Gamamila

2009/06/14

Das Schweigen des Gesichts

„Ein schönes Gesicht ist vielleicht der einzige Ort, wo wahrhaft Stille ist. Während der Charakter durch ungesagte Worte und unverwirklicht gebliebene Absichten in das Gesicht Spuren eingräbt, während ein Tier immer so blickt, als wolle ihm eben ein Wort entfahren, öffnet die menschliche Schönheit das Antlitz dem Schweigen. Aber das Schweigen, das hier statthat, ist nicht nur Aussetzung der Rede, sondern Schweigen des Wortes selbst, Sichtbarwerden des Wortes: Idee der Sprache. Darum ist das Schweigen des Gesichts wahrhaft die Heimat des Menschen.“

Aus: Giorgio Agamben, Idea della prosa. Feltrinelli, Milano 1985/2. Aufl. Quodlibet, Macerata 2002. (Deutsch: Die Idee der Prosa. Carl Hanser, München/Wien 1987 u. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003 ISBN 3-518-22360-7)

Giorgio_Agamben (geb. 22. April 1942 in Rom) zählt zu den bekanntesten Philosophen Italiens und meist diskutierten Philosophen der Gegenwart. 2007 erhielt er die sogenannte Albertus-Magnus-Professur der Universität zu Köln.

Foto: Giorgio Agamben. Quelle: amp.uni-koeln.de

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2008/09/25

Casa per Michele

Casa per Michele entsteht als Kulturhaus in Codroipo bei Udine in Italien. Das außergewöhnliche Haus kann auch als Tempel genannt werden, da sowohl die Architektur als auch die Tätigkeit, die dort betrieben werden soll, mit Spiritualität im höchsten Sinne zu tun hat. Der Grundriss besteht aus zwei in einander greifenden Kreisen oder man kann eine Lemniskate erkennen. Der untere Gebäudeteil ist deswegen konvex und konkav abgerundet rund herum. Darüber ragt ein quadratisches Teil mit eher konventionellem Aussehen. Das Haus wird hier hell Blau gestrichen, aber so, dass die Farbe von unten nach oben immer heller wird.

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Das Haus liegt in eine flache Landschaft mit Kleinwald und Feldern, aber vom Osten bis Westen sieht man bei klarem Wetter den ganzen Alpenrand. Das Bauen wurde in eigener Regie geführt unter der Leitung von Enzo Nastati, der auch für die architektonische Idee verantwortet. Zwei Architektinnen haben bei der Ausführung mitgewirkt, und außer Mitglieder des eigenen Vereins haben Handwerker u. a. aus Polen gute Arbeit geleistet.  

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Im Eingangspartei ragen zwei Säulen – die eine blau und die andere rot - hoch auf, die ein darüber befindlichen Terrasse tragen. Geradeaus im gelben Wand ist der Portal zum unteren Saal. Auf beiden Seiten des Foyers sind zwei Treppen, die zum oberen Saal führen. 

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Hier ist die linke, rote Seite des Foyers zu sehen. Im Treppengeländer aus Eisen nach dem Design von Nastati entsteht das Muster durch eine immer weitergehende „Spiralwelle“.

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In der blauen Nische im blau-gelben Treppenhaus soll eine Maria-Skulptur aus Holz stehen - in der Nische auf der anderen Seite gleichermaßen eine Michael-Skulptur. Der Künstler und die Finanzierung dafür sind noch nicht gefunden. Ist jemand interessiert?

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Im oberen Saal, das auf drei Wänden gelb und auf dem Westwand blau gestrichen ist, werden Seminare, künstlerische Kurse und andere Zusammenkünfte stattfinden. Durch die vielen Fenster, die auch Fensterläden wegen der Sommerhitze haben, gibt es wunderbare Aussichten in allen Richtungen. 

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Wo die zwei Farben sich auf beiden Seiten über den Treppen grün begegnen, sind einfache Baummotive - hier mit Venus oder Birke geknüpft, auf der anderen Seite mit Saturn oder Kiefern - in gemeinsamem Malen entstanden. Wo die Flammen gemalt sind - auf der Gegenüberseite ist es ähnlich gemacht - werden später Hochöfen für Holzheizung stehen.  

