Gamamila

2009/06/08

Das Schimpfbedürfnis

Vor allem für eines werden das Internet und die unzähligen Kommentarforen benutzt, nämlich, um das eigene Schimpfbedürfnis zufrieden zu stellen. Es heißt, dass die Luft nach einem Gewitter gereinigt ist. Was wird aber und wird überhaupt etwas gesäubert, wenn die Menschen ihr Frust und ihren Rüffel meist in beschimpfenden Worten loswerden? Rudolf Steiner äußerte sich einmal zu diesem Thema folgendermaßen:

„Das Fühlen von Mensch zu Mensch hat nämlich eine paradoxe Eigentümlichkeit, dass es zunächst geneigt ist, uns eine gefälschte Empfindung von dem anderen Menschen zu geben. Die erste Neigung im Unterbewusstsein des Menschen im Verkehr von Mensch zu Mensch besteht immer darin, dass uns von dem anderen Menschen im Unterbewusstsein eine gefälschte Empfindung auftaucht, und wir müssen im Leben immer erst diese gefälschte Empfindung bekämpfen. Der Lebenskenner wird sehr leicht bemerken, dass Menschen, die nicht geneigt sind, interessevoll auf andere Menschen einzugehen, eigentlich fast über alle Menschen schimpfen, wenigstens nach einiger Zeit. Man liebt den einen oder den anderen Menschen eine Zeitlang; aber wenn diese Zeit vergangen ist, dann regt sich so etwas in der menschlichen Natur, und man fängt an, auf den anderen irgendwie zu schimpfen, irgendetwas gegen ihn zu haben. Man weiß oftmals selbst nicht, was man gegen ihn hat, denn diese Dinge spielen sich ja sehr im Unterbewusstsein ab. Das rührt einfach davon her, dass das Unterbewusstsein die Tendenz hat, das Bild, das wir uns von dem anderen Menschen machen, eigentlich zu verfälschen. Es gibt kein wahres, kein richtiges Urteil, wenn es nach Sympathien und Antipathien gefällt ist. Und deshalb, weil immer das Unterbewusste im Fühlen nach Sympathie und Antipathie geht, entwirft es immer ein gefälschtes Bild des Nebenmenschen. Man muß sich sagen, dass man namentlich mit Bezug auf den Gefühlsverkehr mit anderen Menschen ein erwartendes Leben führen muß. Man darf nicht auf das Bild gehen, das sich einem zunächst von dem Menschen aus dem Unterbewussten in das Bewusstsein hinaufdrängt. Dasjenige, was von Menschen durch Sympathien und Antipathien kommt, ist von vornherein so, dass es antisoziale Lebensströmungen in die menschliche Gemeinschaft hineinwirft. Man kann sagen, so paradox das klingt, eine soziale Gesellschaft wäre eigentlich nur möglich, wenn die Menschen nicht in Sympathien und Antipathien lebten.“

(Aus: Geschichtliche Symptomatologie, GA 186, Dornach 1982, Seite 96f.)

Bild: Fluchtafel auf Griechisch, Bleilamelle, 4. Jh. n. Chr., Fund aus dem Kolumbarium der
Villa Doria Pamphili in Rom. Quelle: Wikipedia

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2009/02/13

Seelenprüfungen

Es wird von vielen Anthroposophen heute gefordert, nicht mehr Rudolf Steiner zu zitieren. Das ist keine schlechte Anforderung. Irgendwann schon im letzten Jahrtausend hatte ich selbst damit größtenteils - mindestens in Gesprächen - aufgehört. Nichtsdestotrotz finde ich immer wieder Stellen in seinem Werk, die in seinem Wortlaut, wie in Marmor ausgehauen, da stehen und von einer genuin abgeschlossenen, aber zugleich zu allen Seiten offenen Klausur Kunde tun. Hier noch ein solcher Beispiel:

„Jedesmal, wenn eine neue Geistesoffenbarung kommt, wird eine Prüfung der Seele zu bestehen sein. Aus einer jeglichen Stufe der Entwickelung entspringen neue Prüfungen, und wir müssen geradezu den Impuls für alle höhere Entwickelung darin sehen, dass unsere Seele niemals abzuschließen braucht, sondern sich immer höheren und auch vielleicht schwereren Prüfungen unterziehen kann. Niemals bleiben aber aus, wenn die Seele die Prüfungen besteht, die Geistesoffenbarungen, die, vielleicht erst nach längerer Zeit, der Seele dasjenige geben, zu dem sie durch ihre Prüfungen aufsteigen muß.“

Zitat aus dem Vortrag von Rudolf Steiner am 26. August 1911 in: Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen, GA 129, Dornach 1960, Seite 203

Bild: Wolf von Hoyer (1806-1873) Psyche (1842), Neue Pinakothek in München
Quelle: Wikipedia (cc) FlickreviewR

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2009/01/26

Anthroposophen im Strudel der Umkehrung der Seelenkräfte

Die Finale der „Totschlag-Polemik“ mit Holger Niederhausen

In einer Erwiderung setzt sich Holger Niederhausen mit meinem Beitrag über seine Website auseinander, und sein Wahrheitsempfinden regt sich heftig angesichts meiner Diagnose seines denkerischen Zustands. Auf eine Diskussion in meinem Blog lässt er sich nicht ein, da er findet, dass mein Beitrag zeigt, „wie man sich in Totschlag-Polemik verliert, ohne auf den Kern der Sache einzugehen“. Da Niederhausen selbst in seiner Einseitigkeit mangelnd bereit ist, auf den Kern, den ich ihm aushändige, einzugehen, hat er die Möglichkeit zum sachlichen Dialog von vornherein abgelehnt.

