Gamamila

2009/06/09

Freies Denken – das schlicht Künstlerische

„Der Weg zur Überzeugung wird nicht von allen beschritten, er hat keine Kennzeichen oder Anweisungen, die sich mitteilen, erlernen oder befolgen ließen. Dennoch hat jeder in sich selbst das Bedürfnis, ihn zu finden, und den eigenen Schmerz als Wegweiser; jeder muss sich den Weg ganz von selbst neu erschließen, denn jeder ist allein und kann nur von sich selbst Hilfe erhoffen: Der Weg zur Überzeugung kennt nur eine einzige Anweisung: Füge dich nicht in die Genügsamkeit mit dem, was dir gegeben ist.“

Carlo Michelstaedter

Durch künstlerische Tätigkeit und Pflege von Seelenübungen, wie solche, die sonst wo auf meiner Website beschriebenen sind, werden wir feststellen, dass gewöhnliches Denken, eingebürgertes Fühlen und gewohntes Wollen mit verschiedenen Dingen belastet sein können, die vor dem meditativen Leben sortiert, klassifiziert und vielleicht ausgeräumt werden müssen, wenn sie uns später nicht im Wege stehen sollen. An unserem Ausgangspunkt sind wir alle durch diesen seelischen Ballast aus Erziehung, Kultur und Gewohnheit geprägt. Das Missverständnis – laut eines Blogkommentars von Michael Eggert –, in welchem ich wahrscheinlich beim Lesen Christian Grauers „Spirituellen Aufklärung“ gefallen bin, bezieht sich letztmöglich auf diesen seelischen Sperrmüll.

Wer würde behaupten wollen, dass das Beste, was er aus früheren Inkarnationen mitgebracht hat, nicht in irgendeiner Weise durch schwierige Kindheits-, Jugend- und Erwachsenerlebnisse – die vielleicht nicht karmisch bedingt sind, aber dennoch aus anderen Gründen aufgetreten sind – gewissermaßen beschädigt worden ist oder sogar fast wie verloren ging? Selbst der in früheren Zeiten höchste Eingeweihte muss in einer heutigen Inkarnation damit rechnen, durch belastende Erfahrungen gehen zu müssen, die ihm klar legen, dass er seine Seele neu zu gestalten hat, wenn er erneut zu Geisterkenntnis kommen will. Die Übungen, die ich in meinem zweiten Buch beschrieben habe, sind solcherart, dass die Seele dabei eine Reinigung, Aufklärung und Läuterung erfährt. Diese Prozesse finden aber nicht ganz automatisch statt, sondern man muss sich dabei beobachten und sehen, wie sich die Wirkung der inneren Arbeit auf das fortdauernde Bewusstsein und das tägliche Leben entfaltet. Der Seelenfaktor, der diese Aufsichtsarbeit mit einem selbst macht, der diese Kontrollfunktion übernehmen muss, ist unbestritten das Denken. Nur jeder selbst kannst wissen, wie weit man sein Denken geschult hast, damit man durch Selbsterkenntnis so weit gelangt, dass bei der weiteren Geistschulung die Seele einen nicht belasten, betrügen oder in die Irre führen wird…[weiter]

Abgelegt in Chronik

Bild. Carlo Raimondo Michelstaedter (1887-1910), Selbstportrait. Er war ein italienischer Schriftsteller, Philosoph und Maler, der sich das Leben im Alter von 23 Jahren nahm. Quelle: Wikipedia

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2009/03/16

Feen-Zauber und Karma-Wandeln

Hans Hurth, Mitarbeiter der Saarbrücker Zeitung, hat ein Interview mit Claudia Maria Christoph und mit mir gemacht anlässlich unserer Ausstellung im Geschenkeladen „Bienenkorb“ in Wolfersheim.

Er schreibt unter anderem: „Die Ausstellung in Wolfersheim mit der Feen-Botschafterin Claudia Christoph und dem vielseitigen Jostein Saether bringt zwei Künstler zusammen, die mit ihren ausdrucksstarken Bildern die Fantasie anregen und die Betrachter auf eine märchenhafte Traumreise entführen.“ [Weiter zum Artikel]

Foto: Claudia Christoph (links) und Jostein Saether vor ihren Werken im "Bienenkorb" . Foto: © Hans Hurth

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2009/01/08

Das Wetter und frühere Rechtsverhältnisse

Vor Weihnachten deutete ich an, dass ich während meinem letzten Arbeitsbesuch in Italien einen gewissen Schicksalsschlag erfuhr. Um darauf einmal künftig nicht nur persönlich, sondern auch dokumentarisch zurückzukommen, möchte ich demnächst einige zur Einstimmung gedachten Fragen anschlagen, die den heiklen Vorfall zu einem allgemeinen Beispiel erheben könnte. Bei diesen Ereignissen spielte das Wetter mit Kälte und darauf folgendem Gewitter und Sturm eine bestimmte verhängnisvolle Rolle, indem es von einigen der Anwesenden als Ausdruck oder Spiegel für innermenschliche Befindlichkeiten und geistige Tatsachen gedeutet wurde. So möchte ich hier auf zwei Vortragsstellen bei Rudolf Steiner hinweisen, die zeigen, dass das Wetter etwas mehr ist, als nur das Äußere, das uns manchmal plagt oder erfreut.