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Im unteren Saal, das in violetten Tönen lasiert ist, werden Studienarbeit, Forschungstreffen und feierliche Aktivitäten stattfinden. Im Untergeschoß befinden sich noch diverse weitere Lokalitäten wie eine Küche mit Abstellraum, ein Technikraum, Toiletten, eine Arztpraxis und eine Therapieabteilung. Wo die leuchtenden Löcher in der Wand sind, kommen noch schöne Leuchten hin. 

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Die ansehnliche Decke in diesem stillen Raum mit den runden Lichtfenstern wird eine Deckenmalerei bekommen. In der ersten Lasierphase schaffte ich, einwenig damit anzufangen. Der Bauherr sucht noch finanzielle Donationen für diese Deckenmalerei - weil sie nicht eingeplant war -, die voraussichtlich in der Weihnachtszeit unter Mitarbeit von Helfern ausgeführt werden soll.

Alle Fotos unter diesem Rubrik stammen aus meinen Augen und aus meinen Händen.

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Casa per Michele liegt in eine flache Landschaft mit Feldern und kleinen Waldern, aber vom Osten bis Westen sieht man bei klarem Wetter die ganzen Alpengipfel. Das Bauen wurde in eigener Regie geführt unter der Leitung von Enzo Nastati, der auch für die architektonische Idee und die Gesamtgestaltung verantwortet. Zwei Architektinnen haben noch bei der Ausführung mitgewirkt, und außer Mitglieder des eigenen Vereins haben Handwerker u. a. aus Polen gute Arbeit geleistet.  

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2008/09/24

In der Fülle der Gondel





Am 26. Mai schrieb ich in meiner Chronik, dass ich zum Schicksal und zur Atmosphäre von Venedig zurückkommen werde. Etwas zur Stimmung dieser einmaligen Inselstadt lasse ich nun durch diese Fotos durchkommen – die ich gerade bekommen habe -, auch wenn sie nur ein Hauch von dem dort tatsächlich Erlebten und dem Geschauten vermitteln. Jemand sagte mir kürzlich, dass Fotos von einer Person überhaupt nichtssagend sind. Man müsse eher die Beweglichkeit und die Gestik sehen, die z. B. in einem Film deutlich wird. Ich bin halt von der alten Garde, die auch noch Stillbilder liebt, und der einzige Film in der ich als Statist mitspielte, war im Opfer von Andrei Tarkowski. Die Fotos vermitteln nun zuerst etwas anderes als Entbehrung. Venedig selbst lebt aber in einer dauerhaften Krise, da der Kern ihrer Einwohner scheinbar die erwürdige Vergangenheit nicht als etwas Verflossenes akzeptiert, sondern versucht, an der Glorie festzuhalten. In der Karmaarbeit durfte ich in eine venezianische Familie hineinschauen. Dort lebt dieselbe Niedergangsstimmung wie im Film von Tarkowski. In der Gondel kann man glücklicherweise diese Tragik für eine Weile vergessen, um sich etwa für ein inneres Opfer vorzubereiten.  

Alle Fotos sind vom © Claudio Zanette.

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2008/08/08

Das Urphänomen der Biographie

Vorgestern kam ich nach drei Tagen von Codroipo in Italien zurück. Ich bin da gewesen, um Vorbereitungen für die erste Etappe der Farbgestaltung von Casa per Michele (Michaels Haus) zu machen. Zu diesem Projekt werde ich noch zurückkommen. Heute wollte ich etwas anderes andeuten und zwar etwas zu einem Urbild des Lebens.

Als ich am Montag wegen hier nicht zu beschreibenden Umständen am Flughafen in Treviso nicht abgeholt werden konnte, und deswegen mit Bus und Zug den Weg nach Codroipo selber ausfindig machen musste, hatte ich die Gelegenheit - wie immer zwischen solchen Umsteigephasen - andere Reisende zu beachten. Auf dem Bahnsteig in Treviso Centrale kam ich ins Gespräch mit einem Italiener, der gerade von Liège (Lüttich) gekommen war, wo er eine Arbeit hat.

