aus meiner Rückschau des letzten Lebensjahres eine Handvoll Motive herausnehme und sie quasi „um die Finger wickele“, ginge es um die folgenden Angelegenheiten: das Esoterische in der Sprache, die Öffentlichkeit, Dialoge, die Karmagesinnung und der karmische Zentralkonflikt.

Zu versuchen, ein Geist-Erleben, das im reinen Denken, im dynamischen Fühlen und im schöpferischen Wollen erfasst wurde, in kommunizierbaren Formen der Sprache zu übersetzen, gleicht einer Daumenarbeit. Wenn der Daume nicht geschickt anpackt und das Werkzeug mit Fug und Recht manövriert, wird der im Holz angeschlagene Nagel krumm, oder der Faden findet nicht sofort den Weg durch das Nadelöhr. Bin ich ganz alleine mit meinen geistigen Erfahrungen, kann ich gut schweigen. Möchte ich sie aber kommunizieren, brauche ich das Fingerspitzengefühl - und noch mehr, wenn ich im öffentlichen Raum eine esoterische Verständigung übe. Der Intuition des Zeigefingers kann spüren, wo es vielleicht augenblicklich nur angebracht ist, etwas anzudeuten, weil es später besser sein könnte, etwas mehr darüber zu entschleiern.

Bei jeder Begegnung brauche ich das innere Gleichgewicht, und ich muss die Kunst der Mäßigung lernen. Besonders wenn es sich herausstellt, dass ich bei jemand eine andere und vielleicht ungewohnte oder kontroverse Auffassung finde, die ich begreifen und respektieren muss, um ins Gespräch zu kommen, falls der andere das möchte, kann die Diskussion für Dritte nur fruchtbar werden, fall ich meine Worte aus Besinnung wähle. Der Langfinger kann dafür ein Gespür haben. Der Ringfinger nun darf der Karmagesinnung entsprechen, weil ich mich in Freiheit und Liebe mit dem geistigen Wesen des Gesprächspartners, des Seminarteilnehmers und des Kontrahenten verbinden möchte „bis der Tod uns scheidet“, auch im Falle er mir seinen Rücken zuwendet.

Zusätzlich zu den Aufgaben, um mehrere karmischen Beziehungen wieder aufzunehmen plus z. B. ein besonderes Berufskarma anzugehen, betrat jeder Mensch seiner jetzigen Inkarnation mit dem Vorsatz, einen karmischen Zentralkonflikt anzupacken.
Es liegt dieser Konflikt quasi dem Kleinfinger unter dem Nagel, aber jene ist meistens so groß und unbewusst, dass er ein ganzes Leben fast nicht bemerkt wird. Nur wenn man den kleinen Nagel sozusagen bricht, oder, wenn er durch großen Schmerz herausgerissen wird, offenbart sich dieses Karma wie riesige Niagarafälle.

Anfang Februar 2008 wurde ich per Website online sichtbar und Mitte April erschien mein zweites Buch beim
Verlag Ch. Möllmann. Vor diesen Veröffentlichungen lagen Jahre der minutiösen Vorbereitung von Texten, Bildern und von Designvorschlägen. Wie das alles ständig inmitten des inneren „Dialogs“ mit der geistigen Welt stand und steht, gehört zu meiner individuellen Esoterik. Durch diese publizistischen Schritte stärkte sich aber mein Mut, sodass ich meine Hand neu hinein in viele lebendigen, erstarrten oder brennenden Herden in der anthroposophischen Szene steckte. Die manchmal polemischen Auseinandersetzungen mit Sebastian Gronbach, Mieke Mosmuller, Sebastian Jüngel und Holger Niederhausen zeigen eine, die Übersetzungen aus dem Skandinavischen eine andere Seite der Bemühung um Dialogbereitschaft und des Versuchs, Hinweise auf bedeutsame Aspekte des anthroposophischen Denkens und Kulturlebens zu geben.

