Gamamila

2009/06/12

Der Liebe ritterlicher Segen

















Es gibt ein stilles Mysterium,
das anwesend ist ringsum. 
Es spielt an der Eremitage, 
wo sie begannen deine Lebenstage. 
Es weilt in graziösen Augenblicken, 
in deinem wundervollen Entzücken.
Dein Freund kann es verschenken, 
ohne sich gerade abzul
enken.
Es ist der Wesen Bausteine, 
die halten eure Lebensleine.
Tugenden sie hinauf erklimmen, 
um des Menschen Dom zu umstimmen. 
Es gibt ihn seit Ewigkeit eben, 
der Liebe ritterlicher Segen.

Bild: Margret Hofheinz-Döring, Reitender Parzival/Parzivals Ausritt, Öl auf Holz, 44x64 cm, 1982. Quelle: (cc) Peter Mauch/Galerie Brigitte Mauch, Göppingen/Wikipedia

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2009/04/06

Die Bürde


Hier sehe ich sie,
Millionen von Wesen,
gehen gebeugt unter einer gewaltigen Bürde.
Unzählige Geschlechter und Völker,
durch Jahrhunderte und Jahrtausende…
Ohne Rast und Ruhe,
kaum, dass sie ein Augeblick ruhen dürfen
unter einem freundlichen Baum am Wege!
Einige sind mit Gold und Silber gelastet und stolzieren in
                                                       teueren Brokaten,
andere tragen eine Bürde von Plunder,
eine Ladung aus Lumpen und Armut.
Für einige ist es die unerträgliche Ekstase der Last,
die sie wie ein Teufel auf dem Rücken reitet.
Für andere – oh, Rätsel –
ist es eine rauschende Freude,
ein Engel steht auf ihren Schultern!

Andere wieder sehe ich mit einem Sack voller Grübelei,
die sie zur Erde drücken,
und abermals andere, die hängen unter einem Ballon
                                voller aufgespielten Gefühlen.
Sie hüpfen hinüber die Erde!
Aber ich kann sehen, dass es die gleiche Bürde ist,
nur bemessen nach Natur und Begabung eines jeden.
Welche Bürde ist es?
Es ist das Leben!

Auch ich trage diese Bürde.
Und mich wiegt es schwerer als die meisten,
denn ich weiß, was ich trage.

Alf Larsen

Übersetzt nach Byrden in: Alf Larsen, Siste strofer, Dikt, Dreyers forlag, Oslo 1969.

Alf Larsen (1885-1967) norwegischer Lyriker, Essayist und Redakteur. Er engagierte sich als Dichter und Schriftsteller sowie als Herausgeber für ein freies Geistesleben in Norwegen. Durch die Zeitschrift „Janus“ stellte er die Anthroposophie fruchtbar in das öffentliche Kulturleben Norwegens. Als der Nationalsozialismus über Europa kam, trat er zusammen mit Johannes Hohlenberg als engagierter Kritiker und Warner auf. Weitere biographische Auskünfte über Alf Larsen gibt es in der Biographien-Dokumentation der Forschungsstelle Kulturimpuls zu lesen.

Bild: William Blake (1757-1827),
Satan schüttet die Plagen über Hiob aus. Quelle: Wikipedia

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2009/02/03

Arne Garborg: Vindtrolli

Meine eurythmisch tätige Ehefrau braucht immer Gedichte für ihre Arbeit. Sie bat mich vor einigen Tagen, ein norwegischer Vers über Trolle zu finden und zu übersetzen. So nahm ich mir vor Vindtrolli (Die Windtrolle) von Arne Garborg. Das Ergebnis wurde so erfrischend und adrett, das ich es gerne weiterleite, auch wenn die deutsche Fassung lange nicht der alerten Bündigkeit des Originals einlöst. In meiner Jugend lernte ich das Gedicht zu singen nach der Melodie eines mir unbekannten Tonkünstlers, aber ob ich es im Wolfersheimer Männerchor vorsingen werde, überlege ich mich noch. Zu meinem heutigen 55 Geburtstag und zu der 1. Geburtstag meiner Website, denke ich, passt das Gedicht der Windtrolle, zudem das vergangene Jahr auch sehr wehend war. Lass uns auf stillere und friedfertigere Tage erhoffen!

