Gamamila

2009/02/09

Der Balken in meinem Auge

„Aber was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Oder wie wirst du zu deinem Bruder sagen: "Lass mich den Splitter aus deinem Auge hinauswerfen" und siehe, der Balken ist in deinem Auge? Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.“

Matthäus Evangelium 7,3-5


Rückschau auf mein letztes Lebensjahr

Kürzlich feierte ich meinen 55. Geburtstag. Darüber ist wenig zu erzählen, da ich keine Wichtigkeit daraus machte, sondern im kleinen familiären Rahmen nur ein festliches Essen in der Pizzeria eines Freundes verabreichte. Meine aus Schweden angereiste, älteste Tochter sang mir einpaar Lieder vor, und am Abend lauschten wir Klezmer-Musik in einem Saarbrückener Minitheater. In Anbetracht des Gaza-Krieges schafften diese Melodien eines abgelaufenen Jahrhunderts einen raufenden Klangboden in meiner ohnehin erschütterten Seele.

Eventuell wäre mehr zu sagen über die einfache Tatsache, dass meine Website trotz flüchtigen Unterbrechungen
1 Jahr lang bestanden hat. Wer dieses Unterfangen begleitet, wird schon wissen, was damit versucht wird. In den Texten, die ich auf der Site und im damit seit dem letzten Frühjahr angedockten Blog veröffentlicht habe, ist ebenfalls soviel gezeigt worden, was mein Anliegen ist, dass es darüber auch wenig Neues zuzufügen gäbe. Wenn ich dessen ungeachtet aus meiner Rückschau des letzten Lebensjahres eine Handvoll Motive herausnehme und sie quasi „um die Finger wickele“, ginge es um die folgenden Angelegenheiten: das Esoterische in der Sprache, die Öffentlichkeit, Dialoge, die Karmagesinnung und der karmische Zentralkonflikt.

Zu versuchen, ein Geist-Erleben, das im reinen Denken, im dynamischen Fühlen und im schöpferischen Wollen erfasst wurde, in kommunizierbaren Formen der Sprache zu übersetzen, gleicht einer Daumenarbeit. Wenn der Daume nicht geschickt anpackt und das Werkzeug mit Fug und Recht manövriert, wird der im Holz angeschlagene Nagel krumm, oder der Faden findet nicht sofort den Weg durch das Nadelöhr. Bin ich ganz alleine mit meinen geistigen Erfahrungen, kann ich gut schweigen. Möchte ich sie aber kommunizieren, brauche ich das Fingerspitzengefühl - und noch mehr, wenn ich im öffentlichen Raum eine esoterische Verständigung übe. Der Intuition des Zeigefingers kann spüren, wo es vielleicht augenblicklich nur angebracht ist, etwas anzudeuten, weil es später besser sein könnte, etwas mehr darüber zu entschleiern.

Bei jeder Begegnung brauche ich das innere Gleichgewicht, und ich muss die Kunst der Mäßigung lernen. Besonders wenn es sich herausstellt, dass ich bei jemand eine andere und vielleicht ungewohnte oder kontroverse Auffassung finde, die ich begreifen und respektieren muss, um ins Gespräch zu kommen, falls der andere das möchte, kann die Diskussion für Dritte nur fruchtbar werden, fall ich meine Worte aus Besinnung wähle. Der Langfinger kann dafür ein Gespür haben. Der Ringfinger nun darf der Karmagesinnung entsprechen, weil ich mich in Freiheit und Liebe mit dem geistigen Wesen des Gesprächspartners, des Seminarteilnehmers und des Kontrahenten verbinden möchte „bis der Tod uns scheidet“, auch im Falle er mir seinen Rücken zuwendet.

Zusätzlich zu den Aufgaben, um mehrere karmischen Beziehungen wieder aufzunehmen plus z. B. ein besonderes Berufskarma anzugehen, betrat jeder Mensch seiner jetzigen Inkarnation mit dem Vorsatz, einen karmischen Zentralkonflikt anzupacken.
Es liegt dieser Konflikt quasi dem Kleinfinger unter dem Nagel, aber jene ist meistens so groß und unbewusst, dass er ein ganzes Leben fast nicht bemerkt wird. Nur wenn man den kleinen Nagel sozusagen bricht, oder, wenn er durch großen Schmerz herausgerissen wird, offenbart sich dieses Karma wie riesige Niagarafälle.