Ich werde mich trotzdem darum bemühen, einigen seiner Gesichtspunkte und Fragen nachzugehen, um dabei mein Streben in der Anthroposophie klarzumachen, sodass meine Gesinnung ihn gegenüber und auch meine Position innerhalb der anthroposophischen Bewegung durchsichtig werden kann. Demzufolge gebe ich ihm nochmals die Chance, sich anders zu positionieren, zumal ich erkenne, dass wir in einer entscheidenden Frage gemeinhin einig sind… [weiter]

Abgelegt in Chronik


Bild: Totenmaske von Rudolf Steiner. Quelle: luzi-m.org

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2009/01/20

Wie man in den Wald hineinruft…

Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht ihre Fehler und Verirrungen an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern!

Adolph Freiherr Knigge (1752-96)

Zum Internetauftritt von Holger Niederhausen

„Auf Mieke Mosmullers kritisches Buch zu Judith von Halle habe ich allerdings schon hingewiesen. In dasselbe Horn bläst Holger Niederhausen auf seiner Website - nicht nur in diesem Aufsatz. Er beschäftigt sich auch mit der ‚Christusleere’ Sebastian Gronbachs, macht aber in einem Aufwasch auch die gesamte gegenwärtige Anthroposophie herunter: ‚Die Anthroposophie ist tot. Sie starb, weil niemand das reine Denken entwickelte, zu dessen Entwicklung Rudolf Steiner im Grunde immer wieder aufgerufen hatte. Wenn aber die Anthroposophie tot ist, kann sie auch die menschliche Kultur nicht mehr befruchten.’ Niederhausen lässt in seinem pessimistischen, engen Blick offenbar nur die Bücher Mieke Mosmullers gelten: ‚Man muss es so drastisch beschreiben, wie Mieke Mosmuller es in Ihrem erschütternden Buch Der lebendige Rudolf Steiner tut. Die Anthroposophie liegt als Leichnam am Boden. Sie starb mit Rudolf Steiner – und wurde wie eine Mumie so gepflegt, dass nachfolgende Generationen von ‚Anthroposophen’ sie mit ihrem eigentlichen Wesen verwechselten – so wie man ihr Wesen schon zu Steiners Zeiten nicht erkannt hatte, sondern immer wieder ein zu äußerliches Verständnis hatte: von der Philosophie der Freiheit, von der sozialen Dreigliederung, von allem...’ 

Diese Beispiele ließen sich nahezu endlos fortsetzen. Auf staatlicher Ebene würde man von ‚separatistischen Bewegungen’ mit einem Alleinvertretungsanspruch sprechen, der mehr oder weniger drastisch vorgebracht wird. Fast alle Separatisten beklagen das Ende der Anthroposophischen Bewegung - ob die von Halle-Ecke, ob Niederhausen oder Gronbach - und präsentieren ihre jeweiligen allein selig machenden Lösungen. Man hat den Eindruck, dass die Fragmentarisierung der Bewegung voran schreitet, mit zunehmend schrilleren Tönen.“
 
Dieses charakteristische Zitat aus dem Text genannt Fragmentarisierung habe ich von dessen Autor Michael Eggert ausgeschnitten, um auf den Autor Holger Niederhausen zu kommen. Durch seine Beiträge in der Wochenschrift Das Goetheanum kenne ich dessen Namen. Seine Internetpräsenz habe ich mich nun näher angeschaut, und zu einigen seiner Standpunkte und Informationen möchte ich einige Kommentare geben und Nachfragen aufstellen...[weiter]

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Bild: Echo und Narcissus (gemalt von John William Waterhouse). Echo ist in der griechischen Mythologie eine Tochter der Gaia, eine Oreade, und die Nymphe des Berges Helikon. Quelle: Wikipedia

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2008/12/12

Über die Enthüllung der Mysterien

Die Gesellschaft ist nicht mehr nötig, weil die Anthroposophie schon auf Erden ist. Auf den einzelnen Menschen kommt es jetzt an und die müssen dann zusammen bilden aus ihrer Entwickelung heraus einen höheren Verein, der seine Wurzeln hat in der geistigen Welt. Jede individualistische Entwickelung ist hiermit bewahrt, jede Freiheit des einzelnen Menschen und aus der Einsicht des einzelnen Menschen heraus fühlt er sich mit diesem Geistverein oder Michaelschule verbunden. So hat es mir in meinem Innern geklungen. Auf mein eigenes Darinnenstehen in diesem Impuls, darauf kommt es an. Das andere richtet sich von selbst.

Ita Wegman, 1935


Der Leiter des Ita Wegman Instituts für anthroposophische Grundlagenforschung (Arlesheim), Prof. Dr. med. Peter Selg, hat wieder ein bemerkenswertes Buch zum Lebenswerk von Rudolf Steiner und zum Wirken von Ita Wegmann veröffentlicht. Der inzwischen ernannte Professor für medizinische Anthropologie an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft (Alfter bei Bonn) scheint derzeit zu sein einer der fleißigsten anthroposophischen Autoren. Er hat viele Veröffentlichungen nicht nur über die geistigen und sozialen Hintergründe des Wirkens von Steiner und Wegman und deren engen Zusammenarbeit geliefert, sondern er hat auch zahlreiche Publikationen selbst geschrieben oder koordiniert zu verschiedenen Themen der Anthroposophie, der Medizin und der Heilpädagogik und zu anderen Pionieren der anthroposophischen Bewegung wie u. a. Christian Morgenstern, Edith Maryon, Marie Steiner-von Sivers, Helene von Grunelius, Siegfried Pickert, Karl König, Gerhard Kienle. Außerdem hat er Bücher über andere beispiellosen Gestalten des 20. Jahrhunderts geschrieben wie Paul Celan und Nelly Sachs, Hans und Sophie Scholl, Rainer Maria Rilke und Franz Kafka…[weiter]

Abgelegt in Chronik 

Bild: Umschlag von Peter Selg, Rudolf Steiner und die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Quelle: Verlag des Ita Wegman Instituts

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2008/11/18

Die Anthroposophische Gesellschaft als „Hemmschuh“ der Anthroposophie

„…als ein lebendiger Anachronismus, als das Bild, wie gesagt, einer barbarischen, in Gefahr schwebenden Gesellschaft, als ein posthumes Werk der Vergangenheit, welches für die Räder der Gegenwart nur den Wert eines Hemmschuhs haben kann.“

