Gamamila

2008/10/11

Joseph Beuys und Dschingis Khan

In einem Kommentar am 29. August 2008 zu einem alten schwedischen Aufsatz, dass ich ins Deutsche brachte, deutete ich mein karmisches Erkenntnis an zwischen Joseph Beuys und Dschingis Kahn. In einem Kommentar zum diesbezüglichen Blog schrieb Michael Eggert: „Die karmischen Zuschreibungen z.B. von Beuys kann ich weder aus dem Text noch von meinem inneren Empfinden her nachvollziehen.“ Wer nur einen winzigen Teil des sehr umfassenden Lebenswerks von Beuys beziehungsweise seiner Skizzen und Aktionen kennt, wird wissen, dass er wiederholt sich dem Gestalt des Dschingis Kahn zuwandte.  

Es ist sicherlich fraglich, sich konkret über Reinkarnation und Karma und noch öffentlich auszutauschen, wie Wilfried Heidt es sieht. Deswegen, weil man so leicht missverstanden wird oder ein erkannter Zusammenhang von anderen als ein festes Glauben gesehen wird. Somit entstehen leicht Festlegungen, z. B. wie diejenige, die vermeintlich auf Rudolf Steiner zurückzuführen sei, wo man glaubt, dass Emil Molt einmal den Kaiser Karl den Großen gewesen sei. Bei näherem Nachforschen der Anekdote über die Steiner-Aussage, die hier benutzt wird, um einen karmischen Identität festzustellen, fand ich, dass sie zu wage ist, um eine solche definitive Folgerung zu geben.

Nichtsdestotrotz habe ich schon 1997 - einmal in der Zeitschrift „Die Drei“ - damit angefangen, öffentlich zur Verfügung zu stellen meinen Schlussfolgerungen, die aus der Kombination meditativ-übersinnlicher und sinnlich-konventioneller Forschung sich ergeben haben, und ich versuche, diesen freien Diskurs weiter im Auge zu behalten, und auch in Bezug auf Joseph Beuys ihn zu üben. Antje von Graevenitz, Autorin und Professorin für Kunsthistorik an der Universität zu Köln, hat in einem Text mit dem Titel „Dschingis Khan“ interessante Anhaltspunkte mit Hinweisen zusammengetragen. Von Graevenitz schreibt:  

„Die Liebe zum historisch-mythischen Mongolenführer Dschingis Khan geht auf Beuys' Kindheit zurück. Im "Lebenslauf/Werklauf" (1) von 1964 hielt der Künstler fest: "1926 Kleve Ausstellung des Hirschführers, 1929 Ausstellung an Dschingis Khans Grab." Im ersten Fall war der Junge fünf, im zweiten acht Jahre alt. Las man ihm Sagen vor? Zeichnete er den Mongolenkönig schon damals? Dessen Grab soll irgendwo in den Steppen Südrusslands liegen. Der Hunnenkönig Etzel aus der Nibelungensage wird wohl nahe seiner legendarischen Burg Susat begraben sein. ‚Gewaltig’ soll jeder Mongolenkönig gewesen sein. Ursprünglich soll Dschingis Khan ein einfacher Schmied gewesen sein. In Wahrheit war Dschingis Khan (eigentlich Temdschin) von rund 1196 an ein Fürstentitel für die Mongolenherrscher. 1206 zog ein Dschingis Khan mit seinem Reiterheer bis zur Wolga und eroberte 1215 sogar Nord-China. Von seiner Residenz Karakarum aus erliess er strenge Gesetze, um das Riesenreich beherrschen zu koennen. Hatte man dem kleinen Joseph von ihm oder von den Nibelungen erzählt? In seiner Jugend soll Beuys die Mythendichtungen von Rudolf Pannwitz gelesen haben. (2) 

Später verschlang er Literatur über sibirische Schamanen. Zu seinen Büchern, die er in einem speziellen Schrank verwahrte, zählte auch Michael de Ferdinandys Buch „Tschingis Khan. Der Einbruch des Steppenmenschen“. (3) Doch dieses Buch, so aufschlussreich es für die Ikonographie späterer Werke auch sein mag, erschien erst 1958, zu einem Zeitpunkt also, als Beuys sich bereits zahlreiche Male dem Thema Dschingis Khan zeichnend genähert hatte. Die früheste der bisher zum Thema ausgestellten Zeichnungen ist schon 1937 entstanden: „Architektur (Mongolenpalast)“. Sie zeigt ein spitztförmiges Gebäude mit einer offenen Halle in der Mitte. War die goldene Burg Dschung-du gemeint? Eine Beschreibung von G. Rank über eurasiatische Haustypen, deren Mitte die Rolle des „Zentrums der Welt“ zukäme, könnte ausgezeichnet dazu passen, würde sie nicht erst aus dem Jahr 1949 stammen. (4) 