Arne Garborg(1851-1924) war ein norwegischer Autor, der das vom Dichter Ivar Aasen - Sprachforscher, Dichter und engagierter Botaniker - synthetisierte Landsmål (heute Nynorsk, eine der drei Landessprachen Norwegens außer Bokmål und Samisch) frei anwendete. Einige seiner Romane, die zu Lebzeiten des Autors auch in Deutschland viel gelesen wurden, zählen zu den Hauptwerken des norwegischen Naturalismus: Bondestudentar (Bauernstudenten), Mannfolk (Aus der Männerwelt), Hjå ho mor (Bei Mama) und Trætte Mænd (Müde Seelen).

Garborg war mit dem in Norwegen lebenden indischen Philosophieprofessor, Yogi, Guru und Poet Swami Sri Ananda Acharya, genannt Baral,(1881-1841) befreundet. Der Gedankenaustausch mit diesem Ideengeber einer künftigen Friedensuniversität fand Niederschlag in seinem Tagebuch. Um das Landsmål weiter zu entwickeln, bekam Garborg gegen das Ende seines Lebens eine staatliche Dichtergage. Er nahm sich dann viel Zeit, um internationale Literaturklassiker zu übersetzen.

Die Windtrolle

Tschüh! Büh! sagt Norden-Weißbart,
er kullert die dunklen Flügel.
Er jault und saust über nackte Heid;
er wütet um Wiesen und Hügel.
- Tschü ...

Tsjüh-hü-hüh! sagt Nordwest-Eistroll,
er kentert Steven und Barken.
In der Tiefe betäubt er das Meer;
aus fünfzehn Faden holt er den Harken.
- Tschü ...

Tsjüi-lü! sagt Westen-Seemann,
er kommt so weit aus dem Meer.
Leicht spielt der Bub um braune Hügel,
verlässlich ist er freilich nicht so sehr
- Tschü ...

Tsjüi-lü! sagt Westen-Seemann,
anwesend ist er salz und nass.
Er lockt mit Sonne, mit hellem Horizont,
aber meistens weint er voll das Fass.
- Tsjchü ...

Tsjü-sü! sagt Öster-Bergmann,
er ist so scharf und klar.
Er kommt aus all den lichten Gipfeln
mit Schneehut um das geschneite Haar.
- Tschü ...

Sülilü! sagt Süden-Lichtelfe,
im Laub er saust, das Kraut er gelingt.
Blumen hat er in beflügeltem Haar
und bläst auf Flöte und singt.
- Tschü ...

Sülilü! sagt Süden-Lichtelfe,
als Schäfer will er nimmermehr weinen;
dann hopsen seine Lämmer froh umher
und fußen auf sonnenwarmen Steinen
- Tschü ...

Sülilü! Ah, du selige Sommer
mit Sonne am Berg, mit mir als Schwimmer.
Dann ruh’ ich im Gras den besten Labsal
und erwachet ohne Gewimmer.
- Tschü ...

Bild: Olav Rusti (1850-1920), Portrait von Arne Garborg, 1912-14, im Besitz des Verlages Aschehoug. Quelle: wikimedia.org

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2009/01/14

Larimar














Wie entsteht 
die Ehe zweier Augen?  
Wer kann mit den Augen 
der Verstorbenen sehen?
Können die Toten staunen 
durch Fassettenaugen 
durch rieselnden Niederschlag 
durch den Tautropfen auf Grashalmen?

Dürfen wir ein Heiligtum 
haben, das im Garten 
der Trauer emporsteigt?
Die Kathedrale des Nidaros 
steigt im Garten des Glücks empor 
Sollen Obelisken der Freiheit 
sich ebenso erheben
in unserem Gemeinschaftsgarten?

Die Verstorbenen
können Regen weinen
falls wir sie lieben 
wenn sie abgehen
wenn sie über der glühenden 
Wiese der Toleranz wandeln
Dort fallen nun Schneeflocken 
auf die Gartengesellschaft nieder

Die Libellen zelebrieren 
für uns Lebende, für die Künstler
für den Liedermacher 
für die Therapeuten
für diejenigen, die nicht
die Verwandlung des Todes 
und auch nicht die Schneeglocken 
in deiner Elefantenseele verstehen

Dort bei den Treueseelen
bei den Perlentauchern in dir
und im stummen Weinen deines Ehemanns
du, der bei mir einen Freitag im Oktober
deinen Geist bei mir verbarg
stehen nach der Andacht des Glücksteins 
Kompositionen des Larimars bevor
aus der Reinheit, aus dem Geheiligtsein

Bild: Larimar (Pektolith), genannt „Atlantisstein“. In der Esoterik steht er für Offenheit; u. a. soll er helfen, Empfindsamkeit zu entwickeln, mächtige Eindrücke auszuhalten und gegen Platzangst beschützen. Larimar würde außerdem sehr charakteristische Heilwirkungen auf den gesamten Knochenbau haben und Atembeschwerden heilen. Quelle: larimar.at

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2009/01/07

Urteile vorsichtig!

