Die Erleuchtungsfalle
Erleuchtung bedeutet für mich, sich als geistiges Wesen zu erkennen. Erleuchtung bedeutet dem Licht des göttlichen Funken zum Vorschein kommen zu lassen, sodass ich etwas wahrnehmen kann, was vorher im Dunkel in mir lag. Diese Erkenntnis leugnet keine Existenz anderer geistigen Wesen, sondern nimmt sie in den eigenen Lichtraum ein. Sie verneint auch nicht, dass es andere Geistwesen außer den Menschengeistern geben. Bin ich damit ein Opfer der Erleuchtungsfalle? Bin ich im Netz der eigenen Wünschen und mythischen Archetypen meiner Seele gefangen, wenn ich spreche von separaten geistigen Wesen außer mir, die innerhalb einer geistigen Ebene leben und wirken, die ich nicht immerwährend sondern nur sporadisch mit meinem höheren Bewusstsein erfassen kann? Verfolge ich die Diskussionen zum Thema Erleuchtung, zu deren Interpretationen und Konsequenzen für das alltägliche Leben, dann komme ich eventuell zu Antworten auf diese und andere Fragen.Beispielsweise wie kommt es, dass einige sogenannten Erleuchtete in der Gegenwart dieser meiner Erkenntnis in Abrede stellen? Dass sie nur von sich als ein göttliches Wesen sprechen? Dass sie kaum oder überhaupt nicht von anderen Geistwesen sprechen? Wie kann es sein, dass ein Sebastian Gronbach, der als integraler Aktionist eine Art Reformation der Anthroposophie verkündet, als seine Wahrheit postuliert, dass Rudolf Steiner nur geniale und poetische Beschreibungen spezifischer Formen und Zustände der menschlichen Innenwelt erfunden habe, als er von Erzengeln, den Widersachermächten Luzifer und Ahriman, den Elementarwesen und am Ende auch von Christus schrieb und sprach. Er wertet Steiners Anthroposophie ab als „die wissenschaftliche Methode der Versinnbildlichung“ und deutet die spezifischen anthroposophischen Begriffe als Kunstgriffe, „um komplizierte menschliche Ideen in eine populäre Form zu gießen, mit denen wir über das Denken hinaus eine lebendige Beziehung eingehen können.“
Ein geistiger Verwandter Gronbachs, Christian Grauer, der sich mit der Neukreation Infosoph bezeichnet, scheint mir in seiner spirituellen Aufklärung seiner Anthroposophie gegenüber ehrlicher und weniger schwulstig als jener zu sein, wo dieser quasi von mehreren Seiten seine durch Jahrzehnte aufgetürmten anthroposophischen Phantasien bombardiert in einem Rückblick auf eine existenzielle Krise und ein singuläres meditatives Kulminationsereignis:
„Die Besonderheit dieser Erfahrung liegt nicht in ihrem Inhalt, sondern in ihrer Qualität. Das Erlebnis war nicht annähernd so intensiv wie das von irgend welchen Rauschzuständen oder anderen extatischen Erlebnissen. Es war mit ihm keinerlei exponierter Inhalt, keine Vision oder ein besonderer begrifflicher Zusammenhang verbunden. […] Es ist das Bewusstsein, in dem nicht nur die Welt sondern auch ich selbst aufgehoben bin. Es ist jene reine präsubjektive Operationalität, welche in konstruktivistischen Begriffen jeglicher ontologischen Instanz vorangeht. […] Mit dem Auftauchen dieser Bewusstseinsqualität, die man reines Bewusstsein nennen könnte, entschlüsselte sich für mich auch plötzlich eine bestimmte Schicht jener Mythen und Sagen, jener Fülle an okkulten, esoterischen, gnostischen, spirituellen und religiösen Weisheiten, die in unterschiedlichster Form auf diese Art des bewusst seins Bezug nehmen. […] Man erkennt plötzlich in diesen Versuchen, das Unsagbare zu sagen, was gemeint ist und weiß zugleich, dass man es nie verstehen würde, hätte man es nicht selbst erlebt. […] In dieses reine Bewusstsein fällt die ganze Erleuchtungsrhetorik zusammen.“
Christian Grauer möchte vermitteln „eine ganz grundlegende Erfahrung der Einheit, bei der Karma, Spiritualität, Philosophie und Biographie erst beginnen können, sich im eigentlichen Sinne frei zu entfalten“. Als Anthroposoph ist er an der Entdeckung dieser neuen Erfahrungsschicht besonders überrascht, weil er erlebt, dass hinter den anthroposophischen Beschreibungen einer geistigen Welt die „Erfahrung des Absoluten“ sich verbirgt, die aber – wie es mir scheint – in keiner Weise auf Wesenhaftem außer ihn selbst hinweist. Er konstatiert, dass die Anthroposophie als spiritueller Schulungsweg auf diese Dimension der Erfahrung zwar hinzielt, aber er wäre selber in ihren methodischen Anweisungen verleitet worden:
„Jene Anthroposophie, von der mich abzulösen der Beginn der Entwicklung war, die mich schließlich zu dem geschilderten meditativen Erleben gebracht hatte, führte umfangreiche und komplexe Vorstellungen einer geistigen Welt und ihrer imaginativen, inspirativen und intuitiven Erschließung mit sich. […] Ich erwartete als Anthroposoph tatsächlich, dass sich im Dunkel der von allen sinnlichen Wahrnehmungen abgeschotteten Innerlichkeit die Vision geistiger Inhalte einstellte und gleichsam nur eine zweite Form der Wahrnehmung die erste ersetzte und ergänzte.“
Im einfachen und schlichten Achtsamkeitserlebnis tauchte für Grauer jene Form der Anthroposophie, die er gepflegt hatte, nicht auf: „Meditation ohne Anspruch auf Visionen, Erkenntnisse, Entwicklungsfortschritt, Übung oder eine andere mit Bedeutung gefütterte Zielsetzung wurde gleichsam als leere und geistferne New-Age-Scharlatanerie abgetan. […] Bedauerlich ist dies im Rückblick insbesondere deswegen, weil außer Frage stehen muss, dass Rudolf Steiner diese Tür kannte und nutzte, sie ihm vielleicht wie kaum einem Anderen in unserer Zeit eine gleichsam angeborene Selbstverständlichkeit war. Dies zeigen die durchaus vorhandenen Bemühungen von Steiner, Wege zur geistigen Schulung zu weisen.“
Grauer überlegt, ob Steiner selbst ein Bewusstsein davon hatte, welcher Schritt normalerweise erforderlich ist, um im Alltagsbewusstsein dieser spirituelle Schicht aufzufinden, da sie für ihn, wie er in seiner unvollendeten Autobiographie darstellt, schon seit der Kindheit offen lag. Er stellt fest, dass Steiners Werk bei allen sonstigen erstaunlichen Wirkungen auf dem Gebiet der Esoterik historisch versagt habe, und die Anthroposophie sei von anderen Strömungen überholt. Für ihn erscheint sie im Kontext moderner spiritueller Strömungen geradezu philiströs zu sein. Sie sei „bepackt mit einer unglaublichen Fülle an theoretischem spirituellem Inhalt und davon inspirierten praktischen Kulturtechniken […] aber dennoch bleibt sie vor den Toren der viel beschworenen geistigen Erfahrung stehen.“
Das konkrete Erleben fehlt der Anthroposophie, konstatiert Christian Grauer blasiert: „Sie weiß um das höchste Ziel der Menschheitsentwicklung, ist aber gerade dadurch blockiert, den ersten Schritt auch zu tun! Das zumindest ist mein persönlicher Eindruck im Rückblick auf meine Karriere als Anthroposoph und die keineswegs atavistische sondern befruchtende Wirkung der ganz unprätentiösen Hinweise auf die Möglichkeiten des unmittelbaren meditativen Erlebens.“
Christian Grauers Satz „Diese Fülle an präsupponiertem Inhalt, verbunden mit einer pathetischen und teleologischen Entwicklungsrhetorik und der Vorstellung eines primär visionären Charakters einer spirituellen Bewusstseinserweiterung, verstellte mir im Grunde komplett den Zugang zu dieser Erlebnisqualität reiner Bewusstheit“ nehme ich als Ausgangspunkt einer Rückblicksmeditation. Im Ergebnis dunstet mir eine monströse Imagination auf, die Rudolf Steiner völlig auf dem Kopf stellt. Er wäre irgendwie umgekehrt inkarniert! Sein Tod wäre sein Geburt gewesen und sein Geburt der Tod! Er hätte rückwärts gelebt, sodass seine Karmaforschung am Anfang stehe, gefolgt von der Weihnachtstagung von 1923, der Gründung der Waldorfschule, dem Bau des ersten Goetheanums, den Mysteriendramen, seinen Grundbüchern und dem Eintritt in die Theosophische Gesellschaft! Dann käme die Berliner Zeit, Weimar, Die Philosophie der Freiheit und gegen Ende würde die Begegnung mit dem unbenannten Meister und diejenige mit Felix Koguzki kommen und ganz am Schluss die Jahre mit seiner Familie in Österreich-Ungarn! Solch gelebt, hätte Steiner sich von den mythologischen Irrbildern ausnahmslos befreien können, um du der „einfachen“ Erleuchtung zu kommen, die er als 19jähriger laut Sebastian Gronbach, Christian Grauer und andere Autoren der Zeitschrift Info3 wie Felix Hau gehabt habe!