Sowohl während einiger Reisen nach Portugal, Norwegen und Italien als auch durch neue E-Mailkontakte lernte ich viel Neues kennen über spirituell suchenden Menschen, über ihre oft verzwickten Familienzusammenhänge, schwere Krankheiten, komplizierte Lebensverhältnisse und etwas über ihre karmischen Vorleben. Die Würde des Einzelnen lernte ich dadurch immer mehr zu achten, um daraus die Karmagesinnung so zu „steigern“, dass Erkenntnisse daraus geboren werden konnten, die für jeden fruchtbar sein können. Bei allen diesen Begegnungen und Aufgaben zuhause und unterwegs, ohne viel Geld zu verdienen, lebte ich stets mit den Fragen: Wie verhalte ich mich am besten? Wie kann ich helfen? Wen kann ich nach seiner Art am besten unterstützen? Was wird noch kommen? Was kann sich daraus weiter entwickeln, sodass die soziale Frage immer mehr Fundament bekommt für neue Perspektiven des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit? Die vier Reisen nach Italien öffneten ebenfalls durch die großartige künstlerische Herausforderung etwas Vielversprechendes für die Zukunft. Überraschend leuchtete gleichzeitig der Schicksalsstern wieder und diesmal stärker als je hinunter auf mein Leben: Durch die persönliche Unsicherheit und das „Versagen“ eines einzigen Menschen schien diese Möglichkeit einer künftigen Teamarbeit sich wieder total durch die Finger zu schlüpfen.

Das Glück in diesem Unglück ist nun, dass ich auf meinen individuellen zentralen karmischen Konflikt aufmerksam geworden bin. Durch den „Splitter“ im Auge meines italienischen Auftraggebers wurde der „Balken“ in mir selbst spürbar. Seit Mitte Dezember leide ich außerdem buchstäblich von einer schwerwiegenden Augenentzündung. Unterstützt durch die Therapie der
psychosomatischen Energetik versuche ich diese Krankheit als Symptom zu lesen für die Tendenz bei mir, „ die Realität (der sinnlichen Welt) nicht sehen zu wollen. Damit werde ich sicher die nächsten 55 Jahre inklusive des kommenden Lebensjahrs beschäftigt sein. Für heilende Zuwendung daraufhin bin ich jederzeit offen!

Die karmischen Hintergründe zu diesem Inkarnationskonflikt kenne ich schon seit Jahren, aber mir war noch ganz wenig bewusst, dass ich wegen solchen früheren „Kollisionen“ mit der Welt dermaßen mich vor der zivilisatorischen Normalitäten der gegenwärtigen Welt schütze, dass daraus erfolgen kann, dass nur ganz wenige Menschen, etwas mit mir anfangen können oder wollen. Wir könnten dieses karmische Dilemma, das auch Rudolf Steiner in Zusammenhang mit den Inkarnationsschwierigkeiten der Platoniker beschrieb, als das „Anti-Karrierist-Syndrom“ bezeichnen. Es ist eine Art Blindheit vor den wirtschaftlichen Gefügen, die unserer Kulturepoche eigen sind. Heute, wenn die vielen alten Gesellschaftsstrukturen, die eigentlich der letzten Epoche vor der Renaissance gehörten, zerfallen und Platz für Neues freimachen, könnte es langsam möglich werden, sich mit einer Gesellschaft zu verbinden, die dem eigenen Wesen verwand sind. Wie und wo entsteht diese für alle Menschen und für mich weltoffene
Friedensgesellschaft?