„Die Art und Weise, wie heute auf der Erde Wind und Wetter verlaufen, wie also der Rhythmus unseres äußeren Klimas sich vollzieht, ist im wesentlichen das Fortschwingen von Rhythmen, die durch das Rechtsleben im sozialen Organismus vergangener Zeiten veranlasst worden sind. Dasjenige, was als Rechtsgebiet sich um uns herum entwickelt, ist nicht etwas bloß Abstraktes, was die Menschen begründen, was entsteht und wieder verschwindet, sondern das, was zunächst ideell ist was zunächst im Rechtsgebiete lebt, es lebt in einer späteren Zeit des Erdendaseins in der Atmosphäre, in den Schwingungen, in der ganzen Konfiguration, in den Bewegungen der Atmosphäre.“

(Aus: Rudolf Steiner, Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung, GA 199, Dornach 1985, Seite 218)

„In den wetterwendischen Kräften der Erdatmosphäre, in dem leben unzählige geistige Wesenheiten, die in dem Elementarreich die Erde umspielen, niedere Geister, höhere Geister. Da draußen sind es die Luft und Wassergeister, die Feuer und Erdgeister, die da wirken im elementarischen Reiche, und die eigentlich den Egoismus der Erde darstellen. In uns selber sind es die elementarischen Kräfte. Aber diese wechselnden Kräfte in uns, die unser Alltagsleben regeln, das sind Embryonen, sind Keimwesen, die, nur als Keim, aber doch als Keim gleichen den elementarischen Wesen, die draußen in allem Wetterwendischen enthalten sind. Wir tragen die Kräfte derselben Welt in uns, indem wir denken, fühlen und wollen, die als dämonische Wesen im elementarischen Reich in Wind und Wetter draußen leben.“

(Aus: Rudolf Steiner, Die Welt des Geistes und ihr Hereinragen in das physische Dasein. Das Einwirken der Toten in die Welt der Lebenden, GA 150, Dornach 1980, Seite 112f)

Die Januarkälte

Das hier abgebildete Januarbild (beim Klicken auf das Bild erscheint es auf dem ganzen Bildschirm) aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry ist das bedeutendste illustrierte Manuskript des 15. Jahrhunderts. Das reichhaltig verzierte Werk enthält 208 Blätter, von denen etwa die Hälfte ganzseitig illustriert ist. Wegen dieser prächtigen und kunstvollen Ausgestaltung zählt das Buch zu den größten Meisterwerken der Buchmalerei. Besonders die Kalenderblätter besitzen durch ihren Detailreichtum außerdem einen hohen authentischen Wert für die Kenntnis der Kultur der damaligen Zeit. Das Originalmanuskript befindet sich heute im Museum des Schlosses Chantilly bei Paris.

Interessanterweise zeigt die Tapisserie, die den Bildraum nach hinten abschließt, angeblich eine Szene aus dem Trojanischen Krieg, ausgeführt in den Kostümen der Entstehungszeit des Blattes um 1400. Somit kann man den Eindruck bekommen, dass ein einstiges historisches Ereignis mit dem unmittelbaren jahreszeitlichen Bedingungen der Januarkälte zu tun haben könnten gemäß der Schilderung oben von Rudolf Steiner. Auf diesem Kalenderblatt wird die besondere Rolle des auf der blauen Sitzbank sitzenden Herzogs durch den Wandschirm betont, der ihn vor der Hitze des Feuers schützen soll. Der gelbliche Schirm wirkt wie ein Nimbus, vor dem sich seine blaue Festkleid und die Pelzmütze dekorativ abheben.

Ein in den goldenen und roten Farben des Baldachins bekleideter Zeremonienmeister (links vom Herzog mit Stab) ruft die Zugelassenen zu einem Neujahrsempfang herbei. Die Eintretenden heben die Handflächen zum Feuer, um sich zu wärmen. Diese Geste war im Mittelalter so selbstverständlich, dass das Feuer selbst als sichtbare Erklärung nicht notwendig war, oder wie hier nur angedeutet ist. Die Strohmatten auf dem Fußboden schützen gegen die Kälte, und unter den neu Eingetretenen befinden sich noch zwei Männer mit grauen Wollmützen, die den Winter akzentuieren.

Bild: Monat Januar. Aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry (französisch Les Très Riches Heures du Duc de Berry bzw. kurz Très Riches Heures). Quelle: Wikipedia

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2008/12/05

Meister Bertrams Luzifer-Darstellung

Bild: Bertram von Minden, Grabower Altar, Petri-Altar, rechter Innenflügel, Außenseite. Ausschnitt. Quelle: Wikipedia

Heutzutage ist Hamburg bekannt als Brutstätte einer besonderen fanatischen Falange des islamistischen Terrorismus. Der neueste Roman von John Le Carré über die Misstrauensgesellschaft stellt Hamburg ins Zentrum der Ereignisse, die zum 11. September 2001 führten. Für mich ist Hamburg eine Stadt der bildenden Künste. Auch Rudolf Steiner erwähnte zweimal Meister Bertrams Luzifer-Darstellung, das noch heute in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist:

„Wie wird man denn nun, wenn man, innerlich geschaut, den Luzifer darstellen will, also eigentlich ein Mondenwesen darstellen müssen? Man wird ein menschliches Haupt darzustellen haben und etwas wie schlangenförmig daran hängend: das noch nicht verknöcherte Rückgrat. So stellt jener Meister Bertram aus dem 13., 14. Jahrhundert den Luzifer dar auf dem Baum zwischen Adam und Eva. Im Hamburger Museum können Sie das Bild so dargestellt sehen. Der Maler hat das gemalt, also war dazumal noch lebendig das Wissen von der geistigen Welt. Bis zu dem Wissen von der Gestalt des Luzifers war lebendig das Wissen von der geistigen Welt.“

(Rudolf Steiner, in: GA 167. Seite 46f.)

