Gamamila

2009/01/05

Das Traumlied vom Olav Åsteson

Draumkvedet – Das Traumlied vom Olav Åsteson – ist eine aus dem Mittelalter stammende norwegische Ballade. Dieses einzigartige Volkslied liegt in vielen Varianten vor. Gelegentlich wird es auch als norwegisches Nationalepos betrachtet, und auch als ein Visionsgedicht bezeichnet.

Es wurde in den 1840er Jahren im Landesteil Telemark im Südwesten Norwegens von Traditionssammlern „entdeckt” und aufgeschrieben. Die verschiedenen Niederschriften sind oft sehr lückenhaft. Der meist bekannte Text des Traumlieds bis heute ist die Rekonstruktion um 1890 in 52 Strophen von Moltke Moe (1859-1913), der erste Professor für Folkloristik in Skandinavien. Im skandinavischen und slawischen Sprachraum ist Folkloristik mit der hiesigen Volkskunde gleichzusetzen. Im Angelsächsischen und Deutschen hingegen versteht man darunter ausschließlich die Beschäftigung mit Volksliedern und Volkserzählungen (Märchen, Sagen etc.), aber auch Erzählforschung gehört dazu.

Die auf Deutsch meist benutzte Übertragung hat der Waldorflehrer und Autor Dan Lindholm weitergeleitet. Im Verlag Urachhaus kann man noch seine zweisprachige Ausgabe erhalten… [weiter]

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Bild: Bildteppiche zum Traumlied entworfen von Walter Roggenkamp(1926-1995) und gewoben von Hildegard Osten. Quelle: anthromedia

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2008/11/03

„Was ist ein Dichter?“

Søren Kierkegaard (1813-1855):

Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, der heiße Schmerzen in seinem Herzen trägt, dessen Lippen aber so geartet sind, daß, während Seufzer und Geschrei ihnen entströmen, diese dem fremden Ohr wie schöne Musik ertönen. Es geht ihm, wie einst jenen Unglücklichen, die in Phalaris’ Stier durch ein sacht brennendes Feuer langsam gemartert wurden, deren Geschrei nicht bis zu den Ohren des Tyrannen dringen konnte, ihn zu erschrecken: ihm klangen sie wie heitere Musik. Und die Leute umschwirren den Dichter und sprechen zu ihm: „Sing uns bald wieder ein Lied;“ das heißt: mögen neue Leiden deine Seele martern, und mögen deine Lippen bleiben, wie sie bisher gewesen; dein Schreien würde uns nur ängsten, aber die Musik, ja, die ist lieblich. Und die Rezensenten treten herzu und sprechen: So ist es richtig; so soll es gehen nach den Regeln der Ästhetik. Nun, das versteht sich, ein Rezensent gleicht einem Dichter auf ein Haar, nur dass er nicht die Pein im Herzen, nicht die Musik auf den Lippen hat. Siehe, darum will ich lieber Schweinehirte sein auf Amagerbro und von den Schweinen verstanden werden, als Dichter sein und von den Menschen mißverstanden werden.

Aus: Sören Kierkegaard, Entweder-Oder. Ein Lebensfragment, herausgegeben von Victor Eremita (1843). Übersetzung: Michelsen/Gleiß, 1885. Quelle: textlog.de

Bild: Phalaris lässt den Künstler Perilles in den Bronzestier einschließen. Kupferstich von Pierre Woeiriot, 16. Jahrhundert. Phalaris, Tyrann von Akragas, herrschte etwa 570–555 v. Chr. in Akragas (heute Agrigent) in Sizilien.

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2008/10/18

Aphorismen

Goetheanums Ganymedes und andere Gags mit geistigen und garmischen Geschicklichkeiten

1.
Jedes Alter hat Organe - reife genug, um Geistiges durchsickern zu lassen. Der gängige Umgangston, um Faulenzer ins Bockshorn zu jagen, ist jedoch jämmerlich. Der Dreijährige sagt, dass er einen Engel sehe. Er nennt ihn: „Oma.“ Sie hat er in lebendigen Leben nie gesehen, weil sie lange vor seiner Geburt starb. Wie weiß ich, ob mein Sohn wirklich einen Engel gesehen hat? Hat er vielleicht seine Oma mit Flügel geschaut, so wie sie ihm 17 Jahre nach ihrem Tod erschien? Kindliche Ehrlichkeit kontra Esoterikfaulheit. 

2.

Ich weiß zwar, dass meine Mutter mich nach ihrem Tod meditativ hütete. Lässt sich damit verständigen? In leibfreiem Bewusstsein war sie offensichtlicher anwesend als in meinen Erinnerungen.  