Misstraue deinem Urteil, sobald du

darin den Schatten eines persönlichen

Motivs entdecken kannst.“

Diese Aphorismus der österreichischen Dramatikerin und Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830- 1916) könnte als mein Motto für 2009 gelten. In Wikipedia findet sich ganz schöne Berichte über diese für mich vorher unbekannte Autorin, die mit ihren psychologischen Erzählungen als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerinnen des 19. Jahrhunderts gilt. Viele ihrer Werke sind auch bei Zeno und im Projekt Gutenberg zu finden – zum Beispiel das folgende kleine Gedicht:

Ein kleines Lied

Ein kleines Lied, wie geht’s nur an,
daß man so lieb es haben kann,
was liegt darin? erzähle!

Es liegt darin ein wenig Klang,
ein wenig Wohllaut und Gesang
und eine ganze Seele.


Bild: Freifrau Marie von Ebner-Eschenbach, Ölgemälde auf Leinwand von Karl Blaas (1873). Quelle: Wikipedia

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2009/01/05

Das Traumlied vom Olav Åsteson

Draumkvedet – Das Traumlied vom Olav Åsteson – ist eine aus dem Mittelalter stammende norwegische Ballade. Dieses einzigartige Volkslied liegt in vielen Varianten vor. Gelegentlich wird es auch als norwegisches Nationalepos betrachtet, und auch als ein Visionsgedicht bezeichnet.

Es wurde in den 1840er Jahren im Landesteil Telemark im Südwesten Norwegens von Traditionssammlern „entdeckt” und aufgeschrieben. Die verschiedenen Niederschriften sind oft sehr lückenhaft. Der meist bekannte Text des Traumlieds bis heute ist die Rekonstruktion um 1890 in 52 Strophen von Moltke Moe (1859-1913), der erste Professor für Folkloristik in Skandinavien. Im skandinavischen und slawischen Sprachraum ist Folkloristik mit der hiesigen Volkskunde gleichzusetzen. Im Angelsächsischen und Deutschen hingegen versteht man darunter ausschließlich die Beschäftigung mit Volksliedern und Volkserzählungen (Märchen, Sagen etc.), aber auch Erzählforschung gehört dazu.

Die auf Deutsch meist benutzte Übertragung hat der Waldorflehrer und Autor Dan Lindholm weitergeleitet. Im Verlag Urachhaus kann man noch seine zweisprachige Ausgabe erhalten… [weiter]

Abgelegt in Chronik

Bild: Bildteppiche zum Traumlied entworfen von Walter Roggenkamp(1926-1995) und gewoben von Hildegard Osten. Quelle: anthromedia

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2008/12/09

Sleipner


Als die Wüstenrose erblühte
als die Sonnenfinsternis
mit introvertiertem Zorn herannahte
begegnete ich unbeabsichtigt
meiner verstorbenen Freundin
in einer wolkenfreien Fassungslosigkeit
Die Sicherheit des Todes gibt es
selbst in der zarten Berührung
eines Zungenkusses

Es geschah an einem Freitag
in meinem grenzenlosen Gedenken
Zuerst vier Tage später hörte ich
vom fürchterlichen Schiffsunglück*
Damals konnte ich noch nicht weinen
über die neuen Verstorbenen
die ich kaum noch begegnet
Die geliebten Abgeschiedenen
nähern sich meinem Entsetzen

Eine andere Freundin und ich
verreisten mit Sleipner in dem Sommer
Wir besuchten deinem Ehemann und dir
Eure Kinder spielten auf der Wiese
Du warst eine Wiese, auf der ich hätte
geschätzt, absichtslos zu weiden
Spielend leicht tanzte dort der Kalb
Unaufhörlich fällt mir deine Haut
besonders blumenhaft auf

Zu ausgedehntem Tamburinton
sagtest du in der wuchernden Woche
dass du ein viertes Kind erwartet
mit jemand anderem, der keiner ist
als dein spielfreudiger Ehemann
Ich liebe ihn besonders
in der Brise der blauen Stunde
zu steifer Wind der Violinesaiten
ebenfalls in der Nachtmündung