Sind die Anthroposophen – und ich mit ihnen – Opfer einer makabren Geschichtsverfälschung? Oder könnte es sein, dass Gronbach und Grauer in eine Erleuchtungsfalle geraten sind, wo sie wegen einer Art Verdrängungsmechanismus nicht kapabel sind, zu erkennen, warum sie keine anderen geistigen Wesen außer sich selbst erleben können? Ein Hinweis gerade von Steiner könnte Licht in diese Problematik werfen, sofern man noch dafür offen ist, sich nicht festlegen zu müssen.
„Das, wovon man in Wirklichkeit redet, wenn man heute vielfach von seinem Gott spricht, das ist der einzelne Angelos oder gar das eigene Selbst in der Zeit zwischen dem letzten Tode und der jetzigen Geburt.“ (Rudolf Steiner in: Erdensterben und Weltenleben, GA 181, Dornach 1967, Seite 353) Steiner sieht also hinter solchen Gottesvorstellungen wie z. B. dem modernen protestantischen (es könnte hinzugefügt werden der mit drei Gesichtern integrale) Gott nichts anderes als das Wesen eines Engels. Steiner ergänzt: „Es ist ein verborgener Egoismus von den Menschen, unmittelbar zu dem Gotte sich erheben zu wollen, denn sie wollen sich in Wahrheit […] nur zu ihrem Gotte, zu ihrem eigenen Engel erheben. Indem der Mensch eigentlich nur zu seinem Angelos aufblickt, das sich aber nicht gesteht, sondern glaubt, er blicke zu dem Gotte auf […] betäubt er durch diese unwahre Vorstellung in einem gewissen Sinne seine Seele.“
Könnte falsche Vorstellungen vom Spirituellen und einen unfreien Umgang mit anthroposophischen Begriffen und Inhalten eine Betäubung der Seele dem eigenen Ich so heruntertrüben, dass bei geistigen Erlebnissen, wie diejenige oben von Christian Grauer geschilderte, sich andere geistige Mächte in die Seele einschmuggeln, die dort in dieser Weise nicht wirken sollen. Steiner erläutert: „Das heißt, es schleicht sich an die Stelle des Engels, den man zunächst verehren wollte, den man umtauft zu ‚Gott’, der luziferische Angelos ein. Dann aber ist die schiefe Ebene, die den Menschen hinunterführt, sehr nahe. […] Und dieser luziferische Engel wird den Menschen alsbald in den Materialismus hineinführen. Dieser maßlose Hochmut, der noch oft als Demut angesprochen wird, er ist es, welcher letzten Endes den Materialismus hat hervorbringen müssen.“ (Das Karma des Berufes des Menschen in Anknüpfung an Goethes Leben, GA 172, Seite 180f)
Die folgende biographische Beschreibung von Christian Grauer stellt die zuletzt zitierten Worte von Steiner in einem aufschlussreichen Licht: „Was mir als unhintergehbarste Gewissheit galt, nämlich dass der Welt irgend so etwas wie ein höherer Sinn unterliege, wie immer der auch aussah, das musste ich anzweifeln. Dass es gleichsam etwas wie eine Auflösung des Rätsels gab, die über die unmittelbar sinnliche Welt hinaus ging, das musste ich in Frage stellen. Ich musste als Spiritualist, der ich als Anthroposoph war, zuallererst zum radikalen Materialisten werden. Und selbst daran würde ich noch zweifeln müssen.“
Wenn es nun so wäre, dass in der modernen Erleuchtung der integralen Szene der eigene Schutzengel nicht sofort erkannt wird, sondern wie vom aufgeblasenen Ego verschoben wird, sodass nur sein letzter „Atemhauch“ als geistige Wahrnehmung bleibt, der dann in schönen, sogar philosophischen Worten als das eigene Geistwesen und zugleich als Gott gepriesen wird, dann wäre diese offenbar-esoterische Ausführung wohl noch ergötzlich. Es könnte aber auch bei jemand der Umstand eintreffen, dass der nicht erkannte Schutzengel nicht imstande