Gamamila

2009/06/14

Das Schweigen des Gesichts

„Ein schönes Gesicht ist vielleicht der einzige Ort, wo wahrhaft Stille ist. Während der Charakter durch ungesagte Worte und unverwirklicht gebliebene Absichten in das Gesicht Spuren eingräbt, während ein Tier immer so blickt, als wolle ihm eben ein Wort entfahren, öffnet die menschliche Schönheit das Antlitz dem Schweigen. Aber das Schweigen, das hier statthat, ist nicht nur Aussetzung der Rede, sondern Schweigen des Wortes selbst, Sichtbarwerden des Wortes: Idee der Sprache. Darum ist das Schweigen des Gesichts wahrhaft die Heimat des Menschen.“

Aus: Giorgio Agamben, Idea della prosa. Feltrinelli, Milano 1985/2. Aufl. Quodlibet, Macerata 2002. (Deutsch: Die Idee der Prosa. Carl Hanser, München/Wien 1987 u. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003 ISBN 3-518-22360-7)

Giorgio_Agamben (geb. 22. April 1942 in Rom) zählt zu den bekanntesten Philosophen Italiens und meist diskutierten Philosophen der Gegenwart. 2007 erhielt er die sogenannte Albertus-Magnus-Professur der Universität zu Köln.

Foto: Giorgio Agamben. Quelle: amp.uni-koeln.de

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2009/06/08

Das Schimpfbedürfnis

Vor allem für eines werden das Internet und die unzähligen Kommentarforen benutzt, nämlich, um das eigene Schimpfbedürfnis zufrieden zu stellen. Es heißt, dass die Luft nach einem Gewitter gereinigt ist. Was wird aber und wird überhaupt etwas gesäubert, wenn die Menschen ihr Frust und ihren Rüffel meist in beschimpfenden Worten loswerden? Rudolf Steiner äußerte sich einmal zu diesem Thema folgendermaßen:

„Das Fühlen von Mensch zu Mensch hat nämlich eine paradoxe Eigentümlichkeit, dass es zunächst geneigt ist, uns eine gefälschte Empfindung von dem anderen Menschen zu geben. Die erste Neigung im Unterbewusstsein des Menschen im Verkehr von Mensch zu Mensch besteht immer darin, dass uns von dem anderen Menschen im Unterbewusstsein eine gefälschte Empfindung auftaucht, und wir müssen im Leben immer erst diese gefälschte Empfindung bekämpfen. Der Lebenskenner wird sehr leicht bemerken, dass Menschen, die nicht geneigt sind, interessevoll auf andere Menschen einzugehen, eigentlich fast über alle Menschen schimpfen, wenigstens nach einiger Zeit. Man liebt den einen oder den anderen Menschen eine Zeitlang; aber wenn diese Zeit vergangen ist, dann regt sich so etwas in der menschlichen Natur, und man fängt an, auf den anderen irgendwie zu schimpfen, irgendetwas gegen ihn zu haben. Man weiß oftmals selbst nicht, was man gegen ihn hat, denn diese Dinge spielen sich ja sehr im Unterbewusstsein ab. Das rührt einfach davon her, dass das Unterbewusstsein die Tendenz hat, das Bild, das wir uns von dem anderen Menschen machen, eigentlich zu verfälschen. Es gibt kein wahres, kein richtiges Urteil, wenn es nach Sympathien und Antipathien gefällt ist. Und deshalb, weil immer das Unterbewusste im Fühlen nach Sympathie und Antipathie geht, entwirft es immer ein gefälschtes Bild des Nebenmenschen. Man muß sich sagen, dass man namentlich mit Bezug auf den Gefühlsverkehr mit anderen Menschen ein erwartendes Leben führen muß. Man darf nicht auf das Bild gehen, das sich einem zunächst von dem Menschen aus dem Unterbewussten in das Bewusstsein hinaufdrängt. Dasjenige, was von Menschen durch Sympathien und Antipathien kommt, ist von vornherein so, dass es antisoziale Lebensströmungen in die menschliche Gemeinschaft hineinwirft. Man kann sagen, so paradox das klingt, eine soziale Gesellschaft wäre eigentlich nur möglich, wenn die Menschen nicht in Sympathien und Antipathien lebten.“

(Aus: Geschichtliche Symptomatologie, GA 186, Dornach 1982, Seite 96f.)

Bild: Fluchtafel auf Griechisch, Bleilamelle, 4. Jh. n. Chr., Fund aus dem Kolumbarium der
Villa Doria Pamphili in Rom. Quelle: Wikipedia

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2009/05/05

Impressionen aus Russland I

„Ihr Lichtes-Geister lasset vom Osten befeuern, was durch den Westen sich formet“

Dieser Sentenz im Titel, entnommen der Grundsteinmeditation von Rudolf Steiner, kommt mir in den Sinn, wenn ich versuche, die Eindrücke während meiner ersten Russlandreise zu formulieren. Vorher dachte ich, dass Russland ein Teil von Europa sei, was er teilweise wahrlich auch geographisch ist. Dennoch sprachen meine neuen russischen Freunde in Moskau andauernd von Europa als etwas auswärts und vom Westen, wenn ich von Begebenheiten in Skandinavien, Deutschland und Mitteleuropa referierte, und wenn es um ihre Perspektive ging. Wenn ich nun bauend nur auf meinen Sinnes- und Seelenseindrücken eine Charakteristik versuche, sind sie so eigen und anders gegenüber allem, was ich vorher kannte, dass ich zum Teil nur berichten kann wie von etwas „Fremdem“. Dieses Wort nehme ich sehr ungern in Gebrauch. Es war für mich quasi ein Fremdwort bis ich 1998 nach Deutschland auszog und dann in fast jedem Dorf Schilder mit dem Text „Fremdenzimmer“ sah.

Die Kenntnisse von Russland, von russischer Kultur und Geschichte, die ich bereits hatte, war nie gering. In den 1960er Jahren war ich einen leidenschaftlichen Ausübender und Kenner der Eisschnelllaufsport, und ich verpasste keine internationalen Meisterschaften durch Rundfunk und Fernseher, sondern schrieb während vieler Jahre alle Resultate in meinen Zeitlisten auf. Ich hatte große Sympathien z. B. für Ants Antson, den ehemaligen estnischen Eisschnellläufer, der bei den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck für die damalige Sowjetunion die Goldmedaille über 1.500 m gewann. In demselben Jahr wurde er auch Mehrkampf-Europameister…[Weiter]

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Bild: Maximilian Woloschin, Aquarell. Quelle: watercolor.narod.ru

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2009/03/26

Aphorismen von Kurt Narvesen

Arbeit
Du bist nicht derjenige, der nach den Aufgaben sucht – es sind die Aufgaben, die nach dir suchen. Mache es nicht zu schwierig für sie!

Tun
Alles darfst du tun, wenn nur die eine Sache für dich klar ist: dieses tue ich für mich selbst.

Hoffnung
Die Hoffnung ist die Schwester der Passivität.

Lebensweisheit
Was heißt, zu versinken - oder eine Sache auf den Grund zu gehen? Wir fallen alle gegen den Grund in uns selber – ob wir es merken oder nicht. Es reicht, dass die Jahre vergehen.

Der norwegische Lyriker und Übersetzer Kurt Narvesen (geb. 1948) lernte ich persönlich kennen anfangs der 1980er Jahre in Oslo, als eine Gruppe von Pädagogen, Bühnenkünstlern und bildenden Künstlern um den Autor, Waldorflehrer und Musiker Hans-Jørgen Høinæs aufrufen wollte ein künstlerisch-soziales Projekt an den Oslofjord bei Tønsberg. Narvesen debütierte 1975 und hat viele Gedichtsammlungen herausgebracht. Seine gesammelten Gedichte erschienen 2008. Er hat viel amerikanische Poesie ins Norwegische übersetzt, und er bekam in Norwegen ein großes Lob für seine dichterische Deutung der kompletten Ausgabe von Walt Whitmans Leaves of Grass.

Seine Aphorismen oder, besser gesagt, sogenannte „Ordtak“ (Wortnehmungen) fand ich auf eine norwegische Site mit Sprichwörtern.

Bild: Jostein Sæther, resisto, Computergrafik (2006).