Es ist famos, sagtest du
so brauchen keine Eifriger
Gerüchte zu verbreiten, anzuschwärzen
dass wir gegen Konventionen brechen
Wir verabschieden alte Gewohnheiten
und du brauchst nach geheimen Goldtafeln
auf zugewachsenen Pfaden nicht mehr suchen
keiner braucht auf glühenden Kohlen sitzen
für noch nicht veröffentlichten Autobiographien

Wir erzeugen neue Keime innerhalb
der geliebten Gefüge der Weltordnung
weil die Aluminiumvergiftung
scheint, festgeklebt zu sein
an meiner gnadenlosen Gehirnrinde
von der, ich nicht schaffe, zu genesen
nicht schaffe, mich zu entziehen
was deshalb meinen Geleitbrief
an die Aufmerksamen ausradiert

(Aus dem norwegischen Original 2001)

* 29.11.1999 erleidet die neu gebaute Katamaran-Fehre Sleipner Schiffsbruch bei Leuchtturm Ryvarden auf dem Weg von Haugesund nach Bergen (NO) in hoher See mit nahezu 6 Meter Wellengang. Über 20 Menschen kamen ums Leben.

Bild. Odin auf seinem achtbeinigen Ross Sleipnir; auf gotländischem Bildstein, Tjängvide (SE). Sleipnir war einer der Kinder Lokis (Luzifers). Quelle: Wikipedia

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2008/10/22

Katarina Frostenson

NAHE SUBOTICA

(für Danilo Kiš)

Wildhunde. Gleise. Die Maisfelder um Subotica herum

Weiße sonne

Spuren eines Zirkusbesuchs im Lehm, Pfähle in der Erde

Licht nach Wimpeln in der Luft


Eine Arche in der Landschaft gestrandet, ein Mann

Mit lammbraunem Haar schaut von ihr hinaus


Von deinem Dreitagekörper blickst du auf die Felder

sprichst zu dem, was du siehst: wem gehören die Felder


Felder, kommt zurück, wie ihr wart

vor der Schlacht, ihr habt nur den Drosseln gehört


die Stimme verstummt schroff im Nebel

eine blauschwarze Zunge, unser Fahrzeug

Aus: Katarina Frostenson, Korallen, Walström & Widstrand, Kristianstad 1999. Meine Übersetzung.

Unter den vielen schwedischen Dichtern und Schriftstellern, deren Werke mir durchs Leben begleiten, steht die Poetin und Dramatikerin Katarina Frostenson auf vorderste Stelle. Von ihr ist ein Gedichtband Die in den Landschaften verschwunden sind (Hanserverlag, 1999, ISBN 3-446-19685-4) ins Deutsche übersetzt und titel-magazin.de schreibt darüber. Zwei theaterstücke - Saal P und Traum - von ihr sind auch von Angelika Gundlach für das Rowohlt Theater Verlag übersetzt worden.

Beim internationalen Literaturfestival in Berlin 2005 war sie als Gast anwesend. Auf YouTube gibt es noch ein Interview mit ihr, aber halt auf Schwedisch. 2004 erhielt sie den Henrik-Steffens-Preis der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Dieser deutsche Preis ist benannt nach dem in Stavanger/Norwegen geborenen Naturforscher, Naturphilosophen und Schriftsteller Henrik Steffens (1773-1845), der die Ideen der Romantik – u. a. war er mit Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, und mit dem Philosophen Friedrich Schelling persönlich befreundet - nach Skandinavien und während seines langen Wirkens an deutschen Universitäten ebenso fruchtbar nordische Geistesart nach Deutschland vermittelte. Seit 1992 gehört Katarina Frostenson der Schwedischen Akademie, Svenska Akademien, und zurzeit auch dessen Nobelkomitee, der die Literaturnobelpreisträger bestimmt.  

Im Bild: Katarina Frostenson. Foto: Mats Bäcker

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2008/10/17

Alf Larsen

Aus Zyklus Caprices auf dem großen Klavier
   

Dieses spielte ich zuweilen

für mich selbst in mondnächten,

allein mit dem großen frosch,

der großäugig saß und lauschte.

Nur er und ich im ganzen raum,

die ganze welt verstummt.

.

Hier lasse ich sie fallen,

die gipfel, alle, alle.

Oh, welcher qual zu sehen

ihr langsames absinken!

Ist es genug wasser für so hohe

gipfel in meiner auge,

genug dunkel für so viel schnee?

.

Halbtot hängt ein rabe

vom himmel herab,

ein flügel in der abendsonne,

ein in meinem brennenden haar.