ist, ein wahres Geist-Erleben zu vermitteln. Es könnte unter Umständen sein, dass er nicht derjenige ist oder der geeignete ist, um eine sinngemäße Begleiterfunktion in der Meditation zu übernehmen. Rudolf Steiner hat beschrieben, warum schon im Hochmittelalter das Karma der ganzen Menschheit in Unordnung kam, mit der Folge, dass eine Disharmonie in der zu Michael gehörenden Rangordnung der Engelwesen eintrat. (Vgl. Rudolf Steiner, Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Band III, GA 237, Seite 179f)
Auf dem achten ökumenischen Konzil in Konstantinopel im Jahre 869 erhoben die römisch gesinnten Kirchenväter nämlich zum Dogma, dass der Mensch nur aus Leib und Seele besteht. In der westlichen Kirche wurde seitdem dem Geist keine Selbständigkeit mehr zugemessen. Der Geist im Menschen wurde für das allgemeine Bewusstsein der abendländischen Welt quasi ‚abgeschafft’. Damit begann nicht nur auf Erden ein Schisma in der Christenheit, das bis heute ihre Konsequenzen nach sich zieht, sondern auch in der geistigen Welt konnten die Schutzengel der Menschen in den folgenden Erdenleben nicht mehr alle Erlebnisse richtig in das Karma hinein stellen, weil sie die menschliche Freiheit zu respektieren haben, auch wenn jemand seinen Geist, in welchem sein Karma wurzelt, verkennt.
Falls die Herren Gronbach, Grauer und Co. die Bereitschaft hätten, die individuelle Reinkarnation als etwas Wahres zu begutachten, würden sie sich womöglich auftun, ihren früheren Inkarnationen zu suchen und etwa nach einem Leben im 9. Jahrhundert fragen, und falls sie zu konkreten Ergebnissen und gar zu karmischen Imaginationen kommen würden, glaube ich, dass sie auch die Bereitschaft zeigen würden, in einem anspruchslosen Gespräch über die vielen Phänomene und Hürden der Erleuchtungsfalle sich auszutauschen.
In der meditativen Arbeit mit der Engelfrage kann ich folglich erkennen, ob ein weiterer Engel als mein besonderer Meditationsengel hinzutreten würde. Jeder Mensch steht während der Menschheitsevolution mit mehreren Wesen aus den Rangordnungen der Engel in innigster ‚Berührung’. Diese Tatsache fasst ein altes norwegisches Abendlied zusammen, in dem es heißt, dass „vierzehn Engel um das Bett des Kindes stehe“. So dürfte kein Hindernis aufkommen, wenn der eigene Schutzengel aus noch nicht erkannten, unter Umständen alten karmischen Problemen eine meditative Arbeit gegenwärtig nicht unterstützen würde oder könnte. Das Zusammensein mit einem Engel in der imaginativen, selbst durchleuchtenden Innenwelt steigert sich allmählich so, dass ich mich ihm ganz hingeben kann. Ich traue mich, das Wirken des Engels aufzunehmen, als würde er in mir alles vermitteln, was als Bewusstsein in mir lebt. Von einem leicht als Erleuchtung zu beschreibendes Geist-Erleben, in der es um ein Engelwesen geht, bis zu höheren Hierarchien und zur göttlichen Trinität ist es aber noch einen langen Weg im spirituellen, außerkörperlichen Dasein. Gott sei dank!
Bild: Ein Silen (römische Skulptur aus dem Louvre) ist in der griechischen und römischen Mythologie ein Mischwesen aus Mensch und Pferd, wobei es einem Menschen viel ähnlicher ist als ein Kentaur. Um die Ironie des Sokrates zur Sprache zu bringen, lässt Platon den Alkibiades im Symposion sagen, Sokrates sei wie eine von den hässlichen Silenenfiguren, die man öffnen kann, und aus deren Innerem einem dann goldene Götterbilder entgegenschimmern. Quelle: Wikipedia
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