„Der Meister Bertram hat im Ätherischen geschaut, was da eigentlich mit dem Luzifer ist, und hat darnach gemalt. Es war unbewusstes, instinktives Hellsehen. Wenn das Weib den Luzifer zunächst sieht, ist er natürlich dem weiblichen Gesichte nachgebildet.“

(Rudolf Steiner, in: GA 168. Seite 28f.)

Bertram von Minden, auch bekannt als Meister Bertram (um 1340-1414/15), war einer der bedeutendsten Maler der Gotik. Der Ortsteil Bierde von Petershagen an der Weser gilt als Geburtsort von Meister Bertram, da dessen Bruder, Cord van Byrde, vermutlich den Herkunftsort im Familiennamen trug. Bertrams genaue Lebenszeit ist zwar unbekannt. Man vermutet aber, dass er eine Ausbildung bei den Hofkünstlern Kaiser Karls IV. in Prag genieß.

1367 wurde er als Bertram Pictor erstmals in Hamburg genannt, wo er bis zu seinem Tod als Meister tätig blieb. 1390 unternahm er eine Pilgerreise nach Rom und verfasste zuvor ein Testament. Er erhielt die wichtigsten Aufträge der Hansestadt, so sein Hauptwerk, den so genannten Grabower Altar (seit 1900 im Besitz der Hamburger Kunsthalle), der ursprünglich Hochaltar in St. Petri in Hamburg war. Im 18. Jahrhundert wurde dieser Altar, nach Grabow abgegeben. Dadurch überlebte er den verheerenden Brand von St. Petri 1842. Das Werk zeigt im Mittelschrein Skulpturen von Heiligen, die manchmal auch Bertram selbst zugeschrieben wurden. Die Flügel zeigen den berühmten, ikonographisch sehr reichen und eigenständigen Bilderzyklus (u. a. die Schöpfungsgeschichte von der das Bildauschnitt stammt), der eine durch Hell-Dunkel-Abstufungen erreichte Plastizität der Figuren in italienischer Tradition mit reichen Naturbeobachtungen im Detail kombiniert.

Der um 1394 für die Hamburger St.-Johannes-Kirche angefertigte Passionsaltar, heute im Niedersächsischen Landesmuseum (Niedersächsische Landesgalerie) in Hannover, zeigt einen fortgeschrittenen Stil, insbesondere, was die Architekturen betrifft. (Diese Informationen über Meister Bertram habe ich leicht nach Wikipedia modifiziert.)

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2008/11/23

Ich-Begegnung in der Musik

Gelegentlich konnte ich die neuen Musikinstrumente von Gunhild von Kries hören und sie selbst ausprobieren. Das sind Saiteninstrumente, die mit dem Begriff Tachtivirta (finnisch: Sternenstrom) benannt werden. Diese durch plastisches Schnitzen gefertigten Instrumente werden entweder aus einem Stück Holz, z. B. Birke, Eiche oder Linde, oder auch aus Hölzern von zwei oder auch drei verschiedenen Holzarten gebaut. Ihre künstlerische und geisteswissenschaftliche Ansatz hat Gunhild in einem Buch niedergelegt (Gunhild von Kries, Zeit heilt. Begegnungen mit dem Klang der Zeit, Oratio Verlag, Schaffhausen, 2003).

Beim Spielen und Anhören dieser Saiteninstrumente, die mit Fiedelbogen gespielt werden, bekam ich einmal ein seltsames Ich-Erlebnis, was ich in dieser Art sonst nie erfahren habe. Ich erlebte mich selbst so, als ob ich getragen wurde und mich dabei ganz geborgen fühlen konnte, gleichzeitig aber auch in einer vertikalen Wachheit aufrecht gehalten wurde. Deswegen wollte ich meditativ nachforschen, ob ich einen karmischen Hintergrund entdecken würde, der mit diesen musikalischen Affinitäten zu tun haben könnte. In einer Meditation kam ich in das Leben des Griechen Agamon, des späteren Wagenlenkers, hinein, das heißt in eine meiner Inkarnationen, die ich in meiner karmischen Autobiografie beschrieben habe.

Ich erschaute eine Situation aus seiner Jugend, die ich vorher nicht gekannt hatte: Der Jüngling, Agamon, ist mit Verwandten und Ortsbewohnern aus Delphi in einem Schiff im Mittelmeer unterwegs nach Hause. Es ist ein flauer, heißer Nachmittag, fast Windstille, und die Ruderer halten eine Weile die Holzruder still, nachdem sie stundenlang gerudert haben. Beim Rudern wird im Rhythmus dazu gesungen. Jetzt merken die Bootsfahrer, dass der Wind zunimmt. Die Segel werden schnell gesetzt. Dabei stimmt Agamon einen Sologesang an, sich auf seiner Leier begleitend und mit Tönen den Wind nachahmend. Windböen blähen die Segel auf und das Schiff kommt kräftig in Fahrt, während die Seefahrer ihre Ruder einziehen. So kommen die müden Händler noch vor der Abenddämmerung im Hafen von Delphi an.