Rabenaas, sag mir deinen namen

ehe die nacht entbrennt.

Ich will schreiben,

noch habe ich meine hände!

[…]

Ich wanderte auf wellengipfeln

wiegend schritt ich fort,

und die wogen entsprangen wie knospen,

in rosen trat ich nieder.

Das meer erhöht und entsagt

unter der frohen brust des himmels.

Die große jungfrau lag gefesselt

im schlaf an der küste der erde.

Und ich, ich wanderte hin

über ihrem schluchzenden atem

und träumte, ich war der ritter

von welchem sie eben träumte!

[…]

Dann hörte ich eine Stimme, die sagte:

Sitz still und lass dich nicht betrügen.

Dies ist dein eigenes Gesicht unter den Gotteshänden,

das große Bühnenwerk für einen Selbsterkenner.

.

Nun ist er tot der alte

mit seinem sack und seinem garstigen hund.

Wer soll nun hier gehen und sammeln

lumpen auf dem boden der zeit

und dem leben zur freude sein

ohne den wenigsten grund?

Einsam heult gegen den mond

ein alter garstiger hund.

.

Diese von mir übersetzte Teile einer Gedichtzyklus von Alf Larsen lassen leider seine norwegischen Endreime nicht durchkommen. Die Gedichte stammen aus der Sammlung Stemninger ved Okeanos bredder (1949) – „Stimmungen an den Ufern des Okeanos“. Zu diesem Gedichtausschnitt passt vielleicht das Aquarell von William Blake (1757-1827).  

Bild: William Blake, Der große Rote Drache und die Frau, mit der Sonne bekleidet (um 1805-10), Aquarell, National Gallery of Art, Washington (D.C.). Bildquelle: Zeno.org

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2008/09/22

Thrymskvida – ein aktuelles Lied

Seit vielen Jahren bin ich eingeladen, im Camphill-Dorf Jøssåsen bei Trondheim für alle interessierten Bewohner sowohl Vorträge als auch künstlerische Darbietungen zu geben. Wir haben früher mit unterschiedlichen Themen gearbeitet wie Naturwesen, griechischer Geschichte und Schicksalszusammenhängen zwischen mehreren Leben. Mit einer Kerntruppe der Mitarbeiter leitete ich in den vorangegangenen Jahren Gespräche und meditative Übungen, um aufzuarbeiten eine Reihe von Aspekten aus früheren Kulturen zu konkreten Lebensmotiven, die mit der Problematik der Gegenwart am Jøssåsen und an anderen Orten zusammenhängen.

Auch für die Betreuten wurden durch Gespräche und Improvisationstheater solche Fragen mit Begeisterung und viel Spaß dabei bewegt. Das Improvisieren hat sich als eine sehr folgerichtige Arbeitsart erwiesen, zumal mehrere der Dorfbewohner fast keine Sprache haben, sondern sich nur mit Gesten und des augenblicklichen Einordnens in einem Geschehen mitteilen können. Oft wurden wir mitten im Dramatisieren z. B. der Naturwesen von dem Unmittelbaren eines sprachlosen Auftritts dermaßen verblüfft, dass wir gleich staunten und lachen mussten.    

Im Zeitraum 17.-21. August hatte ich wieder die Möglichkeit dort Gast  zu sein. Von Montagabend bis Donnerstagmittag dieser Woche gab es wieder wie vor einpaar Jahren einen nationalen Dorfkonferenz - einen sogenannten „Landsbykonferanse“ - mit frohen Teilnehmern von anderen norwegischen Camphilldörfern wie Kristoffertunet, Vallersund, Hogganvik und Solborg. Außer dem Morgenkurs, dass ich gab, konnte man Modellieren, Filzen und Musik vor- und nachmittags üben. Jeden Morgen nahmen wir uns anderthalb Stunden Zeit für das „norrøne“ (altnordische) Dichtwerk Thrymskvida, das Thrymlied. Wir lasen und rezitierten die Strophen und die Repliken in diesem interessanten – und wie es sich bald herausstellte – sehr aktuellen Lied.  