Möglicherweise gab es eine gemeinsame Quelle für Rank und Beuys, denn in den zwanziger Jahren waren viele Lebensbeschreibungen über den grossen Dschingis Khan erschienen. Erst in den fünfziger Jahren sind Beuys' entscheidende Zeichnungen zum Thema entstanden: „Der mächtige Geist der Mongolen“ (1954), „Frieden im Zelt des Khan“ (1959), „Grab des Dschingis“ und „Grab des grossen Khan“ (1958), „Grabbeigaben“, „Dschingis Khans Wiege“ (1956 und 1960), „Nachrichten des Dschingis Khan II“ (1959) und „Dschingis Khans Post“ (1960). Niemals hatten diese Zeichnungen illustrativen Charakter. Wer daraus etwas Narratives zum Mythos des Dschingis herauslesen will, wird enttäuscht sein. Beuys näherte sich dem Thema immer intuitiv und auf ganz persönliche Weise. Er dachte auch hierbei, wie stets, mehr an den „Energiezusammenhang“ der Dinge, für den ihm der nomadische König auf seinem Reiterheer von Ost nach West einen mehr sinnbildlichen Anlass gab. Da die Kräfte des Dschingis nach seinem Tode immer auf den Nachfolger übergingen, war der Name der Begriff für einen Menschen, der in einem Ritual der Wiedergeburt (5) dazu aussersehen war, anderen den Weg zu weisen, grosse, kälteklirrende Räume zu durchqueren und etwas Kreatives zu unternehmen. Wie immer, war auch diese Vorstellung als ein geistiges Prinzip gemeint: Jeder konnte im Geiste ein Dschingis Khan werden, wenn er seinen Gedanken den richtigen Weg wies, und - im Sprachgebrauch von Beuys - Kälte in Wärme ummünzen konnte. Da es sich um einen Hunnenkönig aus dem Osten handelte, brachte er selbstverständlich als „Ostmensch“ die intuitive, imaginierende Art zu denken zum „Westmenschen“. Auch de Ferdinandy sprach über den "in seinem Rationalismus befangenen WesteuropSøer". (6) 

In dieser Kulturkritik lag für Beuys die Aktualität des Dschingis. Seine Fahne, der Beuys eine plastische Arbeit widmete („Dschingis Khans Flagge“, 1961-70) koennte als Wegweiser fuer die Reiterscharen eigener Gedanken dienen. Eine Fahne (von Beuys) erhielt auch Alan Koa (1956). Sie war die legendarische Urgrossmutter und Urkönigin. (7) „Alan die Schöne“ war bereits Witwe, als sie drei Söhne gebar. Es sollen die Söhne des Himmels gewesen sein. Auf diese Weise entstand ein Witwenkönigtum. Auch Beuys mass immer der Frau die gleiche kreative Bedeutung zu wie dem Mann. Hinweisenden Charakter auf den Dschingis Khan haben weitere Motive in Beuys' Werk: Für diesen Würdenträger wurden immer besonders grosse Filzdecken bereitgelegt. (8) Rollte sich nicht auch Beuys für die Aktion „DER CHEF THE CHIEF“ in eine grosse Filzdecke und hüllte er sich für die Aktion „I like America and America likes Me“ nicht ebenfalls in eine solche Decke, in die selbst sein Kopf verschwand? Als eine Art Steppenkönig näherte er sich so dem Coyoten, einem Gott der Indianer. Neben der Filzdecke war auch die Trommel ein besonderes Hoheitszeichen des Dschingis. Als ein kosmisches Zeichen symbolisierte sie in Sibirien und bei den Mongolen die Sonne, die die Geburt des Herrschers ermöglicht hatte. (9) 

Dieses Sonnen-Bild kehrt oft im Werk von Beuys wieder. In der Aktion: „Titus/Iphigenie“ (1969) war das Kreissymbol zweimal in den beiden Becken gegenwärtig, die Beuys zusammenschlug. In Zeichnungen wie „Elche mit Sonne“, 1957, „An Saturn“, 1963, oder in Objekten wie „Boullion-Scheibe“, 1974, oder „Sonnenschlitten“, 1984, kommt das Sonnenmotiv ebenfalls vor. Sogar die sinnbildlichen Materialien Kupfer und Eisen, die in Beuys' Werk einen bevorzugten Platz einnehmen, wurden dem Dschingis Khan zugeschrieben. Im „Rattenjahr“ 1206, als es zu einer Feldschlacht kam, wollte man dem Feind Furcht einflössen, indem man ihm über den Mongolenkaiser zuflüsterte: "Sein Körper ist in Kupfer geläutert. Er ist aus Eisen gehämmert.“ (10) - Sogar die vier Himmelsrichtungen stellten sich die Leute des Dschingis als „Ecken“ vor (vgl. „Eurasienstab“). Das gewaltige Reich des Dschingis bedeutete für Beuys eine reiche Inspirationsquelle für eigene Sinnbilder.