Damit war die Schau aber noch nicht zu Ende. Nach dem Ausladen der im Austausch gegen Wolle, Wein und Olivenöl erworbenen Getreidesäcke, Lederwaren und Silbermetall, die in Ochsenwagen zum Dorf hinauf gebracht wurden, wird ein Fest gefeiert. Ein Höhepunkt des Abends ist für Agamon das Leierspiel einer Gruppe von älteren Musikern, deren Solosänger dann einstimmt, als für die Zuhörer der Augenblick geschildert werden soll, wenn der Wind die Segel eines Schiffes auftreibt. Der Sänger stellt den Mast mit dem Segel dar. In der Imagination war es eindeutig, dass für die Griechen ein Segelschiff ein Sinnbild der Menschenseele ist und ein mit einem Segel gespannter Mast die Fähigkeit des Menschen widerspiegelt, dass sein Daimon, das Ich, den Stürmen des Lebens standhalten und von ihnen Gebrauch machen kann.

Mit diesem Beitrag sage ich Auf Wiedersehen für etwa eine Woche, da ich heute wieder nach Italien fahre, um ein Karmaseminar zu geben und im Projekt Casa per Michele weiter zu malen.

Bild: Griechische Augenschale, Schwarzfigurige Vasenmalerei. Signiert von Künstler Exekias, tätig um 550 bis 530 v. Chr. in Athen. Quelle: Wikipedia

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2008/11/19

Die anthroposophische Stimme von Michael Kiske

„Würde Rudolf Steiner wieder unter uns Mitteleuropäern auftreten, die offiziellen Vertreter der Anthroposophie würden ihn wohl am allerhärtesten bekämpfen, weil sie das neue lebendige Licht mit ihren erstarrten Formen nicht mehr zusammenbringen könnten. Das wieder ganz verjüngte menschliche Lächeln Zarathustras würde ihnen große Angst einjagen. (Heute muss man längst Rudolf Steiner selber vor den offiziellen Anthroposophen retten!) Vor allem aber kollidiert der Heilige Geist – wo und wie er auch auftritt – immer mit dem Allgemeinen, mit der Masse und den Gewohnheiten und Vorurteilen eines Zeitalters.“

Michael Kiske
in: Über Freunde und Feinde der Anthroposophie

Auf seiner privaten Website tritt der viel begabte und geliebte Musiker Michael Kiske als ein Liebhaber Rudolf Steiners auf. In mehreren Aufsätzen schildert er sehr unmittelbar und freimütig sein Umgang mit der Anthroposophie Steiners und die Beschäftigung mit vielen anderen kulturellen, religiösen und künstlerischen Fragen. Er begegnet den traditionellen auf Materialismus und Intellektualismus gegründeten Kritikern der Anthroposophie mit schonungslosem Idealismus und gedankenklarem Pragmatismus.

Kiske behauptet, dass „die offizielle Anthroposophenschaft es heute nur noch hinbekommt, Rudolf Steiner und sein Seelen-retten-könnendes Werk in den Augen der Menschen vollkommen unmöglich zu machen.“ Er meint, dass die Anthroposophie nicht allgemein referierend, sondern viel direkter aus persönlicher Authentizität hervortreten solle, weil so viele Menschen da sind, die sie „dringend brauchen, um überhaupt ihrem Karma gemäß leben zu können“.

Tritt mit Michael Kiske ein Vorbild einer neuen Generation Anthroposophen vor uns, jemand, der schon lange in der Musikszene sich einen Platz durch Kreativität und Eigenständigkeit geschafft und dadurch Gemeinschaft gebildet hat?

Bild: Michael Kiske, Past in Different Ways (Akustikaufnahmen alter Helloween-Songs) 2008
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2008/10/11

Joseph Beuys und Dschingis Khan

In einem Kommentar am 29. August 2008 zu einem alten schwedischen Aufsatz, dass ich ins Deutsche brachte, deutete ich mein karmisches Erkenntnis an zwischen Joseph Beuys und Dschingis Kahn. In einem Kommentar zum diesbezüglichen Blog schrieb Michael Eggert: „Die karmischen Zuschreibungen z.B. von Beuys kann ich weder aus dem Text noch von meinem inneren Empfinden her nachvollziehen.“ Wer nur einen winzigen Teil des sehr umfassenden Lebenswerks von Beuys beziehungsweise seiner Skizzen und Aktionen kennt, wird wissen, dass er wiederholt sich dem Gestalt des Dschingis Kahn zuwandte.  

Es ist sicherlich fraglich, sich konkret über Reinkarnation und Karma und noch öffentlich auszutauschen, wie Wilfried Heidt es sieht. Deswegen, weil man so leicht missverstanden wird oder ein erkannter Zusammenhang von anderen als ein festes Glauben gesehen wird. Somit entstehen leicht Festlegungen, z. B. wie diejenige, die vermeintlich auf Rudolf Steiner zurückzuführen sei, wo man glaubt, dass Emil Molt einmal den Kaiser Karl den Großen gewesen sei. Bei näherem Nachforschen der Anekdote über die Steiner-Aussage, die hier benutzt wird, um einen karmischen Identität festzustellen, fand ich, dass sie zu wage ist, um eine solche definitive Folgerung zu geben.