Die Geschichte beginnt damit, dass der Gott Thor entdeckt hat, dass sein Hammer gestohlen worden ist. Er erzählt dies seinem Freund Loki, der zur Unterwelt - genannt „Jotunheimen“ wie das in Westnorwegen existente Hochplateau - fährt, um die Sache zu untersuchen. Dort wird es klar, dass der König der Riesen, der Thursenfürst, genannt Thrym, ihn gestohlen und versteckt hat. Wieder gut zu Hause angekommen, erzählt Loki einer aufgeregten Ratsversammlung der Götter in Asenheim – ihr Versammlungsort heißt in Norwegisch „Midgard“, der Mittelhof -, dass Thrym gerne den Hammer zurückgibt, falls er die schöne Göttin Freyja als Gemahlin bekomme. Dieweil Freyja dieses Angebot ablehnt, bekommt der weise Gott, Heimdall, die Idee, dass Thor sich in Frauenkleidern kostümieren und zu Thrym fahren könnte, um ihn zu überlisten. Mit Hilfe von den Gewändern Freyjas und ihrem Schmuck – unter Anderem mit dem sogenannten Halsband, genannt „Brisingamen“ – fahren nun Thor getarnt als Braut und Loki als Magd nach Riesenheim. Nach viel Umstand düpieren sie Thrym und seine eitle Schwester, und somit gewinnen sie den Hammer zurück. 

Wir arbeiteten mit diesem Inhalt, indem wir zuerst viele verschiedene Klöpfel, Schmiedehammer und Keilhammer, die eingesammelt und mitgenommen waren aus den Häusern und vom Bauernhof. Besonders ein kleiner Hammer für Metallschmiede erweckte die Bewunderung von allen. Den riesenschweren Vorschlaghammer probierten auch einige aufzuheben. In unserem improvisierten Drama wurde dann später einer dieser Handwerkzeuge als Thors Hammer ausgewählt. Wir nutzten auch schöne Trachte, Kleider und Perücke aus der Theatergarderobe, und mit schönen Ohrenhängen, Kolliers, Armbändern und Ringen – die die Teilnehmer aus ihrem privatem Besitz ausliehen – wurden diejenigen, die Thor und Loki spielen wollten, drapiert und übertüncht. Sogar Lippenstift kam zum Nutzen für die zwei Herren in Frauenkleider, die ihre Schüchternheit überwanden, ungeachtet des vielen Schmunzelns und des Lachens während unseren Gesprächen und Übungen.  

Wir debattierten viel während des Lesens und Übens der zweiunddreißig Verse. Wir sprachen lange und gut vom Wetter, vom Blitzt und Donner, von Naturkatastrophen, Erdbeben und von dem Fall, wenn ein Tsunami aufzieht, – und wir unterhielten uns durch Beispiele der Teilnehmer über Arbeitsverhältnisse, über das Thema des Sich-geschmackvoll-Machens, über das Kostümieren, über das Lügen und was es heißt, wahrhaftig zu sein und über das Stehlen und wie man sich fühlt, wenn etwas von einem weggeschnappt worden ist.

Viele interessante Erlebnisgeschichten kamen ins Licht, und Aspekte über wie schmerzlich und abstrus es sein kann, einen lieben Gegenstand verloren zu haben, ein Schmuckstück, ein Portmonee, ein Fahrrad usw. Wir redeten auch darüber, wie schwierig es sein könnte, solche Ereignisse aufzuklären, auch wenn die Polizei eingekoppelt worden sei. Sachen konnten für immer verloren sein, oder jemand hatte erlebt, dass selbst andere Erwachsene oder Mitarbeiter nicht bereit waren, herauszufinden, wer das Verbrechen begangen hatte. Das Schwierigste kann aber die Situation sein, wenn jemand beschuldigt wird, etwas gestohlen zu haben, und so ist es überhaupt nicht wahr gewesen, aber weil man z. B. kein Alibi hatte, ist es nicht leicht, seine Unschuld zu beweisen. Mit solchen Meinungsaustauschen über Phänomene, die alle erlebt hatten oder von denen man gehört hatte z. B. in den Nachrichten, erschlossen wir, dass das uralte Thrymlied solche Ereignisse, Gefühle und Tugenden berühren, die uns heute noch allen angehen.

Auf frischer Tat von der Wahrheit selbst wurden wir am dritten Tag ertappt, als es sich zeigte, dass die allermeisten Schmuckstücke – die während der ganzen Tage auf einem Tisch in der Ecke des Saals gelegen hatten – in der Nacht oder am letzten Abend gestohlen waren. Somit wurden wir mit unserer eigenen unmittelbaren Wirklichkeit konfrontiert und mit den Gefühlen, Schmerzen und Formulierungen, die sich direkt der Tatsache anschlossen, dass „unsere“ Kleinodien verschwunden waren. Sofort verordneten wir eine Kommission mit Wortführer, einigen Nichtbetroffenen und Repräsentanten einiger der direkt Berührten. Weil wir doch versuchen wollten, unser Morgenkurs über Thor, Loki, Freyja und die andere nordisch-germanische Götter in annähernd einer Harmonie abzuschließen, mussten wir unser Verlass daran setzen, dass die Kommission ihre Arbeit später aufnehmen würde. Meine Hoffnung ist es ebenso, dass ich irgendwann Genaueres von diesen Ermittlungen hören darf, damit ich von einer Aufklärung der Dieberei auf meinem Blog berichten kann.