Gedenken gesteigert Gefühle. Eine geistige Erfahrung ist ein Gag, ein seelischer Überraschungseffekt - ja, etwas Sublimes, aber sogleich Frischfarbiges, das die Existenz des Wesenhaften keltert. Es ist in meiner Gegenwart als Katalysator, in meinem Meditationsdenken als Startmotor des Urteilsvermögens vorhanden. Es transportiert Erkenntnis, wenn ich bewirke, nichts zu wollen. Perpetuum mobile des Ich...[weiter]

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Bild. Peter Paul Rubens (1577-1640) Ganymed (1611/1612). Quelle: Wikipedia

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2008/10/16

Lebensgefährtin Zeitschrift

Zeitschriften liebe ich. Sie haben mich mein ganzes Leben begleitet. Ich war ihnen immer treu. Anders als Zeitungen, die jeden Tag auf mich mit ihren Nachrichten, Problemen, Ängsten, Gerüchten und unüberlegten Argumenten stürzen, und etliche Wochenzeitungen, die versuchen, jede Wahrheit der Woche zusammenzufassen, lassen Zeitschriften, die einmal im Monat oder bis auf nur vier mal im Jahr erscheinen, mir so viel in Ruhe, dass ich selber mitdenken kann. Eine Zeitschrift ist wie eine Freundin, die mich immer wieder aufsucht. Sie ist zuverlässig und lässt mich nie im Stich. Nur selten betrügt sie mich. Wenn das mal doch geschieht, kann ich damit leben, da ich ja auch andere Zeitschriften lese...[weiter]

Abgelegt in Literatur

Foto: NORSK UKEBLAD, "Norwegisches Wochenblatt" aus den Jahren 1958-60. Meine Mutter, die später auch meine norwegischen und schwedischen anthroposophischen Zeitschriften las, hielt diese Illustrierte, und hier las ich schon als Kind zum ersten Mal etwas über Reinkarnation. 

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2008/10/15

Das nackte Wort

„Jo mer nakent ordet er, dess større er det.”

„Je nackter das Wort ist, desto größer ist es.“

Alf Larsen


Alf Larsen (1885 – 1967) war ein norwegischer Dichter, Essayist, Verlagskonsulent und Redakteur der anthroposophisch orientierten skandinavischen Zeitschrift Janus (1933-42). Die Redakteure des Janus werden heute von norwegischen Literaturwissenschaftlern als „kulturkonservative Anarchisten“ bezeichnet. Ich werde später zu diesem Thema zurückkommen, zu einer Zeit, als einige Anthroposophen in Norwegen (und Skandinavien) sich z. B. gegen den Nationalsozialismus markant und öffentlich aufstellten.

Bild: Das Buchumschlag von: Terje G. Simonsen: Janus - et tidsskrift og en tid. Idéhistoriske perspektiver på tidsskriftet Janus og mellomkrigstidens idékamper. Solum forlag, Oslo 2001.

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2008/09/22

Thrymskvida – ein aktuelles Lied

Seit vielen Jahren bin ich eingeladen, im Camphill-Dorf Jøssåsen bei Trondheim für alle interessierten Bewohner sowohl Vorträge als auch künstlerische Darbietungen zu geben. Wir haben früher mit unterschiedlichen Themen gearbeitet wie Naturwesen, griechischer Geschichte und Schicksalszusammenhängen zwischen mehreren Leben. Mit einer Kerntruppe der Mitarbeiter leitete ich in den vorangegangenen Jahren Gespräche und meditative Übungen, um aufzuarbeiten eine Reihe von Aspekten aus früheren Kulturen zu konkreten Lebensmotiven, die mit der Problematik der Gegenwart am Jøssåsen und an anderen Orten zusammenhängen.

Auch für die Betreuten wurden durch Gespräche und Improvisationstheater solche Fragen mit Begeisterung und viel Spaß dabei bewegt. Das Improvisieren hat sich als eine sehr folgerichtige Arbeitsart erwiesen, zumal mehrere der Dorfbewohner fast keine Sprache haben, sondern sich nur mit Gesten und des augenblicklichen Einordnens in einem Geschehen mitteilen können. Oft wurden wir mitten im Dramatisieren z. B. der Naturwesen von dem Unmittelbaren eines sprachlosen Auftritts dermaßen verblüfft, dass wir gleich staunten und lachen mussten.    

Im Zeitraum 17.-21. August hatte ich wieder die Möglichkeit dort Gast  zu sein. Von Montagabend bis Donnerstagmittag dieser Woche gab es wieder wie vor einpaar Jahren einen nationalen Dorfkonferenz - einen sogenannten „Landsbykonferanse“ - mit frohen Teilnehmern von anderen norwegischen Camphilldörfern wie Kristoffertunet, Vallersund, Hogganvik und Solborg. Außer dem Morgenkurs, dass ich gab, konnte man Modellieren, Filzen und Musik vor- und nachmittags üben. Jeden Morgen nahmen wir uns anderthalb Stunden Zeit für das „norrøne“ (altnordische) Dichtwerk Thrymskvida, das Thrymlied. Wir lasen und rezitierten die Strophen und die Repliken in diesem interessanten – und wie es sich bald herausstellte – sehr aktuellen Lied.  