Nichtsdestotrotz habe ich schon 1997 - einmal in der Zeitschrift „Die Drei“ - damit angefangen, öffentlich zur Verfügung zu stellen meinen Schlussfolgerungen, die aus der Kombination meditativ-übersinnlicher und sinnlich-konventioneller Forschung sich ergeben haben, und ich versuche, diesen freien Diskurs weiter im Auge zu behalten, und auch in Bezug auf Joseph Beuys ihn zu üben. Antje von Graevenitz, Autorin und Professorin für Kunsthistorik an der Universität zu Köln, hat in einem Text mit dem Titel „Dschingis Khan“ interessante Anhaltspunkte mit Hinweisen zusammengetragen. Von Graevenitz schreibt:  

„Die Liebe zum historisch-mythischen Mongolenführer Dschingis Khan geht auf Beuys' Kindheit zurück. Im "Lebenslauf/Werklauf" (1) von 1964 hielt der Künstler fest: "1926 Kleve Ausstellung des Hirschführers, 1929 Ausstellung an Dschingis Khans Grab." Im ersten Fall war der Junge fünf, im zweiten acht Jahre alt. Las man ihm Sagen vor? Zeichnete er den Mongolenkönig schon damals? Dessen Grab soll irgendwo in den Steppen Südrusslands liegen. Der Hunnenkönig Etzel aus der Nibelungensage wird wohl nahe seiner legendarischen Burg Susat begraben sein. ‚Gewaltig’ soll jeder Mongolenkönig gewesen sein. Ursprünglich soll Dschingis Khan ein einfacher Schmied gewesen sein. In Wahrheit war Dschingis Khan (eigentlich Temdschin) von rund 1196 an ein Fürstentitel für die Mongolenherrscher. 1206 zog ein Dschingis Khan mit seinem Reiterheer bis zur Wolga und eroberte 1215 sogar Nord-China. Von seiner Residenz Karakarum aus erliess er strenge Gesetze, um das Riesenreich beherrschen zu koennen. Hatte man dem kleinen Joseph von ihm oder von den Nibelungen erzählt? In seiner Jugend soll Beuys die Mythendichtungen von Rudolf Pannwitz gelesen haben. (2) 

Später verschlang er Literatur über sibirische Schamanen. Zu seinen Büchern, die er in einem speziellen Schrank verwahrte, zählte auch Michael de Ferdinandys Buch „Tschingis Khan. Der Einbruch des Steppenmenschen“. (3) Doch dieses Buch, so aufschlussreich es für die Ikonographie späterer Werke auch sein mag, erschien erst 1958, zu einem Zeitpunkt also, als Beuys sich bereits zahlreiche Male dem Thema Dschingis Khan zeichnend genähert hatte. Die früheste der bisher zum Thema ausgestellten Zeichnungen ist schon 1937 entstanden: „Architektur (Mongolenpalast)“. Sie zeigt ein spitztförmiges Gebäude mit einer offenen Halle in der Mitte. War die goldene Burg Dschung-du gemeint? Eine Beschreibung von G. Rank über eurasiatische Haustypen, deren Mitte die Rolle des „Zentrums der Welt“ zukäme, könnte ausgezeichnet dazu passen, würde sie nicht erst aus dem Jahr 1949 stammen. (4) 

Möglicherweise gab es eine gemeinsame Quelle für Rank und Beuys, denn in den zwanziger Jahren waren viele Lebensbeschreibungen über den grossen Dschingis Khan erschienen. Erst in den fünfziger Jahren sind Beuys' entscheidende Zeichnungen zum Thema entstanden: „Der mächtige Geist der Mongolen“ (1954), „Frieden im Zelt des Khan“ (1959), „Grab des Dschingis“ und „Grab des grossen Khan“ (1958), „Grabbeigaben“, „Dschingis Khans Wiege“ (1956 und 1960), „Nachrichten des Dschingis Khan II“ (1959) und „Dschingis Khans Post“ (1960). Niemals hatten diese Zeichnungen illustrativen Charakter. Wer daraus etwas Narratives zum Mythos des Dschingis herauslesen will, wird enttäuscht sein. Beuys näherte sich dem Thema immer intuitiv und auf ganz persönliche Weise. Er dachte auch hierbei, wie stets, mehr an den „Energiezusammenhang“ der Dinge, für den ihm der nomadische König auf seinem Reiterheer von Ost nach West einen mehr sinnbildlichen Anlass gab. Da die Kräfte des Dschingis nach seinem Tode immer auf den Nachfolger übergingen, war der Name der Begriff für einen Menschen, der in einem Ritual der Wiedergeburt (5) dazu aussersehen war, anderen den Weg zu weisen, grosse, kälteklirrende Räume zu durchqueren und etwas Kreatives zu unternehmen. Wie immer, war auch diese Vorstellung als ein geistiges Prinzip gemeint: Jeder konnte im Geiste ein Dschingis Khan werden, wenn er seinen Gedanken den richtigen Weg wies, und - im Sprachgebrauch von Beuys - Kälte in Wärme ummünzen konnte. Da es sich um einen Hunnenkönig aus dem Osten handelte, brachte er selbstverständlich als „Ostmensch“ die intuitive, imaginierende Art zu denken zum „Westmenschen“. Auch de Ferdinandy sprach über den "in seinem Rationalismus befangenen WesteuropSøer". (6) 