Anfang Februar 2008 wurde ich per Website online sichtbar und Mitte April erschien mein zweites Buch beim
Verlag Ch. Möllmann. Vor diesen Veröffentlichungen lagen Jahre der minutiösen Vorbereitung von Texten, Bildern und von Designvorschlägen. Wie das alles ständig inmitten des inneren „Dialogs“ mit der geistigen Welt stand und steht, gehört zu meiner individuellen Esoterik. Durch diese publizistischen Schritte stärkte sich aber mein Mut, sodass ich meine Hand neu hinein in viele lebendigen, erstarrten oder brennenden Herden in der anthroposophischen Szene steckte. Die manchmal polemischen Auseinandersetzungen mit Sebastian Gronbach, Mieke Mosmuller, Sebastian Jüngel und Holger Niederhausen zeigen eine, die Übersetzungen aus dem Skandinavischen eine andere Seite der Bemühung um Dialogbereitschaft und des Versuchs, Hinweise auf bedeutsame Aspekte des anthroposophischen Denkens und Kulturlebens zu geben.

Sowohl während einiger Reisen nach Portugal, Norwegen und Italien als auch durch neue E-Mailkontakte lernte ich viel Neues kennen über spirituell suchenden Menschen, über ihre oft verzwickten Familienzusammenhänge, schwere Krankheiten, komplizierte Lebensverhältnisse und etwas über ihre karmischen Vorleben. Die Würde des Einzelnen lernte ich dadurch immer mehr zu achten, um daraus die Karmagesinnung so zu „steigern“, dass Erkenntnisse daraus geboren werden konnten, die für jeden fruchtbar sein können. Bei allen diesen Begegnungen und Aufgaben zuhause und unterwegs, ohne viel Geld zu verdienen, lebte ich stets mit den Fragen: Wie verhalte ich mich am besten? Wie kann ich helfen? Wen kann ich nach seiner Art am besten unterstützen? Was wird noch kommen? Was kann sich daraus weiter entwickeln, sodass die soziale Frage immer mehr Fundament bekommt für neue Perspektiven des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit? Die vier Reisen nach Italien öffneten ebenfalls durch die großartige künstlerische Herausforderung etwas Vielversprechendes für die Zukunft. Überraschend leuchtete gleichzeitig der Schicksalsstern wieder und diesmal stärker als je hinunter auf mein Leben: Durch die persönliche Unsicherheit und das „Versagen“ eines einzigen Menschen schien diese Möglichkeit einer künftigen Teamarbeit sich wieder total durch die Finger zu schlüpfen.

Das Glück in diesem Unglück ist nun, dass ich auf meinen individuellen zentralen karmischen Konflikt aufmerksam geworden bin. Durch den „Splitter“ im Auge meines italienischen Auftraggebers wurde der „Balken“ in mir selbst spürbar. Seit Mitte Dezember leide ich außerdem buchstäblich von einer schwerwiegenden Augenentzündung. Unterstützt durch die Therapie der
psychosomatischen Energetik versuche ich diese Krankheit als Symptom zu lesen für die Tendenz bei mir, „ die Realität (der sinnlichen Welt) nicht sehen zu wollen. Damit werde ich sicher die nächsten 55 Jahre inklusive des kommenden Lebensjahrs beschäftigt sein. Für heilende Zuwendung daraufhin bin ich jederzeit offen!

Die karmischen Hintergründe zu diesem Inkarnationskonflikt kenne ich schon seit Jahren, aber mir war noch ganz wenig bewusst, dass ich wegen solchen früheren „Kollisionen“ mit der Welt dermaßen mich vor der zivilisatorischen Normalitäten der gegenwärtigen Welt schütze, dass daraus erfolgen kann, dass nur ganz wenige Menschen, etwas mit mir anfangen können oder wollen. Wir könnten dieses karmische Dilemma, das auch Rudolf Steiner in Zusammenhang mit den Inkarnationsschwierigkeiten der Platoniker beschrieb, als das „Anti-Karrierist-Syndrom“ bezeichnen. Es ist eine Art Blindheit vor den wirtschaftlichen Gefügen, die unserer Kulturepoche eigen sind. Heute, wenn die vielen alten Gesellschaftsstrukturen, die eigentlich der letzten Epoche vor der Renaissance gehörten, zerfallen und Platz für Neues freimachen, könnte es langsam möglich werden, sich mit einer Gesellschaft zu verbinden, die dem eigenen Wesen verwand sind. Wie und wo entsteht diese für alle Menschen und für mich weltoffene
Friedensgesellschaft?