Antje von Graevenitz

1 Abdr. in Maschinenschrift in: Kat. Basel 1969, S. 4. 
2 Von der Grinten, F. J., in: Kat. Hannover 1990, S. 14. 
3 Ferdinandy, Michael de, Tschingis Khan. Der Einbruch des Steppenmenschen, Hamburg 1958. Erwähnt von Franz-Joachim Verspohl, in: Joseph Beuys-Tagung, Basel 1991, S. 229. 
4 Rank, G., Die heilige Hinterecke im Haushalt der Voelker Nordosteuropas und Nordasiens, Helsinki 1949, zit. in: Eliade, Mircea, Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religioesen, Frankfurt a. M., 1984, Kap. IV, Fussn. 8 (urspr. Hamburg 1957). 
5 Vgl. de Ferdinandy a. a. O., S. 51/52. 
6 Ebd., S. 13. 
7 Ebd., S. 32 ff. 
8 Ebd., S. 71. 
9 Ebd., S. 59, 82. 
10 Ebd., S. 89
“ 

Bild: Joseph-Beuys-Briefmarke der Deutschen Post (1993): Lagerplatz (1962–1966), Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach.

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2008/08/29

Ich-Kunst und Karmaforschung

Ein aktueller Aufsatz aus dem Jahr 1994 

Zwischen 1979-94 schrieb ich eine Reihe von Aufsätzen und anderen Beiträgen in der inzwischen eingegangenen schwedischen Zeitschrift Antropos. Redaktorin seit 1975 bis ihrem Tod 2001 im Alter von etwa 90 Jahren war die Anthroposophin, Gefängnisdozentin und Publizistin Ingrid Sahlberg gewesen. Die damalige Monatszeitschrift war gegründet worden in den 50er Jahren als Organ der schwedischen anthroposophischen Landesgesellschaft. Von 1980 bis 1988 war ich Mitglied der Redaktion und pflegte auch einige Jahre die Aufgabe des Layouts und des Versands. Dabei wirkte der Künstler und Autor und spätere Masseur Didrik Wachenfeldt entscheidend mit. Der folgende Aufsatz erschien etwa ein Jahr vor meiner gedanklich-intuitiven Entdeckung meiner früheren Inkarnation im 12. Jahrhundert und zwei Jahre vor meinem im Wandeln unter unsichtbaren Menschen beschriebenen geistigen Durchbruch. Bei einem Besuch in Järna jüngst habe ich unter den dort aufbewahrten Skizzen, Notizen, Büchern und Zeitschriften vieles ausgemistet. Unter dem behaltenen Material befindet sich dieser wieder entdeckte Aufsatz, der mir mein damaliges spirituelles Engagement am Ende des 20. Jahrhunderts erneut vor dem inneren Auge stellte. Viele der einstigen Gedanken scheinen mir in diesen 14 Jahren nicht weniger aktuell geworden zu sein, weshalb ich eine deutsche Übertragung gemacht habe. Der jetzige Schritt dazu scheint gegen der damaligen Intention zu stoßen. Nichtsdestotrotz müsste einen neuen dritten Aufsatz zu diesen weiterhin hochaktuellen Fragen sich an den inzwischen stattgefundenen historischen und geistigen Veränderungen und an eventuellen Leserzuschriften orientieren.  

„Es ist eine Frage an mich gekommen, ob ich erneut einen Aufsatz publizieren möchte, der vor zehn Jahren geschrieben ist. Er behandelte Schritte in einem Lebensprozess, um sich mit dem zu verbinden, was wir Anthroposophie nennen, und was es existenziell bedeutet, die anthroposophische Sache zu repräsentieren. Dieser Aufsatz nochmals zu publizieren würde gegen seinem Absicht wirken, auch wenn das Inhalt weiterhin volle Aktualität hat. Der folgende Text ist ein Versuch, dieselben Fragen aus einer aktuellen Situation zu stellen. Der Ausgangspunkt ist eine Beschreibung eines individuellen, allgemeinen Erlebnisses des Ich verbunden mit dem Interessefeld für die Umwelt, und wie diese Beschreibung einen Anfang sein kann für Karmaforschung in Verhältnis zur Gegenwart und zur Geschichte. Meine These ist, dass eine solche Forschung künftig die einzige sichere Stütze sein wird für eine sinngemäße Urteilsbildung an der anthroposophischen Entwicklung. Die Darstellung ist wegen dem Charakter des Themas teils fragmentarisch, teils bildhaft und deswegen fehlt eine thematische Kontinuität…“ [weiter]

Abgelegt in Chronik

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