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2009/03/23

Ungeteilte Aufmerksamkeit

Christian Moos schickte mir die folgende Email, die ich gerne weitervermitteln möchte:

Strohhaus-Veranstaltungen

Liebe Strohhaus-Freunde,

vor zwei Tagen hatten wir zwei sehr gelungene Veranstaltungen im Strohhaus:

Seminar & Vortrag mit Roland van Vliet, der uns auf einzigartige Weise in die verjüngende Lebenskunst der „Ungeteilten Aufmerksamkeit“ einführte, die uns die Kraft gibt, den „Alltag zum Gelingen“ zu machen.

Die Aufmerksamkeit wird deshalb als „ungeteilt“ bezeichnet, weil sie sich gleichzeitig auf die Innen- und auch die Außenwelt bezieht und dadurch zwei Kulturströme in der Herzenswachheit miteinander verbindet: aus dem Osten kommend die kontemplative Haltung mit der im Westen kultivierten aktiven Ausrichtung auf die äußere Welt. Wir machten Übungen sowohl in der Natur als auch in der Menschenbegegnung und es wurde für die Teilnehmer zu einem sehr berührenden Erlebnis, was für starke Liebeskräfte durch diese Haltung zum Strömen gebracht werden können!

Seine eindringlichen - aber auch durchaus poetischen Ausführungen zu den heilsamen Möglichkeiten des manichäischen Impulses für die Gegenwart und Zukunft waren ebenfalls sehr inspirierend, da Roland van Vliet ganz aus dem Herzen spricht und damit auch die Herzen seiner Zuhörer zu öffnen vermag.

- Als kleine Nebenbemerkung kann ich an dieser Stelle meine Empfindung äußern, dass ich den Eindruck habe, hier im "linksrheinischen Saarland" sind die Menschen sehr fähig, die Herzenssprache zu verstehen und auch selber zu sprechen.

Akademie für persönliche Meisterschaft und ethische Kommunikation
Und so kann ich mit dieser Mail schon die „frohe Kunde“ verbreiten, dass bereits für den kommenden 2. Juli eine Fortführung der Herzensarbeit geplant ist, wo Roland van Vliet wieder ins Strohhaus kommt. - Es wird dann wiederum um die ungeteilte Andacht gehen in Verbindung einer praktischen Umsetzung der „Philosophie der Freiheit“ von Rudolf Steiner. - Der weitere Termin stand ja bereits fest: 29. Oktober 2009 und dann wird schon jetzt ins Auge gefasst, dass im März 2010 neben dem Quellhof auch hier im Saarland eine „Akademie für persönliche Meisterschaft und ethische Kommunikation“ stattfinden könnte, wenn wir hier 12 - 15 Menschen finden, die 2 Jahre lang an solch einer Schulung teilnehmen wollen. (Siehe auch: www.manisola.eu)

- Soweit zur thematischen Intention des Strohhauses, den Manichäismus in der heutigen Zeit neu zu verbreiten, wobei abschließend dazu noch gesagt werden kann, dass der Vortrag am 2. Juli auch schon dem Übergang von Mani zu Christian Rosenkreuz gewidmet sein wird. Als nächstes findet im Strohhaus dann

Einstimmen aufs Karma
Seminar mit Jostein Sæther statt:

Freitag, 27. März 2009 , 20 - 22 Uhr
Samstag, 28. März 2009 , 10 - 13 / 15 - 18 Uhr
Sonntag, 29. März 2009 , 10 - 14 Uhr

Das wird auch eine sehr intensive und bereichernde Arbeit werden und ich kann verraten, dass noch Plätze frei sind. Karmaarbeit ist ein behutsamer, liebevoller Blick in die eigene Seele, die ja alle vergangenen Erfahrungen - auch die aus vergangenen Erdenleben - in sich trägt. Anmeldung bitte unter: www.im-Strohhaus.de

Das neue Übungsbuch (ISBN 978-3-89979-084-9) von ihm selbst mit demselben Titel bildet die Grundlage des Wochenendseminars.

Heilsamer Blick und SprechLust
Am darauf folgenden Wochenende möchten wir „Strohhaus-Initiatoren“ unsere ganz eigenen Fähigkeiten einbringen mit dem Einführungs-Seminar in die Kunst des heilsamen Blickens

und dann mit SprechLust in die Kunst der heilsamen Rezitation.

Zum Heilsamen Blick Seminarplakat und zum SprechLust Seminarplakat

Beides, der Blick und die Sprache, soll von Herzen kommen um heilsam sein zu können - bei der Sprache bedienen wir uns der Poesie, um beim Sprechen die Seele öffnen zu können. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie die eine oder andere Veranstaltung besuchen könnten - und wenn möglich noch dazu die Plakate, die sich in den Links befinden, ausdrucken und an sinnvoller Stelle aufhängen würden. Wer es nicht selbst ausdrucken kann, darf sich melden: wir verschicken sie auch - dafür aber bitte bei uns melden.

Und als letztes: Wer jemanden kennt, der/die an solchen Veranstaltungen auch interessiert sein könnte, der darf diese Mail gerne weiterleiten.

Herzliche Grüße

Christian Moos & Iris Madenach

Foto: Roland van Vliet. Er gründete „Manisola“ - das philosophische Institut für Persönliche Meisterschaft und lehrt innerhalb dieser mobilen Akademie an verschiedenen Orten in Holland und in Deutschland. Er ist Philosoph und Erwachsenenbildner, hält Vorträge über geistige Strömungen, steht als Spontan-Philosoph auf der Bühne und ist Reiseleiter für besondere Kulturreisen. Buchveröffentlichung u. a.: „Der Manichäismus – Geschichte und Zukunft einer frühchristlichen Kirche“. Quelle: quellhof.de

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2009/03/16

Feen-Zauber und Karma-Wandeln

Hans Hurth, Mitarbeiter der Saarbrücker Zeitung, hat ein Interview mit Claudia Maria Christoph und mit mir gemacht anlässlich unserer Ausstellung im Geschenkeladen „Bienenkorb“ in Wolfersheim.

Er schreibt unter anderem: „Die Ausstellung in Wolfersheim mit der Feen-Botschafterin Claudia Christoph und dem vielseitigen Jostein Saether bringt zwei Künstler zusammen, die mit ihren ausdrucksstarken Bildern die Fantasie anregen und die Betrachter auf eine märchenhafte Traumreise entführen.“ [Weiter zum Artikel]

Foto: Claudia Christoph (links) und Jostein Saether vor ihren Werken im "Bienenkorb" . Foto: © Hans Hurth

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2009/02/13

Seelenprüfungen

Es wird von vielen Anthroposophen heute gefordert, nicht mehr Rudolf Steiner zu zitieren. Das ist keine schlechte Anforderung. Irgendwann schon im letzten Jahrtausend hatte ich selbst damit größtenteils - mindestens in Gesprächen - aufgehört. Nichtsdestotrotz finde ich immer wieder Stellen in seinem Werk, die in seinem Wortlaut, wie in Marmor ausgehauen, da stehen und von einer genuin abgeschlossenen, aber zugleich zu allen Seiten offenen Klausur Kunde tun. Hier noch ein solcher Beispiel:

„Jedesmal, wenn eine neue Geistesoffenbarung kommt, wird eine Prüfung der Seele zu bestehen sein. Aus einer jeglichen Stufe der Entwickelung entspringen neue Prüfungen, und wir müssen geradezu den Impuls für alle höhere Entwickelung darin sehen, dass unsere Seele niemals abzuschließen braucht, sondern sich immer höheren und auch vielleicht schwereren Prüfungen unterziehen kann. Niemals bleiben aber aus, wenn die Seele die Prüfungen besteht, die Geistesoffenbarungen, die, vielleicht erst nach längerer Zeit, der Seele dasjenige geben, zu dem sie durch ihre Prüfungen aufsteigen muß.“

Zitat aus dem Vortrag von Rudolf Steiner am 26. August 1911 in: Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen, GA 129, Dornach 1960, Seite 203

Bild: Wolf von Hoyer (1806-1873) Psyche (1842), Neue Pinakothek in München
Quelle: Wikipedia (cc) FlickreviewR

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2009/02/02

Ein Lichtkeim in Russland

In Vorbereitung auf meine geplante, erste Reise nach Russland Ende April hat Anna Gussinskaia ausgesuchte Abschnitte aus meiner Website ins Russische übersetzt. Anna ist eine professionelle Übersetzerin, die viele Jahre als Lehrerin im Goetheinstitut in Moskau arbeitete. Oft kommt sie nach Mitteleuropa gereist, einerseits, um als Dolmetscherin für russische Teilnehmer bei Tagungen in Dornach zu arbeiten, andererseits, um für das eigene Geschäft in Moskau Naturprodukte einzukaufen. Ihr Betrieb heißt Naturalia – die 12 Sinne. Anna steht mitten drin in der anthroposophischen Arbeit in Russland; u. a. machte sie mit am Start des vielseitigen Projekts Serno Sveta.