Bild: Karel van Mander (1548-1606), Die Mäßigung Scipios (1600). Er war ein Dichter, Schriftsteller, Maler und Zeichner aus Westflandern. Im Jahr 1604 verfasste Karel van Mander sein bekanntestes Werk, das Schilder-Boeck („Maler-Buch”), die erste nördlich der Alpen erschienene kunsttheoretische Schrift. Publius Cornelius Scipio Africanus (236-183 v. Chr.), der Überwinder Hannibals im zweiten Punischen Krieg, verband mit den profilierten Talenten eines Feldherrn einen durch Wissenschaften gebildeten Geist. Wenn er sich durch Tapferkeit und List seinen Feinden furchtbar machte, so wusste er sich auf der andern Seite durch seine Mäßigung die Liebe der Überwundenen zu erwerben. Er verstand die große Kunst, sich durch Milde und weise Strenge des Gehorsams seiner Untergebenen zu versichern, und die unterschiedlichsten Menschen und Völker für seine Zwecke zu gebrauchen. Quelle: Wikipedia

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2008/11/06

Melancholie


Mein Temperament ist zusammengesetzt von mehreren Komponenten und eine Dominante zeigt sich je nach Lebensphase anders und je nachdem, wie die verschiedenen inneren und äußeren Umstände usw. sind. Zurzeit dominiert ein melancholischer Zug. Der Melancholiker trägt viel Vergangenes mit. Der Ätherleib des Melancholikers lässt noch immer in sich nachschwingen, was er in vergangenen Zeiten miterlebt hat, bemerkt Rudolf Steiner (GA 145.73).

„Fügt ein Mensch seinen Mitmenschen viel Schmerzen zu, so beruht dies zunächst auf Merkmalen des Astralleibes; aber auch da wirkt die Wiederholung so, dass dem Ätherleib etwas mitgeteilt wird, was sich im nächsten Leben als melancholische Anlage zeigt, die ja auch auf Eigenschaften des Ätherleibes beruht.“ (34.405) Ich erkenne, dass bei mir nicht nur noch aus dem letzten Leben sondern aus mehreren früheren Leben dieses Mitschwingen der Zufügung von Schmerzen an Andere diese depressive Anlage geprägt hat. Und an diesen Menschen in ihren jetzigen Inkarnation aufzuwachen, falls ich sie karmisch erkennen mag, sehe ich als eine besondere Aufgabe, weil ich da vielleicht etwas geben kann, was ihnen hilft, mit ihrem Karma zurechtzukommen.

Mein meisterliches Vorbild in der Heilpädagogik und in der Sozialtherapie, Åslaug Nysæther (1919-80), sagte einmal, dass der Monat November besonders kräftig den Menschen in Depressionen mitreißen könnte. Gegen diese Tendenz im Jahreslauf, als das Verwelkten in der Natur übernimmt, setzte sie den inneren schöpferischen Tatwillen. Sie benutzte selbst diese Zeit immer wieder dazu, sich dem Aquarellmalen zu widmen, um über die Melancholie Herr zu werden.

Bild: Lucas Cranach d. Ä. (1472-1553),
Melancholie (1532). Quelle: Wikipedia

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2008/10/30

Gedächtnisarbeit

Nachdem ich vor vielen Jahren reichlich mit Karma-Erinnerungen und Geist-Erkenntnissen begünstigt wurde, bemerkte ich, dass ich einen inneren Wandel meines seelischen Zustands durchmachte. Ich entschied mich daraufhin sogar zu der außergewöhnlichen Tat, öffentlich über meine früheren Inkarnationen zu sprechen und zu schreiben, weil ich an einem authentischen Beispiel zeigen wollte, dass man anhand von Steiners Karmaübungen auch wirklich Erfolge haben kann.

Eine Folge des Auftretens mit karmischen und geistigen Erfahrungen war, dass viele Menschen in meinem damaligen Lebensumkreis so reagierten, als ob ich mir einen höheren Wert beilege, als würde ich mir für die Gegenwart noch die Taten aus historisch bekannten vergangenen Leben jetzt noch zuschreiben. Ich bekam das Gefühl, als ob sie behaupteten, ich wolle, dass sie mich wegen vergangener Leistungen noch heute verehren sollten. Ich merkte, dass ich mit den meditativen Ergebnissen in der Öffentlichkeit auf einem haarscharfen Weg ging, wo diejenigen, die mich kritisch beobachteten, selbst keine geistigen Erfahrungen bewusst pflegten - auch wenn sie spirituell aufgeklärt waren - und deswegen anscheinend unfähig waren, meinen neuen, inneren Standort zu verstehen. 