Friedrich Nietzsche

in:
Menschliches, Allzumenschliches II.
Ein Buch für freie Geister
(1879)


Bild: Lou von Salomé, Paul Rée und Freiedrich Nietzsche. Von Nietzsche selbst 1882 arrangierte Fotografie. Quelle: Wikipedia

Ramon Brüll
befürwortet in Info3
die Auflösung der Anthroposophischen Gesellschaft (AAG), weil er findet, dass ihre Existenz heute die weitere Entwicklung der Anthroposophie verhindere:

„In großen Zügen könnte man die Entwicklung der Anthroposophie charakterisieren von einer Geheimgesellschaft (ab ca. 1913), über eine ‚durchaus öffentliche’, aber organisatorisch begrenzte Interessensgemeinschaft (ab 1923) bis hin zu einer Bewegung, die durch die Gründung vieler lebenspraktischer Einrichtungen (Höhepunkt in der Post-68er-Phase) öffentliche Anerkennung findet. Der nächste Schritt muss konsequenterweise sein, Anthroposophie als öffentliches Gedankengut, also als Teil des allgemeinen Kulturlebens und nicht länger als Alternative zu ihm zu verstehen. Um das zu erreichen, darf Anthroposophie gar nicht mehr organisatorisch vereinnahmt werden und folglich müsste die Anthroposophische Gesellschaft aufgelöst werden.“

Andreas Neider, verantwortlicher Redakteur des Mitteilungsblattes der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, stellt die Thesen in der Info3 in Frage und fordert zur Diskussion auf. Bei dieser Forderung der Auflösung bzw. „Hineinopferung“ zugunsten eines „aktuellen Zeitgeistes“ vermisst Neider das, „was Rudolf Steiner von jedem seiner Schüler erwartete, nämlich die eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung eben dieser Anthroposophie“. Einer der Vorbilder dieser Fortschritt seit Rudolf Steiner sieht Neider in Herbert Witzenmann. Welche sind die anderen, und warum sind diese Anthroposophen-Ideale nicht so augenfällig gewesen, dass sie auch in der allgemeinen Gesellschaft geschweige denn innerhalb den eigenen Reihen selbst eine Geltung hatten und haben?

Was Michael Eggert als „bemerkenswert dünner Substanz“ in der Argumentation Neiders nennt, bezieht sich auf ein esoterisches Thema der Anthroposophie: der Umgang mit den Verstorbenen. Neider schreibt: „Die Antwort nach der Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft findet sich meiner Meinung nach einzig und allein dadurch, dass man konkret auf die eigene spirituelle Verantwortung für das, was Rudolf Steiner den Mitgliedern dieser Gesellschaft als Aufgabe übertragen hat, hinblickt.“

Neider schreibt, dass es Rudolf Steiner eines der wichtigsten Anliegen sei, „seine Schüler davon zu überzeugen, dass die Verstorbenen in einer lebendigen, spirituell gegenwärtigen Welt leben, zu der wir Lebenden einen real wirksamen Bezug herstellen können.“ Andreas Neider fühlt sich erfreulicherweise diesem Anliegen gegenüber zum realen, geistigen Dialog verpflichtet. Ähnlich wie Mieke Mosmuller plädiert er für einen direkten Kontakt mit Rudolf Steiner als der Bezugspunkt der weiteren Entwicklung der Anthroposophie inklusive seiner Schüler, die auch verstorbenen, aber im Geistigen weiterhin wirksam sind. Solche allgemeine Anspielungen sind im privaten Bereich schon in Ordnung, aber heute taugen sie zu nichts mehr, falls man mit der Anthroposophie etwas öffentlich erreichen möchte. Hier muss man konkret und ichbezogen sein! Das ist ein Problem der anthroposophischen Gesellschaft mit deren Hochschule, dass sie nur ein – gestorbener - Geistesforscher „hat“. Welche neue Ergebnisse und Schöpfungen kann sie aus aktueller übersinnlicher und spiritueller Forschung vorzeigen? Wie der Kontakt zu dem verstorbenen Rudolf Steiner und zu anderen Vorgänger erstellt werden könnte, beschreibt Neider jedoch und leider nicht. Für ihn ist die Welt der Verstorbenen keine Welt der Vergangenheit, sondern sie bringt ihn in Beziehung mit der eigentlichen, höheren Realität seines Daseins. Leider bringt er dabei auch keinen konkreten Beispielen, wie diese höhere Realität sein Leben verändert hat gegebenenfalls im Jetzt beeinflusst.

In einer Hochschulkonferenz in Schweden 1997 versuchte ich gerade dieses von Andreas Neider angedeutete Vorhaben „der eigenständigen esoterischen Erarbeitung und Weiterentwicklung“ der Anthroposophie durch authentische individuelle Beispiele in einem Plenumsgespräch auszuüben. Ich sprach von einem individuellen Geist-Erleben mit dem verstorbenen Dornacher Vorstand und Sektionsleiter Jørgen Smit und zwei anderen in Skandinavien bekannten verstorbenen Anthroposophen. Das ging damals überhaupt nicht. Mein Versuch des neuen Konzepts wurde sofort als etwas nicht Vereinbares mit der Repräsentanz der Hochschule von einigen prominenten Anthroposophen und vom damaligen Generalsekretär der schwedischen Landesgesellschaft, Anders Kumlander, aburteilt. Er replizierte, dass es nur innerhalb einer Klassenstunde angebracht sei, mit Verstorbenen in Kontakt zu treten! Dieses Intermezzo ist mir in der Erinnerung so deutlich geblieben, dass daraus eine anschauliche Szene in einem 5. Mysteriendrama dramatisiert werden könnte.