Mein Besuch in Moskau wird eventuell mit einer Reise zu den Waldai-Höhen im Herzen von Russland ergänzt. Zwischen St. Petersburg und Moskau, am Ufer eines großen Sees befindet sich die Provinzstadt Waldai. In deren landschaftlich malerischen Umgebung gibt es eine Menge verlassener Dörfer. In einem dieser sterbenden Dörfer mit dem Namen Moiseevitchi arbeiten die russischen Initiativträger mit einigen Interessenten und Praktikanten aus Deutschland zusammen in der landwirtschaftlich-pädagogischen Initiative „Lichtkeim“ (rus. Serno Sveta). Auf dem Blog von Serno Sveta wird die Initiative mit mehreren Fotos beschrieben.

Foto: "Die biodynamischen Präparate entsprechen dem Opfer am Altar eines Tempels." Die Arbeit mit biodynamischen Präparaten in Moiseevitchi (RU).  Quelle: serno-sveta

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2009/01/20

Wie man in den Wald hineinruft…

Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern!

Adolph Freiherr Knigge (1752-96)

Zum Internetauftritt von Holger Niederhausen

„Auf Mieke Mosmullers kritisches Buch zu Judith von Halle habe ich allerdings schon hingewiesen. In dasselbe Horn bläst Holger Niederhausen auf seiner Website - nicht nur in diesem Aufsatz. Er beschäftigt sich auch mit der ‚Christusleere’ Sebastian Gronbachs, macht aber in einem Aufwasch auch die gesamte gegenwärtige Anthroposophie herunter: ‚Die Anthroposophie ist tot. Sie starb, weil niemand das reine Denken entwickelte, zu dessen Entwicklung Rudolf Steiner im Grunde immer wieder aufgerufen hatte. Wenn aber die Anthroposophie tot ist, kann sie auch die menschliche Kultur nicht mehr befruchten.’ Niederhausen lässt in seinem pessimistischen, engen Blick offenbar nur die Bücher Mieke Mosmullers gelten: ‚Man muss es so drastisch beschreiben, wie Mieke Mosmuller es in Ihrem erschütternden Buch Der lebendige Rudolf Steiner tut. Die Anthroposophie liegt als Leichnam am Boden. Sie starb mit Rudolf Steiner – und wurde wie eine Mumie so gepflegt, dass nachfolgende Generationen von ‚Anthroposophen’ sie mit ihrem eigentlichen Wesen verwechselten – so wie man ihr Wesen schon zu Steiners Zeiten nicht erkannt hatte, sondern immer wieder ein zu äußerliches Verständnis hatte: von der Philosophie der Freiheit, von der sozialen Dreigliederung, von allem...’ 

Diese Beispiele ließen sich nahezu endlos fortsetzen. Auf staatlicher Ebene würde man von ‚separatistischen Bewegungen’ mit einem Alleinvertretungsanspruch sprechen, der mehr oder weniger drastisch vorgebracht wird. Fast alle Separatisten beklagen das Ende der Anthroposophischen Bewegung - ob die von Halle-Ecke, ob Niederhausen oder Gronbach - und präsentieren ihre jeweiligen allein selig machenden Lösungen. Man hat den Eindruck, dass die Fragmentarisierung der Bewegung voran schreitet, mit zunehmend schrilleren Tönen.“
 
Dieses charakteristische Zitat aus dem Text genannt Fragmentarisierung habe ich von dessen Autor Michael Eggert ausgeschnitten, um auf den Autor Holger Niederhausen zu kommen. Durch seine Beiträge in der Wochenschrift Das Goetheanum kenne ich dessen Namen. Seine Internetpräsenz habe ich mich nun näher angeschaut, und zu einigen seiner Standpunkte und Informationen möchte ich einige Kommentare geben und Nachfragen aufstellen...[weiter]

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Bild: Echo und Narcissus (gemalt von John William Waterhouse). Echo ist in der griechischen Mythologie eine Tochter der Gaia, eine Oreade, und die Nymphe des Berges Helikon. Quelle: Wikipedia

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2008/12/08

Sich gedulden

„Was ist denn das individuelle Große in der einzelnen Seele anderes als das, was der Keim des Großen in aller Weltenentwickelung der Menschheit ist? Wodurch haben Homer, Shakespeare, Dante, Goethe auf die Menschheit gewirkt? Dadurch, dass sie Egoitäten waren, dass in ihrem Innern ganze Welten waren, Welten, die nur aus ihrem Innern, aus ihrer Egoität herausgekommen sind. Dadurch aber werden – auf dem Umwege durch die Egoitäten – die Impulse des geistigen Lebens hereingetragen, welche von Epoche zu Epoche gerade die größten, nämlich die geistigen Taten der Menschheit vermitteln. Da ist wieder Luzifer drinnen. Da ist er der Lichtträger, der Impuls und die Macht alles Großen, welches aus der großen punktuellen, aus der einzelnen Menschenseele sprudelnden Ewigkeitskraft in die Menschheitsevolution ausstrahlt. Luzifer übt einen guten Einfluss auf die Menschenseele aus, wenn er der Anreger wird zum Herausholen alles dessen aus der Menschenseele, was der Mensch als sein Individuelles hinopfern kann am Altare der Menschheitsevolution. Luzifer wird ein böses Wesen, das heißt was er tut, wird böse, wenn er solche Impulse der Menschenseele gibt, dass diese nur alles zur Selbstbefriedigung in sich hineinführen will. Wie die Taten der Wesen wirken in der Welt, das muß man verfolgen, wenn man auf diese Wesenheiten hingewiesen worden ist. Die Wirkungen der übersinnlichen Wesenheiten kann man bezeichnen als gute und böse; die Wesenheiten selber nimmermehr.“ (Rudolf Steiner, in: GA 138. Seite 110f.)

Wenn ich mich von allen Resten ungünstiger Egoismus - sei es in Verbindung mit sinnlichem Besitz oder seelischem Neid – befreit haben, wird sogar Luzifer ein guter Begleiter und Aufpasser sein können in den übersinnlichen Ebenen, die ich durch Mediation betreten kann. Wer hätte das gedacht? Aus diesem Grund - falls man es verstehen möchte – wird es nachvollziehbar, dass einmal ein luziferisch inspirierter Hellseher mich als „luziferischer Eingeweihter“ versucht hat, abzutun.

Also gilt es nicht nur, sich von den sogenannten Widersachern zu hüten und zu entfernen? Habe ich Luzifer im Sinnesfeld erkannt, werde ich ihm gleichzeitig sozusagen nicht leicht verfallen können, wenn ich für kurze Zeit meinem physischen Leib wegen Geistestaten verlasse. Aber würde ich ihm trotz aller Vorbereitung doch verfallen, finde ich einen Garant der Wahrheit im Zeitgeschehen selbst und im Sich gedulden, im Erklingen der inneren Erlebnisse mindestens über drei Nächte und Tage, gemäß dem Hinweis des Evangelisten:

„Und sie bewahrten Schweigen über das Geschaute und erzählten in jenen Tagen niemand etwas von dem, was sie gesehen hatten.“ (Lukas-Evangelium, 9,36)

Bild: Hans Sebald Beham, Pacientia. Quelle: Wikipedia 

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2008/11/19

In den Fußstapfen Steiners mit eigenen Fußnoten

Die 2. Auflage meines zweiten Buches ist erschienen! Der Umschlag scheint ein bisschen blasser zu sein, aber sonst ist es gedeihlich, und alles Inhaltliches ist dabei. Vorher machte ich kleine sprachliche Verbesserungen, um eventuelle Unklarheiten zu vermeiden, und Druckfehler wurden korrigiert. Beim Durchblättern fiel es mir nun auf, nachzuzählen, wie viele Fußnoten ich zu meinem ersten Buch gemacht habe, zumal Sebastian Jüngel in seinem Rezension schreibt von einem penetranten Zusammenkoppeln mit diesem 9-Jährling, der ihm vielleicht nicht mehr zur Hand lag.