Bild: Karel van Mander (1548-1606), Die Mäßigung Scipios (1600). Er war ein Dichter, Schriftsteller, Maler und Zeichner aus Westflandern. Im Jahr 1604 verfasste Karel van Mander sein bekanntestes Werk, das Schilder-Boeck („Maler-Buch”), die erste nördlich der Alpen erschienene kunsttheoretische Schrift. Publius Cornelius Scipio Africanus (236-183 v. Chr.), der Überwinder Hannibals im zweiten Punischen Krieg, verband mit den profilierten Talenten eines Feldherrn einen durch Wissenschaften gebildeten Geist. Wenn er sich durch Tapferkeit und List seinen Feinden furchtbar machte, so wusste er sich auf der andern Seite durch seine Mäßigung die Liebe der Überwundenen zu erwerben. Er verstand die große Kunst, sich durch Milde und weise Strenge des Gehorsams seiner Untergebenen zu versichern, und die unterschiedlichsten Menschen und Völker für seine Zwecke zu gebrauchen. Quelle: Wikipedia

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2009/01/31

Durch Gralsimpulse ein Stück Erde retten

„Wie gestaltest du deine Kurse? Können Menschen ohne vorherige meditative Erfahrung da einfach einsteigen? Welche Beziehung war dir möglich zu den Hierarchien aufzubauen? Wie ist das Christuswirken heute? Welche Hilfen für die soziale Praxis bringt die Karmaforschung? Wie siehst du die Weltsituation heute? Wie siehst du Israel? Wie wird Esoterik richtig vertreten?“

Solche und ähnliche Fragen stellte Dr. Wolfgang Garvelmann, Heilpädagoge und Autor, mir in einem Interview vor knapp 7 Jahren. Ich hatte das interessante Gespräch überhaupt nicht mehr vorne im Gedächtnis, als ich es vor einpaar Tagen auf Garvelmanns Website wieder entdeckte. Beim neuen Lesen schien es mir, als könnte einige Gesichtspunkte darin noch eine Aktualität haben in Anbetracht vieler Diskussionen u. a. im Internet und bezüglich der brisanten Weltlage. Meine Antworten habe ich für die Neuveröffentlichung, die mit Wolfgangs freundlicher Genehmigung erfolgt, sehr leicht redigiert, mit Fußnoten und mit Zwischenrubriken versehen. Einige Ergänzungen sind in rechteckigen Klammern gesetzt… [weiter]

Abgelegt in Chronik

Bild. Der Gral in der Mitte von Artus’ Tafelrunde. Französische Handschrift des 14. Jhs. Quelle: Wikipedia

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2008/11/05

Trichotomie

„Dreierlei bedingt den Lebenslauf eines Menschen innerhalb von Geburt und Tod. Und dreifach ist er dadurch abhängig von Faktoren, die jenseits von Geburt und Tod liegen. Der Leib unterliegt dem Gesetz der Vererbung; die Seele unterliegt dem selbstgeschaffenen Schicksal, dem Karma. Und der Geist steht unter dem Gesetze der Wiederverkörperung der wiederholten Erdenleben.“ (Rudolf Steiner in: GA 9.88)

In der christlichen Anthropologie bezeichnet Trichotomie die Auffassung, dass der Mensch konstituiert ist durch drei Glieder, die meist bezeichnet werden als Geist, Seele und Leib. In der römisch-katholischen Kirche gilt diese Lehre seit dem 4. Konzil von Konstantinopel von 869-870 als Ketzerei, insoweit man den Geist zu einer selbständigen Substanz neben der Seele macht.

Also ist es verständlich, dass die katholische und andere später entstandene Kirchen plus philosophische Systeme und psychologische Schulen, die den Geist verleugnen, keine menschliche Reinkarnation durch mehrere Erdenleben akzeptieren können. Dieses 4. Konzil von Konstantinopel anerkennt die katholische Kirche und rechnet es als das achte ökumenische Konzil. Von der orthodoxen Kirche wird es aber abgelehnt. Wer Reinkarnation und Karma heute vertritt, lehnt sich also gegen einen jahrtausendealte Tradition auf, und er muss davon ausgehen, dass es als Häretiker betrachtet wird. Konkret über frühere Leben und von karmischen Zusammenhängen zu berichten, ist folglich ein Wagnis.

