Vorgestern kam ich nach drei Tagen von Codroipo in Italien zurück. Ich bin da gewesen, um Vorbereitungen für die erste Etappe der Farbgestaltung von Casa per Michele (Michaels Haus) zu machen. Zu diesem Projekt werde ich noch zurückkommen. Heute wollte ich etwas anderes andeuten und zwar etwas zu einem Urbild des Lebens.
Als ich am Montag wegen hier nicht zu beschreibenden Umständen am Flughafen in Treviso nicht abgeholt werden konnte, und deswegen mit Bus und Zug den Weg nach Codroipo selber ausfindig machen musste, hatte ich die Gelegenheit - wie immer zwischen solchen Umsteigephasen - andere Reisende zu beachten. Auf dem Bahnsteig in Treviso Centrale kam ich ins Gespräch mit einem Italiener, der gerade von Liège (Lüttich) gekommen war, wo er eine Arbeit hat.
Da er ein Stück in dieselbe Richtung wie ich fahren sollte, aber sein Zug verspätet war, stieg er in meinem Zug ein. Somit setzten wir uns zusammen. Ein richtiges Gespräch konnten wir jedoch nicht haben, da ich kein Italienisch und Französisch spreche und er kein Deutsch spricht und sein Englisch sehr begrenzt ist. Bei seinem Ausstieg verabschiedeten wir uns sehr herzlich voneinander, aber ohne Adressen auszutauschen, da wir beide dachten, dass dies nur eine zufällige Begegnung war. Es sollte aber anders werden!
Am Tag der Rückreise bekam ich wieder keine Hilfe von den netten aber überarbeiteten Freunden in Codroipo, um schnell zum Flughafen zu kommen. So musste ich diesmal eine sehr dramatische Reise mit Zug und Taxi machen, um mein Flug rechtzeitig zu bekommen. Nur mit der Hilfe meines Engels und anderen unsichtbaren Helfern konnte ich einem Taxi vor der schwitzenden Nase anderer Reisenden bekommen, ohne deswegen frech aufzutreten. Mit 34 Plusgrad war es gerade kein Olymp unterwegs zu sein. Mein Ryan war 15 Minuten verspätet und das war genug, um kurz in der Schlange einpaar SMS zu verabschieden. Und sieh da! In der Schlange der nächsten Gate stand mein Freund aus Lüttich! Und nun bekam er meine Emailadresse. Was daraus werden könnte, steht vielleicht in den Sternen geschrieben.
Das Nachdenken an diese "zufällige" Wiederbegegnung führt mich zu den folgenden Ausführungen von meinem verstorbenen Freund Willy Buzzi, der schon in seinem Buch "Eros und die sieben Lebenszuständen in der Biographie des Menschen" (nur in Schwedisch, erschienen im Selbstverlag des Autors 1974) in seiner aphoristischen Art das Urphänomen der Biographie beschrieb:
„Sich Begegnen und Verabschieden sind der Grundrhythmus des Lebens auf dem sozialen Plan. Menschen begegnen und verabschieden sich, verabschieden und begegnen sich in einen unaufhörlichen Rhythmus. Man begegnet sich, um sich wieder zu verabschieden, und verabschiedet sich, um sich wieder zu begegnen usw. Man kann hier zwei Extremen hervorheben im Prozess des sich Begegnens und Verabschiedens. Das sich Begegnen und Verabschieden rein formell – als Fremde für einander – erlebt man jeden Tag z. B. auf der Straße. Das ist das eine Extrem.
Das andere Extrem liegt in der inhaltsreichen Begegnung zwischen Menschen, die eine 'Lebensbegegnung' erleben, z. B. ein Mann und eine Frau, die zusammenkommen und heiraten. Die 'Lebensbegegnung' beinhaltet natürlich eine gewisse Summe von 'kleineren' Begegnungen mit Ausgangspunkt in der 'ersten' Begegnung usw.
Zwischen diesen zwei Extremen existieren verschiedene Rhythmusebenen. Zuhause begegnet und verabschiedet man sich indem man beispielsweise für einen Augenblick in einem anderen Zimmer geht. Das Gleiche geschieht ja auch auf der Arbeit, man begegnet und verabschiedet sich in einem ständigen Rhythmus, in Zimmern, in Treppen, in Fluren usw. Einigen Menschen begegnet man einmal am Tag z. B. während des Lunchs, um nach einer Weile wieder sich zu verabschieden. Dann gibt es mehr dauerhafte Aspekte dieses Rhythmus des Begegnens-Verabschiedens: man hat nahe Freunde, denen man trifft, dass heißt, man begegnet sie ab und zu, und verabschiedet sich von ihnen ab und zu.
Der Rhythmus des Begegnens-Verabschiedens ist derjenige Rhythmus, der das Menschenleben durchzieht. Er ist das Urphänomen der Biographie.“
Die Übersetzung machte ich selbst.
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