In dieser Kulturkritik lag für Beuys die Aktualität des Dschingis. Seine Fahne, der Beuys eine plastische Arbeit widmete („Dschingis Khans Flagge“, 1961-70) koennte als Wegweiser fuer die Reiterscharen eigener Gedanken dienen. Eine Fahne (von Beuys) erhielt auch Alan Koa (1956). Sie war die legendarische Urgrossmutter und Urkönigin. (7) „Alan die Schöne“ war bereits Witwe, als sie drei Söhne gebar. Es sollen die Söhne des Himmels gewesen sein. Auf diese Weise entstand ein Witwenkönigtum. Auch Beuys mass immer der Frau die gleiche kreative Bedeutung zu wie dem Mann. Hinweisenden Charakter auf den Dschingis Khan haben weitere Motive in Beuys' Werk: Für diesen Würdenträger wurden immer besonders grosse Filzdecken bereitgelegt. (8) Rollte sich nicht auch Beuys für die Aktion „DER CHEF THE CHIEF“ in eine grosse Filzdecke und hüllte er sich für die Aktion „I like America and America likes Me“ nicht ebenfalls in eine solche Decke, in die selbst sein Kopf verschwand? Als eine Art Steppenkönig näherte er sich so dem Coyoten, einem Gott der Indianer. Neben der Filzdecke war auch die Trommel ein besonderes Hoheitszeichen des Dschingis. Als ein kosmisches Zeichen symbolisierte sie in Sibirien und bei den Mongolen die Sonne, die die Geburt des Herrschers ermöglicht hatte. (9) 

Dieses Sonnen-Bild kehrt oft im Werk von Beuys wieder. In der Aktion: „Titus/Iphigenie“ (1969) war das Kreissymbol zweimal in den beiden Becken gegenwärtig, die Beuys zusammenschlug. In Zeichnungen wie „Elche mit Sonne“, 1957, „An Saturn“, 1963, oder in Objekten wie „Boullion-Scheibe“, 1974, oder „Sonnenschlitten“, 1984, kommt das Sonnenmotiv ebenfalls vor. Sogar die sinnbildlichen Materialien Kupfer und Eisen, die in Beuys' Werk einen bevorzugten Platz einnehmen, wurden dem Dschingis Khan zugeschrieben. Im „Rattenjahr“ 1206, als es zu einer Feldschlacht kam, wollte man dem Feind Furcht einflössen, indem man ihm über den Mongolenkaiser zuflüsterte: "Sein Körper ist in Kupfer geläutert. Er ist aus Eisen gehämmert.“ (10) - Sogar die vier Himmelsrichtungen stellten sich die Leute des Dschingis als „Ecken“ vor (vgl. „Eurasienstab“). Das gewaltige Reich des Dschingis bedeutete für Beuys eine reiche Inspirationsquelle für eigene Sinnbilder.

Antje von Graevenitz

1 Abdr. in Maschinenschrift in: Kat. Basel 1969, S. 4. 
2 Von der Grinten, F. J., in: Kat. Hannover 1990, S. 14. 
3 Ferdinandy, Michael de, Tschingis Khan. Der Einbruch des Steppenmenschen, Hamburg 1958. Erwähnt von Franz-Joachim Verspohl, in: Joseph Beuys-Tagung, Basel 1991, S. 229. 
4 Rank, G., Die heilige Hinterecke im Haushalt der Voelker Nordosteuropas und Nordasiens, Helsinki 1949, zit. in: Eliade, Mircea, Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religioesen, Frankfurt a. M., 1984, Kap. IV, Fussn. 8 (urspr. Hamburg 1957). 
5 Vgl. de Ferdinandy a. a. O., S. 51/52. 
6 Ebd., S. 13. 
7 Ebd., S. 32 ff. 
8 Ebd., S. 71. 
9 Ebd., S. 59, 82. 
10 Ebd., S. 89
“ 

Bild: Joseph-Beuys-Briefmarke der Deutschen Post (1993): Lagerplatz (1962–1966), Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach.

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2008/10/07

Die Seifenblase

„Wenn Chagall malt, weiß man nicht, ob er dabei schläft oder wach ist. Irgendwo in seinem Kopf muss er einen Engel haben.“

Pablo Picasso

Zum Zitat von Georg Kühlewind, das Michael Eggert auf Egoisten wiedergegeben hat, passt vielleicht ein von Rudolf Steiner dazu: 

„Als besonders vollkommenes Gebilde wird uns unser Ätherleib bei unserer Geburt übergeben. Bei unserer Geburt ist unser Ätherleib so, daß er innerlich erglitzert und erglänzt von lauter Imaginationen, die aus dem großen Weltenall zu ihm kommen. Er ist eine herrliche Abspiegelung des Weltenalls. Und dasjenige, was sich der Mensch erwerben kann während seines Lebens an Erziehung, an Wissen, an Willens- und Gemütskräften, indem er alt wird zwischen Geburt und Tod, das wird aus diesem Ätherleib herausgeholt.“ (Aus: Rudolf Steiner, Das Geheimnis des Todes, GA 159, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1980, Seite 286.) 

Diese Angabe Steiners zum spirituellen Hintergrund unseres Wissensaneignung hat der Maler Marc Chagall bestätigt, indem er in seiner Autobiographie Mein Leben von seinem Erlebnis schreibt, dass alle seine Bilder schon bei seinem Geburt in einer riesigen
Seifenblase quasi „fertig“ mitgeliefert wurde. Also, ab zur Suche nach der eigenen Seifenblase, um das nach dem individuelllen höheren Selbst geschnittene Wissen einzufangen!  