Eine Patientin einer anthroposophischen Klinik erzählte mir einmal folgende Anekdote: Sie kannte eine andere Patientin, die berichtete, dass sie eine Christus-Erlebnis gehabt hätte. Sie erzählte es einmal während einer Patientenrunde. Darauf soll ein ärztlicher Verantwortlicher, der auch Lektor der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (FHG) war und noch heute ist, zu der Letzteren gesagt haben, dass dies unmöglich sei, weil sie kein Mitglied der Hochschule sei! Als ob also nur innerhalb den traditionellen anthroposophischen Institutionen und Gremien echte geistige Erfahrungen erfolgen könnten. So ein Unsinn! Seitdem habe ich viele weitere ähnliche irrationelle und immerhin sozial verständliche aber nicht akzeptable Reaktionen und Tendenzen in der FHG und in der AAG erlebt, wenn es um geistige Erfahrungen gingen, dass es für mich kein Sinn mehr machte, darin Mitglied zu bleiben.

Im Verhältnis zu der Anthroposophie, die in meiner Seele lebt, brauche ich folglich nicht mehr die althergebrachte AAG und sie braucht auch nicht mich für ihre Anthroposophie, sonst hätte Andreas Neider sich längstens gemeldet. Und Ramon Brüll braucht meine Unterstützung mit seiner Auflösungskampagne sicherlich auch nicht. Eine solche Kampagne wird sowieso wenig bewegen können, da die Bejahung für die AAG so stark ist, dass sie lange noch bestehen wird. Davon bin ich überzeugt. Ich bezweifele auch nicht, dass Anthroposophie ihr Weg neben der AAG in die Welt findet und finden wird. Sie entsteht und lebt bei einzelnen Menschen und in Menschenbeziehungen, wo man einen direkten Kontakt schafft zu der Individualität, die den Namen Rudolf Steiner im letzten Leben trug, und zu anderen Individualitäten, z. B. Jörgen Smit und viele andere, die Anthroposophie lieben, weil sie eine Herzensangelegenheit der Ohnmacht ist, und deswegen keine Institution mit Alleinvertretungsanspruch als Leib, aber selbstverständlich ein freies Kulturleben braucht, vorausgesetzt, dass darin „ein gemeinschaftsbildender Raum“ geschaffen wird. In einem Vereinsdokument kann dies aber nicht proklamiert werden.

Rudolf Steiner hat an der Weihnachtstagung 1923 keinen traditionellen Verein, sondern eine Herzensgemeinschaft gegründet, der es die Aufgabe zukam, Ordnung im Karma zu schaffen. Und solange nicht genug Mitglieder und Vertreter der AAG und der FHG die Interesse haben, dafür aus Steiners Anweisungen und aus der Anthroposophie entstandenen anderen konkreten Wegen der Karmapraxis und der Karmaforschung anzutreten, bleibt die Anthroposophische Gesellschaft für die Anthroposophie selbst ein hinderlicher „Hemmschuh“. Hemmschuh könnte sicherlich auch als ein bejahendes Bild verstanden werden, allenfalls man meint, dass die AAG eine notwenige Fahrtbremse für irgendwelche zu schnell laufenden anthroposophischen Entwicklungen sei. Die Bremsefunktion wurde jedoch in der Vergangenheit vielmehr irrtümlich angetreten, sodass „Entgleisungen“ wie diejenige im Jahre 1935 aufzogen. Ich gebe Ramon Brüll in seiner Standortbeschreibung grundsätzlich Recht, und ich begrüße und bedanke ihn, dass er den Mut hat, zu notwendigen Veränderungen aufzurufen.

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2008/11/06

Melancholie


Mein Temperament ist zusammengesetzt von mehreren Komponenten und eine Dominante zeigt sich je nach Lebensphase anders und je nachdem, wie die verschiedenen inneren und äußeren Umstände usw. sind. Zurzeit dominiert ein melancholischer Zug. Der Melancholiker trägt viel Vergangenes mit. Der Ätherleib des Melancholikers lässt noch immer in sich nachschwingen, was er in vergangenen Zeiten miterlebt hat, bemerkt Rudolf Steiner (GA 145.73).

„Fügt ein Mensch seinen Mitmenschen viel Schmerzen zu, so beruht dies zunächst auf Merkmalen des Astralleibes; aber auch da wirkt die Wiederholung so, dass dem Ätherleib etwas mitgeteilt wird, was sich im nächsten Leben als melancholische Anlage zeigt, die ja auch auf Eigenschaften des Ätherleibes beruht.“ (34.405) Ich erkenne, dass bei mir nicht nur noch aus dem letzten Leben sondern aus mehreren früheren Leben dieses Mitschwingen der Zufügung von Schmerzen an Andere diese depressive Anlage geprägt hat. Und an diesen Menschen in ihren jetzigen Inkarnation aufzuwachen, falls ich sie karmisch erkennen mag, sehe ich als eine besondere Aufgabe, weil ich da vielleicht etwas geben kann, was ihnen hilft, mit ihrem Karma zurechtzukommen.

Mein meisterliches Vorbild in der Heilpädagogik und in der Sozialtherapie, Åslaug Nysæther (1919-80), sagte einmal, dass der Monat November besonders kräftig den Menschen in Depressionen mitreißen könnte. Gegen diese Tendenz im Jahreslauf, als das Verwelkten in der Natur übernimmt, setzte sie den inneren schöpferischen Tatwillen. Sie benutzte selbst diese Zeit immer wieder dazu, sich dem Aquarellmalen zu widmen, um über die Melancholie Herr zu werden.

Bild: Lucas Cranach d. Ä. (1472-1553),
Melancholie (1532). Quelle: Wikipedia

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Der schöpferische Verzicht

„Im allgemeinen wird der Mensch zu der Annahme geneigt sein, daß von der Stärke des Willensimpulses die Größe der Tat abhängt. Das ist aber nur bis zu einem gewissen Grade richtig. Aber in der geistigen Welt ist das gar nicht so, sondern da tritt das Gegenteil von dem ein. Da ist es so, daß zu den größten Taten, zu den größten Wirkungen, können wir besser noch sagen, nicht eine Verstärkung des positiven Willensimpulses notwendig ist, sondern vielmehr eine gewisse Resignation, ein Verzicht. Wir können da schon von den kleinsten, rein geistigen Tatsachen ausgehen. Wir erreichen eine gewisse geistige Wirkung nicht dadurch, daß wir möglichst unsere Begehrlichkeit in Szene setzen, oder möglichst Geschäftig sind, sondern in der geistigen Welt erreichen wir gewisse Wirkungen dadurch, daß wir unsere Wünsche und Begierden bezähmen und auf deren Befriedigung verzichten.

Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe es darauf abgesehen, durch innere geistige Wirkungen etwas in der Welt zu erreichen. Dann muß er sich dazu vorbereiten, daß er vor allen Dingen seine Wünsche, seine Begierden unterdrücken lernt. Und zu den größten geistigen Wirkungen, sagen wir zu magischen Wirkungen, gehört immer eine solche Vorbereitung, die zusammenhängt mit Verzicht auf Wünsche, Begierden, Willensimpulse, die in uns auftreten. Je weniger wir ‚wollen’, je mehr wir uns sagen: Wir lassen das Leben an uns vorüberströmen und begehren nicht dies und begehren nicht jenes, sondern nehmen die Dinge, wie sie uns Karma zuwirft –, je mehr wir so Karma und seine Wirkungen hinnehmen und ruhig uns verhalten in einem Verzicht in bezug auf alles, was wir sonst im Leben erreichen wollen für dieses Leben, desto kräftiger werden wir zum Beispiel in bezug auf Gedankenwirkungen. Bei einem Menschen, der ein sehr begierdenvoller Mensch ist, der es vor allen Dingen liebt, recht gut zu essen und zu trinken und auch sonst begierdenvoll ist, bei dem wird sich herausstellen, wenn er zum Beispiel Lehrer oder Erzieher ist, daß seine Worte, die er an seine Zöglinge richtet, nicht viel erreichen; das geht bei den Zöglingen zum einen Vervollkommnung für den Okkultisten Ohr hinein, zum anderen heraus. Er wird dann der Meinung sein, daß dies die Schuld der Zöglinge wäre. Das ist aber nicht immer der Fall. Der Mensch, der eine höhere Lebensauffassung hat, der mäßig lebt, der nur so viel ißt, als nötig ist, um das Leben zu unterhalten, der vorzugsweise darauf bedacht ist, die Dinge, die das Schicksal gibt, hinzunehmen, der wird allmählich merken, daß seine Worte eine größere Kraft haben: ja, sein Blick kann dann schon eine große Kraft haben, und es braucht nicht einmal zum Blick zu kommen, er braucht nur neben dem Zögling zu sein, braucht nur einen aufmunternden Gedanken zu haben, den er gar nicht äußert: das wird auf den Zögling übergehen. Das alles hängt ab, von dem Grade des Verzichtes, der Resignation gegenüber dem, was der Mensch sonst verlangt.

Nun ist für geistige Betätigungen, um geistige Wirkungen in den höheren Welten zu erzielen, der richtige Weg der, welcher durch den Verzicht geht. In dieser Beziehung bestehen viele Täuschungen; und Täuschungen führen nicht – deshalb, weil sie auch im Äußeren so ähnlich aussehen – zu den richtigen Wirkungen. Sie alle kennen das, was man im gewöhnlichen Leben die Askese, die Selbstpeinigung nennt. Die Selbstpeinigung kann in vielen Fällen geradezu eine Wollust sein, die der Betreffende aus der Begierde heraus wählt, zum Beispiel, um viel zu erreichen, oder sei es auch aus einem anderen Begierdequell. Dann wirkt die Askese nichts; denn sie hat nur dann eine Bedeutung, wenn sie als Begleiterscheinung des schon im Geistigen wurzelnden Verzichts auftritt – der schöpferische Verzicht.“ (Rudolf Steiner in: GA 132.43f)

Bild: Edvard Munch, Selbstporträt in der Hölle, 1903. Öl auf Leinwand, 82 x 66 cm. Munchmuseet, Oslo. © The Munch Museum/The Munch-Ellingsen Group/2007, ProLitteris, Zürich. Quelle: beyeler.com

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2008/11/05

Trichotomie

„Dreierlei bedingt den Lebenslauf eines Menschen innerhalb von Geburt und Tod. Und dreifach ist er dadurch abhängig von Faktoren, die jenseits von Geburt und Tod liegen. Der Leib unterliegt dem Gesetz der Vererbung; die Seele unterliegt dem selbstgeschaffenen Schicksal, dem Karma. Und der Geist steht unter dem Gesetze der Wiederverkörperung der wiederholten Erdenleben.“ (Rudolf Steiner in: GA 9.88)

In der christlichen Anthropologie bezeichnet Trichotomie die Auffassung, dass der Mensch konstituiert ist durch drei Glieder, die meist bezeichnet werden als Geist, Seele und Leib. In der römisch-katholischen Kirche gilt diese Lehre seit dem 4. Konzil von Konstantinopel von 869-870 als Ketzerei, insoweit man den Geist zu einer selbständigen Substanz neben der Seele macht.

Also ist es verständlich, dass die katholische und andere später entstandene Kirchen plus philosophische Systeme und psychologische Schulen, die den Geist verleugnen, keine menschliche Reinkarnation durch mehrere Erdenleben akzeptieren können. Dieses 4. Konzil von Konstantinopel anerkennt die katholische Kirche und rechnet es als das achte ökumenische Konzil. Von der orthodoxen Kirche wird es aber abgelehnt. Wer Reinkarnation und Karma heute vertritt, lehnt sich also gegen einen jahrtausendealte Tradition auf, und er muss davon ausgehen, dass es als Häretiker betrachtet wird. Konkret über frühere Leben und von karmischen Zusammenhängen zu berichten, ist folglich ein Wagnis.

Mit meiner karmischen Autobiographie von 1999 riskierte ich, mich selbst als aufklärendes Beispiel zu enthüllen, um zu zeigen, dass es im Jetzt durch dauerhaftes, meditatives Üben durchaus möglich ist, karmische Erkenntnis in großem Umfang zu erringen. In diesem Buch beschrieb ich, wie ich mich als ein meditativ Übender und Forschender im rein geistig-seelischen Erfahren begriff. Die karmischen Imaginationen boten Stützen für erhebliche Erkenntnisse über die Schicksalsgefüge. Ich präsentierte zwölf miteinander innig verknüpfte frühere Erdenleben inklusive einiger Einblicke bezüglich anderer Individualitäten, die mir immer nahe gestanden haben.