Warum gilt es denn, sich nur auf die bestehende Inkarnation zu berufen und sich keine Werte aus früheren Leben beizulegen? Die okkulte Schulung bewirkt eine Erweiterung der Seele, die bedeutet, dass man innerhalb der Meditation den so genannten Astralleib hellwach als Erlebnisorgan benutzen kann. Die Ich-Leistungen aus früheren Leben tauchen zunächst in diesem Erlebnisraum auf, in der aufgewachten Seele, so dass die Gefahr besteht, dass das gegenwärtige Ich-Bewusstsein zu schwach ist, um Stand zu halten gegenüber den eigenen Ich-Wirkungen aus der Vergangenheit. Das gegenwärtige Ich, der Selbstbild davon, kann quasi von dem alten, eigenen Ich-Strom überwältigt werden, darin temporär untergehen oder sogar davor einschlafen. 

Im 8. Teil meines neuen Buches pointiere ich diese Gefahr der Karmaarbeit genauer. Nach den ersten karmischen Imaginationen und übersinnlichen Erlebnissen erkennen wir, dass es eine innere Notwendigkeit ist, das gegenwärtige Ich durch Gedächtnis- und Biografiearbeit zu stärken und sich mit Gegenwartsaufgaben zu befassen. Die Gedächtnisarbeit an erinnerbaren Tatsachen aus dem gegenwärtigen Leben schafft folglich eine Ermutigung des Ich-Bewusstseins, einen Zusammenhalt dessen, wer man gegenwärtig ist und künftig werden will.

Bild: Eine Muse mit Wiegenkithara sitzt auf einem Felsen, der als Helikon bezeichnet wird. Attisch weißgrundige Lekythos, eine spezielle griechische Vase zur Aufbewahrung von Olivenöl. 440-430 v. Chr. Die Musen sind in der griechischen Mythologie Schutzgöttinnen der Künste. Sie sind Töchter des Zeus und der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung. Quelle: Wikipedia

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2008/07/31

Wieder da!

Mein alter Tintenfisch ist hingeschieden! Im hektischen Umzugsstrudel schafften wir leider nicht, uns voneinander zu verabschieden. Ehe ich nach Trauer nachfühlen schaffte, hat er heimgefunden und ist wieder eingeschaltet. Reinkarniert? Tja, Wort für Wort und nichts verloren! Karma ist dessen ungeachtet ein guter Zip-Verpacker. Trotz Antivirus werden dennoch wahrscheinlich einige Würmer und Backdoors mitgekommen sein. Aber eben tritt mein Jobkiller auf mit neuem Namen! Ich war erschrocken! Er nennt sich Fenriswolf, weil wir jetzt in der Wolfharistraße wohnen. Unten an der Blies mit den Mücken war es OK, Polyp zu sein. Hier läuft das anscheinend nicht. Fenriswolf ist jedoch nur sein Pseudonym, das er benutzt, wenn er Online geht. Hier an der Chaussee mit dem umfunktionierten Millich Heisje (lies: Milchhäuschen) gegenüber, wo Jugendliche der Gegend ohne Milch und Sahne sich näher kennen lernen und die alten Leute mit Seideln oder Stickereien memorieren, will er reinweg inkognito sein. Deswegen darf ich seine richtige neue Anrede niemandem verraten.

Da wir nur noch eine eingeschränkte oder keine Konnektivität haben, kann ich das Internet nicht einschalten, weil unser alte Telecom in diesem abgeschiedenen Blieskasteler Stadtteil keine DSL-Anschluss anbietet, und wir uns deswegen mit Glasfaserkabel zufrieden stellen müssen, da alles in der Wohnung dafür schon bestens vorbereitet sein sollte – der Vermieter behauptete und wir glaubten es –, aber als die Mitarbeiter der Installationsfirma hier am vorletzten Dienstag waren, stellten sie fest, dass die Vorarbeit von einem Konkurrenzfirma im vorigen Jahr tadelnswert gemacht worden sei. Folglich konnten sie nicht fortfahren. Jetzt kriegen sie aber vom Auftraggeber einen Zuschuss und können einerlei wann fortsetzen. Entweder geht es also ums Geld oder um die schlecht oder kriminell ausgeführte Arbeit. So könnt doch Deutschland im globalen Spielen nicht rennen!