Der Begriff penetrant sein hat viele Bedeutungen: aufdringlich, unangenehm, übertölpelt, benachteiligt. Was genau Jüngel gemeint hat, bleibt dem Leser jedoch offen, wenn er schreibt: „Überhaupt bezieht sich Sæther wiederholt auf seine karmische Biografie ‚Wandeln unter unsichtbaren Menschen’, was verständlich ist, aber zuweilen penetrant wirkt.“ Um etwas Negatives geht es hier jedenfalls.

Beim schnellen Zählen, wo nicht auszuschließen ist, dass ich mich verzählt haben mag, zeigt sich, dass unter ins Gesamt 198 Fußnoten ich in Alles 11 Mal zu meinem „Wandeln“ hingewiesen habe. Das ergibt etwa 5 % des Ganzen. Rudolf Steiner hat so viele wie 95 Fußnoten bekommen, und das bedeutet 48 %. Alle anderen Autoren, jegliche Themenhinweise und andere Anmerkungen zählen zusammen 92 Stück. Das ergibt 47%. Falls es hier um eine Präsidentenwahl ginge, wäre der verstorbene Rudolf Steiner also als der große Sieger ausgegangen. Da hatte ich keine Chance! Und dass ist gut so, weil ich mich in keinem Fall als Bewerber dieses Präsidentenamtes des Fußnotenapparats vorgestellt habe, und ich möchte in keinen falschen Hoffnungen verwickelt werden. Höchstens hätte ich überlegen können, die Stelle eines auswärtigen Amtes zu betreten, falls das überhaupt in Frage käme. Aber es reicht mir gut aus, ohne ein besonderes Amt in den Fußstapfen Steiners zu gehen.

Bei diesen Denkübungen überlege ich nun aber, warum Sebastian mich trotz der kleinen 5 Prozent so penetrant, so aufdringlich erlebt, ja, warum mein erstes Buch ihm so unangenehm vorkommt. Fühlt er sich dadurch hinterlegt, oder, dass er den Kürzeren zieht? Hat es vielleicht mit der Anthroposophischen Gesellschaft zu tun? Ah, ah, geh! Da ich als Mitglied gegangen bin, kann ich bei der nächsten Generalversammlung leider kein eigenes Anliegen in Sachen Fußnoten und Fußgarde vorstellen. Hoffentlich meldet er sich noch in diesem Blog wenigstens für eine Klärung der Fußnotenvariante.

Bild: Trippen (Detail eines Gemäldes von Jan van Eyck aus dem Jahr 1434). Quelle: Wikipedia

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2008/11/18

Die Anthroposophische Gesellschaft als „Hemmschuh“ der Anthroposophie

„…als ein lebendiger Anachronismus, als das Bild, wie gesagt, einer barbarischen, in Gefahr schwebenden Gesellschaft, als ein posthumes Werk der Vergangenheit, welches für die Räder der Gegenwart nur den Wert eines Hemmschuhs haben kann.“

Friedrich Nietzsche

in:
Menschliches, Allzumenschliches II.
Ein Buch für freie Geister
(1879)


Bild: Lou von Salomé, Paul Rée und Freiedrich Nietzsche. Von Nietzsche selbst 1882 arrangierte Fotografie. Quelle: Wikipedia

Ramon Brüll
befürwortet in Info3
die Auflösung der Anthroposophischen Gesellschaft (AAG), weil er findet, dass ihre Existenz heute die weitere Entwicklung der Anthroposophie verhindere:

„In großen Zügen könnte man die Entwicklung der Anthroposophie charakterisieren von einer Geheimgesellschaft (ab ca. 1913), über eine ‚durchaus öffentliche’, aber organisatorisch begrenzte Interessensgemeinschaft (ab 1923) bis hin zu einer Bewegung, die durch die Gründung vieler lebenspraktischer Einrichtungen (Höhepunkt in der Post-68er-Phase) öffentliche Anerkennung findet. Der nächste Schritt muss konsequenterweise sein, Anthroposophie als öffentliches Gedankengut, also als Teil des allgemeinen Kulturlebens und nicht länger als Alternative zu ihm zu verstehen. Um das zu erreichen, darf Anthroposophie gar nicht mehr organisatorisch vereinnahmt werden und folglich müsste die Anthroposophische Gesellschaft aufgelöst werden.“

Andreas Neider, verantwortlicher Redakteur des Mitteilungsblattes der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, stellt die Thesen in der Info3 in Frage und fordert zur Diskussion auf. Bei dieser Forderung der Auflösung bzw. „Hineinopferung“ zugunsten eines „aktuellen Zeitgeistes“ vermisst Neider das, „was Rudolf Steiner von jedem seiner Schüler erwartete, nämlich die eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung eben dieser Anthroposophie“. Einer der Vorbilder dieser Fortschritt seit Rudolf Steiner sieht Neider in Herbert Witzenmann. Welche sind die anderen, und warum sind diese Anthroposophen-Ideale nicht so augenfällig gewesen, dass sie auch in der allgemeinen Gesellschaft geschweige denn innerhalb den eigenen Reihen selbst eine Geltung hatten und haben?

Was Michael Eggert als „bemerkenswert dünner Substanz“ in der Argumentation Neiders nennt, bezieht sich auf ein esoterisches Thema der Anthroposophie: der Umgang mit den Verstorbenen. Neider schreibt: „Die Antwort nach der Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft findet sich meiner Meinung nach einzig und allein dadurch, dass man konkret auf die eigene spirituelle Verantwortung für das, was Rudolf Steiner den Mitgliedern dieser Gesellschaft als Aufgabe übertragen hat, hinblickt.“

Neider schreibt, dass es Rudolf Steiner eines der wichtigsten Anliegen sei, „seine Schüler davon zu überzeugen, dass die Verstorbenen in einer lebendigen, spirituell gegenwärtigen Welt leben, zu der wir Lebenden einen real wirksamen Bezug herstellen können.“ Andreas Neider fühlt sich erfreulicherweise diesem Anliegen gegenüber zum realen, geistigen Dialog verpflichtet. Ähnlich wie Mieke Mosmuller plädiert er für einen direkten Kontakt mit Rudolf Steiner als der Bezugspunkt der weiteren Entwicklung der Anthroposophie inklusive seiner Schüler, die auch verstorbenen, aber im Geistigen weiterhin wirksam sind. Solche allgemeine Anspielungen sind im privaten Bereich schon in Ordnung, aber heute taugen sie zu nichts mehr, falls man mit der Anthroposophie etwas öffentlich erreichen möchte. Hier muss man konkret und ichbezogen sein! Das ist ein Problem der anthroposophischen Gesellschaft mit deren Hochschule, dass sie nur ein – gestorbener - Geistesforscher „hat“. Welche neue Ergebnisse und Schöpfungen kann sie aus aktueller übersinnlicher und spiritueller Forschung vorzeigen? Wie der Kontakt zu dem verstorbenen Rudolf Steiner und zu anderen Vorgänger erstellt werden könnte, beschreibt Neider jedoch und leider nicht. Für ihn ist die Welt der Verstorbenen keine Welt der Vergangenheit, sondern sie bringt ihn in Beziehung mit der eigentlichen, höheren Realität seines Daseins. Leider bringt er dabei auch keinen konkreten Beispielen, wie diese höhere Realität sein Leben verändert hat gegebenenfalls im Jetzt beeinflusst.