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2008/08/11

Sigbjørn Obstfelder:


ICH SEHE

Ich sehe den weißen Himmel an,
ich sehe die graublauen Wolken an,
ich sehe die blutige Sonne an. 
Dies ist also die Welt.
Dies ist also die Heimat der Weltkörper  

Ein Regentropfen!

Ich sehe die hohen Häuser an,
ich sehe die tausenden Fenster an,
ich sehe die fernen Kirchentürme an.

Dies ist also die Erde.
Dies ist also die Heimat der Menschen.

Die graublauen Wolken sammeln sich. Die Sonne verschwand.

Ich sehe die gewandten Männer an,
ich sehe die lächelnden Frauen an,
ich sehe die sich niederbeugenden Pferde an.

Wie schwer die graublauen Wolken werden.

Ich sehe, ich sehe...
Ich bin wohl auf einer falschen Erde gekommen!

Hier ist so seltsam…

Es gibt viele Poeten, deren Gedichte und Texte ich liebe. Einen von ihnen heißt Sigbjørn Obstfelder (1866-1900). Er wird als einer der ersten norwegischen modernistischen Dichter gerechnet. In deutscher Übersetzung habe ich nichts von ihm gefunden. Deswegen dieser Übersetzungsversuch von mir, da seine Worte noch für viele Menschen stimmig sind oder noch zu bestimmten Zeiten adäquat sein könnten - wie, wenn ein Krieg wieder loslärmt. Ein Text der norwegischen Wikipedia zu ihm ist hier zu finden und dort dasselbe in Englisch. Auf Deutsch fand ich leider nichts.

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2008/08/01

Lilienweißer

......................................................................................

Lilienweißer
als der Marmorsand 
ist frischer Schnee 
und weißlicher
ist deines Herzens Hand
die sich verbrannt 
an meinem Zorn

Glühendheißer 
als des Unmuts Dorn
die Zuneigung 
Jenseits Temperatur
die Freiheit spielt aufs Horn
sich wagt des Doppelgängers 
Partitur

Geheimnisvoller
als der Lebensgang 
die Versfußfee 
Ihr Metamorphose 
am rätselhaften See
erschaut der Poet 
am Mutes Abgrundhang

Beschmückend toller
ist der Lobgesang 
der Seele Nachtigall
erfreuend unserer Prognose 
Schneeflocken überall 
an den nackten Füßen 
der Göttin Gondwiramur

Nach der Räumung tauchten wieder verschiedene Skizzen, Entwürfe, Gedichte und Texte aus zugeschlossenen Kisten seit dem letzten Umzug oder aus früheren Umzügen. Die Skizze dieses Gedichts, die ich nun wieder entdeckte, ist am 14. Januar 2005 datiert - also unmittelbar nach unserem Versetzung von Blieskastel nach Herbitzheim, als ich eigentlich wieder nach Norwegen gehen wollte. Warum ich hier im freiwilligen Exil geblieben bin, ist eine interessante Geschichte, die bestens mündlich erzählt werden sollte. Vielleicht ergibt sich bald eine Stand-up-Comedian-Chance! Während der augenblicklichen heißen Sommertage fühlt es sich jedoch innerlich erquickend, dieses Gedicht neu zu reimen, und es mit einer Illustration freizugeben.

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2008/07/08

Lavendelduft und Kartäusernelke


Ich trage hinunter Umzugskisten
heute dreizehn voller bunter Steinerbücher
rosa, violette, blaue und weiße
Ob ich sie abermals im neuen Zuhause
zu blättern brauche? Meister Jesus
wird es aber wissen und ich frage mal
während den täglichen Himmelfahrten
den Menschheitsfreund

Ich trage hinunter einen blauen Stuhl
und weiß, dass ich auf ihn erneut
sitzen werde. Ich trage einen Schrank
mit Glastür und einen, der seine Schubladen
wieder bekommen werde. Darin
werden Kuverte für Liebesbriefe sein
und Briefmarken mit Kartäusernelken
und dürrer Lavendel aus Slowenien