Weil du diese Zeilen gerade ließt, kannst du jedoch folgern, dass ich entweder in einem Internetcafe sitze oder jetzt wirklich wieder zuhause Online sei, und wenn, dass die Techniker dann zufrieden gestellt seien und in unserem alten Keller der Dorfkneipe die Kabel und Dosen wieder meisterhaft montiert haben, damit da keine unangemeldete Unfälle beim Hinunterschleppen der Winterreifen passieren werde. Ich lasse sie übrigens beim Autohaus für eine kleine Miete übersommern. Wo ich gerade in meinem winzigen kombinierten Atelier, Büro und Bibliothek des Durchgangs zum Kinderzimmer jedoch sitze, war vermutlich einmal der Stammtisch von irgendjemand Hinz und Kunz, Müller oder Neumüller, der in der Wikipedia nicht aufgezeichnet ist. Neumüller ist übrigens hier ein herkömmlicher Name. Das konnten wir auf dem angenehmen Friedhof erschließen. Ungefähr da wo ich mein Bett habe oder drüber, war einst die Bühne, wo altershergebrachte Stücke zum Spaß der Bewohner vorgeführt wurden. So verstehe ich gut, warum ich, seit wir hier wohnen, anders und sehr dramatisch, aber humorvoll träume ? z. B. von Hauslawinen und Motorrädern.
Im Dorf, wo früher alle allen kannten, wird es noch leider einbisschen dauern, bis wir einige unsere Nachbarn kennen lernen werde. Einpaar kenne ich schon, da ich vor Jahren bei der Suche nach einem Atelier z. B. unser Nachbar nordwärts ? ehemaliger Bauer mit Scheune ? kennen lernte, der auch einmal in Norwegen Ferien machte. Ich rede mit ihm über meinen Großvater väterlicherseits, der, als ich Junge war, meinte, dass ich Schullehrer werden sollte, damit ich gut bezahlt bekomme und sogleich lange Sommerferien haben würde. Ich wurde Waldorflehrer und auch Künstler, und ich bekomme eigentlich nie richtige Ferien, weil ich, wenn ich irgendwo im Ausland bin, so oder so immer arbeite, um wieder nach Hause zu kommen, falls ich nicht Trampen will. Aber bis das Stadtteil Wolfersheim Goldmedaille beim Wettbewerb des bundesweiten schönsten Dorfs wieder bekommt ? 2004 wurde es so ausgezeichnet ?, werde ich hier kein Fremder mehr sein.
Das mit dem Inkognito-Sein und der anonymen Profilen im Internet ist nur ein Schein, der vielleicht für einige, aber nicht für alle einen Wert hat. Gaukelei macht bei Kindern viel Spaß, und vielleicht müssen manche da einiges nachholen. Ich habe in meiner Kindheit mit den Nachbarskindern sehr viel Versteck gespielt und auch im Heustadel ? ohne Nadeln zu suchen. Meistens verbargen wir uns, als die Tage wieder kürzer wurden, und wir zugleich in den Bauerngärten grüne Äpfel unauffällig klauen konnten. Wir dachten, sehr heimlich zu sein, aber manchmal wurden wir bemerkt, und da war es mit dem Spaß vorbei, und nur das ungestümste Wegrennen galt.
Etwa ähnlich ist es sowohl mit dem Internet als auch mit dem Blogschreiben. Bin ich anonym, muss ich irgendwann sehr schnell davon brennen, weil jemand mich obgleich erratet. Trete ich mit komplettem Namen auf, wie ich es gerade mache, werde ich ebenfalls an den ausgestreckten Meinungen oder an den Missionen der Anderen anecken. Ob ich deswegen schneller wegkomme oder bei mir ankomme, bleibt eine offene Frage, die mir auch mein vernetzter anonymer Computer keine Infos drei geben kann.
Inkognito zu sein, ist nicht immer einfach. Ein sehr guter anthroposophischer Freund von mir, der seit vielen Jahren verstorben ist und deswegen heute ohne Wohnungsangabe wieder auf der eingebürgerten Tagesbewusstseinsebene total anonym wirken kann, wohnte Ende der 1970er Jahre in einer profilierten Straße namens Inkognito Terrasse in Oslo. Er war damals Single und hielt sich nicht deshalb Gesellschaft mit zwei Katzen, die ihn aber total benachteiligte, da sie überall in der Wohnung nicht sauber hielten. Er galt nichtsdestotrotz fortan als guter Katzenfreund, aber wenige seiner Mitglieder wollten ihn dort zuhause besuchen. Könnte das Anonym-im-Netz-sein-Wollen auch sehr bald in irgendeiner Ecke zu stinken anfangen? Wie ich diese Duftete von anderen modernen Übelgerüche auseinander halten würde, weiß ich aber nicht. Hätte jemand Ahnung?
Sowohl die berechtigte Anonymität als auch das Siezen in der deutschsprachigen Kultur hat eine Existenzberechtigung, weil man sich von unnötigen Angriffen schützen will oder eine bestimmte Intimsphäre bewahren möchte. Sie beinhalten deshalb ebenfalls notwendige Schwellenphänomene. Meine Karmaforschung hat zuhinterst ebenso die Mission, mit der geistigen Anonymität inzwischen allen souveränen Individualitäten aufzuräumen, sodass auch die Angst zwischen Menschen und Menschen einmal für alle zu einer neuen Energiequelle umgewandelt werden kann, sodass der von Rudolf Steiner ankündigte „Krieg aller gegen alle“, falls er kommt – oder hat er schon angefangen? –, gedämpft werden könnte. Das Bloggen und Kommentieren in den neuen Internetgesellschaften – auch wenn zunächst mit fiktiven Namen agiert wird, wo bestmöglich keiner sich als Meister über jemand anderen hochstapelt –, schafft jedenfalls in derselben Richtung, ohne schlechtes Karma zu produzieren, eine ausgleichende Grundlage.
Meine neue Adresse und das aktuelle Telefonnummer sind eben hier abgelegt.