Ich wollte anschaulich machen, dass das übersinnliche Schauen, das Geist-Erleben und die Karmaerkenntnis anhand früherer Leben in ihrem Bezug zu heute für das Alltagsleben positive Folgen haben. Ich hätte gewiss solche besonderen Intimitäten verschweigen oder begrenzt mitteilen oder, wie ein Freund es mir empfahl, alles in Romanform berichten können. Nachdem bestimmte geistige Mächte mir überraschend mitteilten, dass ich versuchen könnte, meine übersinnlichen Erfahrungen bekannt zu geben, entschied ich mich, entgegen der Meinung Vieler, rätselhaftes Karma zu publizieren. Somit machte ich eine Zäsur mit, die andere Autoren begonnen hatten. Ich wollte herausfinden, ob Karmaverständnis sozial wirksam sein kann und ob esoterische Erkenntnis, wenn sie als aktuelle geistige Forschung präsentiert wird, öffentlicher Kritik parieren kann.

Da ich meinte, die Signatur der Gegenwart erfasst zu haben, versuchte ich, den Weg eines Outsiders durchzuhalten und mich bewusst der aufziehenden negativen Kritik auszusetzen, während viele z. B. behaupteten, dass ich gegen normale Diskretion verstoße. Es war für mich keine Tat des Übermuts, was zwar einige anthroposophische Kritiker erklärten, sondern ich ging einen schmalen Pfad der modernen Mysterien, so wie es mir mein Karma erlaubte. Dass auf diese Weise vieles anders geschah, als ich es mir erhoffte, und ich deswegen vielen Angriffen bis auf Rufmord Stand halten musste, ändert nichts an der Tatsache, dass ich es heute noch einmal tun würde.

Die Trichotomie heute zu vertreten, führt mich nicht zum Schafott oder zum Galgen, aber meine Wahl, mich für den reinkarnierenden Geist und für die schicksalsträchtige Seele einzusetzen, lässt mir erahnen, was eine globale Einsamkeit vermag, dass sie so umfassend sein kann, dass alle anderen menschlichen Individualitäten darin erinnert werden können.

Bild: Fra Angelico: Enthauptung der Heiligen Cosmas und Damian, 1348. Quelle: Wikipedia

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2008/11/04

Ist Karma etwas, vor dem wir uns fürchten sollen?


Es gibt keine Anthroposophie ohne die Idee von Reinkarnation uns Karma. Im Rudolf Steiners Werk, in seinen Büchern und Vortragsnachschriften, gibt es genug Belege dafür, dass Karma und Reinkarnation zur zentralsten Begriffen der Anthroposophie gehören. Wenn ich nur einige solche Textstellen aus dem geschriebenen und gesprochenen Kontext herausnehme, und sie mit meinen eigenen Lebenserfahrungen verbinde, stehe ich vor Tatsachen, die manch ein Rätsel beleuchten, und mir gegebenenfalls Hilfeleistungen gebe, wenn ich schaffe, die darin beschriebenen Wahrheit mit meiner Individuellen Situation zu integrieren. Ich werde unten und in kommenden Beträgen einpaar solche Stellen zitieren und dazu ein Kommentar geben. Die in Klammern stehenden Ziffern beziehen sich auf die Publikations- und Seitennummer in der Gesamtausgabe (GA) des Werks von Rudolf Steiner herausgegeben vom mit seinem Namen identischen Verlag in Dornach, Schweiz.

„In jedem Moment des Lebens stellt das Karma etwas dar, wie die Bilanz eines Geschäftsmannes. Mit jeder Handlung, sie sei gut oder schlecht, vermehrt der Mensch sein Soll oder sein Haben. Wer (bei einer möglichen Handlung) einen Akt der Freiheit nicht zugeben möchte, würde einem Kaufmann gleichen, der nicht das Risiko einer neuen Geschäftsunternehmung eingehen möchte und sich immer auf dem gleichen Stande der Geschäftsbilanz halten würde.“ (94.117)

Karma ist immer vorhanden. Es steht nicht still, sondern verändert sich mit meinem Mitgehen oder Nichtmitgehen in der Schicksalsbewegung. Ich kann nur bedingt wissen, was aus meinem Tun entsteht, da die Folgen meiner Handlungen sich gemäß den Veränderungen in meinem Umfeld sich auch verändern. So gesehen, stehe ich mit meinem Karma im Spannungsfeld zwischen dem Vergangenheitsstrom aller gemeinsamen Tradition und der individuellen Entscheidung für eine offene Zukunft.  

„Eine Wesenheit, die einmal tätig war, steht in der Folge eben nicht mehr isoliert da; sie hat ihr Selbst in ihre Taten gelegt. Und alles, was sie wird, ist fortan verknüpft mit dem, was aus den Taten wird. Diese Verknüpfung einer Wesenheit mit den Ergebnissen ihrer Taten ist das die ganze Welt beherrschende Gesetz von Karma. Die Schicksal gewordene Tätigkeit ist Karma.“ (34.93)

Karma ist auch nicht denkbar, wenn ich es nicht mit einem Eigenwesen in Zusammenhang bringe. Nur ein Selbstseinswesen, eine Individualität, die einen Teil oder ein Glied ihrer Existenz auch außerhalb des Sinnesseins verlagert, kann Karma kreieren. Alle anderen Lebewesen und Welterscheinungen, die durch ihr Sein Folgen für andere Erscheinungen haben, sind in Prozessen verhaftet, die meist unmittelbar eine oder mehrere Wirkungen hervorrufen. Eine karmische Wirkung lässt sich demgegenüber als ein zusammengehaltenes Element über Jahrhunderte und Jahrtausende in wechselnden Umständen durch ein ihr verwandtes Bewusstsein verfolgen.  