Mit meiner karmischen Autobiographie von 1999 riskierte ich, mich selbst als aufklärendes Beispiel zu enthüllen, um zu zeigen, dass es im Jetzt durch dauerhaftes, meditatives Üben durchaus möglich ist, karmische Erkenntnis in großem Umfang zu erringen. In diesem Buch beschrieb ich, wie ich mich als ein meditativ Übender und Forschender im rein geistig-seelischen Erfahren begriff. Die karmischen Imaginationen boten Stützen für erhebliche Erkenntnisse über die Schicksalsgefüge. Ich präsentierte zwölf miteinander innig verknüpfte frühere Erdenleben inklusive einiger Einblicke bezüglich anderer Individualitäten, die mir immer nahe gestanden haben.

Ich wollte anschaulich machen, dass das übersinnliche Schauen, das Geist-Erleben und die Karmaerkenntnis anhand früherer Leben in ihrem Bezug zu heute für das Alltagsleben positive Folgen haben. Ich hätte gewiss solche besonderen Intimitäten verschweigen oder begrenzt mitteilen oder, wie ein Freund es mir empfahl, alles in Romanform berichten können. Nachdem bestimmte geistige Mächte mir überraschend mitteilten, dass ich versuchen könnte, meine übersinnlichen Erfahrungen bekannt zu geben, entschied ich mich, entgegen der Meinung Vieler, rätselhaftes Karma zu publizieren. Somit machte ich eine Zäsur mit, die andere Autoren begonnen hatten. Ich wollte herausfinden, ob Karmaverständnis sozial wirksam sein kann und ob esoterische Erkenntnis, wenn sie als aktuelle geistige Forschung präsentiert wird, öffentlicher Kritik parieren kann.

Da ich meinte, die Signatur der Gegenwart erfasst zu haben, versuchte ich, den Weg eines Outsiders durchzuhalten und mich bewusst der aufziehenden negativen Kritik auszusetzen, während viele z. B. behaupteten, dass ich gegen normale Diskretion verstoße. Es war für mich keine Tat des Übermuts, was zwar einige anthroposophische Kritiker erklärten, sondern ich ging einen schmalen Pfad der modernen Mysterien, so wie es mir mein Karma erlaubte. Dass auf diese Weise vieles anders geschah, als ich es mir erhoffte, und ich deswegen vielen Angriffen bis auf Rufmord Stand halten musste, ändert nichts an der Tatsache, dass ich es heute noch einmal tun würde.

Die Trichotomie heute zu vertreten, führt mich nicht zum Schafott oder zum Galgen, aber meine Wahl, mich für den reinkarnierenden Geist und für die schicksalsträchtige Seele einzusetzen, lässt mir erahnen, was eine globale Einsamkeit vermag, dass sie so umfassend sein kann, dass alle anderen menschlichen Individualitäten darin erinnert werden können.

Bild: Fra Angelico: Enthauptung der Heiligen Cosmas und Damian, 1348. Quelle: Wikipedia

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2008/08/08

Das Urphänomen der Biographie

Vorgestern kam ich nach drei Tagen von Codroipo in Italien zurück. Ich bin da gewesen, um Vorbereitungen für die erste Etappe der Farbgestaltung von Casa per Michele (Michaels Haus) zu machen. Zu diesem Projekt werde ich noch zurückkommen. Heute wollte ich etwas anderes andeuten und zwar etwas zu einem Urbild des Lebens.

Als ich am Montag wegen hier nicht zu beschreibenden Umständen am Flughafen in Treviso nicht abgeholt werden konnte, und deswegen mit Bus und Zug den Weg nach Codroipo selber ausfindig machen musste, hatte ich die Gelegenheit - wie immer zwischen solchen Umsteigephasen - andere Reisende zu beachten. Auf dem Bahnsteig in Treviso Centrale kam ich ins Gespräch mit einem Italiener, der gerade von Liège (Lüttich) gekommen war, wo er eine Arbeit hat.