Bild: Teil einer Wandmalerei (1993) in Kinnevaldsgården, Verderslöv (SE)

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2008/06/27

Radikale Intimität

Ab Heute habe ich zu einem stilleren blauen Bild- und Textfläche gewechselt, zumal in einem Kommentar neulich gefragt wurde, warum ich die „Pünktchen“ benutzt habe. Einen Grund dafür habe ich andernorts abgelegt, weshalb hier nicht neu begründet werden soll, da ja jeder seine eigenen Grundlagen erarbeiten kann. Lass mich nur die kleine Änderung im Titel von „michaelisscher Spiritualität“ zu „radikaler Intimität“ begründen. Insofern ist es nur äußerlich eine Änderung, innerlich besteht dieselbe Wahrheit, da radikale Intimität ohne michaelische Spiritualität nicht möglich sei. Ich verfolge hier für mich selbst wiederholt ein Thema, das ich künftig durch weitere Beiträge im Auge behalten werde.

Es geht um die Schritte zu einer neuen Kultur, da die altbekannte westliche, europäisch-amerikanisch dominierte Zivilisation mit dem Übergang zum neuen Millennium meines Erachtens gestorben ist. Da hat Rudolf Steiner noch einmal recht in seinen Vorausblicken bekommen, indem er vor über 80 Jahren davor warnte, dass das Intellekt, wenn es nicht spiritualisiert wird, dazu beitragen würde, die bestehende Kultur Todesstiche zu geben. Was wir jeden Tag - auch mit Deutschland in der Finale der Fußballeuropameisterschaft - erleben, sind die Sterbezuckungen der alten Kultur, die wahrscheinlich noch Jahrzehnte und Jahrhunderte andauern werden. Auch bei intellektuellen, gescheiten Anthroposophen – wenn ich lebendige Beispiele, die öffentlich tätig sind, mit Namen nenne, würde die Liste lang werden - finde ich wenig Verständnis für ein neues imaginatives Bewusstsein, das meines Erachtens notwendig ist, um zukunftsträchtige Initiativen zu gebären und zu begleiten.
Den Begriff „radikale Intimität“ hörte ich zum ersten Mal vom norwegischen Maler und Kunstprofessor Jan Valentin Sæther in Oslo benutzt. Ihm ging es darum, was sonst hinter Rollen wie „privat“ und „öffentlich“ versteckt wird, aus einer höheren Warte wahrhaftig und ehrlich „ohne Schminke“ in jeder Lebenssituation authentisch zu vertreten. Demzufolge möchte ich diese neue Parole ausprobieren.

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