„Wenn die Möglichkeit nicht gegeben wäre, sich über den Irrtum zu erheben, so müsste der Mensch zuletzt in Irrtum versinken. So aber ist die Wohltat des Karmas eingetreten. Ist Karma irgendetwas, vor dem der Mensch sich fürchten soll? Nein! Karma ist eine Macht, für die der Mensch eigentlich den Weltenplänen dankbar sein sollte. Ohne Karma wäre unser Fortschreiten in der menschlichen Laufbahn unmöglich. Karma erweist uns die Wohltat, dass wir jeden Irrtum wieder gutmachen müssen, dass wir alles, was wir rückwärts getan haben, wieder vernichten müssen.“ (107.246)

Karma als Wohltat „Gottes“ zu denken, schafft mir neue Stützen in der Selbsterkenntnis. Karma als Wohltat zu fühlen, zu erleben, schafft mir die Fülle für monumentale Projekte in der Welterkenntnis. Karma als Wohltat mit dem eigenen Tun zu verbinden, gibt mir die Begrifflichkeit, zu betätigen das Karmabewusstsein als individuelles Instrument im Sozialen. Meine eigenen Irrtümer vor kurzem und diejenigen der Anderen, die im 20. Jahrhundert und die in der Geschichte, können nur „vergessen“ werden, wenn ich sie eingieße im „Kompost“ des Karmas, in einer bewussten Umschmelzung der irrtümlichen Handlungen, wobei ich erneut absolut alles – unter Umständen nur in einem Konzentrat – anschaue, anpacke und auspacke. Karma unter einem Teppich eines vorübergehenden Vergessens zu kehren, schafft nur neue Irrtümer, schafft Monolithe entgleister Kultur.

Bild: Aristotile (Bastiano) da Sangallo (1481–1551): Grisaille nach Michelangelos Schlacht von Cascina (bei Pisa). Quelle: Wikipedia

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2008/10/02

Anwältin für Rudolf Steiner

Eine Buchbesprechung: Mieke Mosmuller, Der lebendige Rudolf Steiner. Eine Apologie

In diesem Jahr des Einstimmens habe ich wenige Bücher gelesen. Heutzutage schaffe ich ein Buch fertig zu lesen, vorwiegend, wenn ich auf längere Reisen ohne Auto bin. Während der letzten in Skandinavien und Italien hatte ich Der lebendige Rudolf Steiner. Eine Apologie von Mieke Mosmuller als Lektüre mit. Ihre früheren vielen Bücher – die gebürtige Niederländerin hat seit 1994 in deutscher Sprache sieben und insgesamt 19 Bücher veröffentlicht – habe ich nicht gelesen, weswegen meine Kommentare und meine Kritik jetzt mit gewissem Vorbehalt gegeben werden. Mosmuller scheint also unter anderen anthroposophischen Autoren wie Sergej O. Prokofieff und Peter Selg ganz vorne im esoterisch-exoterischen Turnier sich zu tummeln.

In der Autorenpräsentation ihres Verlags, das gegründet worden ist von ihrem Ehemann, Jos Mosmuller – der ebenfalls wie sie Mediziner ist –, und rein für ihre Schriftstellerei veranlasst zu sein scheint, wird sie wie folgt umschrieben: „Durch intensives meditatives Studium von u. a. Die Philosophie der Freiheit von Rudolf Steiner kam eine vollkommen selbstständige innerliche Entwicklung in Gang. Von 1984 bis 1998 waren beide Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und zugleich der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Mit dem selbstständigen Erleben des Geistes, ausgehend vom reinen Denken, geriet Mieke Mosmuller in Opposition zur herrschenden anthroposophischen Lebens- und Meditationspraxis, zu deren Vertretern. Konflikte gab es zwar nicht, aber sie konnte ihre Arbeit nicht in die bestehenden Strukturen hineinführen. Äußerlich führte dies 1994 zur Niederschrift eines philosophisch-spirituellen Zeugnisses des realen Erlebens des Geistes: Suche das Licht, das im Abendland aufgeht, das durch Jos Mosmuller publiziert wurde (Occident Verlag). […] 2008 äußert Mieke Mosmuller ihre in vielen Jahren gewonnenen Einsichten in Bezug auf das wahre Wesen der Anthroposophie zum ersten Mal in aller Klarheit. Ihre Biografie mag deutlich machen, dass diese neuen Bücher einerseits die Bedeutung einer Rechtfertigung der wahren Anthroposophie und ihres Begründers, des Meisters des Abendlandes, haben, dass sie andererseits nichts anders sein können als eine Anklage gegen die heutige Form und die Vertreter der Anthroposophie.“

In diesem biographischen Umriss wird es klar, dass Mieke Mosmuller Rudolf Steiner als der Meister des Abendlandes ansieht. Für sie ist sein Wort von seinem Gedanken nicht getrennt, er war eins damit. Demgemäß lebte er sich in seinen Worten dar, und in sich lebte er die geistige Welt dar. In den Worten des Verlags erfolgt daraus, dass, wenn jemand eine Steiner-Zeile liest, „so hat man ihn selbst, zusammen mit dem gelesenen Inhalt, aufgenommen.“ [weiter]

Abgelegt in Chronik

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2008/09/23

Rudolf Steiner jr.