Weil keine Bilder von Marc Chagall zugänglich sind, suchte ich den Seifenbläser von Jean Siméon Chardin (1699-1779) aus. Quelle: Wikipedia

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2008/09/25

Casa per Michele

Casa per Michele entsteht als Kulturhaus in Codroipo bei Udine in Italien. Das außergewöhnliche Haus kann auch als Tempel genannt werden, da sowohl die Architektur als auch die Tätigkeit, die dort betrieben werden soll, mit Spiritualität im höchsten Sinne zu tun hat. Der Grundriss besteht aus zwei in einander greifenden Kreisen oder man kann eine Lemniskate erkennen. Der untere Gebäudeteil ist deswegen konvex und konkav abgerundet rund herum. Darüber ragt ein quadratisches Teil mit eher konventionellem Aussehen. Das Haus wird hier hell Blau gestrichen, aber so, dass die Farbe von unten nach oben immer heller wird.

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Das Haus liegt in eine flache Landschaft mit Kleinwald und Feldern, aber vom Osten bis Westen sieht man bei klarem Wetter den ganzen Alpenrand. Das Bauen wurde in eigener Regie geführt unter der Leitung von Enzo Nastati, der auch für die architektonische Idee verantwortet. Zwei Architektinnen haben bei der Ausführung mitgewirkt, und außer Mitglieder des eigenen Vereins haben Handwerker u. a. aus Polen gute Arbeit geleistet.  

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Im Eingangspartei ragen zwei Säulen – die eine blau und die andere rot - hoch auf, die ein darüber befindlichen Terrasse tragen. Geradeaus im gelben Wand ist der Portal zum unteren Saal. Auf beiden Seiten des Foyers sind zwei Treppen, die zum oberen Saal führen. 

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Hier ist die linke, rote Seite des Foyers zu sehen. Im Treppengeländer aus Eisen nach dem Design von Nastati entsteht das Muster durch eine immer weitergehende „Spiralwelle“.

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In der blauen Nische im blau-gelben Treppenhaus soll eine Maria-Skulptur aus Holz stehen - in der Nische auf der anderen Seite gleichermaßen eine Michael-Skulptur. Der Künstler und die Finanzierung dafür sind noch nicht gefunden. Ist jemand interessiert?

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Im oberen Saal, das auf drei Wänden gelb und auf dem Westwand blau gestrichen ist, werden Seminare, künstlerische Kurse und andere Zusammenkünfte stattfinden. Durch die vielen Fenster, die auch Fensterläden wegen der Sommerhitze haben, gibt es wunderbare Aussichten in allen Richtungen. 

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Wo die zwei Farben sich auf beiden Seiten über den Treppen grün begegnen, sind einfache Baummotive - hier mit Venus oder Birke geknüpft, auf der anderen Seite mit Saturn oder Kiefern - in gemeinsamem Malen entstanden. Wo die Flammen gemalt sind - auf der Gegenüberseite ist es ähnlich gemacht - werden später Hochöfen für Holzheizung stehen.  

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Im unteren Saal, das in violetten Tönen lasiert ist, werden Studienarbeit, Forschungstreffen und feierliche Aktivitäten stattfinden. Im Untergeschoß befinden sich noch diverse weitere Lokalitäten wie eine Küche mit Abstellraum, ein Technikraum, Toiletten, eine Arztpraxis und eine Therapieabteilung. Wo die leuchtenden Löcher in der Wand sind, kommen noch schöne Leuchten hin. 

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Die ansehnliche Decke in diesem stillen Raum mit den runden Lichtfenstern wird eine Deckenmalerei bekommen. In der ersten Lasierphase schaffte ich, einwenig damit anzufangen. Der Bauherr sucht noch finanzielle Donationen für diese Deckenmalerei - weil sie nicht eingeplant war -, die voraussichtlich in der Weihnachtszeit unter Mitarbeit von Helfern ausgeführt werden soll.

Alle Fotos unter diesem Rubrik stammen aus meinen Augen und aus meinen Händen.

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Casa per Michele liegt in eine flache Landschaft mit Feldern und kleinen Waldern, aber vom Osten bis Westen sieht man bei klarem Wetter die ganzen Alpengipfel. Das Bauen wurde in eigener Regie geführt unter der Leitung von Enzo Nastati, der auch für die architektonische Idee und die Gesamtgestaltung verantwortet. Zwei Architektinnen haben noch bei der Ausführung mitgewirkt, und außer Mitglieder des eigenen Vereins haben Handwerker u. a. aus Polen gute Arbeit geleistet.  

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2008/09/04

Ein Geschenk für Foersterliesel

Goldener Adler attackiert einen Hasen

Liebe Liesel, ich schenke dir diesen Liljefors-Hasen! Ob er entkommen ist, bleibt offen. Der Vorlesungssaal, wo ich Teile meiner künstlerischen und pädagogischen Ausbildung in Järna, Schweden, hatte, war einst anfangs des 20. Jahrhunderts das Landhaus und Atelier vom berühmten schwedischen Landschaftsmaler Bruno Liljefors (1860-1939). Er nannte das Atelierhaus „Wigwam“, das es noch heute im Volksmund des Ortes heißt. Bei den Anthroposophen, die das schöne Haus in schlichtem Jugendstil heute besitzen, wird es „Vita Huset“ (das Weiße Haus) genannt, da es nach Liljefors Zeit auch angebaut wurde und in Besitz eines Molkereibesitzers war.

Das Bild ist nur ein in der langen Reihe der Tierbilder von Liljefors. Im Internet sind halt wenige frei zu kopieren. Wer viel Geld hat, kann sich noch ein echter Liljefors bewerben. Ein anderer schwedischer Tiermaler, der auch Hasen gemalt hat, heißt Nils Tirén. Sein Hase in Winterlandschaft ist hier zu sehen.