Da er ein Stück in dieselbe Richtung wie ich fahren sollte, aber sein Zug verspätet war, stieg er in meinem Zug ein. Somit setzten wir uns zusammen. Ein richtiges Gespräch konnten wir jedoch nicht haben, da ich kein Italienisch und Französisch spreche und er kein Deutsch spricht und sein Englisch sehr begrenzt ist. Bei seinem Ausstieg verabschiedeten wir uns sehr herzlich voneinander, aber ohne Adressen auszutauschen, da wir beide dachten, dass dies nur eine zufällige Begegnung war. Es sollte aber anders werden!

Am Tag der Rückreise bekam ich wieder keine Hilfe von den netten aber überarbeiteten Freunden in Codroipo, um schnell zum Flughafen zu kommen. So musste ich diesmal eine sehr dramatische Reise mit Zug und Taxi machen, um mein Flug rechtzeitig zu bekommen. Nur mit der Hilfe meines Engels und anderen unsichtbaren Helfern konnte ich einem Taxi vor der schwitzenden Nase anderer Reisenden bekommen, ohne deswegen frech aufzutreten. Mit 34 Plusgrad war es gerade kein Olymp unterwegs zu sein. Mein Ryan war 15 Minuten verspätet und das war genug, um kurz in der Schlange einpaar SMS zu verabschieden. Und sieh da! In der Schlange der nächsten Gate stand mein Freund aus Lüttich! Und nun bekam er meine Emailadresse. Was daraus werden könnte, steht vielleicht in den Sternen geschrieben. 

Das Nachdenken an diese "zufällige" Wiederbegegnung führt mich zu den folgenden Ausführungen von meinem verstorbenen Freund
Willy Buzzi, der schon in seinem Buch "Eros und die sieben Lebenszuständen in der Biographie des Menschen" (nur in Schwedisch, erschienen im Selbstverlag des Autors 1974) in seiner aphoristischen Art das Urphänomen der Biographie beschrieb:

„Sich Begegnen und Verabschieden sind der Grundrhythmus des Lebens auf dem sozialen Plan. Menschen begegnen und verabschieden sich, verabschieden und begegnen sich in einen unaufhörlichen Rhythmus. Man begegnet sich, um sich wieder zu verabschieden, und verabschiedet sich, um sich wieder zu begegnen usw. Man kann hier zwei Extremen hervorheben im Prozess des sich Begegnens und Verabschiedens. Das sich Begegnen und Verabschieden rein formell – als Fremde für einander – erlebt man jeden Tag z. B. auf der Straße. Das ist das eine Extrem. 

Das andere Extrem liegt in der inhaltsreichen Begegnung zwischen Menschen, die eine 'Lebensbegegnung' erleben, z. B. ein Mann und eine Frau, die zusammenkommen und heiraten. Die 'Lebensbegegnung' beinhaltet natürlich eine gewisse Summe von 'kleineren' Begegnungen mit Ausgangspunkt in der 'ersten' Begegnung usw.

Zwischen diesen zwei Extremen existieren verschiedene Rhythmusebenen. Zuhause begegnet und verabschiedet man sich indem man beispielsweise für einen Augenblick in einem anderen Zimmer geht. Das Gleiche geschieht ja auch auf der Arbeit, man begegnet und verabschiedet sich in einem ständigen Rhythmus, in Zimmern, in Treppen, in Fluren usw. Einigen Menschen begegnet man einmal am Tag z. B. während des Lunchs, um nach einer Weile wieder sich zu verabschieden. Dann gibt es mehr dauerhafte Aspekte dieses Rhythmus des Begegnens-Verabschiedens: man hat nahe Freunde, denen man trifft, dass heißt, man begegnet sie ab und zu, und verabschiedet sich von ihnen ab und zu.

Der Rhythmus des Begegnens-Verabschiedens ist derjenige Rhythmus, der das Menschenleben durchzieht. Er ist das Urphänomen der Biographie.“

Die Übersetzung machte ich selbst. 

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