Da er ein Stück in dieselbe Richtung wie ich fahren sollte, aber sein Zug verspätet war, stieg er in meinem Zug ein. Somit setzten wir uns zusammen. Ein richtiges Gespräch konnten wir jedoch nicht haben, da ich kein Italienisch und Französisch spreche und er kein Deutsch spricht und sein Englisch sehr begrenzt ist. Bei seinem Ausstieg verabschiedeten wir uns sehr herzlich voneinander, aber ohne Adressen auszutauschen, da wir beide dachten, dass dies nur eine zufällige Begegnung war. Es sollte aber anders werden!

Am Tag der Rückreise bekam ich wieder keine Hilfe von den netten aber überarbeiteten Freunden in Codroipo, um schnell zum Flughafen zu kommen. So musste ich diesmal eine sehr dramatische Reise mit Zug und Taxi machen, um mein Flug rechtzeitig zu bekommen. Nur mit der Hilfe meines Engels und anderen unsichtbaren Helfern konnte ich einem Taxi vor der schwitzenden Nase anderer Reisenden bekommen, ohne deswegen frech aufzutreten. Mit 34 Plusgrad war es gerade kein Olymp unterwegs zu sein. Mein Ryan war 15 Minuten verspätet und das war genug, um kurz in der Schlange einpaar SMS zu verabschieden. Und sieh da! In der Schlange der nächsten Gate stand mein Freund aus Lüttich! Und nun bekam er meine Emailadresse. Was daraus werden könnte, steht vielleicht in den Sternen geschrieben. 

Das Nachdenken an diese "zufällige" Wiederbegegnung führt mich zu den folgenden Ausführungen von meinem verstorbenen Freund
Willy Buzzi, der schon in seinem Buch "Eros und die sieben Lebenszuständen in der Biographie des Menschen" (nur in Schwedisch, erschienen im Selbstverlag des Autors 1974) in seiner aphoristischen Art das Urphänomen der Biographie beschrieb:

„Sich Begegnen und Verabschieden sind der Grundrhythmus des Lebens auf dem sozialen Plan. Menschen begegnen und verabschieden sich, verabschieden und begegnen sich in einen unaufhörlichen Rhythmus. Man begegnet sich, um sich wieder zu verabschieden, und verabschiedet sich, um sich wieder zu begegnen usw. Man kann hier zwei Extremen hervorheben im Prozess des sich Begegnens und Verabschiedens. Das sich Begegnen und Verabschieden rein formell – als Fremde für einander – erlebt man jeden Tag z. B. auf der Straße. Das ist das eine Extrem. 

Das andere Extrem liegt in der inhaltsreichen Begegnung zwischen Menschen, die eine 'Lebensbegegnung' erleben, z. B. ein Mann und eine Frau, die zusammenkommen und heiraten. Die 'Lebensbegegnung' beinhaltet natürlich eine gewisse Summe von 'kleineren' Begegnungen mit Ausgangspunkt in der 'ersten' Begegnung usw.

Zwischen diesen zwei Extremen existieren verschiedene Rhythmusebenen. Zuhause begegnet und verabschiedet man sich indem man beispielsweise für einen Augenblick in einem anderen Zimmer geht. Das Gleiche geschieht ja auch auf der Arbeit, man begegnet und verabschiedet sich in einem ständigen Rhythmus, in Zimmern, in Treppen, in Fluren usw. Einigen Menschen begegnet man einmal am Tag z. B. während des Lunchs, um nach einer Weile wieder sich zu verabschieden. Dann gibt es mehr dauerhafte Aspekte dieses Rhythmus des Begegnens-Verabschiedens: man hat nahe Freunde, denen man trifft, dass heißt, man begegnet sie ab und zu, und verabschiedet sich von ihnen ab und zu.

Der Rhythmus des Begegnens-Verabschiedens ist derjenige Rhythmus, der das Menschenleben durchzieht. Er ist das Urphänomen der Biographie.“

Die Übersetzung machte ich selbst. 

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