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2008/08/10

„Was nützt der Menschheit ein Sieg in Olympia?“

’Griechenland kennt viele Übel, am schlimmsten aber ist das Volk der Athleten!’ Diesen zornigen Ausspruch hat der Dramatiker Euripides im späten 5. Jh. v. Chr. in seinem Theaterstück Autolykos einem Schauspieler in den Mund gelegt. Euripides verhöhnt die Athleten als Diener ihrer Kauwerkzeuge und Sklaven ihrer Mägen. Er spielt damit auf die muskelbildende Kraftnahrung der Sportler an. Doch der Dichter hat nicht allein die Athleten im Visier. Hart geht er mit den Volksmassen ins Gericht, die auf diese Scharlatane hereinfallen: Die Bürger in den griechischen Städten sollten lieber da für sorgen, daß sie von weisen Staatsmännern regiert würden, als regelmäßig in Scharen nach Olympia zu pilgern, nur um dort einige Männer zu bejubeln, deren Lebenselexier die Freßsucht sei. Ein besonders kräftiger Hieb trifft die Politiker, die all dies aus purem Populismus zuließen und deshalb die Verantwortung dafür trügen, daß die Pflege der wahren Tugenden verloren gehe. Und so gipfelt die im 5. Jh. v. Chr. formulierte Schelte in der Forderung, die Olympischen Wettkämpfe abzuschaffen!

Auch der im 4. Jh. v. Chr. wirkende Philosoph Diogenes sann über das Treiben in den Sportstätten Olympias nach. Als Vertreter der kynischen Philosophie machte er einen äußerst bissigen Vorschlag zur Neugestaltung Olympias. Er ging von einem Wortspiel aus: Der Sportler werde mit dem Substantiv athlätäs bezeichnet - unüberhörbar ergebe sich daraus ein Zusammenhang mit dem Adjektiv athlios, was soviel wie ‚elend, kümmerlich, auf den Hund gekommen‘ bedeute. Die Logik der Sprache gebiete es - so die provozierende Schlußfolgerung des Diogenes -‚ in Olympia Tiere zum Wettkampf antreten zu lassen.“

Aus: Ulrich Sinn, Olympia. Kult, Sport und Fest in der Antike. Verlag C. H. Beck, München 1996.

Illustration: Der Wagenlenker in Delphi. Kommentar: Entsprechend meinen meditativen Forschungen stand ein Athlet namens Agamon Modell für diese weltberühmte Bronzeskulptur. Die Leser meiner Bücher werden wissen, wie sie seine Identität in der Gegenwart näher einordnen.

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2008/07/07

Farben für Blinde

Am Samstag habe ich den schönsten Beruf der Welt wieder ausgeübt! Denn ich war mit meinem blinden Freund Paul und seiner Ehefrau in Frankfurt am Main, um einpaar Zimmer in seiner neuen Wohnung zu lasieren. Paul möchte unbedingt die „Ruhejahre“ seines Lebens beenden und in die Großstadt zurückzukehren. Er möchte nicht mehr den Dorfgeruch im Bliesgau wittern, nicht mehr die Motorsägen am Samstag hören und nicht mehr auf den Hohlwegen in der Umgegend stolpern. Also kehrt er zurück in dieselbe Straße, wo er vor 40 Jahren wohnte. Inzwischen war er berufstätig in vielen Städten Deutschlands. Nach seiner Pensionierung möchte er nun nahe an die wirkliche Kultur sein und die Gelegenheit haben, so oft wie möglich in die Oper ohne Begleitung zu gehen.

Paul kennt Frankfurt wie seine eigene Westentasche. „Ja, damals hatte er sein Ätherleib hier verlassen“, sagt seine Frau, die sich mit diesem Thema sehr gut auskennt, da sie sowohl Heil- als auch Kunsteurythmistin ist. Aber warum begnügt sich denn Paul nicht damit, einfach weiße Wände zu haben? Er sieht ja keine Farben? Und seine berufstätige Frau wird ihn ja nur in Wochenenden besuchen! Ich sage: „Das stimmt, aber seine Seele ‚sieht’ die Farben und empfindet die harmonische und erfrischende Energie der Farbschichten.“

Farben leben zwischen der Sinneswelt und des Übersinnlichen. Sie sind eine Brücke zwischen den Dimensionen. Sie existieren in der Schönheit sowohl mit physischer Einschränkung als auch in geistiger Tätigkeit, wo sie auf unseren Seelen eine unmittelbare Wirkung ausüben, auch wenn wir Blinde sind. Im TV-Programm Wetten-Das trat einmal eine blinde Frau auf, die noch mit verbundenen Augen die Farben auf eintönig bunte Textilien herausfand. Das war ein Beweis dafür, dass auch Blinde mit anderen Sinnen exakt wahrnehmen können!

Gegenüber der geistigen Welt sind wir sowieso meistens blind, und Farben und die Kunst kann sie uns näher bringen. Kunst ist Mittel zum Zweck, wenn wir das Geistige suchen. Und Paul sucht das Geistige, besonders durch die Musik. Und jetzt klingen die Farben Neapelgelb, Goldocker, Terra de Siena, Ultramarinviolett und Ultramarinblau in seiner neuen Wohnung zusammen wie Intervalle aus dem Nocturne et Scherzo von Claude Debussy.

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