In einer Hochschulkonferenz in Schweden 1997 versuchte ich gerade dieses von Andreas Neider angedeutete Vorhaben „der eigenständigen esoterischen Erarbeitung und Weiterentwicklung“ der Anthroposophie durch authentische individuelle Beispiele in einem Plenumsgespräch auszuüben. Ich sprach von einem individuellen Geist-Erleben mit dem verstorbenen Dornacher Vorstand und Sektionsleiter Jørgen Smit und zwei anderen in Skandinavien bekannten verstorbenen Anthroposophen. Das ging damals überhaupt nicht. Mein Versuch des neuen Konzepts wurde sofort als etwas nicht Vereinbares mit der Repräsentanz der Hochschule von einigen prominenten Anthroposophen und vom damaligen Generalsekretär der schwedischen Landesgesellschaft, Anders Kumlander, aburteilt. Er replizierte, dass es nur innerhalb einer Klassenstunde angebracht sei, mit Verstorbenen in Kontakt zu treten! Dieses Intermezzo ist mir in der Erinnerung so deutlich geblieben, dass daraus eine anschauliche Szene in einem 5. Mysteriendrama dramatisiert werden könnte.

Eine Patientin einer anthroposophischen Klinik erzählte mir einmal folgende Anekdote: Sie kannte eine andere Patientin, die berichtete, dass sie eine Christus-Erlebnis gehabt hätte. Sie erzählte es einmal während einer Patientenrunde. Darauf soll ein ärztlicher Verantwortlicher, der auch Lektor der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (FHG) war und noch heute ist, zu der Letzteren gesagt haben, dass dies unmöglich sei, weil sie kein Mitglied der Hochschule sei! Als ob also nur innerhalb den traditionellen anthroposophischen Institutionen und Gremien echte geistige Erfahrungen erfolgen könnten. So ein Unsinn! Seitdem habe ich viele weitere ähnliche irrationelle und immerhin sozial verständliche aber nicht akzeptable Reaktionen und Tendenzen in der FHG und in der AAG erlebt, wenn es um geistige Erfahrungen gingen, dass es für mich kein Sinn mehr machte, darin Mitglied zu bleiben.

Im Verhältnis zu der Anthroposophie, die in meiner Seele lebt, brauche ich folglich nicht mehr die althergebrachte AAG und sie braucht auch nicht mich für ihre Anthroposophie, sonst hätte Andreas Neider sich längstens gemeldet. Und Ramon Brüll braucht meine Unterstützung mit seiner Auflösungskampagne sicherlich auch nicht. Eine solche Kampagne wird sowieso wenig bewegen können, da die Bejahung für die AAG so stark ist, dass sie lange noch bestehen wird. Davon bin ich überzeugt. Ich bezweifele auch nicht, dass Anthroposophie ihr Weg neben der AAG in die Welt findet und finden wird. Sie entsteht und lebt bei einzelnen Menschen und in Menschenbeziehungen, wo man einen direkten Kontakt schafft zu der Individualität, die den Namen Rudolf Steiner im letzten Leben trug, und zu anderen Individualitäten, z. B. Jörgen Smit und viele andere, die Anthroposophie lieben, weil sie eine Herzensangelegenheit der Ohnmacht ist, und deswegen keine Institution mit Alleinvertretungsanspruch als Leib, aber selbstverständlich ein freies Kulturleben braucht, vorausgesetzt, dass darin „ein gemeinschaftsbildender Raum“ geschaffen wird. In einem Vereinsdokument kann dies aber nicht proklamiert werden.

Rudolf Steiner hat an der Weihnachtstagung 1923 keinen traditionellen Verein, sondern eine Herzensgemeinschaft gegründet, der es die Aufgabe zukam, Ordnung im Karma zu schaffen. Und solange nicht genug Mitglieder und Vertreter der AAG und der FHG die Interesse haben, dafür aus Steiners Anweisungen und aus der Anthroposophie entstandenen anderen konkreten Wegen der Karmapraxis und der Karmaforschung anzutreten, bleibt die Anthroposophische Gesellschaft für die Anthroposophie selbst ein hinderlicher „Hemmschuh“. Hemmschuh könnte sicherlich auch als ein bejahendes Bild verstanden werden, allenfalls man meint, dass die AAG eine notwenige Fahrtbremse für irgendwelche zu schnell laufenden anthroposophischen Entwicklungen sei. Die Bremsefunktion wurde jedoch in der Vergangenheit vielmehr irrtümlich angetreten, sodass „Entgleisungen“ wie diejenige im Jahre 1935 aufzogen. Ich gebe Ramon Brüll in seiner Standortbeschreibung grundsätzlich Recht, und ich begrüße und bedanke ihn, dass er den Mut hat, zu notwendigen Veränderungen aufzurufen.

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2008/11/14

Obama und die muslimische Welt

„Was tun?“ fragt Michael Lüders angesichts des „Kriegs gegen den Terror“ in Afghanistan, das sich verselbständigt hat und einen Eigendynamik folgt, die politisch kaum noch zu steuern ist. „Und das Schlimmste steht wohl erst noch bevor“, fährt der deutsche Publizist, Politik- und Islamwissenschaftler fort. Der Nahostexperte erforscht die Ursachen islamistischer Gewalt und er berät deutsche Firmen und Behörden wie das Auswärtige Amt.

In seinem Leitartikel „Der falsche Krieg“ im Frankfurter Rundschau vom 11.09.2008 schreibt er, dass dieser Krieg, der nun schon länger als der Zweite Weltkrieg dauert, „falsch“ und in Anbetracht der vielen getöteten Zivilisten auch „verbrecherisch“ sei. Lüders analysiert viele Aussagen und Tendenzen in der islamischen Welt und kommt zu der Schlussfolgerung, dass „der Westen den Kampf um die Köpfe und Herzen der Muslime längst verloren hat“. Er meint, dass die Welt friedlicher gewesen wäre, falls die USA, die EU und ihre Alliierten nur zehn Prozent ihrer Milliardenausgaben in diesem Krieg für langfristige Entwicklungsprojekte ausgegeben hätten. „Gerade weil der islamistische Terror auch weiterhin eine ernste Bedrohung darstellt, muss die Politik den Mut haben, neue, ungewohnte Ideen zu erproben.“

Hat nun der antretende Präsident Barack Hussein Obama diesen Mut zu neuen, ungewohnten Ideen? Torin Finser, US Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft, formulierte in einer Stellungnahme unmittelbar nach dem Wahlsieg Obamas: „Der gewählte Präsident Obama hat versprochen, sich für erneuerbare Energien und das Gesundheitswesen einzusetzen, das Schulwesen zu verbessern und die Wirtschaft zu erneuern. Dies alles sind Bereiche, die auch für uns Anthroposophen wesentlich sind.“ Finsers Aussage scheint eine positive Antwort auf diese Frage zu sein. Michael Mentzel kommt zu Wort auf derselben Seite von Antromedia: „Für die meisten Menschen, die ich kenne, ist die Wahl Obamas zum 44. Präsidenten der USA fast wie ein Aufbruch in ein neues Zeitalter. Geben wir es ruhig zu. Wir freuen uns über die jugendliche Ausstrahlung und die Frische dieses Menschen, seine sympatische Art, vom Wir zu sprechen und seine offensichtliche Fähigkeit, Menschen zu begeistern. Dank der hochprofessionellen medialen Inszenierung schwappt der Enthusiasmus über in unsere Fernsehstuben und reißt uns mit in diesen Strudel der Emotionen. Und warum auch nicht?“

Aber Menzel lässt sich für einen kurzen Moment doch auch wie viele andere US- und Obama-Kritiker zum „Bedenkenträger“ werden, ohne aber näher auf die Quellen der Kritik einzugehen, die z. B. von Schmiergeldern berichten. Eine der scharfen Kritiker heißt Daniel Pipes, der amerikanischer Autor, Historiker und Islamwissenschaftler ist und „Special Task Force on Terrorism and Technology“ des US-Verteidigungsministeriums angehört. Sein Blog ist einer der meistbesuchten, der über Islam und den Nahen Osten berichtet. Pipes hat die Frage untersucht, ob Barak Obama von Geburt an als Muslim bezeichnet werden müsse. Es wird erzählt, dass Obama, der als Kind in Indonesien mit seiner Mutter und seinem Stiefvater einige Jahre lebte, dort in der Schule als Muslim eingeschrieben sei, und das Schreiben wird als Faksimile gezeigt. Obama selbst scheint die Wahrheit in dieser Sache wie der ehemalige Außenminister Colin Powell, der ihn kurzerhand unterstützt, verbergen zu wollen. Dem ungeachtet stellt Pipes fest, dass: „Bedeutender wäre, wie die Mainstream-Muslime auf ihn reagieren – würden sie wütend auf das sein, was sie als seinen Abfall vom Glauben betrachteten? Diese Reaktion ist eine reale Möglichkeit, eine, die seine Initiativen hin zur muslimischen Welt untergraben könnte.“