Ich trage Kisten mit Fotos und Aquarellen
Zeitschriften, CDs und Handtücher
Weihnachtskram und Tagebücher
Videos und abermalig Steiner übersetzt
in meiner Muttersprache. Ich trage runter
ins Auto die neuesten Erinnerungen
aber die alten Auseinandersetzungen
aus dem letzten Millennium sind Sperrmüll

Sowohl das Umzugsgewitter als auch
die Fragen über die Dualseelen halten mich
lange wach. Der Lavendelduft gibt mir aber
einen guten Schlaf und meine Bauchbeschwerden
werden gelindert. Ebenso die Blüten
der Kartäusernelke in Weißwein helfen mir
gegen Schlangenbisse und andere giftige Quetschungen
Pestilenz und Würmer aus dem weltweiten Netz 
.
.
Weitere Gedichte befinden sich auf meiner Poesiseite.

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2008/06/10

Das Unaussprechliche

Wir brechen nichts. Damit
bin ich einverstanden. Du zerbrichst
nichts, solange Ehrlichkeit waltet
und ich füge etwas hinzu, etwas
das noch nicht gewesen ist
eine Hinzufügung zu Leiersaiten
oder zu Nabelsträngen, die
im Anzug sein werden

Du wirst mit ihnen kommen
Und du wirst mit ihr herwandern
mit der Nachricht. Steht auch
deine Berichterstattung bevor
oder dein Vaterschaftstest
vielleicht ein Hinweis, eine
umgekehrte Vergesslichkeit

Und soll ich mit ihm jetzt kommen
dem Elefanten, und wirst du auf ihm reiten
Du mit ihm? Warum bluten
die Engel auf deiner Schildkrötenzunge
Zusammen mit den Feinden der Einsamkeit
werden wir, wir Einsiedler
mit ihr ankommen, mit der Windeltreppe
und mit dem Apokryphen und mit den Zukunftsfeen

Dieses Unaussprechliche, das Unsagbare
das Andauernde, diese jahrtausendalte Unvermeidlichkeit
steht an. Dem ungeachtet, was facht
die Obeliskwandalen an

Diese Zurückhaltung auf der Zungespitze
Das Weltenwort fügt alles
was früher zerbrochen war
in den Seelen zusammen

Die Mutterweisheit
hat etwas in den Seelen gebildet
in den Seelen, in meiner Seele, in deiner Seele
und in deinem Zweifel, du, meine Zwillingsseele
zurückhaltend das, was Körper und Ich umfasst
meinem Leib mit deinem zusammenhält
meinem Ich mit deinem Ich, mit ihren Busen
meiner Seele mit deiner und seinem Sakralchakra

Du, stillschweigende Isis-Sophia (1)
kannst ruhen und wieder erwachen
in meinem Merkurkörper
in deiner eigenen Seele
oder in seinem Saturnleib und ich in ihrem
deine Sternenseele in meinem Purpurich
du und ich und du und du. Du und du

Ach, du Madonna
welche große Seele
O, welcher Höhepunkt des Ich
O, welcher Fühlungnahme mit Gliedern

Ich berühre den geheilten Leib des Osiris (2)
mit Hilfe des Weltennabels in Delphi (3)
Warum flüstert dein Safransengel
der Engel der Unbestechlichkeit
bei meinem linken Ohr nichts

(1) Isis, ägyptische „Göttin“, die „große Zauberin“ und Göttin der Magie. Ihr wurde auch von den Griechen und Römern Verehrung erwiesen; sogar bis nach Deutschland zum Stamm der Sueven drang ihr Ruf. Isis-Sophia deutet auf ein geistiges Wesen, das Züge der Sophia-Gestalt des orthodoxen Christentums mit denen der ägypt. Göttin vereint. Sie reicht Menschen die Gabe, das weibliche Prinzip der Schöpfung wieder ins Gleichgewicht mit dem ganzen Kosmos zu bringen.
(2) Osiris, männliche Gottheit in der ägyptischen Mythologie, Gemahl von Isis, Richter über den Tod und Gott des Nils. Nach seinem Tod und der Schändung seiner Leiche fügte Isis wieder zusammen die Leibesteile, die sie gefunden hatte.
(3) Griechische Mysterien- und Einweihungsort, der bis ins 4. Jahrtausend in Funktion war. „Der Nabel der Erde“ ist ein antiker Steinplastik, das noch heute in Delphi steht.

Das Bild, das früher hier war, musste auf Wunsch des Künstlers entfernt werden.

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