Christopher Rudolf Steiner heißt ein junger Mann aus Gladbeck, der seit August 2008 den Blog Anthroposophie in der Gegenwart betreibt. Er ist ein Urenkel Gustav Steiners, der Bruder war von Rudolf Steiner. In seinem Profil schreibt er über sich: „Mit einiger Berechtigung darf ich mich, wenn auch augenzwinkernd, Rudolf Steiner jr. nennen. Es ist naheliegend dass ich mich mit dem Werk meines Urgroßonkels auseinandersetze. Meine Gedanken oder bisweilen auch Forschungsergebnisse möchte ich auf diese moderne, wenn auch ahrimanische, Art und Weise mit meinen Mitmenschen, ob sie es wollen oder nicht, teilen.“

In seinem Blog vom 19. August schreibt er z. B. über die Rassismusvorwürfe gegen Steiner: „Wenn Vorwürfe kommen, und Rassismusvorwürfe sollte man immer ernst nehmen, sollte man den Sachverhalt genau prüfen. Leider passiert das zu selten.“ Christopher Rudolf Steiner zeigt, dass der Begriff Rassismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand in der kritischen Auseinandersetzung mit auf Rassentheorien basierenden politischen Konzepten. Und er weist auf Prof. Dr. Ulrich Kattmann, der in Wikipedia zitiert wird: „In anthropologischen Theorien über den Zusammenhang von Kultur und rassischer Beschaffenheit wurde der biologische Begriff der ‚Rasse’ mit dem ethnisch-soziologischen Begriff ‚Volk’ vermengt. Ein Zusammenhang phänotypischer Merkmale mit charakterlichen oder intellektuellen Eigenschaften besitzt jedoch keine wissenschaftliche Grundlage."
 
Steiner jr. zeigt auf, dass man zu Steiners Ausführungen in
Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhang mit dergermanisch-nordischen Mythologie von 1910 (GA 121) – wo die meisten Aussagen Steiners zu diesem heutzutage heiklen Thema zu finden sind - sagen kann: „dass er kompletten Blödsinn redet, aber bestimmt keine rassistische Wertung mit dem Eingangszitat vornimmt, auch wenn er sich, für sich genommen und isoliert, scheinbar so anhört. Man muss halt auch den Zusammenhang nennen.“

Und er zitiert seinem Urgroßenkel aus einem Vortrag vor exakt 100 Jahren mit dem Buchtitel
Welt, Erde und Mensch, deren Wesen und Entwickelung sowie ihre Spiegelung in dem Zusammenhang zwischen ägyptischem Mythos und gegenwärtiger Kultur (GA 105, S. 183f.) dazu: "In unserer Zeit wird der Rassenbegriff […] verschwinden, da wird aller von früher her gebliebene Unterschied nach und nach verwischt… Wir können noch von Rassen sprechen, aber nur in einem solchen Sinne, dass der eigentliche Rassenbegriff seine Bedeutung verliert." 

Ich werde die weiteren Veröffentlichungen von Christopher Rudolf Steiner auf seinem nicht gerade modisch auffälligen Blog - was das Design betrifft - mit großem Interesse verfolgen, da seine feinsinnigen Argumente und sein freilassender Stil die Erwartung eines ‚aufdatierten Anthroposophen’
entstehen lassen.

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2008/09/18

Freie Religiosität

Hei, liebe Leser und Freunde!

Ich bin aus Italien guter Dinge zurück. Wenn ich einige notwendige Gangs für den schon eingetretenen kalten Herbst und einpaar andere Pflichten erledigt habe, werde ich wieder einzelne neue Texte hier bringen. Mittlerweile könnt ihr die Worte unten von Steiner lesen und gegebenenfalls meditieren. Das Zitat ist nach der Webseite http://www.forumkultus.de/ wiedergegeben; in den Diskussionen um die Christengemeinschaft im EgoBlog brachte „barbara“ diesen Hinweis.

Alle freie Religiosität, 
die sich in der Zukunft 
innerhalb der Menschheit entwickeln wird, 
wird darauf beruhen, 
dass in jedem Menschen das Ebenbild der Gottheit 
wirklich in unmittelbarer Lebenspraxis, 
nicht bloß in der Theorie, anerkannt werde. 
Dann wird es keinen Religionszwang geben können, 
dann wird es keinen Religionszwang zu geben brauchen, 
denn dann wird die Begegnung 
jedes Menschen mit jedem Menschen 
von vornherein eine religiöse Handlung, 
ein Sakrament sein, 
und niemand wird eine besondere Kirche, 
die äußere Einrichtungen 
auf dem physischen Plan hat, nötig haben, 
das religiöse Leben aufrechtzuerhalten. 
Die Kirche kann, wenn sie sich richtig versteht, 
nur die eine Absicht haben, 
sich unnötig zu machen auf dem physischen Plane, 
indem das ganze Leben zum Ausdruck 
des Übersinnlichen gemacht wird.

Rudolf Steiner

Das Foto zeigt ein Ausschnitt einer Deckenmalerei in der Größe von etwa 20 M² von mir aus dem Jahr 1996 in der sozialtherapeutischen Einrichtung Mariagården in Umeå, Schweden. Zu der gerade angefangenen und viel umfangreicheren Deckenmalerei (etwa 100 M²) und der frühzeitig abgeschlossenen Lasurmalerei innen und außen im Kulturhaus Casa per Michele in Codroipo, Italien, werde ich dereinst zurückkommen.

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2008/08/15

Sich demaskieren

Es gibt äußere und innere Schwellenübertritte, die wir meist nicht bemerken. Mit jedem Einschlafen und Aufwachen vollzieht sich ein Übergang zwischen Bewusstseinszuständen. Jeder, der gesund ist, macht diese Wechsel, ohne zu „stolpern“. Nun kann bei psychischer Krankheit ein permanentes „Stolpern“ entstehen oder man kann als Geistesschüler temporär in seelische Zustände geraten, die einen derart packen, dass man Beistand braucht, um wieder in Balance zu kommen. Es ist menschlich, Fehltritte zu machen, aber auch anderen dann die Hand zu reichen. Es braucht uns daher nicht zu entmutigen, dass der innere Pfad viele Stadien kennt, die dem Nichtbetroffenen große Ängste bereiten... [weiter]

Abgelegt in: Goetheanum-Aufsatz

Mit dem Hinweis zu diesem früher publizierten Aufsatz, verabschiede ich mich hier für 10 Tage, weil ich eine Reise nach Skandinavien mache, und in diesem Zeitraum kaum die Möglichkeit bekomme, etwas in dieser Hinsicht zu pflegen. Die allgemeine Schwellensituation nehme ich aber mit, da die geistige Welt genauso real dort ist wie hier. 

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