Für die US-Amerikaner könnte aber eine andere Tatsache die Glaubwürdigkeit Obamas aushöhlen. In einem Artikel behauptet Pipes, dass Barack Obama Kontakte und sogar Freundschaft pflegt mit Menschen, die zu einem islamistischen Netzwerk gerechnet werden können. Der eine dieser Personen ist der irakisch-britische Geschäftsmann Nadhmi Auchi. Ein Anderer ist der US-Fundraiser Tony Rezko. Pipes stellt fest, dass Auchi in der Elf Aquitaine-Affäre verwickelt war und dort Schmiergelder angenommen habe, und dass sein Reichtum zu einem großen Teil aus dessen Verbindung zur ehemaligen irakischen Regierung und aus gegen das internationale Recht stoßenden Waffen-Geschäften mit Saddam Hussein erwüchse. Mit Rezko, der von Auchi 3,5 Millionen Dollar erhielt, um u. a. Spielschulden zurückzubezahlen, schließ Obama 2005 einen Grundstücksdeal ab. Hier erwarb er seine Familienvilla für weit unter dem offiziellen Verkaufspreis. Daniel Pipes fasst zusammen: „Barack Obamas Hauskauf war abhängig von Rezkos Begünstigungen, aufgefrischt mit einem „Kredit" von Auchi, dessen Reichtum zum Teil den Gefälligkeiten Saddam Husseins entstammten.“

Gegen diesen Hintergrund gesehen, wenn die Mutmaßungen bewahrheitet würden, ist es zu vernehmen, dass die Hoffnungen um Barack Obama leicht und bald in Enttäuschungen umschwenken könnten. In seiner Analyse der US-Intervention in Irak stellt Michael Lüders fest, dass „die einstige Regionalmacht Irak in einen Trümmerhaufen“ verwandelt sei, „dessen Instabilität auch die Nachbarländer jederzeit in den Abgrund ziehen kann. Politiker und Kommentatoren mit Einfluss in Washington und Jerusalem streben schon den nächsten Feldzug in der Region an, anstatt selbstkritisch eine Bilanz zu ziehen. Wird Obama für die Amerikaner und mit seinem Stab selbstkritische Bilanz ziehen? Wird es Obama Jr. gelingen, was George W. Busch Jr. während sieben Jahre nicht gelungen ist, nämlich, die folgende dringende und einfache Botschaft zu vermitteln? „Wir verteidigen uns gegen den Terror, aber wir führen keinen Kreuzzug gegen den Islam.“ Lüders ist Anbetracht vieler bedrückenden Tendenzen da nicht so sicher:

„Die in Washington geplante ‚Sicherheitsallianz’ der USA mit dem Irak löst im Nahen und Mittleren Osten jetzt schon vehemente Reaktionen aus. De facto würde dieser Pakt den Irak zu einem Satellitenstaat Washingtons machen. Bis zu 50 Militärbasen sind geplant. Das US-Militär würde ebenso wie US-Staatsbürger juristische Immunität genießen - ein Modell, das schon die Kolonialherren in der Region angewendet haben, wie die ägyptische Zeitung Al-Ahram kommentiert…“ [weiter zur Analyse von Michael Lüders]

Bild: Richard Löwenherz im Zweikampf mit Saladin. Englische Phantasiedarstellung, um 1340. Richard I. (1157-1199) aus dem Haus Plantagenet war König von England von 1189 bis 1199. Saladin, eigentlich Salah ad-Din Yusuf bin Ayyub, mit dem Titel al-Malik an-Nasir, „der siegreiche Herrscher“ (1137/38-1193) gründete die kurdisch-stämmige Dynastie der Ayyubiden von Ägypten und Syrien. Als Sultan Saladin wurde er zu einem Mythos, zum größten aller Helden der muslimischen Welt und vorbildhaften islamischen Herrscher. 1192 entstand ein diplomatisches Abkommen zwischen Richard und Saladin. Die Eroberungen Richards an der Küste Palästinas wurden bestätigt, mit Ausnahme der Stadt Askalon, die Saladin übergeben wurde. Christlichen Pilgern wurde der freie Zugang nach Jerusalem ermöglicht. Die beiden Herrscher einigten sich auf einen dreijährigen Waffenstillstand. Richard verließ am 9. Oktober des Jahres Palästina, womit der Dritte Kreuzzug beendet war. Die Konflikte zwischen verschiedenen Völkern, religiösen Gruppen und politischen Lagern in Palästina fahren jedoch bis heute fort. Quelle: Wikipedia

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2008/11/11

Wie viel Macht wird Barack Obama als amerikanischer Präsident haben?

Diese Frage hat mich in den letzten Monaten beschäftigt, und bei der Suche nach Antworten stieß ich auf den folgenden sehr informativen Essay von PD Dr. Christoph Strünck, der im Institut für Politikwissenschaft an der Uni Duisburg-Essen als Gesellschaftswissen-schaftler tätig ist. Er war auch Gastwissenschaftler an der University of California, Berkeley, und er scheint die politischen Strukturen in den USA profund zu kennen.

Strünck untersucht in seinem 17-seitigen Beitrag, in dem er einige geschichtlichen Entwicklungen im 20. Jahrhundert des amerikanischen präsidentenzentrierten Systems skizziert, besonders die interne Beratung des Präsidenten, weil, wie er schreibt, „von hier aus ebenfalls Licht auf die anderen Elemente des Regierungssystems fällt.“ Er verfolgt die These, dass die Bedeutung der personengebundenen Beratung des Präsidenten sich ergibt durch die Ansprüche an seiner Leitungsfunktion. „Die Wahl zum Präsidenten fundiert nicht seine Macht, sondern erteilt lediglich das Recht zu Regieren, das aber jeden Tag gefestigt werden muss.“

Der absteigende Präsident George W. Bush - wie auch manche Präsidenten vor ihm - mag als ein souveräner Herrscher erschienen zu haben. Dies liegt weder an der Person noch am Amt, sondern in diesem Fall eher an der internationalen Bedrohung durch den Terrorismus, stellt Strünck fest. Die reale Macht des jetzt zur Ernennung vorgeschlagen Präsidenten Barack Obama wird sich erstens an der wirtschaftlichen Krise und an den befindlichen politischen Strukturen in den USA, zweitens an die Strategen und Berater, die er ernennen wird, und drittens an die globalen Umstände der nächsten Jahre relativieren müssen. Vielleicht kommt Obama zur rechten Zeit, um fällig notwenige Veränderungen im eigenen Land anzuleiten, aber kommt er gegebenenfalls zu spät, um die Position der USA als günstiges Beispiel in der Welt vorzustehen, weil sein Vorgänger diese Möglichkeit auskatapultiert hat?

Christoph Strüncks Studie ist 5 Jahre alt. Die darin geschilderten Tatsachen und Tendenzen, die jedoch fortwährend existieren, wird auch für Obama Gültigkeit haben. Sie trägt den Titel: All the president’s men? Macht und Mythos amerikanischer Regierungsberater. (In: Karl-Rudolf Korte/Gerhard Hirscher (Hrsg.): Politikberatung von innen. Das Informationsmanagement des politischen Spitzenpersonals. Opladen: Westdeutscher Verlag (i.E.) 2003). Christoph Strünck schreibt zu Beginn:

„Ist der amerikanische Präsident wirklich der mächtigste Mann der Welt? Es gibt viele politikwissenschaftlich fundierte Einwände gegen diese gern geglaubte These: seine eher passive Rolle im Gesetzgebungsprozess, die starke Stellung des amerikanischen Kongresses, oder die fragmentierte Struktur der Exekutive. Manche gehen sogar soweit, den Charakter der USA als präsidentielles oder besser: präsidentenzentriertes System insgesamt in Frage zu stellen... [weiter zum ganzen Essay]

Bild: Vier bedeutende und symbolträchtige US-Präsidenten (von links nach rechts: George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt, Abraham Lincoln), jedes Porträt 60 Fuß (18,3 m) hoch, 14 Sommer lang zwischen 1927 und 1941 in den Granit des Mount Ruhsmore gesprengt, gehauen und gemeißelt durch John Gutzon de la Mothe Borglum (1867-1941) mit fast 400 Arbeitern und Helfern, assistiert und - 7 Monate nach dem Tod des Meisters - vollendet durch seinem Sohn Lincoln. Quelle: Wikipedia

Dieser Post wurde vom Internetportal Anthroposophie Anthromedia übernommen.