Die Geschichte beginnt damit, dass der Gott Thor entdeckt hat, dass sein Hammer gestohlen worden ist. Er erzählt dies seinem Freund Loki, der zur Unterwelt - genannt „Jotunheimen“ wie das in Westnorwegen existente Hochplateau - fährt, um die Sache zu untersuchen. Dort wird es klar, dass der König der Riesen, der Thursenfürst, genannt Thrym, ihn gestohlen und versteckt hat. Wieder gut zu Hause angekommen, erzählt Loki einer aufgeregten Ratsversammlung der Götter in Asenheim – ihr Versammlungsort heißt in Norwegisch „Midgard“, der Mittelhof -, dass Thrym gerne den Hammer zurückgibt, falls er die schöne Göttin Freyja als Gemahlin bekomme. Dieweil Freyja dieses Angebot ablehnt, bekommt der weise Gott, Heimdall, die Idee, dass Thor sich in Frauenkleidern kostümieren und zu Thrym fahren könnte, um ihn zu überlisten. Mit Hilfe von den Gewändern Freyjas und ihrem Schmuck – unter Anderem mit dem sogenannten Halsband, genannt „Brisingamen“ – fahren nun Thor getarnt als Braut und Loki als Magd nach Riesenheim. Nach viel Umstand düpieren sie Thrym und seine eitle Schwester, und somit gewinnen sie den Hammer zurück. 

Wir arbeiteten mit diesem Inhalt, indem wir zuerst viele verschiedene Klöpfel, Schmiedehammer und Keilhammer, die eingesammelt und mitgenommen waren aus den Häusern und vom Bauernhof. Besonders ein kleiner Hammer für Metallschmiede erweckte die Bewunderung von allen. Den riesenschweren Vorschlaghammer probierten auch einige aufzuheben. In unserem improvisierten Drama wurde dann später einer dieser Handwerkzeuge als Thors Hammer ausgewählt. Wir nutzten auch schöne Trachte, Kleider und Perücke aus der Theatergarderobe, und mit schönen Ohrenhängen, Kolliers, Armbändern und Ringen – die die Teilnehmer aus ihrem privatem Besitz ausliehen – wurden diejenigen, die Thor und Loki spielen wollten, drapiert und übertüncht. Sogar Lippenstift kam zum Nutzen für die zwei Herren in Frauenkleider, die ihre Schüchternheit überwanden, ungeachtet des vielen Schmunzelns und des Lachens während unseren Gesprächen und Übungen.  

Wir debattierten viel während des Lesens und Übens der zweiunddreißig Verse. Wir sprachen lange und gut vom Wetter, vom Blitzt und Donner, von Naturkatastrophen, Erdbeben und von dem Fall, wenn ein Tsunami aufzieht, – und wir unterhielten uns durch Beispiele der Teilnehmer über Arbeitsverhältnisse, über das Thema des Sich-geschmackvoll-Machens, über das Kostümieren, über das Lügen und was es heißt, wahrhaftig zu sein und über das Stehlen und wie man sich fühlt, wenn etwas von einem weggeschnappt worden ist.

Viele interessante Erlebnisgeschichten kamen ins Licht, und Aspekte über wie schmerzlich und abstrus es sein kann, einen lieben Gegenstand verloren zu haben, ein Schmuckstück, ein Portmonee, ein Fahrrad usw. Wir redeten auch darüber, wie schwierig es sein könnte, solche Ereignisse aufzuklären, auch wenn die Polizei eingekoppelt worden sei. Sachen konnten für immer verloren sein, oder jemand hatte erlebt, dass selbst andere Erwachsene oder Mitarbeiter nicht bereit waren, herauszufinden, wer das Verbrechen begangen hatte. Das Schwierigste kann aber die Situation sein, wenn jemand beschuldigt wird, etwas gestohlen zu haben, und so ist es überhaupt nicht wahr gewesen, aber weil man z. B. kein Alibi hatte, ist es nicht leicht, seine Unschuld zu beweisen. Mit solchen Meinungsaustauschen über Phänomene, die alle erlebt hatten oder von denen man gehört hatte z. B. in den Nachrichten, erschlossen wir, dass das uralte Thrymlied solche Ereignisse, Gefühle und Tugenden berühren, die uns heute noch allen angehen.

Auf frischer Tat von der Wahrheit selbst wurden wir am dritten Tag ertappt, als es sich zeigte, dass die allermeisten Schmuckstücke – die während der ganzen Tage auf einem Tisch in der Ecke des Saals gelegen hatten – in der Nacht oder am letzten Abend gestohlen waren. Somit wurden wir mit unserer eigenen unmittelbaren Wirklichkeit konfrontiert und mit den Gefühlen, Schmerzen und Formulierungen, die sich direkt der Tatsache anschlossen, dass „unsere“ Kleinodien verschwunden waren. Sofort verordneten wir eine Kommission mit Wortführer, einigen Nichtbetroffenen und Repräsentanten einiger der direkt Berührten. Weil wir doch versuchen wollten, unser Morgenkurs über Thor, Loki, Freyja und die andere nordisch-germanische Götter in annähernd einer Harmonie abzuschließen, mussten wir unser Verlass daran setzen, dass die Kommission ihre Arbeit später aufnehmen würde. Meine Hoffnung ist es ebenso, dass ich irgendwann Genaueres von diesen Ermittlungen hören darf, damit ich von einer Aufklärung der Dieberei auf meinem Blog berichten kann.

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