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2008/11/03

„Was ist ein Dichter?“

Søren Kierkegaard (1813-1855):

Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, der heiße Schmerzen in seinem Herzen trägt, dessen Lippen aber so geartet sind, daß, während Seufzer und Geschrei ihnen entströmen, diese dem fremden Ohr wie schöne Musik ertönen. Es geht ihm, wie einst jenen Unglücklichen, die in Phalaris’ Stier durch ein sacht brennendes Feuer langsam gemartert wurden, deren Geschrei nicht bis zu den Ohren des Tyrannen dringen konnte, ihn zu erschrecken: ihm klangen sie wie heitere Musik. Und die Leute umschwirren den Dichter und sprechen zu ihm: „Sing uns bald wieder ein Lied;“ das heißt: mögen neue Leiden deine Seele martern, und mögen deine Lippen bleiben, wie sie bisher gewesen; dein Schreien würde uns nur ängsten, aber die Musik, ja, die ist lieblich. Und die Rezensenten treten herzu und sprechen: So ist es richtig; so soll es gehen nach den Regeln der Ästhetik. Nun, das versteht sich, ein Rezensent gleicht einem Dichter auf ein Haar, nur dass er nicht die Pein im Herzen, nicht die Musik auf den Lippen hat. Siehe, darum will ich lieber Schweinehirte sein auf Amagerbro und von den Schweinen verstanden werden, als Dichter sein und von den Menschen mißverstanden werden.

Aus: Sören Kierkegaard, Entweder-Oder. Ein Lebensfragment, herausgegeben von Victor Eremita (1843). Übersetzung: Michelsen/Gleiß, 1885. Quelle: textlog.de

Bild: Phalaris lässt den Künstler Perilles in den Bronzestier einschließen. Kupferstich von Pierre Woeiriot, 16. Jahrhundert. Phalaris, Tyrann von Akragas, herrschte etwa 570–555 v. Chr. in Akragas (heute Agrigent) in Sizilien.

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2008/10/17

„Klage gegen Gott gescheitert“

„Ein Senator aus Nebraska hatte Strafanzeige gegen Gott wegen schwerer Terrordrohungen eingereicht, das Gericht wies die Klage zurück, weil der Angeklagte keine Adresse hat. Im September letzten Jahres hat Ernie Chambers, seit 38 Jahren Senator im US-Bundesstaat Nebraska, eine Klage gegen Gott vor dem Bezirksgericht eingereicht. Das Gericht sollte Gott durch eine einstweilige Verfügung untersagen, schädliche Handlungen zu begehen und Terrordrohungen zu äußern. Erst einmal hat Gott gewonnen und das Gericht die Klage zurückgewiesen, weil es für Gott nicht zuständig sei…“ [weiter]

Bild: Michelangelo Buonarroti (1475-1564), Scheidung von Licht und Finsternis, Schöpfungsgeschichte, Sixtinische Kapelle, Rom. Bildquelle: Zeno.org

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2008/10/07

Die Seifenblase

„Wenn Chagall malt, weiß man nicht, ob er dabei schläft oder wach ist. Irgendwo in seinem Kopf muss er einen Engel haben.“

Pablo Picasso

Zum Zitat von Georg Kühlewind, das Michael Eggert auf Egoisten wiedergegeben hat, passt vielleicht ein von Rudolf Steiner dazu: 

„Als besonders vollkommenes Gebilde wird uns unser Ätherleib bei unserer Geburt übergeben. Bei unserer Geburt ist unser Ätherleib so, daß er innerlich erglitzert und erglänzt von lauter Imaginationen, die aus dem großen Weltenall zu ihm kommen. Er ist eine herrliche Abspiegelung des Weltenalls. Und dasjenige, was sich der Mensch erwerben kann während seines Lebens an Erziehung, an Wissen, an Willens- und Gemütskräften, indem er alt wird zwischen Geburt und Tod, das wird aus diesem Ätherleib herausgeholt.“ (Aus: Rudolf Steiner, Das Geheimnis des Todes, GA 159, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1980, Seite 286.) 

Diese Angabe Steiners zum spirituellen Hintergrund unseres Wissensaneignung hat der Maler Marc Chagall bestätigt, indem er in seiner Autobiographie Mein Leben von seinem Erlebnis schreibt, dass alle seine Bilder schon bei seinem Geburt in einer riesigen
Seifenblase quasi „fertig“ mitgeliefert wurde. Also, ab zur Suche nach der eigenen Seifenblase, um das nach dem individuelllen höheren Selbst geschnittene Wissen einzufangen!  

Weil keine Bilder von Marc Chagall zugänglich sind, suchte ich den Seifenbläser von Jean Siméon Chardin (1699-1779) aus. Quelle: Wikipedia

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2008/09/19

Bevölkerung gegen Wall Street

Hallo - Die Pleiten und Pannen in der globalen Finanzwelt eskalieren - von Zusammenbrüchen und Notverkäufen zu Renten, Arbeitsplätzen und der Gefahr einer Rezession. Soeben habe ich über untenstehenden Link eine dringende Petition unterzeichnet, die die Missstände ansprechen und beseitigen soll. Sie ist kurz davor, an europäische Spitzenpolitiker übergeben zu werden. Um jedoch einen Eindruck zu hinterlassen, brauchen wir einen weltweiten Aufschrei, um die Mängel zu beseitigen und die Lücken zu schließen und sicherzustellen, dass das öffentliche Interesse in Zukunft berücksichtigt wird. - Bitte folgt dem folgenden Link und entschließt euch, daran teilzunehmen.“

Ich habe dieses wichtige Hinweis zu AVVAZ – wie so oft früher andere Tipps - von meinem guten, spirituell tätigen Freund, Christian Moos, bekommen. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin, Iris Madenach, betreibt er das Strohhaus in Altenkessel, Saarbrücken, wo viele interessante Seminare stattfinden. In Oktober arrangieren sie am Donnerstag den 23. um 20 Uhr ein Vortrag vom niederländischen Standup-Philosoph und Autor, Roland van Vliet, über eine wieder entdeckte Geistesströmung: Der Manichäismus - das vergessene Christentum des Herzens.

Ein Grund der heutigen Finanzkrise liegt ja gerade darin, dass die Ideale dieses Christentums des Herzens nicht genügend in unserer Zivilisation berücksichtigt werden.

ÜBER AVAAZ
Avaaz.org ist eine unabhängige nicht-profitorientierte Organisation, die internationale Kampagnen organisiert und sicherstellt, dass die Meinungen und Wertvorstellungen der Weltöffentlichkeit globale Entscheidungen mitbestimmen (Avaaz bedeutet „Stimme“ in vielen Sprachen). Avaaz akzeptiert kein Geld von Regierungen oder Konzernen und wird von einem internationalen Kampagnenteam geleitet. Avaaz betreibt Büros in New York, Washington DC, London, Paris, Genf und Rio de Janairo.

Illustration von mir: Geisteslicht (2007). Publiziert in Zusammenhang eines Aufsatzes von mir über Manichäismus und über die Verwandlung des Karmas mit dem Titel Geistige Amnestie in „Das Goetheanum“ Nr. 24-2007.

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2008/09/04

Ein Geschenk für Foersterliesel

Goldener Adler attackiert einen Hasen

Liebe Liesel, ich schenke dir diesen Liljefors-Hasen! Ob er entkommen ist, bleibt offen. Der Vorlesungssaal, wo ich Teile meiner künstlerischen und pädagogischen Ausbildung in Järna, Schweden, hatte, war einst anfangs des 20. Jahrhunderts das Landhaus und Atelier vom berühmten schwedischen Landschaftsmaler Bruno Liljefors (1860-1939). Er nannte das Atelierhaus „Wigwam“, das es noch heute im Volksmund des Ortes heißt. Bei den Anthroposophen, die das schöne Haus in schlichtem Jugendstil heute besitzen, wird es „Vita Huset“ (das Weiße Haus) genannt, da es nach Liljefors Zeit auch angebaut wurde und in Besitz eines Molkereibesitzers war.

Das Bild ist nur ein in der langen Reihe der Tierbilder von Liljefors. Im Internet sind halt wenige frei zu kopieren. Wer viel Geld hat, kann sich noch ein echter Liljefors bewerben. Ein anderer schwedischer Tiermaler, der auch Hasen gemalt hat, heißt Nils Tirén. Sein Hase in Winterlandschaft ist hier zu sehen.

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2008/08/10

„Was nützt der Menschheit ein Sieg in Olympia?“

’Griechenland kennt viele Übel, am schlimmsten aber ist das Volk der Athleten!’ Diesen zornigen Ausspruch hat der Dramatiker Euripides im späten 5. Jh. v. Chr. in seinem Theaterstück Autolykos einem Schauspieler in den Mund gelegt. Euripides verhöhnt die Athleten als Diener ihrer Kauwerkzeuge und Sklaven ihrer Mägen. Er spielt damit auf die muskelbildende Kraftnahrung der Sportler an. Doch der Dichter hat nicht allein die Athleten im Visier. Hart geht er mit den Volksmassen ins Gericht, die auf diese Scharlatane hereinfallen: Die Bürger in den griechischen Städten sollten lieber da für sorgen, daß sie von weisen Staatsmännern regiert würden, als regelmäßig in Scharen nach Olympia zu pilgern, nur um dort einige Männer zu bejubeln, deren Lebenselexier die Freßsucht sei. Ein besonders kräftiger Hieb trifft die Politiker, die all dies aus purem Populismus zuließen und deshalb die Verantwortung dafür trügen, daß die Pflege der wahren Tugenden verloren gehe. Und so gipfelt die im 5. Jh. v. Chr. formulierte Schelte in der Forderung, die Olympischen Wettkämpfe abzuschaffen!

Auch der im 4. Jh. v. Chr. wirkende Philosoph Diogenes sann über das Treiben in den Sportstätten Olympias nach. Als Vertreter der kynischen Philosophie machte er einen äußerst bissigen Vorschlag zur Neugestaltung Olympias. Er ging von einem Wortspiel aus: Der Sportler werde mit dem Substantiv athlätäs bezeichnet - unüberhörbar ergebe sich daraus ein Zusammenhang mit dem Adjektiv athlios, was soviel wie ‚elend, kümmerlich, auf den Hund gekommen‘ bedeute. Die Logik der Sprache gebiete es - so die provozierende Schlußfolgerung des Diogenes -‚ in Olympia Tiere zum Wettkampf antreten zu lassen.“

Aus: Ulrich Sinn, Olympia. Kult, Sport und Fest in der Antike. Verlag C. H. Beck, München 1996.

Illustration: Der Wagenlenker in Delphi. Kommentar: Entsprechend meinen meditativen Forschungen stand ein Athlet namens Agamon Modell für diese weltberühmte Bronzeskulptur. Die Leser meiner Bücher werden wissen, wie sie seine Identität in der Gegenwart näher einordnen.

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2008/08/08

Das Urphänomen der Biographie

Vorgestern kam ich nach drei Tagen von Codroipo in Italien zurück. Ich bin da gewesen, um Vorbereitungen für die erste Etappe der Farbgestaltung von Casa per Michele (Michaels Haus) zu machen. Zu diesem Projekt werde ich noch zurückkommen. Heute wollte ich etwas anderes andeuten und zwar etwas zu einem Urbild des Lebens.

Als ich am Montag wegen hier nicht zu beschreibenden Umständen am Flughafen in Treviso nicht abgeholt werden konnte, und deswegen mit Bus und Zug den Weg nach Codroipo selber ausfindig machen musste, hatte ich die Gelegenheit - wie immer zwischen solchen Umsteigephasen - andere Reisende zu beachten. Auf dem Bahnsteig in Treviso Centrale kam ich ins Gespräch mit einem Italiener, der gerade von Liège (Lüttich) gekommen war, wo er eine Arbeit hat.

Da er ein Stück in dieselbe Richtung wie ich fahren sollte, aber sein Zug verspätet war, stieg er in meinem Zug ein. Somit setzten wir uns zusammen. Ein richtiges Gespräch konnten wir jedoch nicht haben, da ich kein Italienisch und Französisch spreche und er kein Deutsch spricht und sein Englisch sehr begrenzt ist. Bei seinem Ausstieg verabschiedeten wir uns sehr herzlich voneinander, aber ohne Adressen auszutauschen, da wir beide dachten, dass dies nur eine zufällige Begegnung war. Es sollte aber anders werden!

Am Tag der Rückreise bekam ich wieder keine Hilfe von den netten aber überarbeiteten Freunden in Codroipo, um schnell zum Flughafen zu kommen. So musste ich diesmal eine sehr dramatische Reise mit Zug und Taxi machen, um mein Flug rechtzeitig zu bekommen. Nur mit der Hilfe meines Engels und anderen unsichtbaren Helfern konnte ich einem Taxi vor der schwitzenden Nase anderer Reisenden bekommen, ohne deswegen frech aufzutreten. Mit 34 Plusgrad war es gerade kein Olymp unterwegs zu sein. Mein Ryan war 15 Minuten verspätet und das war genug, um kurz in der Schlange einpaar SMS zu verabschieden. Und sieh da! In der Schlange der nächsten Gate stand mein Freund aus Lüttich! Und nun bekam er meine Emailadresse. Was daraus werden könnte, steht vielleicht in den Sternen geschrieben. 

Das Nachdenken an diese "zufällige" Wiederbegegnung führt mich zu den folgenden Ausführungen von meinem verstorbenen Freund
Willy Buzzi, der schon in seinem Buch "Eros und die sieben Lebenszuständen in der Biographie des Menschen" (nur in Schwedisch, erschienen im Selbstverlag des Autors 1974) in seiner aphoristischen Art das Urphänomen der Biographie beschrieb:

„Sich Begegnen und Verabschieden sind der Grundrhythmus des Lebens auf dem sozialen Plan. Menschen begegnen und verabschieden sich, verabschieden und begegnen sich in einen unaufhörlichen Rhythmus. Man begegnet sich, um sich wieder zu verabschieden, und verabschiedet sich, um sich wieder zu begegnen usw. Man kann hier zwei Extremen hervorheben im Prozess des sich Begegnens und Verabschiedens. Das sich Begegnen und Verabschieden rein formell – als Fremde für einander – erlebt man jeden Tag z. B. auf der Straße. Das ist das eine Extrem. 

Das andere Extrem liegt in der inhaltsreichen Begegnung zwischen Menschen, die eine 'Lebensbegegnung' erleben, z. B. ein Mann und eine Frau, die zusammenkommen und heiraten. Die 'Lebensbegegnung' beinhaltet natürlich eine gewisse Summe von 'kleineren' Begegnungen mit Ausgangspunkt in der 'ersten' Begegnung usw.

Zwischen diesen zwei Extremen existieren verschiedene Rhythmusebenen. Zuhause begegnet und verabschiedet man sich indem man beispielsweise für einen Augenblick in einem anderen Zimmer geht. Das Gleiche geschieht ja auch auf der Arbeit, man begegnet und verabschiedet sich in einem ständigen Rhythmus, in Zimmern, in Treppen, in Fluren usw. Einigen Menschen begegnet man einmal am Tag z. B. während des Lunchs, um nach einer Weile wieder sich zu verabschieden. Dann gibt es mehr dauerhafte Aspekte dieses Rhythmus des Begegnens-Verabschiedens: man hat nahe Freunde, denen man trifft, dass heißt, man begegnet sie ab und zu, und verabschiedet sich von ihnen ab und zu.

Der Rhythmus des Begegnens-Verabschiedens ist derjenige Rhythmus, der das Menschenleben durchzieht. Er ist das Urphänomen der Biographie.“

Die Übersetzung machte ich selbst. 

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